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Members of Shi'ite group Asaib Ahl al-Haq carry the coffin of a fighter who was killed in clashes with Islamic States militants in Baiji, during a funeral in Najaf, south of Baghdad, May 25, 2015. Islamic State poured more fighters into Ramadi as security forces and Shi'ite paramilitaries prepared to retake the Iraqi city that fell to the Islamists a week ago in a major setback for the government.  REUTERS/Stringer

Iraks Truppen haben herbe Verluste zu beklagen. Bild: STRINGR/IRAQ/REUTERS

Nach dem Fall von Ramadi startet die irakische Armee eine neue Offensive

Wer ist schuld daran, dass die IS-Terrormiliz Ramadi erobert hat? Der US-Verteidigungsminister und der irakische Vize-Premier geben feigen Soldaten die Schuld. Doch die wahren Verantwortlichen tragen keine Uniform. Derweil startet die irakische Armee eine neue Offensive.

26.05.15, 09:43 26.05.15, 12:06

Christoph Sydow / spiegel online



Ein Artikel von

Etwas mehr als 100 Kilometer trennen die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) noch von der irakischen Hauptstadt Bagdad. Mit der Eroberung Ramadis haben die Dschihadisten einen militärischen Erfolg gefeiert, den es nach den Erfolgsmeldungen der US-Regierung in jüngster Zeit eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen. Doch der IS ist in den vergangenen Wochen nicht zurückgedrängt worden – stattdessen hat er seinen Herrschaftsbereich um eine weitere irakische Grossstadt erweitert.

Irak startet Offensive zur Rückeroberung 

Der Irak hat nach offiziellen Angaben eine Offensive für die Rückeroberung der Wüstenprovinz Anbar von der IS-Terrormiliz gestartet. Das sagte ein Sprecher einer schiitischen Miliz, die mit der Armee gegen den IS kämpft. Die Ankündigung der Offensive erfolgte am Dienstag an einer Medienkonferenz. Zuletzt hatten die irakischen Truppen mit der Aufgabe der Provinzhauptstadt Ramadi eine grossen Rückschlag erlitten. US-Verteidigungsminister Ash Carter warf ihnen deswegen vor, keinen Kampfeswillen zu haben. Obwohl sie dem Gegner zahlenmässig weit überlegen gewesen seien, hätten sie sich zurückgezogen. Der IS eroberte vor über einer Woche Ramadi und wenige Tage später in Syrien auch die strategisch wichtige Stadt Palmyra. Die Extremisten feierten damit zwei ihrer grössten Erfolge. 

«Wir können sie ausbilden, wir können ihnen Ausrüstung geben, aber wir können ihnen keinen Willen zum Kampf geben.»

US-Aussenminister Carters Breitseite gegen die irakische Armee

Der Fall Ramadis hat in der Anti-IS-Koalition für Unruhe gesorgt. Die angekündigte Militäroperation zur Rückeroberung der Stadt lässt auf sich warten, die Miliz kann sich derweil auf die bevorstehende Schlacht vorbereiten. Zwischen amerikanischen, irakischen und iranischen Offiziellen ist derweil die Stunde der Abrechnung gekommen. Sie machen sich gegenseitig für die Niederlage verantwortlich.

Den Anfang machte US-Verteidigungsminister Ashton Carter: Er warf den irakischen Truppen vor, sie hätten in Ramadi keinen Kampfgeist gezeigt. «Wir können sie ausbilden, wir können ihnen Ausrüstung geben, aber wir können ihnen keinen Willen zum Kampf geben», sagte Carter.

Der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi wies die Vorwürfe zurück. Er behauptete, der US-Verteidigungsminister sei falsch informiert. Ausserdem würden Regierungstruppen Ramadi schon innerhalb weniger Tage zurückerobern.

epa04756159 A photograph made from a video released by the jihadist affiliated group Aamaq Media on 18 May 2015 showing smoke rising in the city of Ramadi, 110 kilometres west of Baghdad, Iraq. Reports on 16 May said Islamic State militants have assumed control of most of Ramadi, the capital city of west Iraq's Anbar province, marking a major advance for the extremist militia. Islamic State's advance into Ramadi deals a major setback to Iraqi government efforts to drive the radical group out of the country.  EPA/AAMAQ MEDIA / HANDOUT ATTENTION EDITORS : EPA IS USING AN IMAGE FROM AN ALTERNATIVE SOURCE AND CANNOT PROVIDE CONFIRMATION OF CONTENT, AUTHENTICITY, PLACE, DATE AND SOURCE. HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Ramadi ist in die Hände der Extremisten gefallen. Bild: EPA/AAMAQ MEDIA

«Der Rückzug der Armee hat uns alle überrascht»

Qassem Suleimani, der iranische Kommandeur der Kuds-Brigaden, der den Einsatz iranischer Ausbilder im Irak leitet, sprang Abadi zur Seite: Es sei die US-Armee gewesen, die keinen Willen zum Kampf um Ramadi gezeigt und die irakischen Soldaten im Stich gelassen habe, sagte Suleimani der iranischen Zeitung «Javan».

FILE - In this May 14, 2015 file photo, security forces defend their headquarters against attacks by Islamic State extremists during sand storm in the eastern part of Ramadi, the capital of Anbar province, 115 kilometers (70 miles) west of Baghdad, Iraq. Veterans of the Iraq War watched in frustration as Republican presidential contenders have distanced themselves from the original decision their party enthusiastically supported to invade that country. Some veterans say they long ago concluded their sacrifice was in vain, and are annoyed that a party that fervently lobbied for the war is now running from it. Other say they still believe their mission was vital, regardless of what the politicians say. And some find the gotcha question being posed to the politicians _ knowing what we know now, would you have invaded? _ an insult in itself.  (AP Photo, File)

Die irakische Armee muss sich zurückziehen. Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

«Der Rückzug der Armee aus Ramadi hat uns alle überrascht.»

Irakischer Vize-Premier Salih al-Mutlaq

US-Vizepräsident Joe Biden sah sich angesichts des Zwistes zum Einschreiten gezwungen: Er telefonierte am Montag mit Abadi und lobte dabei laut Mitteilung des Weissen Hauses den Kampfgeist der irakischen Soldaten. Die USA würden «die enormen Opfer und den Mut der irakischen Truppen in Ramadi und anderswo anerkennen», sagte Biden demnach.

In der Zwischenzeit hatte sich jedoch ausgerechnet ein ranghoher Regierungsvertreter aus Bagdad zu Wort gemeldet, der die Kritik des Pentagon an der irakischen Armee teilte. «Der Rückzug der Armee aus Ramadi hat uns alle überrascht», sagte Vize-Premier Salih al-Mutlaq dem US-Sender CNN. «Es ist völlig unverständlich, dass diese Einheit, die seit Jahren von den Amerikanern trainiert worden ist und eine der besten Einheiten der Armee sein sollte, Ramadi auf diese Art und Weise verlässt.» Das sei nicht das, was die Iraker von ihrem Militär erwarteten, kritisierte Mutlaq.

Eine sich selbsterfüllende Prophezeiung

Der ranghöchste Sunnit in der irakischen Regierung stammt selbst aus der Provinz Anbar, deren Hauptstadt Ramadi ist. Er beklagte, dass die Menschen in seiner Heimatregion langsam den Glauben daran verlören, dass die irakische Regierung die Lage zum Besseren wenden und den IS besiegen könnte. Es brauche eine politische Lösung für die Krise im Irak. «Diese Schlacht kann nicht nur militärisch gewonnen werden.»

Displaced Sunni people, who fled the violence in the city of Ramadi, arrive at the outskirts of Baghdad, May 19, 2015.  Iraqi security forces on Tuesday deployed tanks and artillery around Ramadi to confront Islamic State fighters who have captured the city in a major defeat for the Baghdad government and its Western backers. REUTERS/Stringer

Ein Foto vom 19. Mai zeigt die prekäre Lage der Flüchtlinge. Bild: STRINGER/IRAQ/REUTERS

In der Tat ist der Fall Ramadis weniger die Folge fehlenden Kampfesmuts, sondern eine Konsequenz politischen Versagens. Sunnitische Stammesverbände hatten die Terrororganisation «al-Kaida im Irak» 2007 weitgehend aus Anbar vertrieben. Seither weigert sich die von Schiiten dominierte Zentralregierung in Bagdad allerdings beharrlich, diese Verteidigungskräfte adäquat auszurüsten. Mächtige schiitische Fraktionen lehnen das ab, weil sie an der Loyalität der Sunniten zweifeln. Sie unterstellen der sunnitischen Minderheit, sie hege Sympathien für die Radikalen des IS und werde die Waffen irgendwann auch gegen Schiiten einsetzen.

Die Folge: Die Einheiten in Ramadi, die ihre Stadt bis zuletzt gegen den IS verteidigten, waren am Ende zwar zahlenmässig weit überlegen, aber militärisch hoffnungslos im Nachteil, weil sie den Dschihadisten mit deren Humvees, Artilleriegeschützen und Selbstmordattentätern nur Kalaschnikows entgegensetzen konnten.

Die Folge ist, dass die Befürchtungen der Schiiten zu sich selbsterfüllenden Prophezeiungen werden. Weil sie von der Regierung in Bagdad im Stich gelassen werden, ziehen es viele Stämme im Westirak inzwischen vor, sich dem IS zu unterwerfen. Der Kampf gegen die Dschihadisten wird damit zwangsläufig zu einem Konflikt der Konfessionen: Der IS und verbündete sunnitische Stämme auf der einen gegen schiitische Milizen auf der andere, Seite.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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