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Die Tragödie von Mossul – kostete ein US-Luftangriff 150 Zivilisten das Leben? 

In der irakischen Stadt Mossul wurden offenbar mehr als 150 Menschen getötet – vermutlich durch einen Luftangriff. Es wäre einer der verheerendsten Fehlschläge der US-Armee seit dem Vietnamkrieg. Wie konnte das passieren?

Christoph Sydow



Kampf um Mossul

Ein Artikel von

Spiegel Online

Zehn Tage sind vergangen, seit schwere Explosionen den Westen der irakischen Stadt Mossul erschütterten. Menschen wurden dabei getötet, Häuser zerstört – das ist unstrittig. Doch was genau im Viertel Neu-Mossul passierte, ist auch jetzt noch unklar. Die irakischen Behörden verweigern Journalisten den Zutritt in den Stadtteil.

Als die Detonationen am 17. März passierten, herrschte in dem Viertel noch die Terrororganisation «Islamischer Staat» («IS»). Die Dschihadisten verbieten den Menschen unter ihrer Herrschaft das Filmen und Posten von Videos im Internet. Deshalb gibt es auch keine Aufnahmen aus den ersten Stunden und Tagen nach der Explosion und erst eine Woche danach sind Berichte über den Vorfall nach draussen gesickert.

Geflüchtete Bewohner und Bedienstete der Stadt Mossul schildern verheerende Zerstörungen am Tatort. «Sechs Gassen in dem Viertel sind völlig zerstört worden. Der Zivilschutz hat bislang 160 Leichen ausgegraben», sagte ein Beamter der Gesundheitsbehörde der Nachrichtenagentur Reuters. Dutzende Menschen würden noch vermisst. Das irakische Militär berichtet hingegen von nur einem zerstörten Gebäude, aus dem 61 Leichen geborgen worden seien.

«Wie ein Erdbeben»

Augenzeugen schildern, dass der Stadtteil bei einem Luftangriff getroffen wurde. «Es war wie ein Erdbeben. Ein Luftschlag traf meine Strasse», berichtet Abu Ayman, ein Anwohner, der inzwischen aus Neu-Mossul geflüchtet ist. «Nachdem das Bombardement aufhörte, ging ich mit einigen Nachbarn nach draussen und sah, dass einige Häuser in meiner Strasse dem Erdboden gleichgemacht wurden.»

Sniper War in Mossul

Dagegen berichtet die irakische Armee, es gebe keinen Hinweis darauf, dass das Gebäude bei einem Luftangriff zerstört wurde. Stattdessen habe der «IS» Sprengfallen in dem Haus hinterlassen, die dann explodierten.

Eine andere Version liefert Muntathar al-Shamari, Chef der Antiterroreinheit in Mossul. Demnach habe der Luftangriff ein Fahrzeug des «IS» getroffen, das mit Sprengstoff beladen war. «Als der Lastwagen getroffen wurde, explodierte er und zerstörte ein oder zwei Häuser, in denen sich Familien versteckt hatten.»

Basma Basim, Chefin des Provinzrats von Mossul, nahm am 24. März, also eine Woche nach den Explosionen, ein Facebook-Video am Tatort auf. Darin berichtet sie von 500 Toten. Diese Zahl bezieht sich aber offenbar auf den gesamten Stadtteil Neu-Mossul.

Das Pentagon hat inzwischen eingeräumt, dass die US-geführte Militärkoalition am 17. März einen Luftangriff in West-Mossul ausführte – «an dem Ort, der mit Angaben über zivile Opfer übereinstimmt.» Der Angriff habe sich eigentlich gegen «IS»-Kämpfer gerichtet und sei auf Anforderung der irakischen Sicherheitskräfte erfolgt. «Wir untersuchen den Vorfall, um herauszufinden, was genau passierte», sagte Joseph Votel, Oberbefehlshaber des für die Anti-«IS»-Koalition zuständigen Zentralkommandos der US-Armee. Die Untersuchung soll mehrere Wochen dauern.

Hat das US-Militär seine Einsatzregeln geändert?

Sollte sich bewahrheiten, dass das US-Militär für die Attacke verantwortlich ist, wäre es einer der folgenreichsten Fehlschläge seit Jahrzehnten. Seit dem Vietnamkrieg gab es nur einen US-Angriff mit noch mehr zivilen Opfern. 1991 starben Hunderte Iraker beim Bombenangriff auf einen Luftschutzbunker in Bagdad.

Irakische Offizielle sehen in dem Angriff eine Folge der veränderten Strategie unter dem neuen US-Präsidenten Donald Trump. Seit Februar sei es deutlich leichter geworden, das amerikanische Militär um Luftunterstützung zu bitten. Früher seien Luftangriffe von einem Kommandozentrum ausserhalb von Mossul geprüft und befohlen worden, heute entscheide ein untergeordneter US-Militär in der Stadt über Luftschläge. Das Pentagon bestreitet eine Veränderung der Einsatzregeln.

Displaced Iraqis run to get food supplies as Iraqi forces battle with Islamic State militants, in western Mosul, Iraq March 27, 2017. REUTERS/Suhaib Salem

Für Zivilisten die Hölle auf Erden: Mossul. Bild: SUHAIB SALEM/REUTERS

Allerdings steigt seit Trumps Amtseinführung nicht nur im Irak die Zahl der zivilen Opfer bei US-Luftangriffen. In Syrien hat sich ihre Zahl seit Januar vervielfacht. Trump hatte wenige Tage nach seinem Einzug ins Weisse Haus das US-Militär aufgefordert, die Kriterien bei der Auswahl der Ziele von Luftangriffen zu überdenken. Unklar ist, ob die neue Regierung die Einsatzregeln tatsächlich gelockert hat.

In Mossul wird die Situation dadurch erschwert, dass der «IS» offenbar Zivilisten gezielt als menschliche Schutzschilde einsetzt. Flüchtlinge aus Neu-Mossul berichten, dass die Dschihadisten unter Zwang Menschen aus anderen Stadtteilen in das Viertel gebracht hätten. Dann habe der «IS» von dort aus mit Luftabwehrraketen auf Kampfjets gefeuert und so möglicherweise einen Bombenangriff provoziert.

Das Dilemma der Anti-«IS»-Koalition

Die irakische Armee und ihre amerikanischen Verbündeten stellt das vor ein gewaltiges Dilemma. Mehrere Hunderttausend Zivilisten sind in den Vierteln von West-Mossul gefangen, die noch immer vom «IS» gehalten werden. Die Nahrungsmittel gehen zur Neige, in weiten Teilen der Stadt gibt es auch kein sauberes Trinkwasser mehr. Mit jedem Tag, den sie auf die Rückeroberung warten müssen, verschlechtert sich ihre Lage.

Zugleich aber sind in den Stadtvierteln westlich des Tigris mehrere Tausend «IS»-Kämpfer, die zu allem entschlossen sind und keine Rücksicht auf Zivilisten nehmen. Die Altstadt und umliegende Gebiete sind äusserst eng bebaut, ein fehlgeleiteter Angriff kann für Zivilisten tödliche Folgen haben.

Das irakische Militär hatte am Wochenende eine Unterbrechung der Bodenoffensive angekündigt, um über eine neue Strategie für den Häuserkampf zu beraten. Doch Augenzeugen in der Stadt widersprechen den Angaben aus Bagdad: Die Kämpfe in Mossul gehen demnach unvermindert weiter.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Soli Dar 27.03.2017 20:18
    Highlight Highlight Was rund um Mossul geschieht ist eine Katastrophe, die im Gegensatz zu Aleppo, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

    während die Russen die vermeintlich "gemässigten Rebellen bombardierten" tun die USA, Türkei und andere NATO-Partner in Syrien/Irak&Kurdengebieten vornehmlich "intervenieren" bzw. "militärisch eingreifen" und damit vermeintlich ausschliesslich "Terroristen bekämpfen".

    Wie viele Bomben USA &Co. mittels Flugzeugen & Drohnen abwarfen, wie viele Zivilisten in Syrien & Irak dadurch getötet bzw. verletzte wurden, darüber wurde bisher kaum berichtet.
  • Angelo C. 27.03.2017 17:01
    Highlight Highlight So selten waren derartige "Versehen" der Amis keineswegs und es werden sich noch einige Leser an das folgenschwere US-Bombardement auf eine afghanische Hochzeitsgesellschaft mit über 50 Toten und zahlreichen Verletzten erinnern.

    http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Afghanistan/angriff.html

    Auch Spitäler mit Personal und Patienten wurden anderswo weggebombt...

    Unter diesen Aspekten wundert der erneute Vorfall kaum wirklich und so steht es den Amis kaum zu, russische Fehleinschätzungen heuchlerisch zu verdammen 🤔!

    http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Afghanistan/angriff.html
    • Lowend 27.03.2017 18:10
      Highlight Highlight Etwas gekünstelte Empörung, oder ein missglückter Agitationsversuch, denn dieser Vorfall ist nun bald 10 Jahre her. Das sich da nur noch wenige erinnern, liegt eher daran, dass der grösste Teil der Watson-Leser damals noch zur Schule ging und sich daher um wichtigere Dinge kümmern musste und daraus jetzt eine Verdammung der Amis und eine Reinwaschung der Russen zu konstruiern zeigt eher, dass Sie selber nicht weit von der Heuchlerei entfernt sind, die Sie anderen so empört vorwerfen.
    • Angelo C. 27.03.2017 19:11
      Highlight Highlight Ach je, Sie und Ihre sattsam bekannten Einwände und ultralinken Betrachtungsweisen habe ich längst geistig ad acta gelegt - wofür ich natürlich höflich um Ihre geschätzte Nachsicht bitte...

      Honi soit qui mal y pense 😄!
    • Soli Dar 27.03.2017 20:06
      Highlight Highlight @Lowend ein Krieg und damit das Töten wird niemals menschlich! Es gibt keine Legitimation für diese Todesopfer. Dein Kommentar ist blanker Hohn für die Opfer dieses US-Bombardements. Dieser Fehlschlag ist unentschuldbar und leider wirklich nicht der Erste, sonst gäbe es wohl kaum über 1 Mio. tote im "Krieg gegen den Terror" https://www.ippnw.de/frieden/konflikte-kriege/body-count.html

      Mein lieber, es gibt kein "schwarz-weiss, gut oder böse" auch Bomben von vermeintlich "Guten", töten und verletzten tausende unschuldige Menschen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Soli Dar 27.03.2017 16:36
    Highlight Highlight Eine unglaubliche Tragödie, es ist einfach schrecklich! Leider wurde, zumindest in westlichen Medien, bisher kaum über die Opfer und die katastrophale Lage vor Ort rund um Schlacht von Mossul berichtet, ganz im Gegensatz zu Aleppo.

    Wohl aus Rücksicht vor den USA, wird nun versucht, die Schuld primär dem IS in die Schuhe zu schieben und die USA, so gut wie möglich, in Schutz zu nehmen.

    "Es wäre einer der verheerendsten Fehlschläge der US-Armee seit dem Vietnamkrieg." Ich erachtete diesen Lead als "irreführend"! Schliesslich starben im "Krieg gegen den Terror" über 1,5 Mio. Menschen!
    • MaxHeiri 27.03.2017 18:48
      Highlight Highlight Sollten die Amerikaner Mossuö einfach sein lassen? Wäre dies die beste Alternative?
    • Soli Dar 27.03.2017 20:24
      Highlight Highlight @MaxHeiri Bomben und Waffenlieferungen scheinen jedenfalls keine Alternative zu sein... Das Töten und damit Krieg wird niemals menschlich, auch nicht durch US-Interventionen.

      Wer Wind sät erntet Sturm. Die beste Alternative wäre wohl gewesen, wenn die USA auf militärischen Interventionen, Regime-Changes und Ressourcenkriege im Nahen und Mittleren Osten verzichtet hätte.
    • Bruno S. 88 28.03.2017 08:19
      Highlight Highlight @MaxiHeiri beim Erarbeiten von möglichen Lösungen genügt es nicht sich mit dem Thema zu befassen ab dem Punkt des momentanen Problems. Die Analyse muss beim Beginn des Konflikts starten. Und dieser startet bereits beim Regime Change des Irans, angeordnet durch die Amerikaner.
  • concerned citizen 27.03.2017 15:21
    Highlight Highlight In so einem Krieg ist wohl auch die USA am Ende ihrer Kräfte angelangt. Noch mehr zerbombte Hospitals und Schulen ( das was sie den Russen vorgeworfen haben in Aleppo). USA weiss wie so ein Krieg zu beenden ist, sie versuchen aber ihren Einfluss im Nahen Osten noch zu erweitern . So lange die Finanzierung und Waffenlieferung nicht unterbunden ist, solange werden "Rebellen, moderate, Aufständischen" oder simple Terroristen weiter kämpfen. Und kämpfen tun sie nicht ohne Salär. USA müssen nicht mehr in Betracht ziehen, solche Gruppierungen für ihre Interessen instrumentalisieren.
  • http://bit.ly/2mQDTjX 27.03.2017 15:16
    Highlight Highlight Darüber berichtete ich inkl. Quellenangabe schon vor einigen Tagen:
    "Rakka: 116 Zivilisten, darunter 18 Kinder durch Bombenangriffe der US-Koalition getötet" (https://airwars.org/)
    http://www.watson.ch/!755149711#comment_742182
  • Posersalami 27.03.2017 15:14
    Highlight Highlight "Der Angriff habe sich eigentlich gegen «IS»-Kämpfer gerichtet und sei auf Anforderung der irakischen Sicherheitskräfte erfolgt."
    Da haben also die Guten auf Wunsch der Guten bombardiert! Da kann gar nichts schief gelaufen sein, das muss also der IS gewesen sein! Man stelle sich vor was los sein würde, wenn das die Russen gewesen wären..
    • stamm 27.03.2017 17:21
      Highlight Highlight Nein, halt. Jetzt ist es bei den Amis eben nahezu gleich schlimm, wie wenn die Russen das getan hätten. Jetzt ist eben Trump an der Macht.....jetzt wir ziemlich sicher mehr an die Medien gelangen. Jetzt dürfen wir auch beim Krieg den Daumen so richtig in die Wunde quetschen.....arme Medien....

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