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Kommentar

Donald Trump: Hört ihm wieder zu

Donald Trump einfach zu ignorieren, ist keine Lösung. Es ist naiv und fahrlässig. Denn er steht für eine Ideologie, der ein grosser Teil der Gesellschaft in den USA folgt.
06.05.2021, 09:1706.05.2021, 10:04
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Die Ruhe ist schön. Sie tut gut. Seit Joe Biden Präsident der Vereinigten Staaten ist, kommen verlässliche Nachrichten aus dem Weissen Haus. Verlässlich, weil sie klar sind und in Schrift und Form einer Demokratie entsprechen. Bidens Politik kritisch sehen, sie nicht gut finden oder hinterfragen ist damit nicht ausgeschlossen und ebenso Teil einer funktionierenden Demokratie.

Ebenso verlässlich werden die sozialen Medien vom Kommunikationsteam Bidens bespielt. Mal ein bisschen lustig, wie mit dem Bild der knienden Bidens neben Ex-Präsident Carter und Frau, mal ein bisschen langweilig. Aber Langeweile ist ein gutes Attribut geworden im politischen Washington und dem Leben vieler Amerikanerinnen und Amerikaner. Und das ist nach vier Jahren Präsident von Donald Trump verständlich.

Biden hat eine neue politische Atmosphäre mit sich gebracht.
Biden hat eine neue politische Atmosphäre mit sich gebracht.
Bild: keystone

Wer möchte schon in einer permanenten Anspannung leben, weil der Präsident jederzeit etwas tun oder twittern kann, das einer Eskalation gleichkommt. Wer möchte schon beschimpft, belogen und belächelt werden. Nach Trumps Präsidentschaft, die die Demokratie in den Vereinigten Staaten an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat, wie immer wieder konstatiert wurde, war es Zeit, durchzuatmen und erleichtert zu sein. Nur haben eben nicht alle aufgeatmet und gefeiert. Donald Trump ist nicht nur eine Person, er steht für eine Ideologie im Land, die sich nicht verschwunden ist. Nur den Faktor Trump zu entfernen, macht Amerika nicht auf einmal zu einem anderen Land. Nichts zeigt das besser als die Entwicklung in Trumps eigener Partei.

Liz Cheney, Tochter des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney und eine der mächtigsten Republikanerinnen im Abgeordnetenhaus, hatte sich im Januar für ein Impeachment-Verfahren gegen Trump ausgesprochen. Ein Affront, so sahen es viele in der Partei. Cheney, die Einfluss und einen grossen Namen hat, hielt sich gerade so im Amt. Nun hat sie erneut öffentlich Trump und seine «big lie», die grosse Lüge von der gestohlenen Wahl kritisiert. Es sei Gift im Blutstrom der Republikanischen Partei, sagte sie laut CNN während einer Konferenz. Trump habe vor dem Sturm aufs Kapitol am 6. Januar eine Linie überschritten, die man nicht überschreiten dürfe.

Wieder wollen sie die Trump-Kräfte in der Partei entmachten. Cheney hält noch dagegen. «Wir Republikaner müssen uns entscheiden, ob wir uns für die Wahrheit und die Treue zur Verfassung entscheiden», schrieb Cheney am Mittwoch in einem Beitrag für die Washington Post. Cheneys Schicksal wird auch zeigen, wie stark der moderate konservative Teil in der Partei noch ist und welche Zukunft die GOP für sich sieht. Trump nannte Cheney am Mittwoch eine «kriegstreiberische Idiotin, die keinen Platz in der Republikanischen Partei hat».

Liz Cheney schreckte nicht davor zurück, Trump zu kritisieren.
Liz Cheney schreckte nicht davor zurück, Trump zu kritisieren.
Bild: keystone

Im US-Bundesstaat Arizona haben die Republikaner derweil noch einmal eine Auszählung der Stimmen der Präsidentschaftswahl im Landkreis um die Hauptstadt Phoenix herum erzwungen. Einen Grund dafür gibt es nicht, diverse Überprüfungen des Ergebnisses nach der Wahl hatten keine Unstimmigkeiten ergeben. Der einzige Anlass für die Neuauszählung ist Trumps «big lie». Das ist der Zustand der Republikanischen Partei, die Trump weiterhin formt und prägt. Und das ist der Zustand eines nicht geringfügigen Teils der amerikanischen Gesellschaft.

Wer in diesen Monaten nach der Wahl durchs Land reist, die liberale Ostküste verlässt und eben genau dort aussteigt, wo im Sprachgebrauch so gern einfach nur «drüber hinweg geflogen wird» – in Georgia, Montana oder Ohio –, der hört, was durch ein Trump-freies Twitter in gewissen Kreisen verstummt ist.  

Die Angst davor, an den Rand gedrängt zu werden

Den Unwillen, an den Wahlsieg von Joe Biden zu glauben. Die Weigerung, die Corona-Pandemie oder den Klimawandel als das anzuerkennen, was es ist. Die Sorge vor zu viel Staat. Die Ungewissheit vor allem Fremden. Die Angst davor, an den Rand gedrängt zu werden in diesem Amerika. Nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern im Leben. Nur, weil diejenigen, die die Lügen Trumps entlarvt haben und für eine freie, gleichberechtigte und diverse Gesellschaft sind, das unverständlich und unmöglich finden, verschwinden diese Menschen und ihre Ansichten nicht. Sie sind ein Teil der Vereinigten Staaten und die strategische Ausrichtung der Republikaner zeigt, dass es kein unerheblicher ist. Die Entwicklung der Konservativen ist dabei bedenklich, denn sie unterstützen damit nicht nur die Lüge vom Wahlbetrug, sondern treiben die so fatale Spaltung des Landes weiter voran.

Auf der anderen Seite des ideologischen Grabens muss niemand jeden Blogeintrag von Donald Trump lesen. Nicht jede Mail von ihm darf automatisch zur Schlagzeile werden, nur weil es vermeintlich Quote und Reichweite bringt. Sollte Trump auf Facebook irgendwann doch wieder zugelassen werden, muss ihm dort niemand folgen. Und Netzwerke und Plattformen wie Facebook müssen sich Regeln geben, wie sie mit verfassungswidrigen und menschenverachtenden Äusserungen umgehen. Doch einfach Augen und Ohren nur fest genug zuzuhalten, um gar nichts mehr mitzubekommen von dieser Welt, ist nicht nur naiv, es ist auch fahrlässig.

Jetzt auf

Die Präsidentschaftswahl hat gezeigt, dass eine Mehrheit der Menschen ein anderes Land möchte als das, das Trump geprägt hat. Und Joe Biden ist bislang entschlossen, dynamisch, verlässlich und damit der Präsident, den das Land gerade braucht. Doch es war auch knapp für Biden. Und das nicht nur aufgrund des Wahlsystems. Sieben Millionen Stimmen Unterschied sind eindeutig und unanfechtbar, aber nicht überwältigend.

Bidens Popularitätswerte sind nicht überragend, er überzeugt nicht mal eben die mehr als 74 Millionen Trump-Wähler, jetzt ihn und seine Politik zu unterstützen. Wohl niemand kann das gerade schaffen. Barack Obama hatte nach seinem Amtsantritt 2009 höhere Zustimmungswerte als Biden. Obwohl Obama aus heutiger Perspektive das viel grössere Feindbild darstellt. Auch das zeigt, wie sehr sich Demokraten wie Republikaner in ihre jeweilige Ecke zurückgezogen haben.

Es gibt keine einfache Lösung, wie das alles zu überwinden ist und die so ersehnte aber weit entfernte Heilung im Land beginnen kann. Die Vereinigten Staaten werden nie wieder zurückkehren können zu ihrem von jeher überzeichneten Selbstbild der besten Demokratie und freiesten Gesellschaft der Welt. Das heisst aber nicht, dass Dinge nicht besser werden können, Lügen nicht entlarvt und Menschen grundsätzlich nicht mehr überzeugt werden können. Doch dazu gehört auch, Donald Trump und diejenigen, die sich durch ihn verstanden fühlen, nicht einfach zu ignorieren.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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Die Amtseinführung von Joe Biden

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Die Amtseinführung von Joe Biden
quelle: keystone / saul loeb
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