International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Schulen, korrupte Verwaltung: Italiens Süden stirbt

 Den Italienern im Süden des Landes geht es schlecht. «Sogar die Mafia macht sich davon», schreibt der Bestsellerautor Roberto Saviano – denn es gibt «nichts mehr zu melken».

05.08.15, 10:44 05.08.15, 10:56

Hans-Jürgen Schlamp, Rom



epa04848981 (FILE) A file picture dated 18 October 2010 of people passing by piles of uncollected trash in Naples, Italy. Italy must pay a 20-million-euro (21.7-million-dollar) fine for failing to address a garbage crisis in Naples and the surrounding region of Campania, the European Union's Court of Justice ruled 16 July 2015. Naples and Campania region has a chronic problem with illegal landfills and uncontrolled waste tips and has not managed to set up a more sustainable way of disposing of its rubbish, despite repeated EU warnings, starting from 2007.  EPA/CIRO FUSCO *** Local Caption *** 02399526

Bild: CIRO FUSCO/EPA/KEYSTONE

Ein Artikel von

Der Schriftsteller Roberto Saviano ist in Italien ein Superstar. Und er ist Süditaliener, geboren 1979 in Neapel. Als solcher hat der weltweit bekannte Mafia-Experte jetzt einen bösen, offenen Brief an Italiens Regierungschef Matteo Renzi geschrieben.

«Der Süden stirbt», so Savianos «Schmerzensschrei». Premier Renzi habe «die Pflicht», sich endlich um den «Mezzogiorno» zu kümmern. Bislang habe er nichts getan.

Der Adressat, derzeit mit Familie auf Japan-Besuch, war empört, verbat sich «das Geheule über den Süden» und mahnte, «wer es gut meint mit Italien, höre auf, darauf zu schiessen». Nun streitet das Land, wer Recht hat.

Dabei stehen die Fakten eindeutig auf Seiten Savianos. Italiens Süden, das zeigt zum Beispiel die Statistik über das Wirtschaftswachstum, fällt ökonomisch immer weiter zurück. Demnach wuchsen die Volkswirtschaften in der Eurozone zwischen 2000 und 2013 um 37 Prozent. Italien schaffte gerade einmal 20 Prozent.

Tatsächlich aber lag das Wachstum im wirtschaftsstarken Norden von «Bella Italia» deutlich darüber, die Südhälfte brachte es dagegen in 13 Jahren nur auf magere 13 Prozent. Das ist nur etwa die Hälfte des Wachstums im Krisenstaat Griechenland. Dort waren es im gleichen Zeitraum immerhin 24 Prozent.

Jede dritte Familie in Süditalien gilt als arm

Die Folge der wirtschaftlichen Misere ist im Italien südlich von Rom vielerorts zu sehen, vor allem in Sizilien. Verlassene Fabriken, brüchige Brücken, marode Strassen, Abbruch statt Aufbruch. Jede dritte Familie in der Südhälfte des italienischen Stiefels gilt als arm, im Norden ist es jede zehnte.

epa04829614 People enjoy the sun on the waterfront in Naples, Italy, 03 July 2015. The heat wave continues to affect many cities in Europe.  EPA/CESARE ABBATE

Bild: EPA/ANSA

Und der Trend ist ungebrochen:

Wer kann, wandert aus, klagt Saviano in seinem Brandbrief. Vor allem die gut ausgebildeten Jungen ziehen in Scharen weg. Erinnerungen werden geweckt an die Zeiten, in denen Millionen von Süditalienern nach Amerika auswanderten.

«Nichts mehr zu melken»

Oder, später, als VW in Wolfsburg oder die Ford-Werke in Köln Tausende aus Kampanien, Kalabrien und Sizilien anlockten. «Alle, wirklich alle wollen weg», schreibt Saviano. Selbst die Mafia ziehe es in Italiens Norden oder ins Ausland, weil es in ihren Stammlanden «nichts mehr zu melken» gebe. Und viele Italiener, im Parlament und in den Kaffeestuben, sagen: «Ja, so ist es. Eine Schande!»

Bild: CESARE ABBATE/EPA/KEYSTONE

«Alles übertrieben», halten die Sprecher und Anhänger der Renzi-Regierung dagegen. Zwar gebe es im Süden durchaus Probleme, aber man sei ja dabei, Italien zu reformieren und das werde auch dem Süden helfen. Schon im Herbst, kündigte Federica Guidi, Ministerin für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, jetzt überraschend an, werde man ein gigantisches Investitionsprogramm für den «Mezzogiorno» vorlegen, mit mindestens 80 Milliarden Euro. Von einem «Marshall-Plan für den Süden» spricht nun auch ihr Ministerkollege Graziano Delrio, zuständig für den Ausbau der Infrastruktur.

Doch an fehlendem Geld krankt der lahme Süden gar nicht. Er ist vielmehr befallen von einem Krebsgeschwür aus korrupter Bürokratie, korrupten Politikern, und der Mafia, die mit der Politik und der Bürokratie gut im Geschäft ist und nicht selten selbst in den Ämtern und Parlamenten sitzt. Das Elend des Südens ist der Staat, der nicht funktioniert. Bildung, Gesundheitswesen, Verkehr, alles liegt im Argen. Nur Geld gibt es bis zum Abwinken.

Der gewaltige Batzen Geld wurde verballert

So lagen aus EU-Fonds und dem römischen Staatshaushalt für die Jahre 2007 bis 2013 insgesamt 91 Milliarden Euro für die Region bereit. 49.4 Milliarden, also mehr als die Hälfte, wurden gar nicht abgerufen. Man wusste offenbar einfach nicht, was tun damit.

Der Rest, 41.7 Milliarden Euro immerhin, wurde weitgehend verplempert. Statt damit endlich die Eisenbahn- und Autobahnstrecken europäischem Niveau anzupassen oder beispielsweise eine funktionierende digitale Infrastruktur aufzubauen, wurde der gewaltige Batzen Geld in fast einer Million Miniprojekten verballert. Jeder Bürgermeister, jeder Landrat, so scheint es, hatte einen Wunsch frei.

So wurden etwa knapp sechs Millionen für eine Segelregatta vor Neapel spendiert, zehn Millionen regnete es auf ein Theater-Festival in Kampanien, in Apulien wurde für sechs Millionen eine CD mit regionaler Musik bestückt und immer so weiter.

epa04312153 Workers install scaffolding at a part of the Gallery Umberto I in Naples, Italy, 12 July 2014. The crumbling shopping gallery in central Naples was closed to the public on 11 July, days after falling debris from the grand 19th century structure killed a 14-year-old boy. Salvatore Giordano was seriously injured by a ledge that fell from the facade of the Umberto I gallery 05 July while he was walking with friends. He died in hospital 09 July. Naples officials may evict residents after finding six structurally unsound areas at the building. A team of fire fighter had examined the iconic gallery building.  EPA/CESARE ABBATE

Bild: EPA/ANSA

Für die Periode 2014 bis 2020 liegt noch viel mehr Geld für den armen Süden bereit, 84 Milliarden Euro aus EU-Töpfen und 54 Milliarden aus römischen Quellen. Macht zusammen 138 Milliarden Euro.

Ein bisschen davon wurde sogar schon ausgegeben. Etwa für die Strafe, die der italienische Staat nach Brüssel wegen illegaler Subventionen an die – meist norditalienischen – Milchbauern zahlen musste. Oder für ein drei-Milliarden-Steuer-Geschenk fürs Jahr 2015 an überwiegend norditalienische Empfänger.

Doch ein grosser Batzen ist erst einmal blockiert. Und das kam so: Zuständig für die Süd-Milliarden aus den nationalen Fonds war bis zum 2. April Graziano Delrio, Staatssekretär in Matteo Renzis Staatskanzlei. Dann wurde er Infrastruktur-Minister, natürlich ohne Zuständigkeit für die Geldberge. Die blieben in der Staatskanzlei.

Doch dem Delrio-Nachfolger, dem neuen Staatssekretär, wurde die Zuständigkeit bislang nicht übertragen. Dafür fehlte vermutlich die Zeit, denn ein paar Minuten dauert der formale Akt schon. Die Folge: Seit vier Monaten werden Anträge auf die Finanzierung mehr oder weniger sinnvoller Projekte zwar ordentlich gestapelt – aber nicht bearbeitet.

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

Abonniere unseren Daily Newsletter

0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Popularität von italienischer Regierung auf Rekordhoch, Lega legt am meisten zu

Zweienhalb Monate nach ihrem Amtsantritt ist die Popularität der Regierung aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung in Italien auf ein Rekordhoch von 62 Prozent gestiegen. Das zeigt eine Umfrage der römischen Tageszeitung «La Repubblica». Im Juni lag sie noch bei 57 Prozent.

Der parteiunabhängige Premier Giuseppe Conte geniesst gemäss der am Samstag veröffentlichten Umfrage die Zustimmung von 61 Prozent der Italiener. Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini ist bei 60 Prozent der Wähler beliebt, …

Artikel lesen