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Roger Willemsen bereitet sich 2004 für seinen Auftritt im «Literaturclub» von SRF vor.
Roger Willemsen bereitet sich 2004 für seinen Auftritt im «Literaturclub» von SRF vor.Bild: KEYSTONE

Roger Willemsen hat Krebs. Ein TV-Magazin macht sich auf Facebook darüber lustig. Und zeigt, wie asozial die sozialen Medien sein können

19.08.2015, 13:3920.08.2015, 14:32

Am letzten Samstag feierte der deutsche Autor und TV-Moderator Roger Willemsen seinen Sechzigsten. Vergnügt und vermeintlich bei bester Gesundheit. Am Montag liess er ausrichten, dass er an Krebs erkrankt sei und alle Auftritte absagen müsse. Das ist grundsätzlich eine traurige Nachricht. Nicht, weil Roger Willemsen, der fürs Schweizer Fernsehen zwei Jahre lang den «Literaturclub» moderierte, berühmt ist, sondern weil Krebs immer entsetzlich ist. Die deutsche Presse hat denn auch entsprechend umsichtig und mitfühlend auf die Nachricht reagiert.

Nur eine Publikation nicht. Die zweiwöchentlich erscheinende TV-Programmzeitschrift «TV Movie» mit einer Reichweite von über 6 Millionen Lesern (sie wird auch in der Schweiz vertrieben) nutzte die Gelegenheit und montierte den kranken Moderator flugs an ihren viralen Angelhaken. Machte ihn zu Clickbait. Auf Facebook und nach einem bewährten Muster: Man mische vier prominente Gesichter – in diesem Fall Stefan Raab, Günther Jauch, Roger Willemsen und Joko Winterscheidt und schreibe einen hochemotionalen Suggestiv-Unsinn dazu: «Einer dieser vier TV-Moderatoren muss sich wegen Krebserkrankung zurückziehen.»

Das war gegen 18 Uhr. Um 20.57 Uhr meldete sich Winterscheidts Kollege Klaas Heufer-Umlauf via Twitter: 

Eine Stunde später entfernte «TV Movie» den Facebook-Post (und alle kritischen Kommentare) und entschuldigte sich:

Nützt nichts. Denn die digitalen Dreckeleien von «TV Movie» gehen viel weiter zurück, wie der medienkritische bildblog.de aufgedeckt hat: Da wird Stars – in der bewährten Vierergruppe – alles zwischen Krankheit, Kinderpornographie und misshandelten Freundinnen untergeschoben. Mal bezieht sich dies auf den Inhalt einer Serie oder eines Films, mal auf das Privatleben der Stars, erlaubt ist restlos alles. Und Tote werden riesengross und namenlos angeteasert. 

Normalerweise handelt es sich dabei allerdings nicht um Promis aus nächster Nähe. Eine Geschmacklosigkeit in einer Fremdsprache kratzt einen Amerikaner nicht. Für Roger Willemsen – der sich bis jetzt noch nicht dazu geäussert hat – muss es sehr verletzend sein.

Denn auch wenn die Sache mit dem Clickbaiting – mit den mehr oder weniger geschickt ausgeworfenen Schlagwörtern, mit den Zuspitzungen und Skandalisierungen – zum Alltagsgeschäft aller Online-Schaffenden gehört: Es gibt auch da Grenzen, Themen, die eine grössere Sensibilität verlangen. Tod, Krankheit, Verbrechen gegen Leib und Leben gehören unbedingt dazu. Da gibt es nur richtig und falsch. Respekt oder dessen Absenz. Sozial oder asozial.

Da gibt es nichts zu diskutieren.

Oder doch? Dafür habt ihr ja unsere Kommentarspalte.

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