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epa04870562 One of the two defendants, identified only as Ayoub B., 27, (L) covers his face with a file folder as he is led into a courtroom at the Higher Regional Court in Celle, Germany, 03 August 2015. Ayoub B. and a co-defendant are accused of having travelled to Syria via Turkey to join the terror organisation Islamic State (ISIS) in late May 2014. Man on right is an unidentified judicial officer.  EPA/HOLGER HOLLEMANN / POOL

Ayoub B. auf dem Weg zum Prozess. Bild: EPA/DPA POOL

Prozess gegen IS-Kämpfer aus Deutschland: «Du hörst nicht eine Patrone fallen», hatte «Abu Hollywod» versprochen

Wie kommt man in Wolfsburg zum «Islamischen Staat»? Darum drehte sich der zweite Tag des IS-Prozesses in Celle. Dem Angeklagten Ayoub B. zufolge führte sein Weg über einen radikalen Prediger. 

05.08.15, 05:46

Wiebke Ramm, celle / spiegel online



Ein Artikel von

«Ich bin ziemlich aufgeregt», sagt Ayoub B. Reden will er trotzdem. Henning Meier, Vorsitzender Richter des Staatsschutzsenats am Oberlandesgericht Celle, hat viele Fragen an den 27-Jährigen, der im Mai 2014 nach Syrien reiste und sich der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) anschloss. Am Vortag hatte B.s Verteidiger in dessen Namen eine 53-seitige Erklärung verlesen. Nun spricht der schmale junge Mann selbst. Drei Stunden lang.

«Ich habe Angst, dass irgendein Kranker meiner Familie was antut.»

Ayoub B. vor Gericht.

Der Deutsch-Tunesier aus dem niedersächsischen Wolfsburg trägt ein weisses Hemd, schwarze Locken, keinen Bart – er wirkt jungenhaft. Seine Antworten kommen spontan, nur selten verweigert er sie. So will er etwa die Namen weiterer Syrien-Reisender aus Wolfsburg nicht nennen. «Ich habe Angst, dass irgendein Kranker meiner Familie was antut», sagt B.

Ayoub B. und sein Mitangeklagter Ebrahim H. B. müssen sich wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung IS vor Gericht verantworten. B. soll sich laut Anklage an Kämpfen beteiligt haben. Er bestreitet das. Ebrahim H. B. soll für ein Selbstmordattentat in Bagdad vorgesehen gewesen sein. Bei einer Verurteilung drohen den mutmasslichen IS-Aussteigern bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Wie wurde aus B., einem partybegeisterten, unreligiösen Mann mit Hang zu Drogen und Alkohol, ein IS-Anhänger? Richter Meier will es genau wissen. Seinen Sinneswandel, erläutert B., habe ein einzelner Mann ausgelöst: Yassin O.

Yassin O. hat jeden um den Finger gewickelt

O. muss ein charismatischer Mann sein. Im Herbst 2013 sei er plötzlich in der DITIB-Moschee am Hauptbahnhof in Wolfsburg aufgetaucht, sagt der Angeklagte. Schnell habe er eine Gruppe junger Männer um sich geschart und sie mit seiner Zugewandtheit und seiner kompromisslosen Koranauslegung beeindruckt. Ayoub B. betont: «Die DITIB-Moschee hat damit nichts zu tun.» Die Moschee werde vor allem von Türken besucht. O. aber spricht Arabisch und habe nur einem engen Kreis von Vertrauten seine Radikalität offenbart.

epa04870563 The two defendants, only identified as Ebrahim H. B., 26, (3-L) and Ayoub B., 27, (C, behind), who has his face covered behind a file folder, sit behind security glass as their lawyers sit in front of them at the Higher Regional Court in Celle, Germany, 03 August 2015. They are accused of having travelled to Syria via Turkey to join the terror organisation Islamic State (ISIS) in late May 2014. Others are unidentified.  EPA/HOLGER HOLLEMANN / POOL

Der Prozess in Celle. Bild: EPA/DPA POOL

«Ich habe nie zuvor so einen Menschen kennengelernt. Er wickelte jeden um den Finger, ob gross, ob klein. Jeder hat ihn geliebt. Jeder wollte sein bester Kumpel sein.» 

Ayoub B. über «Abu Hollywood»

B. schwärmt noch im Gerichtssaal. «Ich habe nie zuvor so einen Menschen kennengelernt. Er wickelte jeden um den Finger, ob gross, ob klein. Jeder hat ihn geliebt. Jeder wollte sein bester Kumpel sein.» «Abu Hollywood» hätten sie O. genannt, erzählt er.

O. habe B. als seinen Vertrauten auserwählt. Er habe ihm anvertraut, dass er früher zur Terrororganisation al-Qaida gehört habe und dann IS-Mitglied geworden sei. B. fühlte sich geschmeichelt, genoss das Ansehen, das er nun auch in der Gruppe bekam. O. stamme aus Tunesien. Inzwischen sei er Scharia-Richter des IS in der syrischen Provinz Rakka, gab der Angeklagte an. Seine Frau lebe noch immer in Wolfsburg.

O. habe der Gruppe Islamunterricht gegeben. Ein junger Mann nach dem anderen habe schliesslich mit dem Gedanken gespielt, nach Syrien zu reisen. «Die Bombe ist geplatzt in Wolfsburg, als der Erste von uns runter ist», sagt B. Das sei Ende 2013 gewesen. Ein halbes Jahr später sei er selbst diesem Freund gefolgt. Der sei inzwischen tot.

Die Radikalisierung war ein schleichender Vorgang

«Mir wurden keine vier Frauen und schnelle Autos versprochen.»

Ayoub B. vor Gericht

Was hat Ayoub B. am IS gereizt? Warum wollte er dazugehören, wenn er doch sagt, er habe niemals kämpfen wollen? «Mir wurden keine vier Frauen und schnelle Autos versprochen», sagt B. lächelnd. So hatte sein Mitangeklagter Ebrahim H. B. seine Faszination geschildert. Bei B. war es wohl eher Idealismus.

Der IS-Anwerber habe in leuchtenden Farben vom «Islamischen Staat» erzählt: Für den Aufbau des neuen Staates würde jeder gebraucht, nicht nur Kämpfer, auch Elektriker. «Du hörst nicht eine Patrone fallen, Ayoub», habe O. ihm versichert. «Er hat niemals erzählt, dass da Leute geköpft oder versklavt werden und Muslime sich untereinander umbringen.»

«Der Salafist kommt nicht zu dir und sagt: Du musst nach Syrien. Er sagt: Du musst beten.»

Ayoub B.

«Aber Sie wussten, dass da Krieg ist?», hakt Richter Meier nach. «Ja, das war mir klar», sagt B. «Ich wusste auch, was der IS ist.» Trotzdem habe er nie das Ziel gehabt, IS-Kämpfer zu werden. Er habe «humanitäre Hilfe» leisten und den Islam studieren wollen. O. habe ihm gesagt, in Syrien könne er von denen lernen, die auch ihn den Koran gelehrt hätten. «Der Salafist kommt nicht zu dir und sagt: Du musst nach Syrien. Er sagt: Du musst beten.»

Seine Radikalisierung bezeichnet B. als schleichenden Vorgang. Genauer kann er es nicht erklären. Er sagt: «Ich war voll drin und wollte unbedingt da runter.» Aber er betont wieder und wieder, dass er nicht habe kämpfen wollen.

Ende Mai 2014 fuhr B. zusammen mit Ebrahim H. B. los. Schon im August kehrte er zurück nach Deutschland. Traumatisiert, desillusioniert, sagt er. Er habe sofort mit dem Landeskriminalamt Niedersachsen kooperiert, habe Namen anderer genannt, deren Pässe der IS eingezogen habe. «Ich will nicht, dass jemand mit den Pässen nach Deutschland reist und hier Verbrechen begeht», sagt B. vor Gericht.

Am Montag wird der Prozess fortgesetzt.

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