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Die jungen Soldaten des «IS»: Kindheit, Jugend, Selbstmordattentat

Ein Junge soll den Anschlag auf eine Hochzeit im türkischen Gaziantep verübt haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass die «IS»-Terroristen Kinder als Attentäter einsetzen – sie prahlen seit Langem damit.

Christoph Sydow



Ein Artikel von

Spiegel Online

Sie robben mit Maschinenpistolen durch den Schlamm, sie trainieren Kampfsporttechniken, sie zünden Bomben, sie erschiessen und enthaupten Gefangene. «Die Löwenjungen des Kalifats» stellen die jüngste Gruppe unter den Milizionären der Terrororganisation «Islamischer Staat» («IS»).

FILE -- In this photo released on April 25, 2015 by a militant website, which has been verified and is consistent with other AP reporting, young boys known as the

Die Aufnahme wurde 2015 auf einer Webseite der militanten Gruppierung veröffentlicht und zeigt «Die Löwenjungen des Kalifats». Bild: AP/militant website

In den vergangenen eineinhalb Jahren hat der «IS» zahlreiche Propagandavideos unter dem Titel «Die Löwenjungen des Kalifats» veröffentlicht, in denen Kinder zu Kämpfern ausgebildet und schliesslich zu Mördern werden. Der Jüngste auf den Aufnahmen war vielleicht vier Jahre alt, der Älteste im Teenageralter.

Diese Videos sind nicht nur Propaganda: Am Samstag sprengte sich ein Selbstmordattentäter bei einer Hochzeitsfeier in der türkischen Stadt Gaziantep in die Luft. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sagte, der Täter sei zwischen 12 und 14 Jahren alt gewesen. Er machte den «IS» für das Attentat verantwortlich. Bislang hat sich die Terrororganisation nicht zu dem Anschlag bekannt – so wie sie bislang noch nie die Verantwortung für einen Terrorangriff in der Türkei übernommen hat.

Iraqi security forces detain a boy after removing a suicide vest from him in Kirkuk, Iraq, August 21, 2016. REUTERS/Ako Rasheed     TPX IMAGES OF THE DAY

Unter dem T-Shirt dieses 12- bis 13-Jährigen fanden Sicherheitskräfte in Kirkuk einen Sprengstoffgürtel. Bild: AKO RASHEED/REUTERS

Kinder erscheinen unverdächtig

Doch das Muster passt: Der «IS» hat in den vergangenen Jahren im Irak und in Syrien Dutzende Kinder als Selbstmordattentäter missbraucht. Über ihre Propagandakanäle verbreiten die Dschihadisten Bilder der Täter. Den meisten Jungen, die dort zu sehen sind, wuchsen gerade die ersten Barthaare, als der «IS» sie zu Mördern machte.

In vielen Fällen setzte die Miliz die Jugendlichen in Fahrzeuge, die mit Sprengstoff beladen waren. Sie rasten mit den rollenden Bomben zu Stützpunkten der irakischen Armee oder verfeindeter Milizen und rissen dort ihre Opfer mit in den Tod. Die Jungen wurden offenbar eingesetzt, weil sich kein erwachsener Selbstmordattentäter fand oder weil sich die Jugendlichen an anderen Kriegsschauplätzen – etwa im Strassenkampf – als untauglich erwiesen hatten.

Militante islamistische Gruppen

Allerdings hat der «IS» in mehreren Fällen Kinder auch gezielt eingesetzt, weil sie den Sicherheitskräften unverdächtig erscheinen. Im März sprengte sich ein Junge in Iskandarija südlich von Bagdad während eines Fussballturniers für Kinder in die Luft. Die Gewinnermannschaft sollte gerade den Pokal entgegennehmen, als auf der Tribüne ein Jugendlicher die Bombe zündete. Mindestens 29 Menschen wurden getötet, rund 60 verletzt. Die meisten Opfer waren Kinder und Jugendliche. Der «IS» bekannte sich zu dem Anschlag und veröffentlichte ein Foto des angeblichen Attentäters. Es zeigt einen Teenager.

Der «IS» benutzt immer mehr Kinder

Kinder, die im Namen des «IS» Kinder töten – so war es offenbar auch in Gaziantep. 29 von 44 identifizierten Toten seien unter 18 Jahre alt, berichten türkische Medien. Die Zeitung «Hürriyet» berichtete am Montag, auf Überwachungskameras sei zu sehen, dass das Kind von zwei Personen begleitet worden sei. Sie hätten sich entfernt, bevor die Bombe detonierte. Die Identität des Kindes, das den Sprengstoffgürtel trug, habe bisher nicht festgestellt werden können.

Laut einer Studie des Combating Terrorism Center der US-Militärakademie West Point sind allein zwischen 1. Januar 2015 und 31. Januar 2016 89 Minderjährige als Kämpfer oder Selbstmordattentäter in den Reihen des «IS» ums Leben gekommen. Die Zahl der Jungen ist dabei kontinuierlich angestiegen. Im Januar 2015 hatte der «IS» drei minderjährige Selbstmordattentäter eingesetzt, im Oktober waren es schon sechs, und im Januar 2016 zählten die Autoren der Studie zehn Selbstmordattentate von Minderjährigen.

This undated image posted online and made available on Thursday, Nov. 20, 2014 by Raqqa Is Being Slaughtered Silently, an anti-Islamic State group organization, shows children at an Islamic State group training camp in Raqqa, Syria. The image has been verified and is consistent with other AP reporting. Across the vast region in Syria and Iraq that is part of the Islamic State group's self-declared caliphate, children are being inculcated with the extremist group's radical and violent interpretation of Shariah law. (AP Photo/Raqqa Is Being Slaughtered Silently)

Kinder des «IS»: Dieses Bild wurde im November 2014 durch Raqqa beeing slaughtered silently – eine Organisation gegen den «Islamischen Staat» – veröffentlicht. Bild: Raqqa Is Being Slaughtered Silently

Experten schätzen, dass rund 1500 Jungen dem «IS» im Irak und in Syrien dienen. Darunter sind Kinder ausländischer Dschihadisten, Kinder einheimischer Kämpfer und Waisen, die sich dem «IS» anschliessen, weil er ihnen ein sicheres Auskommen verspricht. Darunter sind aber auch zahlreiche jesidische Kinder, die vom «IS» entführt und anschliessend indoktriniert wurden.

Zwei von ihnen, die entkommen konnten, haben dem Spiegel geschildert, wie sie beim «IS» eine Ausbildung zum Kindersoldaten durchliefen. Sie lernten, eine Kalaschnikow auseinanderzubauen, Sprengfallen zu legen und die Zündung eines Sprengstoffgürtels zu bedienen. Die beiden hatten Glück und kamen mit dem Leben davon: Bevor die Terrorgruppe die Jungen einsetzen konnte, gelang ihnen die Flucht.

Am Sonntag stoppten Sicherheitskräfte in der nordirakischen Stadt Kirkuk einen Jungen mit einem Sprengstoffgürtel. «In der Vernehmung sagte er, maskierte Männer hätten ihn verschleppt, ihm den Sprengstoff umgeschnallt und dann in die Stadt geschickt», sagte ein Mitarbeiter des kurdischen Geheimdienstes.

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