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Keine Angst, der will nur dealen

Mit seiner Antrittsrede versetzt Donald Trump den Westen in Angst. Aber wenn Europa auf den neuen US-Präsidenten trotzig und panisch reagiert, tut es genau, was er bezweckt.

21.01.17, 14:57 21.01.17, 16:53

Veit Medick, Washington



President Donald Trump delivers his speech at the inauguration ceremonies as the 45th president of the United States on the West front of the U.S. Capitol in Washington, U.S., January 20, 2017. REUTERS/Rick Wilking

Trump redet, die Welt hört zu. Bild: RICK WILKING/REUTERS

Ein Artikel von

Am Vorabend seiner Inauguration besuchte Donald Trump in Washington DC das Denkmal von Abraham Lincoln. Wie so vieles, so war auch dieses symbolträchtige Bauwerk für ihn nichts als Kulisse. Er stellte sich kurz in den Schatten von Lincolns Statue, die Biker spielten und ein paar Countrymusiker und als alles vorbei war, stieg hinter dem Denkmal ein grosses Feuerwerk auf.

Es wäre schön gewesen, hätte Donald Trump sich von Abraham Lincoln wirklich inspirieren lassen. Von ihm hätte er lernen können, wie sich auch in finstersten Stunden eine Vision von Freiheit und Versöhnung entwerfen lässt. Lincolns Leitbild einer Regierung, die vom Volk geführt und für das Volk gemacht ist, durchströmt bis heute die amerikanische DNA. Auch Trump brachte in seiner Rede ein paar Mal das Wort «Volk» unter, aber allein deshalb von einer Anlehnung an den Urvater der amerikanischen Nation zu sprechen, wäre ein bisschen viel. Trump war am Freitag eher Darwin als Lincoln.

Wohl noch nie hatte die Antrittsrede eines US-Präsidenten einen radikaleren und martialischeren Ton. Amerika, einzig und allein. Härte, nichts anderes zählt. Das war der Kern der Botschaft. Trump gab sich als ultranationalistischer Führer, der seinem Land «den totalen Gehorsam» verspricht, die politische Elite verachtet und auf dem Planeten wieder das Recht des Stärkeren durchsetzen will. Wir haben lange genug geblutet. Jetzt sind mal die anderen dran – so lautete Trumps Grussbotschaft.

So erschreckend und beunruhigend der Auftritt war, er war auch ein Lehrbeispiel dafür, wie Trump funktioniert. Sein gesamtes Politikverständnis basiert auf Einschüchterung und Eskalation, und der Grad seiner Aggressivität bemisst sich stets an den Dimensionen des Resonanzraums. Je grösser das Publikum, desto härter gibt er sich. Und je härter er sich gibt, desto grösser der Effekt.

Im Video: Die Rede

Die Inauguration war in dieser Hinsicht die Klimax der trumpschen Kampagne. Nie haben ihm mehr Menschen zugeschaut. Und anstatt in seinem Vorstellungsgespräch ein paar nette Worte von sich zu geben, spielt er Amerikas Rächer und versetzt die Welt in einen Schockzustand. Noch vor jeder konkreten politischen Massnahme herrscht nun allseits Angst. Trump hat mit einer einzigen Rede alle Freunde und Feinde dort, wo er sie haben will: im Erdloch.

Ja, man kann Trumps Auftritt als weiteren Beleg seiner Unberechenbarkeit sehen. Aber die Ironie ist, dass in dieser Unberechenbarkeit eine grosse Berechenbarkeit liegt. Der US-Präsident agiert stets so, wie niemand es für möglich hält. Wenn es etwas gibt, das einem ansatzweise die Sorge vor Trump nehmen kann, dann vielleicht das: Er geht in der Regel über die rote Ampel. Gewöhnen wir uns endlich dran.

Bald gibt's mehr davon: Die besten Tweets von Trump

Für Europa stellen sich in der Ära Trump viele Fragen, vor allem jene, wie es auf den neuen US-Präsidenten reagieren soll. Das ist eine schwierige Aufgabe, aber jene Ansätze, die in Brüssel und Berlin derzeit kursieren, wirken nicht sehr vielversprechend. Europa, so heisst es, müsse sein Schicksal nun «in die eigene Hand» nehmen – ganz so, als sei Europa bislang ein kleines Schisserchen und die USA die alleinigen Erziehungsberechtigten gewesen, von denen es sich fortan zu emanzipieren gilt.

Wer das Mantra verwendet, muss es auch mit konkreter Politik füllen. Das «Schicksal in die eigene Hand zu nehmen» hiesse, von selbst die transatlantische Partnerschaft infrage zu stellen, von selbst eine europäische Armee aufzubauen, von selbst an der NATO herumzureformieren und amerikanische Importe womöglich mit Zöllen zu versehen. Diese Vorstellung basiert auf dem Wunsch, es dem Milliardär heimzuzahlen. Aber agierten wir so, würden wir in vorauseilendem Gehorsam Trumps Arbeit erledigen, noch bevor der US-Präsident wirklich angefangen hat zu arbeiten. Trump liebt es zu verhandeln. Der aus seiner Sicht beste Deal wäre, wenn alle schon ihre Verhandlungsmasse aufgäben, noch bevor das erste Gespräch geführt wurde.

Trump stellt dem Westen eine Falle. Trotz und Panik helfen nicht weiter. Mehr Sinn macht es, Trump nüchtern und selbstbewusst gegenüberzutreten – und auf seine ersten Züge zu warten. Denn lässt man seine Drohgebärden mal beiseite, so wird klar, dass er selbst es eigentlich ist, der vom Rest der Welt etwas will: mehr Geld für Verteidigung, neue Regeln für den Handel, neue Allianzen und Partnerschaften, Veränderungen beim Klimavertrag und dem iranischen Atomabkommen. Ganz alleine wird auch er – der grosse Zen-Meister – Schwierigkeiten haben, auf diesen Feldern Erfolge zu erzielen. Wer fordert, muss ein Angebot vorlegen.

Lassen wir ihn doch erst mal kommen.

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52Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Wasmeinschdenndu? 21.01.2017 22:18
    Highlight Verstehe diese Leute nicht, die einen demokratischen Entscheid nicht akzeptieren können. Trump wurde nun mal gewählt, ich gehe auch nicht auf fie Strasse demonstrieren weil mir die Wahl eine Bundesrates oder so nicht gefällt...
    5 7 Melden
    • Wasmeinschdenndu? 22.01.2017 15:31
      Highlight Mimimi In der Schweiz wird derBundesrat auch nicht direkt vom Volk gewählt, gut möglich, dass 70% der Bevölkerung andere Leute wählen und trotzdem ist das demokratisch!
      1 0 Melden
  • meglo 21.01.2017 20:21
    Highlight Es ist schon lustig zu beobachten: Kaum werden Putin oder Trump in einem Artikel kritische beurteilt, melden sich mit Vehemenz die Putin- bzw. die Trump-Versteher. Bemerkenswert ist auch, es sind meist die gleichen Leute.
    17 6 Melden
    • Maett 21.01.2017 20:41
      Highlight @meglo: das liegt daran, dass in unserem weltbeeinflussenden Troll-Center in St. Petersburg die Alarmglocken angehen, wenn die richtigen Tags gesetzt werden, worauf wir unbedingt etwas schreiben müssen, damit wir nicht im Gulag landen.

      Oder es gibt Kommentierende die zu einzelnen Themen Präferenzen haben, und sich über die seit Jahren relativ - kreativen - Medienberichterstattung der "Medien der Achse des Guten" nerven.

      Ich frage mich, weshalb es manchen so schwerfällt zu akzeptieren, dass nicht alle ihrer Meinung sind, und die auch nicht ändern, wenn es Gegenwind in Form von Blitzen hagelt?
      8 7 Melden
  • Menel 21.01.2017 19:29
    Highlight Das Intro war ja schon mal vielversprechend, bin echt auf den Trump-Film gespannt...und auf die überraschten Gesichter des amerikanischen Volkes, wenn es anfängt zu bluten...und das von Trump, wenn niemand mehr mit ihm spielen möchte und die anderen Kinder untereinander neue Freundschaften schliessen...das gibt eine Gaudi im Sandkasten 😂

    *popcornschnapp*
    18 2 Melden
    • Menel 21.01.2017 22:11
      Highlight @poor poet, dann ist dem halt so. Wenigstens konnte ich einen Teil meines Lebens in der friedlichsten Phase der Menschheit verbringen. Hielt mich immer für besonders, weil ich in meiner Familie zu ersten Generation gehörte, die nie in einen Krieg involviert war....aber das steht wohl nun auf der Kippe. Dh. wohl, zurück dahin, wo die Menschheit ihre letzten Jahrtausende schon verbracht hat. Die Zeit ist wohl noch nicht so reif, dass wir ohne Katastrophe uns weiter entwickeln können. Immer das gleiche Spiel. Immer und immer wieder. Nur die Waffen ändern sich.
      9 1 Melden
    • Menel 23.01.2017 00:41
      Highlight Ob es mir steht oder nicht, es ist mein Mittel gegen Resignation...
      0 0 Melden
  • Zeit_Genosse 21.01.2017 17:24
    Highlight Spätestens wenn er in den politische Alltag eintaucht, wird er von vielen ungeliebten Details vereinnahmt, die er erstmal delegiert, bis er begreift, dass er damit an Macht verliert. Dann wird er das Heft wieder zurückwollen, verärgert sein Stab aus anderen Milliardären. Dann wird ihm die Politik zu langweilig, weil er gar nicht viel bewirken kann und freut sich, dass er nur 4 Jahre muss. Diese verbringt er mit dem optimieren seiner Firmen über die Familie und wird noch viel reicher. Alles erreicht und doch nicht viel gewonnen zu haben verbittert. Oder es kommt ganz anders.
    24 3 Melden
  • Firefly 21.01.2017 16:58
    Highlight Genau, lassen wir ihn mal walten, meldet sich jemand freiwilig das Chaos nachher wieder aufzuräumen?
    Kaum hat Obama einigermassen das Chaos seines Vorgängers aufgeräumt, für alle Amerikaner eine Krankenversicherung eingeführt (Amerika first könnte man sagen), die Wirschaft angekurbelt die Arbeitslosenzahlen gesenkt, kommt der nächste Chaot und tut so als wäre er der Auserwählte.
    38 9 Melden
    • Domino 21.01.2017 18:42
      Highlight Welches Chaos aufgeräumt? Kein Tag ohne Krieg? Staatsschulden verdoppelt? Und auch das mit den Arbeitslosenzahlen ist eine Lüge, da er die Berechnungsmethoden geändert hat...
      11 11 Melden
  • SemperFi 21.01.2017 16:49
    Highlight Allen Trump-Verstehern sei mal die beiliegende Lektüre empfohlen, in der unter anderem der Ghostwriter vom Trump schildert, was er so mit ihm erlebt hat. Man darf gespannt sein, was uns in den nächsten Jahren erwartet.
    https://www.welt.de/politik/ausland/article157225862/Er-koennte-zum-Ende-der-Zivilisation-fuehren.html
    18 11 Melden
    • Herbert Anneler 21.01.2017 18:03
      Highlight Bin beeindruckt. Lassen wir uns nicht einschüchtern, sondern bieten wir ihm die Stirn, indem wir unsere Kräfte büdeln.
      13 5 Melden
  • Chrigi-B 21.01.2017 16:48
    Highlight Also die Medien haben Angst.
    17 9 Melden
  • teufelchen7 21.01.2017 16:09
    Highlight genau.... lassen wir ihn erst mal die arbeit antreten. er ist nicht allmächtig! so wie viele medien schreiben, könnte man meinen, die welt gehe jetzt unter! er wird bestimmt nicht mit allem durch bekommen. also warum verbreitet die medien soviel panik?
    25 6 Melden
    • fabsli 21.01.2017 16:51
      Highlight Mit allem wird er nicht durchkommen, aber mit vielem. Das reicht um besorgt zu sein.
      12 8 Melden
    • phreko 21.01.2017 16:57
      Highlight Wer soll ihr denn aufhalten? Die republikanische Partei? Oder doch die Chinesen mit Kriegsschiffen?
      7 8 Melden
    • Domino 21.01.2017 18:51
      Highlight Die amerikanischen Medien haben langsam geckeckt das Trump jetzt Präsident ist und ihre negative Berichterstattung auf ein normales und vertretbares Mass gesenkt.
      Die europäischen Medien werden da viel mehr Mühe haben und sich die Spirale raufhetzen so das sie ihre Meinung kaum mehr revidieren können.
      5 6 Melden
    • teufelchen7 21.01.2017 19:36
      Highlight @phreko, trump (oder USA) ist kein "gott"! ihr stellt ihn so dar, als sei er ein bösewicht, dass kein normaler mensch besiegen kann! fairerweise muss er doch zuerst arbeiten, bis wir ihn sachlich kritisieren können. zudem wäre trump nicht der erste, andere presidenten haben auch schon mist gebaut! zuschauen und abwarten
      ...
      4 2 Melden
  • Intellektueller 21.01.2017 15:18
    Highlight Immer wieder erstaunlich, wie gut man über Präsident Trump Bescheid wissen kann, ohne ihm je begegnet zu sein.
    54 60 Melden
    • lilas 21.01.2017 15:39
      Highlight Was hilft eine Begegnung beim Bescheid wissen?
      36 48 Melden
    • Snaggy 21.01.2017 16:24
      Highlight Man muss ja auch alle globalen Player persönlich getroffen haben um sich eine Meinung über sie bilden zu können... aha.
      24 6 Melden
    • ujay 21.01.2017 16:44
      Highlight The Donald hat sich schon genug öffentlich als Grossmaul profiliert. Sein "Palmares" besteht hauptsächlich auf Geldvernichtung seines Vaters Vermögen....also bitte;wie kann man über diese Figur nicht Bescheid wissen auch ohne ihm persönlich begegnet zu sein. Intellektueller erweist seinem Namen widermal alle Ehren.
      11 6 Melden
    • SemperFi 21.01.2017 16:52
      Highlight @Intellektueller: Und Sie kennen ihn natürlich gut genug, um zu wissen, dass er uns nur Gutes bringen wird?
      11 7 Melden
    • meglo 21.01.2017 16:58
      Highlight Ich muss doch Trump nie begegnet sein, um seine politischen Ansichten zumindest fragwürdig zu finden. Seine Reden vor tausenden von Zuschauern, lassen doch in dieser Hinsicht durchaus plausible Schlüsse zu. Muss ich dies einem Intellektuellen tatsächlich erklären.
      18 4 Melden

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