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Morgendämmerung in Teheran. Bild: KEYSTONE

Morgendämmerung in Teheran: Was hinter Irans Strategie steckt

Iran mischt heute im Jemen, in Irak, im Libanon, in Bahrain und Syrien mit, aber auch in Afghanistan und neuerdings in Katar. Welche Ziele verfolgt das Regime?

29.12.17, 22:42 30.12.17, 08:20

Susanne Koelbl aus teheran



Ein Artikel von

Habibullah Turk, der alte Mechaniker, ist jeden Donnerstag einer der ersten in «Zahras Paradies», dem Märtyrerfriedhof im Süden von Teheran. Das Grabmal seines Sohnes sticht schon von Weitem hervor, sein helles Konterfei auf schwarzem Marmor. Die roten Nelken darauf sind immer frisch.

Turks Sohn, der Revolutionsgardist Moharram, starb am 19. September 2011 in Damaskus. 30 Jahre alt wurde Moharram, er ist Irans erster «Märtyrer» im Syrienkrieg, in dem bis heute fast 2000 weitere Iraner fielen.

Kämpfe am 25. September in Damaskus. Bild: AP/Ghouta Media Center

Aber warum kämpfte Turk damals überhaupt in Damaskus, 2500 Kilometer entfernt von Teheran? Und wieso schickt Iran bis heute Berater, Kämpfer, Waffen an ein halbes Dutzend Fronten in dieser aufgeladenen Region?

Im inneren Zirkel

Ein Mann, der darauf Antworten hat, weil er immer schon zum inneren Zirkel der Macht gehörte in der Islamischen Republik, ist Hussein Sheikh al-Islam. Sheikh al-Islam ist der Nahostberater von Aussenminister Javad Zarif. Zuvor diente er 16 Jahre lang als Vize-Aussenminister. Er war Botschafter in Syrien und kennt die Welt. In New York vertrat er sein Land bei den Vereinten Nationen.

Sheikh al-Islam trägt die Uniform der Revolutionäre von 1979: einen grauen Nadelstreifen-Anzug, das weisse Stehkragenhemd ist am Hals zugeknöpft, dazu Vollbart. Grau und kurz getrimmt. Er sitzt in einem grünen Fauteuil im zweiten Stock des Aussenministeriums in Teheran. Sein Arbeitszimmer gleicht eher einer Suite, ganz in Holz und schwerem Samt gehalten. «Niemand will ein Feuer in der Nachbarschaft, wenn es nicht kontrolliert wird, kommt es zu dir,» sagt Sheikh al-Islam vieldeutig.

Bilder von Ayatollah Chomeini in Teheran erinnern an die Revolution von 1979. Bild: EPA/EPA

Nur, was bedeutet das konkret für Iran? Inzwischen ist Iran im Jemen, in Irak, im Libanon, in Bahrain und Syrien engagiert, aber auch in Afghanistan und neuerdings in Katar. Welche Strategie steckt dahinter?

Von Lebensmittellieferungen bis zu kämpfenden Soldaten

Im Jemen unterstützt Teheran die Huthi-Rebellen, die dort gegen eine von Saudi-Arabien geführte Militärallianz kämpfen. Mit Fischerbooten schicken sie Medikamente, Lebensmittel, kleine Waffen durch die internationale Seeblockade, nicht ausreichend, um den Krieg zu gewinnen, aber genug, um die Regenten in Riad zur Weissglut zu treiben. In Syrien wiederum zeigt Teheran massiven Einsatz, iranische Revolutionswächter retteten Präsident Baschar al-Assads Herrschaft.

Es sind Stellvertreterkriege, die Iran jenseits seiner Landesgrenzen führt. Sheikh al-Islam behauptet, wenn Iran nicht von Anfang an in Syrien eingegriffen hätte, wäre Damaskus an den «Islamischen Staat» («IS») gefallen. Der «IS» hätte auch Bagdad und Erbil eingenommen, sagt der Diplomat. Deshalb entwickelte Teheran eine Doktrin, die besagt, dass der Feind an den Frontlinien weit ausserhalb Irans zu schlagen sei, sagt Sheikh al-Islam.

Wäre der Irak ohne den Eingriff durch Iran gefallen? Bild: EPA/EPA

Iran sieht sich in einem existentiellen Abwehrkampf gegen einen aufsteigenden, radikalen sunnitischen Islam. Die Quelle des Übels orten die Iraner in Riad. Der Wahhabismus, die wohl radikalste Lesart des sunnitischen Islam, ist dort Staatsdoktrin und viele sunnitische Dschihadisten in der Welt fühlen sich von dieser extremen Interpretation angesprochen.

«Den Krieg nach Iran» tragen

Umgekehrt glauben sich die Herrscher in Riad herausgefordert, eingekreist von Iran und dessen Verbündeten. Im Inselstaat Bahrain begehrte 2011 die schiitische Mehrheit gegen die sunnitischen Herrscher auf, im Osten des Königreichs Saudi-Arabien, wo die schiitische Minderheit lebt, kommt es immer wieder zu Aufständen gegen die Monarchen in Riad. Und die Saudi-Araber behaupten, Iran hetze die schiitischen Glaubensbrüder gegen die sunnitische Regierung auf.

Der bisherige Höhepunkt der neuen Feindseligkeit zwischen Riad und Teheran war die Drohung des neuen, starken Mannes im Königreich Saudi-Arabiens, Kronprinz und Verteidigungsminister Mohammad bin Salman, «den Krieg nach Iran» zu tragen.

Kronprinz bin Salman in Jiddah. Bild: AP/Presidency Press Service

Der Anschlag auf das iranische Parlament und die Grabstätte des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini am 7. Juni wurde in Teheran prompt als Einlösung dieser Kampfansage verstanden. Bei dem Angriff starben 14 Menschen und 46 wurden verwundet. Viele Iraner glauben, dass die IS-Attentäter direkt aus Riad gesteuert wurden.

Rüstungsausbau in beiden Ländern

Die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Iran waren nie einfach. Doch man sprach miteinander. Nun liegen die jeweiligen Botschaften in Riad und Teheran verwaist. Viel schlechter können Beziehungen nicht sein.

Wer sich umhört unter den Veteranen der Revolutionswächter erhält erstaunliche Informationen, wie Iran sich angeblich für alle Fälle rüstet. Ein ehemaliger Geheimdienstler behauptet, Iran habe «20'000 Raketen auf die Infrastruktur Saudi-Arabiens» gerichtet. Er sagt, «ein Knopfdruck und in 24 Stunden ist dort alles zerstört». Dabei drückt er auf den roten Deckel einer Wasserflasche in seiner Hand, als würde er gleich selbst die Explosion auslösen. Wahr oder nicht, die Iraner glauben gegenüber dem Königreich Saudi-Arabien, das Heft des Handelns in der Hand zu halten.

Am Telefon von Sheikh al-Islam ist jetzt der Botschafter aus Beirut, schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon bildet Irans Frontlinie zu Israel, Teherans grösstem Feind. Die Strasse von Beirut nach Teheran gehört deshalb zum Herzstück der iranischen Verteidigung. Sie führt über Damaskus.

Assad ist ein «Sieger»

Mit Syrien verbindet Iran eine alte Loyalität, die noch aus Zeiten von Hafiz al-Assad herrührt, dem Vater des heutigen Herrschers, Baschar. Er stand als einer der wenigen arabischen Staatsmänner den Iranern bei, als Saddam Hussein das Land 1980 überfiel.

Assad und Putin bei einem Treffen vor wenigen Wochen. Bild: AP/POOL SPUTNIK KREMLIN

Sheikh al-Islam sagt, Assad sei «ein Sieger». Katar habe ihm 20 Milliarden Dollar geboten, wenn er das Land verlässt und auch die Russen hätten dem Syrer ein komfortables Asyl offeriert. «Aber er blieb,» sagt Sheikh al-Islam. «Es gibt jetzt gerade keinen Ersatz für Assad, aber er ist auch keine Lösung für immer.»

Was heisst das konkret? «Syrien muss eine Demokratie werden,» sagt Sheikh al-Islam. Natürlich könne Assad dann als gewählter Präsident im Amt bleiben, bis irgendwann ein anderer käme. Iran verfüge in Damaskus über ausreichend Einfluss, um abzusichern, dass Assad in diesem Fall auch tatsächlich abträte.

Iran, Hort der Demokratie?

Nur Demokratien hätten dauerhaft Bestand, sagt Sheikh al-Islam, das gelte auch für Syrien, Jemen, natürlich auch für Saudi-Arabien. Was das dann für Demokratien wären, ob tatsächlich das Volk den Kurs bestimmen würde oder die Macht doch insgeheim in Händen autoritärer Strukturen läge, wie in Iran, darüber sagt er nichts.

Am Ende wollen auch die Iraner Lösungen in Syrien, im Jemen, in Irak. Um ihre Bedingungen durchzusetzen, brauchen sie die Amerikaner im Uno-Sicherheitsrat. Deshalb hätten sie noch ein As im Ärmel, sagt Sheikh al-Islam: «Die Russen.»

Wladimir Putin schiele nach Militärbasen, er wolle mehr Macht und Einfluss im Nahen Osten, sagt Sheikh al-Islam. Eine Horrorvorstellung in Washington, natürlich.

Jetzt lehnt sich der Diplomat entspannt zurück. Teheran habe die Russen nach Syrien gebracht, sagt er, und man könne Putin jederzeit auch in den Persischen Golf bringen.

«Das würde alles noch viel komplizierter machen», sagt Sheikh al-Islam lächelt fast glücklich: «Wäre das nicht herrlich?»

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Video: srf

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • meine senf 30.12.2017 10:16
    Highlight Eine Demokratie ist Iran sicher nicht.

    Aber mit Saudi-Arabien verglichen ist Iran schon deutlich demokratischer und freiheitlicher.

    Statt gar keine Wahlen und "Verfassung ist was der König denkt" gibt es immerhin frisierte Wahlen. Frauen müssen auch Kopftücher tragen, dürfen aber immerhin autofahren.
    19 2 Melden
    • Sebastian Wendelspiess 30.12.2017 12:44
      Highlight Warum nicht? Mehrparteiensystem. Über 100 Präsidentschaftskandidaten. Sogar die jüdische Gemeine ist im Parlament vertreten. Da könnte sich noch manch ein westlicher Staat eine Scheibe von abschneiden.
      10 0 Melden
    • meine senf 30.12.2017 13:22
      Highlight Weil der Wächterrat und der Führer die Kandidaten aussieben. Und die DDR hatte offiziell auch mehrere Parteien.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_System_des_Iran

      Es gibt nicht nur schwarz und weiss (A ist gut und B ist böse oder umgekehrt). Wie gesagt, im Iran sieht es sicher besser aus als in anderen Ländern der Region.
      3 0 Melden
    • Sebastian Wendelspiess 30.12.2017 14:36
      Highlight @senf ist so, aber auch in der USA oder Israel wird keiner Kandidat ohne das Absegnen/die Unterstützung religiöser Kräfte. Und die werden oft auch als Demokratien bezeichnet.
      4 0 Melden
    • meine senf 31.12.2017 14:06
      Highlight Schon, aber im Gegensatz zu dort man kann trotzdem auch kandidieren, auch wenn es irgendwelchen Religiösen nicht passt. Ob man dann auch eine Chance hat, ist eine andere Frage, die die Wähler entscheiden können.

      Wenn die Kandidatur schon gar nicht zugelassen wird, ist das nicht möglich.
      1 0 Melden
  • Royeti 30.12.2017 09:26
    Highlight Ich mag weder Iran noch Saudi Arabien.
    Die sollen die anderen in Ruhe lassen und sich direkt bekriegen. (der Welt ginge es besser, wären die beiden Länder geschwächt und deshalb weniger einflussreich)

    Beide Staaten haben terroristische Gruppen unter sich. Iran dur Huthis, die Hisbollah und die Hamas. Die Saudis den IS, die Fatah und noch einige Splittergruppen in Syrien.

    (nur Israel finanziert keine Terroristen und wird hier dennoch immer wieder von den Kommentatoren abgekanzelt...schade...!)
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  • Seraphino 30.12.2017 06:43
    Highlight Lesenswerter Artikel, ich mag die Iraner und auch wenns Blitze regnet, Assad und Putin sind mind relativ gesehen ein Segen im Nahost. Syrien waere bereits zerschlagen und unter Hyänen aufgeteilt. Die von den Amis ausgerüsteten Armeen in der Region kämpfen nicht um ihre Verteidigung, da gehts um Landgewinn,Energieabkommen, resp Macht und Zaster.
    54 11 Melden
    • bokl 30.12.2017 09:34
      Highlight Ich teile die Meinung, dass einen Gegengewicht zu SA und seinen Verbündeten ein Segen ist. Der letzte Satz ist aber lächerlich. Auch der Iran/Russland ist auf Ressourcen, Macht und Zaster aus. Nur für den Weltfrieden kämpft niemand auf fremdem Boden.
      13 3 Melden
    • Seraphino 30.12.2017 10:30
      Highlight ja hast recht bokl aktion-> reaktion, ist leider wahr. Niemand ausser den dort lebenden Menschen will dass im nahen Osten Frieden, Bildung und Wohlstand einkehrt. 😟
      6 0 Melden
    • Jein 30.12.2017 10:41
      Highlight Das ist überhaupt keine unpopuläre Meinung, viele Experten haben davor gewarnt, dass man lieber einen Despot dulden soll als die Anarchie ohne ihn (es wurde ja oft auf das Beispiel Libyen verwiesen).

      Meiner Meinung nach war es der grösste Fehler von Obamas Aussenpolitik eine Zukunft mit Assad von Anfang an auszuschliessen, da dies den Iran und Russland nahezu zwang militärisch einzugreifen um ein US-arabisch geprägtes Syrien zu vermeiden. Indem die USA blind die Position Saudi-Arabiens annahmen wurde eine Lösung am Verhandlungstisch vom Anfang an ausgeschlossen.
      5 0 Melden
    • Seraphino 30.12.2017 15:20
      Highlight @jein
      ja genau, zweiter Fehler war der zu fruehe Truppenabzug aus Irak, bevor sunniten und schiiten das Parlament bilden konnten. Die Folgen sind uns letzendlich als IS bekannt. Aber Hauptsache Obama hat nun ein Friedensnobelpreis im Badzimmer haengen.
      4 0 Melden
  • Dirk Leinher 30.12.2017 04:13
    Highlight Welch einseitige Verurteilung! Iran mischt sich überall ein.
    Dass Saudi Arabien in der ganzen Welt Terror verbreitet und sich in noch viel mehr Länder einmischt wird lapidar damit begründet dass Riad sich von Iran bedrängt fühle. Sie armen missverstanden Saudis dzdz.....
    57 4 Melden
  • Hypnos350 30.12.2017 03:07
    Highlight Iran ist sicher nicht perfekt, doch die Alternative SA darf keine Alternative sein!!
    44 3 Melden
  • Sebastian Wendelspiess 29.12.2017 23:48
    Highlight Ich haben das Iranbashing des Westens nie verstanden...
    57 9 Melden
    • Gummibär 30.12.2017 11:24
      Highlight Wie andernorts auch : im Chor mit den "Seven Sisters", d.h. mit den Oelmultis und mit den Amerikanern und Briten, welche den Iran unter dem von ihnen eingesetzten Schah Mohammad Reza Pahlavi als Klientelstaat erhalten wollten.
      5 0 Melden
    • Wie funktioniert das! 30.12.2017 11:34
      Highlight @Sebastian, du scheinst jung zu sein. Lies mal in der jüngeren Nahostgeschichte, bis zum 1. Weltkrieg nach....
      2 2 Melden
  • Kubod 29.12.2017 23:08
    Highlight Teheran habe die Russen nach Syrien gebracht, sagt er, und man könne Putin jederzeit auch in den Persischen Golf bringen.

    «Das würde alles noch viel komplizierter machen», sagt Sheikh al-Islam lächelt fast glücklich: «Wäre das nicht herrlich?»

    Ich glaub ihm sofort, dass der Iran das kann.
    21 2 Melden

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