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Interview

«Wenn nicht bald Hilfe kommt, wird Mariupol ein grosses Grab werden»

Bild: keystone
Bis vor wenigen Tagen half Galyna Balabanowa in Mariupol beim Verteilen von Hilfsgütern. Dann musste sie fliehen. Ein Gespräch über Not und Zusammenhalt in der Stadt.
25.03.2022, 12:39
Christian Bangel / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Galyna Balabanowa, 33, ist in Mariupol geboren und aufgewachsen. Sie arbeitete für die NGO Halabuda hub, die sich für Jugendbeteiligung und Unternehmerberatung, Kunst und IT engagierte. Als der russische Angriffskrieg begann, organisierte sie die Verteilung von Hilfsgütern in der Stadt mit. In Mariupol sind noch immer mehrere hunderttausend Menschen eingeschlossen, zum grossen Teil sind sie von Wasser, Elektrizität, Ernährung und medizinischer Versorgung abgeschnitten. Vor wenigen Tagen musste Balabanowa fliehen, weil die Gefechte ihre Arbeit unmöglich machten. In der westukrainischen Stadt Lwiw hat sie Zuflucht gefunden. Wir sprechen mit ihr via Zoom.

Frau Balabanowa, Sie sind vor einigen Tagen aus dem umstellten Mariupol geflohen. Wie genau sind Sie entkommen?
Galyna Balabanowa:
Mit dem Auto. Wir waren zu sechst in einem kleinen VW Golf, plus zwei Hunde. Es war der 16. März, also der zweite Tag, an dem es diesen angeblichen russischen Korridor geben sollte. Davon haben wir aber nichts gesehen. Stattdessen haben wir uns in die Schlange der Autos Richtung Westen gestellt. Ein 20 Kilometer langer Stau, an dem auch Leute vorbeiliefen, die zu Fuss aus der Stadt flohen. Acht Stunden fahren, stehen, fahren, stehen, weil die Russen jedes einzelne Auto durchsuchten. Hinter uns wurde Mariupol bombardiert, wir sahen die Einschläge und die Explosionen, wir sahen auch Gefechte. Es war wirklich schlimm anzusehen. In der Nacht wurde dann auch der Stau selbst bombardiert, es gab fünf Tote und einige Verletzte. Wir entschieden uns daraufhin, eine andere Route zu nehmen.

Was genau haben Sie und ihre Organisation in Mariupol gemacht?
Wir verteilten Hilfsgüter in der Stadt – Nahrung, Wasser, Benzin, Medikamente und Waschsets. Anfangs sammelten wir vor allem bei der Bevölkerung für die Armee, dann aber auch für die vielen anderen Bedürftigen. Drei Wochen lang, während die Stadt bombardiert wurde. Aber als die Gefechte bei uns waren, als russische Panzer direkt vor uns standen, haben wir gewusst, dass wir gehen müssen.

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Ist ihnen das schwergefallen?
Ich bin in Mariupol geboren, ich habe meine Familie zurückgelassen, Kollegen und Freunde, meine Katze. Aber es geht dabei nicht nur um mich. Ich bin eine freiwillige Helferin und damit stehe ich auf diesen russischen Listen. Ich sollte keine Gefangene in Russland oder der Volksrepublik Donezk sein. Meine Aufgabe war es, Mariupol zu verlassen und jetzt davon zu berichten, was geschehen ist.

Ein Mann in den Strassen von Mariupol, aufgenommen am 10. März 2022.
Ein Mann in den Strassen von Mariupol, aufgenommen am 10. März 2022. Bild: keystone

Wie gross war die Gefahr, auf der Flucht enttarnt zu werden?
Wir mussten insgesamt an 23 russischen Checkpoints vorbei. Wir haben vorher alles von unseren Telefonen gelöscht, was verdächtig sein könnte. Apps, Fotos, Tabellen. Ein Vorteil war, dass es in und um Mariupol bis vor Kurzem fast kein Netz gab. Die russische Armee hatte keine Koordination und an den Checkpoints gab es keine webbasierten Listen der Leute, die sie suchten. Einen Tag nach unserer Flucht war die Mobilverbindung wieder hergestellt. Die Soldaten wollten alles sehen. Was habt ihr dabei? Wer sind diese Leute? Woher kennt ihr euch? Sie wollten Beweise dafür, dass die Männer im Auto meine Freunde sind. Sie untersuchten uns auf Schmauchspuren oder anderen Hinweisen dafür, dass wir Waffen benutzt hatten. Sie suchten Tattoos, die uns als Teil des Asow-Regiments verraten hätten. Sie wollten meinen Facebook-Account sehen, meine Kontaktliste, und sogar das Hundefutter.

«Hier in Lwiw ist drei- oder viermal am Tag Luftalarm, aber in Mariupol hörte das einfach nicht mehr auf.»

Wie traten die russischen Soldaten Ihnen gegenüber auf?
Es gab zwei Sorten Soldaten. An den Checkpoints in den kleineren Dörfern waren es oft Leute aus der sogenannten Volksrepublik Donezk. Die wirkten eher ängstlich und teils auch uninformiert. Einer fragte uns, ob das Dorf, aus dem wir gerade kamen, schon russisch besetzt oder noch ukrainisch sei. Mein Eindruck ist, dass es nicht viel Abstimmung gibt zwischen der russischen Armee und den Freiwilligen. Anders war es an den russischen Checkpoints. Die waren viel selbstbewusster. Einer sagte: Dort drüben ist die Ukraine, seid ihr sicher, dass ihr da hinwollt? Sie behaupteten, dass die ukrainische Armee Mariupol in Schutt und Asche legte und fragten mich, warum ich als Ukrainerin das nicht stoppen würde. Ich weiss einfach nicht, was in deren Köpfen vorgeht.

In Mariupol gibt es kein Wasser, keinen Strom, kaum Medikamente und Nahrung und es gab lange auch keine Internetverbindung. Können Sie uns die Situation beschreiben, wie Sie sie erlebt haben?
Es ist, als würde meine Heimatstadt nicht mehr existieren. Hier in Lwiw ist drei- oder viermal am Tag Luftalarm, aber in Mariupol hörte das einfach nicht mehr auf. Es gibt kein Gebäude mehr, das keine Spuren der Bombardierung trägt. Wir wurden täglich aus der Luft und von Land beschossen, und später auch noch vom Meer aus. Viele Menschen haben keine Schutzräume vor den Bomben oder müssen in viel zu kleinen Bunkern bleiben – Bunkern, die für 300 bis 400 Menschen ausgelegt sind, jetzt aber 2'000 Menschen beherbergen. Es gibt fast keine humanitären Missionen mehr und keine Stadtverwaltung, die obdachlos gewordenen Menschen helfen kann. Polizeistrukturen gibt es auch nicht mehr, nur vereinzelt zwei oder drei Beamte, die freiwillig in einem Bezirk bleiben. Die Armee hilft, wo sie kann. Sie haben Essen und Wasser aus ihren eigenen knappen Beständen abgegeben für Kinder und andere Bedürftige.

Wie muss man sich die Angriffe vorstellen? Sehen Sie die Bomber am Himmel kommen?
Ja, wir sahen ihre Flugzeuge, ihre Artillerie und ihre Helikopter. Die Helikopter kamen meist zuerst, um Ziele auszuspähen und zu markieren. Und so etwa eine Stunde später kam der Beschuss. Nicht nur gegen die Infrastruktur und militärische oder militärisch genutzte Objekte, sondern auch gegen Schulen, Krankenhäuser, Brotfabriken oder Unterkünfte, in denen sich Hunderte Menschen aufhalten. Das ist nicht nur Krieg, das sind keine Zufallstreffer. Das ist Terrorismus.

Wie ist die Atmosphäre in der Stadt?
In manchen Vierteln hat der Beschuss aufgehört, auch weil es dort kaum noch etwas zu beschiessen gibt. Dort empfinden Menschen so etwas wie Hoffnung. In anderen Stadtteilen dagegen geht es weiter wie vorher: Panzer, Strassenkämpfe, die Gefahr vom Himmel. Aber selbst, wenn Russland den Beschuss jetzt plötzlich komplett einstellen sollte, wäre die humanitäre Situation noch immer dramatisch, denn es gibt aufgrund der geografischen Gegebenheiten kaum Grundwasser. Wir müssen jetzt also in zwei Richtungen denken: Wie können wir möglichst viele Leute aus der Stadt evakuieren und wie können wir umgekehrt die Stadt erreichen, um die zu versorgen, die dort bleiben?

Gibt es Menschen, die in der Stadt bleiben wollen?
Die meisten Zivilisten wollen nur raus. Es gibt ältere Leute, die es akzeptieren, in einem Mariupol zu leben, das zu Russland oder zur sogenannten Volksrepublik Donezk gehört, aber die meisten anderen wollen weg. Das Militär und die Freiwilligen bleiben natürlich.

Helfen die Menschen einander? Oder kämpfen sie eher gegeneinander ums Überleben?
Ich kann da vor allem über meine Nachbarn und meinen Bekanntenkreis sprechen. Da gibt es viele Beispiele für sehr inspirierendes Verhalten. Manche haben angefangen, Regenwasser für andere zu sammeln und zu kochen. Andere gehen in die Wohnblocks, um zu schauen, ob es jemand nicht in die Schutzbunker geschafft hat oder Nahrung und Wasser benötigt. Und es kamen viele zu uns, die uns ihre Ersparnisse gegeben haben, um anderen zu helfen. Aber natürlich gibt es auch Beispiele für nicht intelligentes Verhalten.

Wie sieht das aus? Diebstähle, Übergriffe, Plünderungen?
Ja, all das geschieht.

Was ist stärker?
Ich glaube, die meisten Menschen in Mariupol sind Helden. Sie können ohne Geld überleben und mit sehr wenig Nahrung. Sie können nicht länger als für die nächsten 15 oder 20 Minuten planen, aber sie helfen trotzdem der Grossmutter oder ihren Nachbarn. Manche sind geflohen und anschliessend wieder zurückgekehrt, um anderen bei der Flucht zu helfen. Ich vertraue auf diese Liebe und glaube, diese Menschen werden überleben. Sie brauchen nur ein wenig Hilfe von aussen.

Wie lange können die Menschen die Situation ohne Wasser noch überleben?
Es gibt keinen Schnee mehr, den man tauen könnte, und auch kein Regenwasser. Wenn jetzt nicht binnen maximal einer Woche humanitäre Hilfe in die Stadt kommt, dann wird Mariupol ein grosses Grab werden.

Gibt es für die Bürger die Möglichkeit, sich in die russisch besetzten Gebiete zu begeben?
Ich habe gehört, dass das in Berdjansk (80 Kilometer entfernt, Anm.d.Red.) möglich gewesen sein soll. Als ich in Mariupol war, gab es diese Option nicht. Ich kannte nur den einen Ausweg aus der Stadt und der war, wie wir selbst erlebt haben, nicht sicher.

Blick auf Mariupol, aufgenommen am 24. Februar 2022.
Blick auf Mariupol, aufgenommen am 24. Februar 2022.Bild: keystone

Mariupol hat auch eine sehr grosse russischsprachige Bevölkerung. Gibt es in der Stadt Menschen, die der russischen Propaganda noch Glauben schenken?
Ja, die gibt es. Vor allem ältere Leute, aber selbst die können ja mit ihren eigenen Augen sehen, dass es russische Soldaten sind, die ihr Haus zerstören.

Haben Sie noch Kontakt nach Russland?
Ja. Ich bin selbst russischsprachig, viele von uns haben familiäre Verbindungen nach Russland. Aber viele haben auch den Kontakt abgebrochen, weil die meisten Russen immer noch nicht verstehen, was los ist. Intelligente Leute glauben, dass wir vor dem russischen Angriff in Ruinen lebten und von einer Junta regiert wurden. Die wollen uns retten. Aber wir wollen nicht von denen gerettet werden.

Sehen die Menschen in Russland nicht, dass etwas nicht stimmen kann, wenn der Vormarsch so lange dauert?
Nein. Ich weiss nicht genau, wie das psychologisch funktioniert, aber es funktioniert. Natürlich gibt es Leute, die keinen Zugang zu vernünftigen Informationen haben und deswegen leicht zu manipulieren sind. Aber viele Russen belügen sich auch selbst, um ihr Weltbild nicht ändern zu müssen. Es ist für mich das Niederschmetterndste, dass das nicht nur Politiker und Profiteure des Systems tun, sondern auch die ganz normalen Leute.

Jetzt auf

Was würden Sie sich von den Menschen wünschen, die dieses Interview lesen werden?
Ich weiss nicht, wie es in anderen Ländern läuft, aber in der Ukraine ist es der Maidan, auf dem man grosse Dinge tut, und Politiker dazu bringt, das Richtige zu tun. Es müsste auch im Westen eine Graswurzelbewegung geben, die die Regierungen unter Druck setzt, zu handeln. So etwas wie einen Maidan für die Ukraine. Wir brauchen Hilfe, und zwar nicht in einem Monat oder in einer Woche, sondern jetzt.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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68 Kommentare
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Rivka
25.03.2022 13:23registriert April 2021
Eine Stadt mit 400'000 Einwohner in Schutt und Asche zu legen, ist einfach nur grausam. Ich bin fassungslos über diesen Hass der Russen über die Ukrainer. Und ich frage mich was sie sich denn vorgestellt haben nachdem sie Mariupol vernichtet haben? Was werden sie tun, Russen aus ihrem verkackten Land bringen und sie zwingen in einer Ruinenstadt zu leben? Ich drehe es wie ich will und mir fällt keine logische Erklärung für dieses sinnlose Zerstören ein.
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*Butterfly*
25.03.2022 13:38registriert Februar 2022
"...sonst wird Mariupol ein grosses Grab werden"....
Einfach nur schlimm und grässlich dieser Krieg mit diesem unvorstellbaren Leid.

Ich kann hier gar nicht schreiben, was ich diesen Kriegsverbrechern alles an den Hals wünsche....!
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banda69
25.03.2022 13:06registriert Januar 2020
Was für ein bewegender Bericht. Was für ein Elend. Und wir schauen zu. Live. Fühle mich elend und hilflos. Und auch wütend. Wütend auf die russischen Regierung und deren Gefolgsschaft und all die Soldaten, die Menschen töten und Existenzen zerstören und endlos viel Elend und Leid bringen. Und ich bin angeekelt von Leuten in der Schweiz, die Putin glauben und ihn verteidigen.
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