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Anti-Islamisten-Mission

Die trügerische Siegesserie gegen den IS

Erfolge an allen Fronten – im Kampf gegen den IS brüstet sich die alliierte Koalition unter der Führung der USA mit Gebietsgewinnen. Fakt ist aber: Im Kerngebiet der Terroristen hat der Krieg noch gar nicht begonnen.

Raniah Salloum / spiegel online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Der Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) scheint derzeit durchaus erfolgreich zu laufen. An fast allen Fronten sind die Dschihadisten-Gegner auf dem Vormarsch, unterstützt durch die internationalen Luftangriffe. Im Nordirak haben die irakisch-kurdischen Peschmerga nach eigenen Angaben rund 15'000 Quadratkilometer vom IS zurückerobert.

Kurdish Peshmerga fighters take a rest on the outskirts of Mosul January 30, 2015.  REUTERS/Ari Jalal (IRAQ - Tags: CIVIL UNREST)

Kurdische Peschmerga-Kämpfer machen ausserhalb von Mosul eine Pause. Bild: STRINGER/REUTERS

Die Peschmerga im Irak sind dabei, die Nachschubwege der Dschihadisten nach Mossul abzuschneiden. Spätestens im Mai, so hofft die US-Regierung, kann die Rückeroberung der Stadt beginnen.

In Syrien sind die Erfolge zwar überschaubarer, aber auch dort konnten syrisch-kurdische Kämpfer immerhin im Nordosten die Dschihadisten zurückdrängen.

Doch die Siegesserie gegen den IS ist trügerisch. Obwohl die Islamisten unter Druck stehen, gelingt es ihnen immer noch, Überraschungsangriffe zu starten. Am Montag überfielen die Dschihadisten ein syrisches Dorf und verschleppten die meisten Einwohner, darunter Dutzende Christen.

Und – noch viel wichtiger: Dauerhafte Erfolge hat die internationale Koalition bisher nur dort verzeichnet, wo der IS kaum örtliche Unterstützer hat. In Gebieten, die mehrheitlich nicht sunnitisch-arabisch sind. Wo andere ethnische oder konfessionelle Gruppen die Mehrheit stellen – etwa Kurden, Jesiden oder Schiiten – macht der IS Verluste.

Die syrischen Rebellen kommen als Koalitionspartner kaum in Frage

Eine Ausnahme stellen die Erfolge syrischer Rebellen dar, die den IS aus dem Nordosten Syriens vertrieben haben. Doch das hatte nichts mit der internationalen Koalition zu tun: Die syrischen Rebellen schlugen den IS bereits im Januar 2014 zurück – ein halbes Jahr bevor die internationale Gemeinschaft die Miliz überhaupt als Gefahr erkannte.

Rebel fighters prepare to fire a mortar towards forces loyal to Syria's President Bashar al-Assad who are stationed in Tel Merhi and Deir Adass villages, from the northwestern countryside of Deraa February 18, 2015. Heavy fighting in southern Syria has killed scores of pro-government and insurgent fighters in the past week, a group monitoring Syria's war said on Sunday, forecasting even fiercer violence as the weather clears. Picture taken February 18. REUTERS/Wsam Almokdad (SYRIA - Tags: POLITICS CIVIL UNREST CONFLICT MILITARY TPX IMAGES OF THE DAY)

Syrische Rebellen schlugen vor allem 2014 den IS zurück. Bild: X80002

Auch wenn die USA nun zusammen mit der Türkei syrische Rebellen ausbilden wollen – als Koalitionspartner kommen diese mittlerweile, nach vier Jahren Krieg und Radikalisierung, kaum mehr in Frage.

Viele von ihnen arbeiten inzwischen mit der Nusra-Front zusammen, dem syrischen Qaida-Ableger. Die USA haben die Gruppe im Rahmen ihrer Luftangriffe auf den IS bereits mehrfach bombardiert. Die meisten syrischen Rebellen misstrauen den USA daher zutiefst.

Wie schwierig es wird, den IS in seiner Kernregion zu besiegen, dem irakisch-syrischen Grenzgebiet, in dem sunnitische Stämme das Sagen haben, zeigt sich schon am erbitterten Ringen um die Stadt al-Baghdadi.

Der Ort liegt in der mehrheitlich sunnitischen westirakischen Provinz Anbar – nur zwölf Kilometer vom US-Militärflugplatz Ain al-Asad entfernt, wo 300 US-Militärberater fast 1000 irakische Soldaten ausbilden.

Zuletzt hiess es, die irakischen Soldaten seien dabei, al-Baghdadi zu befreien. Doch in der Provinzstadt haben schon mehrfach die Machtverhältnisse gewechselt. Vor einer Woche konnte der IS nach einem Bericht der US-Zeitung «New York Times» al-Baghdadi wieder unter seine Kontrolle bringen, weil die irakischen Soldaten sich aus unersichtlichen Gründen plötzlich wieder zurückzogen.

Politisch hat die internationale Koalition im Irak wenig erreicht

Dies weckt Erinnerungen an den vergangenen Sommer, als die irakische Armee binnen kürzester Zeit kollabierte und dem IS überhaupt erst seine rasante Ausbreitung ermöglichte.

Viele irakische Soldaten wollten damals nicht einsehen, warum sie für die Regierung in Bagdad kämpfen sollten. Sie nahmen diese als reine Interessenvertretung der irakischen Schiiten wahr, nicht als Regierung aller Iraker. Unter dem neuen Premierminister Haider al-Abadi hat sich dies ein wenig gebessert, aber offenbar noch nicht genug.

Die eigentliche Herausforderung steht der internationalen Koalition aber erst noch bevor: die Rückeroberung Mossuls und des Westiraks. Von der ostsyrischen Provinz Rakka, dem Herz des selbstausgerufenen «Kalifats», spricht derzeit noch gar keiner. Wer die Dschihadisten von dort vertreiben soll, und kann, ist völlig offen.



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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 25.02.2015 13:01
    Highlight Highlight Aus den Stadtgrenzen Kobanis oder Mossul vertrieben zu werden bedeutet für den IS, dass er langfristig auch das Umland nicht halten kann. Jeder Checkpoint ausserhalb von Ortschaften ist ein leichtes Ziel für die US-Bomber. Das ist allerdings weniger tragisch als es sich anhört, denn auch der Verlust Kobanis bedeutet nicht, dass der IS in seinem Kernland, z.B. in Raqqa, gefährdet ist.
    Aber die moralischen Auswirkungen sind durchaus erheblich, da der Nimbus der Unbesiegbarkeit zu einer Verringerung von Rekruten und Unterstützung führen kann.
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