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Interview

Seenotrettung-Kapitän Reisch hat genug: «Vieles ist mir zu linksradikal»

Politische Agitation und radikale Aussagen bringen die Seenotrettung nicht weiter, sagt Kapitän Claus-Peter Reisch. Er fährt nicht mehr für Mission Lifeline aufs Meer.
11.01.2020, 09:57
Simone Gaul / Zeit Online
Claus-Peter Reisch
Claus-Peter Reisch
Bild: EPA
Ein Artikel von
Zeit Online

Er sagt über sich selbst: «Ich bin ein konservativer Bayer.» Der frühere Unternehmer Claus-Peter Reisch (58) fährt seit 2017 Seenotrettungsmissionen auf dem Mittelmeer. Im Juni 2018 leitete er eine Mission der «Lifeline», die anschliessend auf Malta beschlagnahmt wurde, Reisch wurde wegen falscher Beflaggung verurteilt, gewann aber den Berufungsprozess. Im September 2019 steuerte er mit dem zweiten Schiff der NGO Mission Lifeline, der «Eleonore», Sizilien an, seitdem ermittelt die italienische Staatsanwaltschaft gegen ihn.

Jetzt will er eine Pause machen. Mit der Seenotrettung abgeschlossen habe er nicht, sagt Reisch, aber für Mission Lifeline will er nicht mehr fahren. Es gebe zu viele Differenzen.

Sie haben Ihren Berufungsprozess gewonnen, die Hilfsorganisation Mission Lifeline, für die Sie als Kapitän unterwegs waren, hat ein neues Schiff gekauft, die Rise Above. Aber Sie wollen nicht mehr an Bord. Warum?
Claus-Peter Reisch: Das hat mehrere Gründe. Zum einen habe ich auch noch einen Bussgeldbescheid aus Italien auf dem Tisch, über 300'000 Euro. Ich habe zwar Widerspruch eingelegt, aber ich weiss nicht, wie es ausgeht, und muss jetzt Geld einsammeln. Ausserdem wird in Italien gegen meinen ersten Offizier und mich wegen Beihilfe zur unerlaubten Einreise ermittelt, da könnte auch noch ein Verfahren kommen. Ich muss also schauen, dass ich Geld reinbekomme.

Ich würde auf jeden Fall wieder eine Seenotrettungsmission fahren, aber momentan möchte ich diese juristischen Baustellen erst mal abschliessen und lasse lieber anderen den Vortritt. Wenn ich allerdings akut einen Schlüssel für ein Schiff in die Hand bekäme, würde ich vermutlich doch schwach werden und fahren.

Aber nicht für Mission Lifeline?
Genau, nicht für Lifeline. Es gibt Differenzen zwischen uns, ich will nicht über alles sprechen, aber vor allem gefällt mir deren politische Agitation nicht. Ich kann mich nicht mit Aussagen gemeinmachen, wie etwa, der österreichische Kanzler Sebastian Kurz sei ein Baby-Hitler. Da bin ich nicht dabei. Und auch gewisse andere politische Aussagen, die da gemacht werden, sind nicht mein Ding. Vieles ist mir zu linksradikal.

Claus-Peter Reisch vor Gericht.
Claus-Peter Reisch vor Gericht.
Bild: AP/AP

Ich komme aus der bürgerlichen Mitte. Ich habe mit nichts angefangen, eine Firma aufgebaut, die ist super gelaufen. Ich habe sie Ende 2008 verkauft und kann heute von dem, was ich mir erarbeitet habe, einigermassen gut leben. Das ist eine andere Welt. Mir geht es um Seenotrettung, nicht um politische Agitation. Auch wenn Seenotrettung auf dem Mittelmeer inzwischen eine politische Komponente hat. Leider. Das habe ich lernen müssen. Aber wenn wir schon Politik machen müssen, dann sollten wir doch einen anderen Ton anschlagen.

Sie sind jetzt fast zwei Jahre für Lifeline unterwegs, sind zwei Missionen gefahren, standen für die NGO in der Öffentlichkeit, haben Spenden gesammelt. Wieso erst jetzt diese Entscheidung?
Dass sich was ändern muss, habe ich schon lange gesagt, aber wir sind da nicht näher zusammengekommen. Und eigentlich wollte ich schon im Sommer die Mission auf dem zweiten Schiff, der Eleonore, nicht mehr fahren. Das habe ich nur gemacht, weil der Kapitän kurzfristig abgesprungen war. Und dann galt: Entweder das Schiff fährt mit mir, oder es fährt gar nicht. Hopp oder top. Also habe ich gesagt, ich mache es technisch fertig und fahre. Rückblickend kann ich sagen, es war gut, dass wir los sind. Die 104 Menschen, die wir gerettet haben, wären sonst ertrunken. Ausserdem bin ich auch den Spendern in gewisser Hinsicht verpflichtet. Wenn ich Geld einsammle für ein neues Schiff und dann fährt dieses Schiff am Ende nicht, verliere ich doch meine Glaubwürdigkeit.

Warum ist der andere Kapitän in Barcelona abgesprungen?
Das sind Interna, über die ich nicht sprechen möchte. Einige Dinge waren etwas problematisch. Ich wollte es ja eigentlich auch nicht machen, ich wollte nur die Schiffspapiere nach Barcelona bringen und schnell wieder nach Hause. Aber dass das Schiff überhaupt ausläuft, war mir in dem Moment dann wichtiger als alles Chaos drumherum.

Claus-Peter Reischs Schiff
Claus-Peter Reischs Schiff
Bild: AP/AP

Einige, die mit Ihnen an Bord waren, haben gesagt, Sie seien manchmal etwas harsch.
Interessanterweise ist es so, dass die, die Ahnung von Seefahrt haben, gern wieder mit mir fahren wollen. Es gibt nun mal Hierarchien auf einem Schiff und manche Leute kommen damit nicht klar. Auch aufgrund ihrer politischen Einstellung. Die wollen Entscheidungen, die gefällt werden, dann ausdiskutieren. Aber das funktioniert nicht, schon gar nicht bei Windstärke acht. Es gibt nur einen Einzigen, der letztendlich die Konsequenzen für alles trägt, und das ist der Kapitän, manchmal noch der Erste Offizier. Und so sage ich eben manchmal: Das ist jetzt so. Punkt. Kann schon sein, dass manche das harsch finden. Aber ich habe die Missionen alle gut zu Ende geführt, insgesamt sieben Fahrten. Wir haben viele Leute gerettet und es ist niemand zu Schaden gekommen. Das ist meine Aufgabe als Kapitän.

Angefangen haben Sie 2017 bei der NGO Sea-Eye, sind fünf Missionen gefahren. Warum sind Sie zu Mission Lifeline gewechselt?
Das hat sich so ergeben. Meine Mission war zu Ende und Lifeline hatte Anfang 2018 einen Kapitän gesucht, der das Schiff in die Winterwerft fährt. Das habe ich dann halt gemacht. Dann habe ich gesehen, dass ihnen das Geld fehlt, also habe ich angefangen, Geld einzusammeln. Und unter anderem Udo Lindenberg als Grossspender gewonnen. Dann bin ich im Juni eben auch die Mission der Lifeline gefahren, an deren Ende sie auf Malta festgesetzt wurde.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder für Sea-Eye zu fahren?
Klar, ich bin nach wie vor Vereinsmitglied bei Sea-Eye. Ich kann mir im Moment vorstellen, für jeden Verein zu fahren, der mich brauchen kann, ausser derzeit für Lifeline. Gerade laufen allerdings fast nur Berufsschiffe, dafür habe ich gar kein Patent, die dürfen nur Berufskapitäne steuern. Ich darf Schiffe fahren, die als Sportboot registriert sind. Da sich aber Bestimmungen geändert haben und auch die politische Lage, registrieren die NGOs die meisten Schiffe jetzt in Deutschland und dann als Berufsschiff. Aber ich könnte natürlich in der zweiten Reihe mithelfen.

Auch andere NGOs vertreten radikale Positionen.
Viele haben diese Positionen aber auch zurückgenommen. Sie bringen auch nichts. Wenn ich zu einem Horst Seehofer an den Kaffeetisch will – wo ich ja war – oder zu einem Markus Söder, dann geht es nicht, dass ich auf diese Leute unsäglich eindresche. So komme ich nicht ins Gespräch. Aber nur dort kann ich etwas bewegen. Ich habe gesagt, ich will mit Seehofer sprechen. Und ich habe es hinbekommen. Wir haben uns zwei Stunden unterhalten. Oder als ich Söder bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises begegnet bin, wo ich eine Laudatio halten durfte – das sind die Chancen, die man nutzen muss. Da haben tausend Leute geklatscht, als ich ihm meine Visitenkarte in die Hand gedrückt habe. Das halte ich für zielführender für die Sache, als mich hinzustellen und nur zu kritisieren, was Seehofer und Söder alles falsch machen.

Und beide haben ihre Haltungen geändert, Seehofer ist von seinem Antiseenotrettungskurs weg. Das lag sicher nicht allein an mir, aber vielleicht konnte ich ein kleines bisschen dazu beitragen. Von der Lifeline-Mission 2018 hat Deutschland keinen einzigen Geretteten aufgenommen. Seehofer wollte damals, dass meine Crew zur Rechenschaft gezogen wird. 2019 hat er dann zugesagt, 25 Prozent der geretteten Bootsflüchtlinge aufzunehmen – das hatte man vorher nie gehört! Von den Geretteten der Eleonore kamen tatsächlich 43 nach Deutschland. Und ich dachte: Wow, er hält sein Wort doch.

Bild: AP/AP

Sie sind also als konservativer, diplomatischer Bayer in die Welt der Seenotretter reingeraten. Ist das ein Konflikt?
Ja und nein. Es entsteht dann ein Konflikt, wenn es sich so entwickelt, wie es jetzt mit Lifeline passiert ist. Andererseits muss ich ja nicht mit jedem politisch einer Meinung sein. Wenn wir uns in der Sache einig sind, können wir die Zeit gewinnbringend nutzen.

Und Ihr privates Umfeld aus der Zeit vor der Seenotrettung? Sagen die Leute, der spinnt, der Claus-Peter?
Es gab Freunde, Langlauf-Bekannte aus Kaufbeuren, die mit mir nichts mehr zu tun haben wollen. Die fragten, warum fährst du da hin, was geht dich das an? Meine anderen Freunde stehen hinter mir. Und ich habe viele tolle neue Menschen kennengelernt.

Aber es war schon ein Einschnitt. Durch die Seenotrettung hat sich viel verändert. Viele sagen, was ich mache, sei Politik, aber das ist es nicht. Es ist Menschlichkeit. Politik hat mich lange null interessiert. Ich habe mir vor den Wahlen Wahlprogramme angeschaut und danach gewählt. Mal CSU, mal Grüne, mal FDP. Richtig mit Politik auseinandergesetzt habe ich mich erst mit der Seenotrettung. Gezwungenermassen.

Gibt es Dinge, die die Seenotrettungs-NGOs anders machen müssten?
Ich kann nicht in alle NGOs reinschauen. Sie leisten grundsätzlich hervorragende Arbeit. Sie haben einigen Zehntausend Menschen das Leben gerettet. Dass es gerade innerhalb der kleineren Freiwilligenorganisationen nicht immer rundläuft, ist klar. Das ist schwieriger als in einer Firma. Da ist ein Haufen Idealisten dabei, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Die Crews lernen sich oft erst an Bord richtig kennen. Auch finanzielle Probleme erschweren die Arbeit natürlich. Das alles über die Jahre am Laufen zu halten – da haben die NGOs Grossartiges geleistet, auch Lifeline.

Aber die Arbeit muss angesichts der politischen Verwicklungen professioneller werden. Zu Beginn war das einfacher, 2015, 2016, 2017. Alles, was vor Matteo Salvini war, der dafür gesorgt hat, dass die Schiffe in keinen Hafen mehr kommen, war einfacher. Jetzt muss jedes einzelne Schiff betteln, ausharren und verhandeln, das ist völlig unmenschlich. Und erfordert eine andere Vorgehensweise.

Welche?
Eine andere Logistik auf den Schiffen. Und ein Backoffice, das sich vom Land aus um die Dinge kümmert. Sie können das nicht alles vom Wasser aus regeln. Auf der Eleonore waren 104 Flüchtlinge auf 46 Quadratmetern, da hat jedes Legehuhn mehr Platz. Und dann nur neun Leute Crew, weil NGOs zu oft das Personal fehlt. Da kann ich nicht noch mit Rechtsanwälten telefonieren oder andere administrative Dinge erledigen. Ich muss schauen, dass es was zu essen gibt, dass keiner über Bord geht, ich muss das Schiff navigieren und irgendwann auch mal schlafen.

Inzwischen wird, wie auch gegen Sie selbst, gegen viele Seenotretter ermittelt. Lähmt das die Missionen?
Natürlich. Es kostet Zeit und Geld. Und hemmt ein Stück weit. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, die können gern ermitteln. Dieses Schlauchboot, auf das wir mit der Eleonore getroffen sind, war ganz klar in Seenot. Zwei von nur fünf Luftkammern waren bereits undicht, das Boot war am Sinken. Ich musste die Menschen retten. Eine Stunde später wären die alle tot gewesen. Wenn mir dann kein Hafen zugewiesen wird und ich tagelang ausharren muss, wird das Wetter halt mal schlecht. Was dann passiert, müsste jedem klar sein. Nach dem Gewitter mit Hagelschlag waren alle Menschen tropfnass. Ich als Kapitän bin verantwortlich für Leib und Leben dieser Menschen. Wenn ich weiter draussen rumfahre, die Leute an Unterkühlung sterben oder das Schiff untergeht, bin ich dran.

Natürlich sind diese juristischen Auseinandersetzungen anstrengend. Auch der Prozess auf Malta war zehrend, ich musste allein zwölfmal zu den Verhandlungen erscheinen. Ich bin erholungsreif. Man muss auch schauen, dass man an einer Sache nicht verbrennt. Eine Auszeit ist wichtig, mal den Kopf frei kriegen und Abstand gewinnen. Dann finden sich auch neue Ansätze, um wieder mit frischem Elan an die Sache ranzugehen. Ich habe mir für mein privates Segelboot ein neues Grosssegel gekauft und das will ich auch benutzen. Ich weiss allerdings nicht, wie es sein wird, wieder privat auf dem Mittelmeer unterwegs zu sein. Was ich gesehen und erlebt habe, kann ich nie wieder vergessen.

Würden Sie mit Ihrem Boot in die Gebiete der Fluchtrouten fahren?
Nein, was soll ich mit einer 12.40-Meter-Yacht ausrichten, wenn ich auf ein sinkendes Flüchtlingsboot mit 200 Menschen treffe? Das halte ich für keine gute Idee. Ich engagiere mich in der Zwischenzeit in anderen Projekten.

Jetzt auf

Welchen?
Ich unterstütze ein Unternehmen, fairafric, das faire Schokolade in Ghana herstellt. Vom Anbau der Kakaobohne bis zur Verpackung. Da entsteht eine Fabrik, da entstehen qualifizierte Arbeitsplätze. Diese Menschen machen sich nicht mehr auf den Weg über das Meer, das ist es doch, was wir angehen müssen: die Fluchtursachen. Und ein Teil der Ursachen sind wirtschaftlicher Natur.

Ausserdem bin ich Botschafter für ein Projekt in München, das Bellevue di Monaco, das Flüchtlinge bei uns in Deutschland unterstützt. Wir dürfen sie nicht in Ankerzentren einsperren, wenn sie mal hier sind. Das sind junge Leute, die brauchen wir. Wenn ich lese, dass man Roboter erfinden will, die in Altenheimen Tee servieren – hoffentlich passiert das nach mir! Wir haben die Leute jetzt hier, bilden wir sie doch aus. Anstatt aus anderen Ländern Fachkräfte abzuwerben, die dann dort wieder fehlen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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An Claus-Peter Reisch soll ein Exempel statuiert werden

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