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Der Albtraum von Istanbul

Ein Selbstmordanschlag zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee, die meisten Opfer Touristen – es ist das eingetreten, wovor sich die Türkei seit Langem fürchtet. Das Attentat in Istanbul dürfte das bisher folgenreichste für das Land sein.

Hasnain Kazim, Istanbul



Explosion in Istanbul

Ein Artikel von

Spiegel Online

In der perfiden Logik der Anschlagsplaner war es der perfekte Ort: Die Hagia Sophia, einst eine Kirche, später Moschee und jetzt Museum, sowie die Blaue Moschee liegen dicht beieinander im historischen Stadtteil Sultanahmet. Nahezu jeder Istanbul-Reisende besucht diese Prachtbauten und hält sich auf dem Platz dazwischen auf. Dienstagvormittags ist es hier besonders voll, da Museen wie die Hagia Sophia montags geschlossen haben. Für viele Reisende war dieser Dienstagmorgen daher der ideale Zeitpunkt, hier mit dem Sightseeing in der historischen Altstadt zu beginnen, zumal auch der Topkapi-Palast sowie der Grosse Basar in der Nähe sind.

Eine Explosion riss gegen etwa 10.20 Uhr zehn Menschen in den Tod, 15 weitere wurden verletzt. Die meisten Opfer waren deutsche Touristen - acht, wie der deutsche Aussenminister Frank Walter Steinmeier bestätigte.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte am Mittag, es gebe Erkenntnisse auf einen Terroristen aus Syrien. «Ein Selbstmordattentäter syrischer Herkunft hat diesen Terrorakt verübt», behauptete er in einer Fernsehansprache. Damit gab er die Vermutungen der Sicherheitsbehörden wieder, dass die Terrormiliz «Islamischer Staat» hinter dem Anschlag steckt.

Vor diesem Anschlag hat sich das Land gefürchtet

In Sultanahmet herrschte zunächst Chaos. Menschen sassen geschockt auf Bürgersteigen, andere rannten schreiend in alle Richtungen. Gerüchte über einen möglichen zweiten Attentäter sorgten für weitere Panik. Der Tatort wurde abgeriegelt, Hunderte von Polizisten hielten Touristen und Schaulustige fern. Ein Hubschrauber kreiste über der Hagia Sophia, ein Polizeiteam sicherte die Aufnahmen der vielen Überwachungskameras vor Ort. «Ich bin mir sicher, dass auf einer der Aufnahmen der Anschlag zu sehen ist», sagte ein Polizist. Ob die Bilder veröffentlicht würden, sei aber unklar. Die Regierung verhängte noch am Vormittag eine Nachrichtensperre.

Krankenwagen jagten mit Blaulicht durch die engen Gassen der Altstadt, ebenso Polizeiautos. Für den normalen Verkehr wurden die Strassen gesperrt.

Die Tat ist das Worst-Case-Szenario. Sie trifft die Türkei im Herzen, an einem symbolischen Ort. Der Anschlag ist das, wovor das Land sich seit langem gefürchtet hat. Denn der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des aufstrebenden Landes, und die Branche hat nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch das türkische Militär im November 2015 bereits erheblich gelitten – Russen sind mit Abstand die grösste Gruppe der Touristen in der Türkei.

Jetzt dürften auch Besucher aus anderen Ländern ausbleiben.

Für Istanbul, eine Boomstadt, die es in Sachen Kultur- und Kneipenszene mit Metropolen wie London, Paris oder Berlin aufnehmen kann, dürfte der Anschlag ein schwerer Schlag sein. Die Stadt, Tor zur Türkei und beliebt bei Millionen von Reisenden, verliert von einer Minute auf die andere den Ruf, ein sicheres Reiseziel zu sein.

Bloss weg: Touristen reisen ab

Am Mittag waren in Sultanahmet bereits Menschen zu sehen, die vorzeitig abreisten. «Es ist wunderschön hier», sagte ein Mann aus Stuttgart, der mit seiner Frau eine Woche hier verbringen wollte. «Aber das ist uns dann doch zu riskant, so können wir uns nicht erholen», erklärte er und packte zwei Koffer in ein Taxi. Ein japanisches Paar, das in einem Hotel ganz in der Nähe des Tatorts wohnte, wollte ebenfalls abreisen. «Wir sind erst seit Samstag hier und haben uns noch nicht von dem langen Flug erholt, aber wir fliegen so bald wie möglich wieder zurück», sagte die Frau.

Wenn sich die Vermutung bestätigt, dass der «IS» hinter dem Anschlag steckt, ist es den Dschihadisten erneut gelungen, weltweit Aufmerksamkeit zu erregen. Im August 2015 hatten die Extremisten der Türkei erstmals offen gedroht. In einem Video hatten die Dschihadisten zur «Eroberung Istanbuls» aufgerufen. Der «Teufel Erdogan» habe die Türkei «an die USA verkauft», hiess es darin. Der «IS» rief die Türken in dem Film dazu auf, «gegen die Freunde des Teufels zu kämpfen» und beim Aufbau des Kalifats zu helfen.

Wut auf die türkische Regierung

Grund für die Wut des «IS» auf die türkische Regierung war, dass sie den USA erlaubt hatte, türkische Luftwaffenstützpunkte zum Angriff auf den «IS» zu nutzen. Seit Jahresbeginn startet auch die deutsche Luftwaffe Einsätze vom türkischen Stützpunkt in Incirlik im Kampf gegen den «IS» in Syrien. Die Türkei gilt vielen Islamisten generell als Feind, weil Mustafa Kemal Atatürk 1923 die säkulare Republik Türkei schuf und ein Jahr später auch noch die Institution des Kalifats aufhob.

Der Türkei war andererseits lange Zeit vorgeworfen worden, wegen Erdogans Gegnerschaft zum syrischen Präsidenten Baschar al-Assad heimlich den «IS» zu unterstützen oder doch die Gefahr kleinzureden. Tatsächlich gibt es keine Beweise für eine aktive Unterstützung, doch «IS»-Kämpfer reisten unbehelligt über die Türkei in ihr Kampfgebiet in Syrien und im Irak. In Istanbul und an anderen Orten konnte man «IS»-Anhänger treffen, in Geschäften wurden «IS»-Banner, Aufkleber und sonstige Devotionalien verkauft. Das hat sich in den vergangenen Monaten geändert.

«IS»-Kämpfer kann man aber immer noch in türkischen Städten entlang der Grenze zu Syrien antreffen. In den vergangenen Wochen hat der «IS» in Sanliurfa zwei syrische Journalisten und in Gaziantep einen syrischen Filmemacher getötet. Im vergangenen Jahr hatte der «IS» mehrere Anschläge in der Türkei verübt, die sich vor allem gegen kurdische Aktivisten richteten.

Video: «Angriff auf das Herz der Türkei»

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gipfeligeist 12.01.2016 18:11
    Highlight Highlight 15 Tote inmitten Europa, und niemand wird #prayforIstanbul auf seine Facebook-Seite schreiben
    • WeischDoch 12.01.2016 19:28
      Highlight Highlight Weil alle wissen, dass die Türkei den IS auch unterstützt. Nicht zu vergessen, dass in Istanbul und Konya die schweigeminute für Paris ausgepfiffen wurde. Was erwarten die Türken noch?
      Aber ich wäre auch für ein #pray aber eher #prayfortourists
    • Pisti 12.01.2016 19:37
      Highlight Highlight Niemals werde ich mich solidarisch zeigen, mit einer Diktatur die den IS und andere Dschihadisten unterstüzt. Dazu kommen noch all die Menschenrechtsverletzungen an den Kurden.
    • wtf 12.01.2016 22:08
      Highlight Highlight @WeischDoch

      knapp 20'000 von 75 000 000 Menschen, ehm ja.
      Das Gerechtfertigt deine Aussage.
    Weitere Antworten anzeigen
  • gecko25 12.01.2016 18:01
    Highlight Highlight ein weiterer Grund diese wunderschöne Stadt, geprägt durch Vielfälltigkeit und Toleranz, endlich mal zu besuchen
    • thedarkproject 13.01.2016 01:11
      Highlight Highlight Aber nicht ohni SpliSchu!
  • andy y 12.01.2016 16:58
    Highlight Highlight Die Strategie der IS. Die Wirtschaft einzelner Länder schwächen, Unruhe und Unsicherheit verbreiten und Menschen in Angst versetzen. Unter wachsender Perspektivlosigkeit der Bevölkerung ist es einfacher neue Anhänger zu rekrutieren und Gebiete einzunehmen.
    • Bijouxly 12.01.2016 18:15
      Highlight Highlight so simpel und so wahr!

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