«Wie viele hast du getötet?» – Zu Besuch beim Militärtraining für ukrainische Zivilisten
Wir fahren zu einem geheim gehaltenen Ort. Mit mir im Auto sitzen drei junge Ukrainer und eine ganze Menge Militärausrüstung: khakifarbene Kleidung, kugelsichere Weste, Erste-Hilfe-Material ... Worauf habe ich mich da eingelassen?
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Ich frage Maxym, unseren Fahrer, ob er Soldat sei. Seine knappe Antwort:
An diesem regnerischen Junimorgen darf ich an einem Ausbildungstag von One over Ten teilnehmen. Die vollständig ehrenamtlich getragene Organisation bietet Zivilpersonen Einführungen in verschiedene militärische Bereiche an.
Im Auto wird auf Ukrainisch geredet und gelacht. Die drei sind sympathisch und stellen mir einige Fragen, während wir auf ein sandiges Brachgelände fahren. Rund 50 Personen sind zum Training gekommen. Etwa ein Drittel sind Frauen, und ich bin vermutlich der Älteste. Die meisten tragen Militärkleidung.
Was bedeutet One over Ten? Der Gründer der Organisation, Vitalii Alekseev, fasst es so zusammen:
Alle stehen in einer Reihe, die Fahnen wehen. Wir halten eine Schweigeminute für die an der Front gefallenen Helden ab. Dann geht es los.
Maria ist 22 Jahre alt und seit einem Jahr ehrenamtlich für die Organisation tätig. Sie koordiniert die verschiedenen Gruppen. Vor etwas mehr als einem Jahr verlor die Sprachstudentin mit den langen schwarzen Haaren und der scheinbar unerschöpflichen Energie die Liebe ihres Lebens. An der Front.
Zur Gruppe gehören auch einige Soldaten mit sehr jungen Gesichtern. Sie sind kaum 20 oder 25 Jahre alt und wirken ziemlich gut gelaunt. Da die militärische Grundausbildung teilweise weniger als drei Monate dauert, können sich die Soldaten hier lebenswichtige Reflexe aneignen – in einer deutlich entspannteren Atmosphäre als in einer Militärschule.
Ich pfeife aus dem letzten Loch
Es regnet. Wie die anderen Teilnehmer lasse ich mich davon nicht beeindrucken. Maria, die sehr gut Englisch spricht, übernimmt das Aufwärmen meiner Gruppe. Ich starte in einen Hindernisparcours. Auf den Boden, die Knie in den Schlamm. Daneben sind sogenannte Fuchslöcher zu sehen, in denen Soldaten Schutz vor Drohnen und Explosionen suchen. Ich klettere an einem Seil hoch, laufe im Zickzack und durch Reifen.
Doch ich kämpfe mich nur mit Mühe durch den Parcours und pfeife mehrmals aus dem letzten Loch. «Los, Joel!», ruft meine Trainerin des Tages, die sich gerade noch davon abhalten kann, sich über mich lustig zu machen.
Als ich wieder zu Atem gekommen bin, fällt mir eine junge Frau mit kindlichem Gesicht auf, die dem Kurs sehr aufmerksam folgt. Während des Aufwärmens fällt ihre Kapuze herunter, und auf ihrem Kopf kommt ein Ballerina-Dutt zum Vorschein. Mit ihren grossen blauen Augen sieht Polina eher wie eine Tänzerin als wie eine Soldatin aus. Auf Ukrainisch sagt sie:
Die eigentliche Ausbildung beginnt mit dem Schiessen. Unsere Gruppe wird diesmal von der 24-jährigen Katya geleitet. Polina erzählt auf Ukrainisch, dass sie tatsächlich Tänzerin ist. Seit zehn Jahren betreibt sie Gesellschaftstanz, seit zwei Jahren zusätzlich Boxen.
Doch auch beim Schiessen ist die Jugendliche bereits sehr erfahren:
Polina zeigt uns Bilder von sich in einem Militärlager, mit verschiedenen Waffen in den Händen. Die Jugendliche erzählt mir:
Das passt gut, denn wir beginnen mit dem Schiessen mit einem Präzisionsgewehr. Wir befinden uns auf einem der Sandplätze des Geländes. Nach einigen Erklärungen versetze ich mich in den meditativen Zustand, den diese Art des Schiessens erfordert.
Bei meinem zweiten Versuch treffe ich nahe an die Zielscheibe. Etwas gönnerhaft frage ich Polina, ob sie ihr Ziel getroffen habe. «Natürlich», antwortet sie.
Gleich nebenan versuchen zwei Männer, die noch keine 30 Jahre alt sind, eine offenbar klemmende Maschinenpistole zum Laufen zu bringen. Währenddessen zeigt uns Polina ein Foto von sich, auf dem sie wie in «Rambo III» mit Munition um den Oberkörper posiert.
Selfie mit einem Kriegshelden
Auf dem Gelände nebenan dreht sich alles um das AR-15, das Sturmgewehr von Colt, das von ukrainischen Soldaten und zahlreichen militärischen Einheiten und Polizeikorps weltweit eingesetzt wird.
Maxym, mein Fahrer, hat inzwischen den Rest der Schätze aus seinem Kofferraum angelegt. Er trägt eine komplette Militärausrüstung, sein Sturmgewehr mit elektronischem Visier, eine kugelsichere Weste und zahlreiche rosafarbene Magazine. Auf dem Kopf trägt er einen Fischerhut mit kleinen halluzinogenen Pilzen.
Maxym bietet mir an, sein AR-15 zu benutzen. Eine besondere Zieltechnik braucht es nicht, man muss lediglich auf den roten Punkt im Visier schauen. Trotz des Regens, der grosse Tropfen auf dem Visier hinterlässt, muss ich nur die richtige Position einnehmen und den Abzug drücken: TA-TA-TA. Sechs von zehn, davon fünf hintereinander.
Vohon, der junge Mann, der zuvor die Maschinenpistole nicht reparieren konnte, ist zu uns gestossen. Er macht ein Foto nach dem anderen mit den Mitgliedern der Gruppe. Jemand sagt mir:
Auch ich stelle mich für ein Foto neben ihn, frage ihn: «Was hast du eigentlich getan, um diese Auszeichnung zu erhalten?» Seine Antwort enttäuscht mich nicht.
Im Sommer 2025 hielt der junge Soldat mit seinen Kameraden in der Region Siwersk 68 Tage lang einer Belagerung durch russische Soldaten stand, die sie eingekreist hatten. Danach rettete Vohon sieben Menschen das Leben und konnte schliesslich selbst entkommen.
Ich schaue dem ehemaligen Soldaten in die Augen, erkenne darin aber keine Melancholie. Vohon holt sein Handy hervor: «Willst du sehen?» Dann zeigt er mir ein surreales Video: Darauf ist ein Nahkampf zwischen Ukrainern in einem Fuchsloch und russischen Soldaten zu sehen, die von allen Seiten angreifen.
In einem dieser Löcher verschanzt, wehren seine Kameraden Angriffe von Soldaten ab, die nur wenige Meter entfernt sind. Alles wurde von einer Drohne gefilmt und geschieht in rasender Geschwindigkeit.
Vohon erzählt mir, dass sich seine Einheit während einer Schlacht hinter dem Körper eines getöteten Kameraden in Deckung brachte. Der wahre Held sei dieser Mann gewesen, der sein Leben für die sieben anderen gegeben habe, sagt er.
«Wie viele Menschen hast du getötet?»
Der Wind frischt auf, ein Gewitter zieht auf. Deshalb können draussen keine Drohnen fliegen. Ich nehme trotzdem am Unterricht teil, der vollständig auf Ukrainisch stattfindet. Es wird ziemlich technisch. Man spürt die Begeisterung des Ausbildners, eines kräftigen ehemaligen Soldaten, der erklärt, wie die Geräte mithilfe von Antennensystemen grosse Distanzen zurücklegen können.
Etwas später kann ich mich unter vier Augen mit ihm unterhalten. Bei einem Kaffee zeigt er mir das Video, das er während seines Kurses gezeigt hat. Es ist eine Zusammenstellung seiner «Kills»: all jener Male, bei denen seine Drohnen Menschen oder Fahrzeuge des Gegners getroffen und ausgeschaltet haben. Ich frage ihn:
Milana, 20 Jahre alt, hört sehr aufmerksam zu. Die 1,86 Meter grosse ehemalige Profi-Tennisspielerin will alles lernen.
Für das Steuern von Drohnen gibt es eine Online-Zertifizierung, die Milana absolviert hat. Die Idee ist immer dieselbe: möglichst viel Wissen sammeln und lernen, bevor sie sich verpflichtet – und vielleicht einer Funktion zugeteilt wird, in der das Risiko für ihr Leben geringer ist. Milana musste ihre Sportkarriere wegen einer Verletzung beenden und widmet sich nun verschiedenen Ausbildungskursen im Land. In einigen Jahren will sie der Armee beitreten.
Ein furchteinflössender Tiger
Schliesslich hagelt es einige Minuten lang. Wir flüchten in einen spartanisch eingerichteten Raum, in dem immerhin ein Holzfeuer gemacht werden kann. Dort treffe ich Oksana. Eine kleine Frau mit durchdringenden blauen Augen. Sie trägt eine Mütze, aber keine Militärausrüstung. Die Informatikerin, die inzwischen im Bereich künstliche Intelligenz arbeitet, ist hier, um eine Welt kennenzulernen, über die sie kaum etwas weiss. Oksana erzählt mir:
Die Start-up-Leiterin lächelt:
Oksana stammt aus Charkiw, einer Stadt im Nordosten des Landes, die deutlich näher an der Front liegt. Als der Krieg begann, zog sie lediglich nach Kiew. Das Land zu verlassen, zog sie nie in Betracht.
Während draussen der Sturm tobt und einige Freiwillige hinter wegfliegenden Zelten herrennen, nehme ich am Kurs über Antipersonenminen teil. Etwas grob zusammengefasst: Diese Dinger sind eine üble Sache. Ihr Zweck ist einfach: möglichst grossen Schaden anzurichten.
Sergii leitet den Kurs. Er zeigt uns, wie diese Waffen Technologie nutzen, um tödlich zu sein – aber auch Täuschung. Unter den ernsten Blicken der Teilnehmer werden die Minen von Hand zu Hand gereicht. Sergii erklärt:
Eine der furchteinflössendsten ist die OZM-72, eine springende Splittermine. Wird sie ausgelöst, schleudert sie eine Ladung auf Körperhöhe nach oben und explodiert anschliessend in Tausende Metallkugeln, die in einem grossen Umkreis Verletzungen verursachen.
Am beklemmendsten wird es, als Sergii zeigt, mit welchen Tricks Minen versteckt werden. Es handelt sich um Nachbildungen, die sich an Funden aus dem Einsatzgebiet orientieren. So gibt es etwa Minen in einer iPhone-Verpackung, in einem Bündel falscher Dollarnoten und sogar in einem Plüsch-Tiger aus «Winnie Puuh».
Lernen, Leben zu retten
Für Katya, die Leiterin meiner Gruppe, ist der Weg vorgezeichnet. Die 24-Jährige will unbedingt zur Armee, muss sich aber seit Beginn des Krieges gedulden. Die sportliche Rothaarige wartete zunächst, bis sie ihre medizinische Ausbildung auf Zypern abgeschlossen hatte, bevor sie 2025 in die Ukraine zurückkehrte.
Bei One over Ten eignet sie sich Fähigkeiten und Reflexe an, mit denen sie ihr Profil verbessern kann:
Nun ist es Zeit für die Station zur taktischen Medizin. Diesen Teil der Ausbildung habe ich bereits einmal absolviert. Dabei geht es darum, sich für schwerste Verletzungen die richtigen Notfallreflexe anzueignen. Damals hatte Maria mir die Anweisungen gegeben. Jetzt muss ich sie umsetzen.
Auf dem Gelände rennen wir, werfen uns auf den Boden und legen uns anschliessend in weniger als 30 Sekunden einen Tourniquet an – dabei zählt jede Sekunde. Zhenia und «Doc», ein Arzt und Soldat, erinnern an die wichtigsten Punkte beim Anlegen eines Tourniquets.
Maria spielt meine Verletzte. Doc lässt einen Knallkörper explodieren, um eine Granate zu simulieren. Ich werfe mich zu Boden, während die junge Frau so tut, als sei sie am Bein getroffen worden. Sie beginnt zu schreien:
Ich renne zu ihr. Ich drehe die Verletzte auf die Seite, hebe ihr Bein an und lege mit einer schnellen, entschlossenen Bewegung das Tourniquet an.
Mit einem gewissen Schalk sorge ich dafür, dass ich es so fest anziehe, dass Maria vor Schmerz aufschreit. «Sieht so aus, als wäre es jetzt gut», sage ich. Meine Ausbildnerin ist gleichzeitig stolz auf mich und hasst mich dafür. Aber egal: Ich habe verhindert, dass sie verblutet.
Natürlich bin ich durch einen einzigen Tag nicht zum Soldaten geworden. Und ich finde es keineswegs unterhaltsam, zu schiessen, um zu töten, oder Kameraden mit abgerissenen Gliedmassen zu versorgen. Doch das Training von One over Ten schafft es, den Kampf etwas greifbarer zu machen, indem man selbst einen Schritt in diese Welt setzt. Es vermittelt Zivilpersonen lebenswichtige Fähigkeiten, die sich angesichts der Gewalt des Krieges mitunter überfordert fühlen.
Da ich mich regelmässig in der Ukraine aufhalte, könnte mir das gewonnene Vertrauen auch als Zivilist helfen, falls – wie es immer häufiger geschieht – eine Rakete oder eine Drohne in meiner Nähe einschlagen sollte. Allein dafür hat es sich gelohnt, einen Tag lang «Krieg zu spielen».
