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Interview

Taiwan: «Die Manöver dienen der Befriedigung nationalistischer Stimmungen»

China bedroht Taiwan nach dem Pelosi-Besuch mit grossen Militärübungen. Wie werden die in der Inselrepublik wahrgenommen? Fragen an den Taiwan-Experten Wen-Ti Sung
08.08.2022, 06:3712.09.2022, 12:49
Steffen Richter / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Schweres Geschütz: China hat für die Manöver um die Insel Taiwan bereits mehr als 100 Kampfflugzeuge und zehn Kriegsschiffe aufgeboten. Die Führung in Peking meint, damit auf den Besuch der US-amerikanischen Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi in der demokratischen Inselrepublik reagieren zu müssen. Chinas Regierung behauptet, das faktisch unabhängige Taiwan gehöre zur Volksrepublik China.

China setzt Manöver um Taiwan überraschend fort
Ungeachtet seiner anfänglichen Ankündigung, dass die chinesischen Manöver um Taiwan am Sonntag eigentlich enden sollten, hat die Volksbefreiungsarmee die Übungen am Montag fortgesetzt. Wie Chinas Staatsfernsehen berichtete, hätten sich die Kampfübungen in der Luft und See der Meerenge der Taiwanstrasse auf «gemeinsame Einsätze gegen Unterseeboote und zum Angriff auf See konzentriert».

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(sda/dpa)

Wie schätzt man in Taiwan die Bedrohungsszenarien ein? Wie werden sie wahrgenommen? Fragen an Wen-Ti Sung, einen Experten für das Beziehungsgeflecht zwischen China, den USA und Taiwan. Sung ist Politikwissenschaftler und Fellow bei der National Taiwan University in Taipeh. Er lebt in Taipeh und in Canberra, wo er für das Taiwan-Programm der Australian National University arbeitet.

China lässt eine Rakete steigen – Aufnahme vom 4. August 2022.
China lässt eine Rakete steigen – Aufnahme vom 4. August 2022.Bild: keystone

Herr Sung, nach dem Besuch von US-Kongresssprecherin Nancy Pelosi in Taiwan hat China grosse Militärmanöver rund um die Insel begonnen. Welches militärische Ziel verfolgt die Volksarmee mit diesen Übungen?
Wen-Ti Sung:
Militärisch macht China damit Aufklärungsarbeit. Also konkret: Mit den Manövern will die Volksarmee die Wirksamkeit der nachrichtendienstlichen Aufklärung Taiwans und die sich daraus ergebenden Reaktionszeiten testen. Wenn in Peking über das Szenario einer gewaltsamen Vereinigung Taiwans mit dem Festland nachgedacht wird, ist ein Überraschungsangriff die Hauptoption für China. Es ist daher hilfreich, ein besseres Gefühl dafür zu haben, wie viel Vorlaufzeit man für einen Überraschungsangriff hat.

Und was sind Chinas politische Ziele mit diesen Übungen?
Die politischen Ziele sind zweierlei. Innenpolitisch dienen sie der Befriedigung nationalistischer Stimmungen. Vor allem, nachdem es doch ein kleiner Gesichtsverlust war, dass es China nicht gelungen ist, Pelosi so weit abzuschrecken, dass sie vom Besuch absieht. Aussenpolitisch sollen die Manöver der internationalen Wirkung des Pelosi-Besuchs auf das Ansehen Taiwans entgegenarbeiten. Die chinesische Darstellung argumentiert, dass Pelosis Status dem Anspruch Taiwans, ein souveräner staatlicher Akteur zu sein, einen Hauch von Legitimität verleihe. Mit der Ankündigung von Militärübungen in Gewässern, die Taiwan als seine Hoheitsgewässer bezeichnet, zeigt China, dass es nicht glaubt, dass Taiwan Ansprüche haben kann, und dass es sich in Wirklichkeit um chinesische Hoheitsgewässer handle, in denen China tun könne, was immer es für richtig halte.

Wie kann Taiwans Militär auf die Militärübungen reagieren?
Taiwans Militär wird Warnungen und eindeutige Erklärungen abgeben, um Chinas Narrativ hinsichtlich der Souveränität Taiwans – einschliesslich der Hoheitsgewässer und des Luftraums – zu widerlegen. Taiwan wird möglicherweise Leuchtraketen und Warnschüsse einsetzen, aber im Grossen und Ganzen wird es von einer militärischen Reaktion absehen, da dies die Spannungen verschärft und es für China schwieriger macht, sein Gesicht wiederzugewinnen. Wenn China seine militärischen Übungen nach ein paar Tagen beendet, ist das Chinas Entscheidung. Falls China seine Militärübungen nach einer taiwanesischen Machtdemonstration beendet, könnte dies als Rückzieher gegenüber Taiwan gewertet werden und würde das Gegenteil von dem bewirken, was China mit den Übungen eigentlich bezweckt hat.

Wie nimmt die taiwanesische Bevölkerung die Bedrohungen durch China wahr?
Die Menschen in Taiwan sind dieser Bedrohungen zwar leicht überdrüssig. Sie glauben aber nicht ernsthaft, dass es in nächster Zeit zu einem Krieg kommen wird. Sie haben das Gefühl, dass sie diesen Film schon einmal gesehen haben.

Jetzt auf

Was ist der Unterschied zu den letzten grossen chinesischen Militärübungen zur Einschüchterung Taiwans in den Jahren 1995 und 1996?
Diesmal kann China behaupten, was es auch tut, dass es «reaktiv» handele. Dass es also auf sogenannte Provokationen aus dem Ausland – Pelosi und die USA – reagiere. Damals, 1995/1996, hat niemand, und schon gar nicht ein Ausländer, die Manöver getriggert. China hat die Manöver selbst initiiert – man war verärgert über die ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen in Taiwan.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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Nancy Pelosi landet in Taiwan

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9 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tokyo
08.08.2022 06:49registriert Juni 2021
Diktatoren und ihre kleine fragile Männlichkeit brauchen offenbar Militär um dies zu kompensieren
418
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mrmikech
08.08.2022 07:38registriert Juni 2016
Seitens China viel little dick energy, Taiwan dafür zeigt das es eier hat.
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9
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