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Facebook-Whistleblowerin: Das Geschäft mit der sozialen Abhängigkeit

Die Whistleblowerin Frances Haugen sagt vor US-Senatoren über eine Facebook-Welt aus, die Profit über alles stellt. Das eint selbst Demokraten und Republikaner.
06.10.2021, 01:0206.10.2021, 09:26
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Der Marlboro-Mann ritt noch als einsamer Held mit Zigarette im Mundwinkel durch Weitwinkelwerbefilme, als schon lange bewiesen war, welchen gesundheitlichen Schaden Nikotin anrichtet. Die Tabakindustrie hielt an diesem gewinnbringenden Image fest,  bis die Politik regulierend eingriff. Ein langer und mühsamer Prozess. Zumal in den Vereinigten Staaten, wo Regulierung in manchen Kreisen als übergriffige Einmischung der Regierung wahrgenommen wird.

Wegen gesundheitlichen Schäden beschloss die Regierung in die Tabakindustrie einzugreifen.
Wegen gesundheitlichen Schäden beschloss die Regierung in die Tabakindustrie einzugreifen.Bild: shutterstock

Facebooks Marlboro-Mann ist die Grossmutter, die sich mit der Enkelin in Übersee vernetzen kann und der Kleinunternehmer, der dank des Tech-Unternehmens die Chance hat, seine Miete zu bezahlen. So wenig wie die Zigarettenfirmen Bilder von Krebslungen auch nur in der Nähe ihrer Produkte sehen will, möchte Facebook hören, was die Whistleblowerin Frances Haugen, eine ehemalige Facebook-Angestellte, dem Wall Street Journal, dem US-Sender CBS und nun einem Ausschuss des Senats in Washington D.C. berichtet hat. Nicht, dass alles davon komplett neu wäre. Doch Haugen kann von internen Abläufen berichten und hat Dokumente aus dem Unternehmen, um ihre Kritik zu belegen.

Wie damals in der Zigarettenindustrie

Die Zigarettenindustrie war für die Senatoren wie für Haugen ein dankbarer Vergleich. «Als wir herausgefunden haben, dass die Tabakindustrie den Schaden verschleierte, den sie verursachte, hat die Regierung gehandelt», sagte Haugen, die zu Beginn der mehr als dreistündigen Anhörung angespannt wirkte, aber präzise und souverän auf die Fragen der Politikerinnen und Politiker antwortete.

Haugen wünscht sich, dass Facebook mehr reguliert wird.
Haugen wünscht sich, dass Facebook mehr reguliert wird.Bild: keystone

Die Aufmerksamkeit war durch den stundenlangen Ausfall der Facebook-Dienste am Montag  noch grösser geworden. Dazu äusserte sich Haugen nur am Rande. Sie könne nichts zu den Ursachen sagen, aber immerhin seien die Apps in dieser Zeit «nicht dazu genutzt worden, Spaltungen zu vertiefen, Demokratien zu destabilisieren und junge Mädchen und Frauen sich schlecht fühlen zu lassen». Aber der Ausfall habe auch Unternehmen geschadet und positive Interaktion wie das Teilen eines Babyfotos verhindert. Facebook sollen Schätzungen zufolge während des Ausfalls pro Stunde bis zu 545'000 US-Dollar an Werbeeinnahmen entgangen sein.

«Das Problem ist das Design des Algorithmus»

Haugen ist bei aller Kritik an Facebook und ihren öffentlichen Aussagen, zu denen sie sich, wie sie sagte, unter einem «hohen persönlichen Risiko» entschlossen habe, keine wütende Ex-Angestellte, die das Unternehmen zerstören will. Die 37-Jährige hat Elektrotechnik und Informatik studiert und in Harvard einen Abschluss in Betriebswirtschaft gemacht. Haugen, die neben Facebook auch bei Google, Pinterest und anderen Techfirmen gearbeitet hat, hat sich seit sie am Sonntagabend in die Öffentlichkeit gegangen ist, gegen eine Zerschlagung des Konzerns ausgesprochen. «Das Problem ist das Design des Algorithmus», sagte Haugen dazu bei der Anhörung. Facebook und Instagram blieben auch getrennt voneinander gefährlich.

Haugen möchte Facebook nicht zerschlagen, doch der Algorithmus müsse geändert werden.
Haugen möchte Facebook nicht zerschlagen, doch der Algorithmus müsse geändert werden.Bild: keystone

Immer wieder habe sie während ihrer Zeit im Unternehmen Momente erlebt, in denen Facebook den eigenen «astronomischen» Profit über das Allgemeinwohl gestellt habe. Deswegen habe sie sich zu ihrem Schritt entschlossen: «Facebook kann sich verändern», sagte Haugen, doch brauche es den Druck, eine Aufsicht und Kontrolle von aussen, denn bislang sei das Unternehmen eine Blackbox. Nur Facebook wisse, wie die Feeds der User personalisiert würden. «Der Kongress kann die Regeln ändern.»

Video: watson/een

Eine Aufforderung an die Politikerinnen und Politiker, hinter der sich Demokraten wie Republikaner in seltener Einigkeit versammelten. Die Anhörung im Kongress verlief sachlich. Haugen als Zeugin wurde mit Respekt behandelt, gar als «Heldin» bezeichnet. Ohne Interna wie die von Haugen muss die Politik blind versuchen, Regeln für eine Branche zu finden, in die sie bislang keine oder kaum Einblicke hat und die sie vielfach nicht versteht. 

Diskussion um Studien

In dem Unterausschuss des Senats sollte es vor allem um die internen Studien des Unternehmens gehen, wonach Facebook bewusst ist, dass Instagram der psychischen Gesundheit einiger Teenager schadet, aber nichts dagegen tut. Der Vorsitzende, der Demokrat Richard Blumenthal, und andere machten deutlich, dass es kein abstraktes Thema sei, das hier verhandelt würde,  sondern konkreten Einfluss auf Kinder und Teenager habe. Laut der Studien, die das Wall Street Journal veröffentlicht hat, habe jedes dritte Mädchen im Teenageralter durch Instagram ein schlechteres Körperbild von sich selbst. «Facebook hat sich unser Vertrauen nicht verdient», sagte Haugen, die auch sagte, dass jede Unternehmensentscheidung am Ende allein bei Mark Zuckerberg liege.

Republikanische Politiker während der Anhörung Haugens.
Republikanische Politiker während der Anhörung Haugens.Bild: keystone

Ihre Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu gehen, hat Haugen dabei offensichtlich genau geplant. Parallel zu ihrem Auftritt bei CBS am Sonntag war sie auf Twitter, startete ein GoFundMe-Crowdfunding und veröffentlichte eine Webseite, auf der es hiess, Haugen wolle mit Politikern weltweit ins Gespräch kommen.

Zerschlagen oder zensieren?

Facebook reagierte nach der Anhörung mit einer Stellungnahme, die mehrere US-Medien zitieren. «Wir sind nicht mit ihrer Beurteilung der vielen Themen einverstanden, über die sie ausgesagt hat», sagte Sprecherin Lena Pietsch. Sie beschrieb Haugen als Mitarbeiterin, die keinen Zugang zur Entscheidungsebene des Unternehmens gehabt habe. Gleichzeitig rief Facebook den Kongress auf, Standards für das Internet festzulegen.

Die Politik diskutiert seit Jahren über mögliche Regulierungen des Unternehmens, jedoch aus unterschiedlichen Ideologien heraus. Während progressive Demokraten Facebook und andere grosse Unternehmen zerschlagen wollen – wie Politikerinnen wie die Senatorin Elizabeth Warren und die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez am Montag nach dem Ausfall der Dienste erneut forderten – um ihre Marktmacht zu regulieren, wollen viele Republikaner gegen Big Tech vorgehen, weil diese aus ihrer Sicht linke Meinungen und Posts bevorzugen. Der republikanische Gouverneur Ron DeSantis hat in Florida als erstes ein Gesetz durchgesetzt, dass es sozialen Netzwerken verbietet, Politiker länger als 14 Tage zu sperren. So soll eine «Zensur» durch Big Tech verhindert werden.

Haugen möchte Gesetzesänderung

Während ihrer Anhörung sprach sich Haugen dafür aus, vor allem eine Passage im Communications Decency Act zu verändern. Ein Gesetz, das Plattformen davor schützt, für die von ihren Nutzern eingestellten Inhalte rechtlich haftbar gemacht zu werden. Würden Facebook und andere Apps haftbar dafür gemacht werden, wie sie Inhalte in den Feeds ihrer Nutzer ranken, würden sie damit sofort aufhören, so Haugens These.

Jetzt auf

Die gerade veröffentlichten Studien geben allerdings keine endgültige Antwort darauf, wie schädlich etwa Instagram für das Wohlbefinden von Teenagern ist. Antigone Davis, Facebooks globale Leiterin für Sicherheit, hatte vergangene Woche vor dem Ausschuss ausgesagt und gesagt, sie halte das alles nicht für «explosive Studien». Demokraten wie Republikaner widersprachen dieser Aussage während Haugens Anhörung jedoch. Der Schutz von Kindern und Teenagern könnte ein gemeinsamer Nenner für die Politiker sein, um einen Fortschritt bei den Regulierungen zu erzielen.

Am Rande brachte Haugen auch ihre starken Bedenken zum Ausdruck, wie sehr Facebook auf seinen Plattformen nationale Sicherheit gewährleisten könnte. China, Iran, aber auch der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar fielen als Schlagworte. Haugen sagte, dass Facebook die Schutzmassnahmen, die während der Präsidentschaftswahl aktiviert worden waren, kurz danach beendet hatte «weil sie das Wachstum zurückhaben wollten». Für Frances Haugen und wohl auch für Facebook wird die Anhörung nicht die Letzte gewesen sein. Senator Blumenthal sprach von der Möglichkeit einer weiteren Sitzung und die Republikanerin Marsha Blackburn lud Facebook ein, unter Eid zu den diskutierten Themen auszusagen. 

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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quelle: epa/dpa / maurizio gambarini
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