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FILE- In this July 15, 2011 file photo, Indians read newspapers at Zaveri bazar, a market in Mumbai, India. India’s Ministry of Information and Broadcasting has withdrawn a sweeping new order clamping down on journalists accused of spreading fake news. The U-turn on Tuesday came hours after the ministry announced that reporters' press credentials could be suspended simply for an accusation of spreading fake news. (AP Photo/Aijaz Rahi, File)

Männer in Mumbai beim Zeitunglesen. Bild: AP/AP

Fake News und ihre Folgen – ein Gerücht, 23 Tote

Der Westen diskutiert, wie Fake News Wahlen beeinflussen. In Indien führen Falschinformationen aus dem Netz regelmässig zu Gewalt und Toten. Das hat mit einer eigentlich positiven Entwicklung zu tun.

Laura Höflinger, Bangalore



Ein Artikel von

Spiegel Online

In einem Dorf dreihundert Kilometer vom indischen Mumbai entfernt bittet ein Mann ein Mädchen um Wasser. Er ist ein Nomade und fremd im Ort, bei ihm sind vier weitere Männer. In Windeseile formt sich ein wütender Mob; Hunderte aufgebrachte Menschen gehen auf die Fremden los. Die Nomaden flüchten in einen Raum. Aber die Menge setzt ihnen nach: Sie schlagen und würgen sie und lassen erst von ihnen ab, als die Männer tot sind.

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagmorgen, aber er ist nicht der einzige seiner Art: Im Mai starb eine 55-jährige Frau in Südindien, nachdem sie Süssigkeiten an Kinder verteilt hatte. Im Juni wurden zwei Männer im Nordosten des Landes getötet. Sie waren auf der Durchreise und wollten nach dem Weg fragen. Da ging ein Mob auf sie los.

Mindestens 23 Menschen starben im vergangenen halben Jahr auf ähnliche Art und Weise. Und auch wenn die Tatorte viele hundert Kilometer voneinander entfernt liegen, so verbindet sie doch eins: All diese Menschen sind wahrscheinlich wegen ein und desselben Gerüchts gestorben, das sich vor allem per WhatsApp verbreitet.

Die Nachricht ist in verschiedenen Varianten in den sozialen Medien im Umlauf, in ganz Indien: Eine Bande von Kindesentführern ziehe durchs Land. Sie komme auch bald in deine Stadt, sei wachsam.

200 Millionen WhatsApp-Nutzer in Indien

In Gruppen mit teils vielen Dutzend Mitgliedern wird dazu ein Video als angeblicher Beweis geteilt. Es zeigt Kinder beim Cricketspielen. Ein Motorrad nähert sich, es wendet, einer der Männer greift einen der Jungen und schleppt ihn fort.

Tatsächlich stammt das Video aus Pakistan und nicht aus Indien. Es zeigt auch keine Entführung, sondern einen Ausschnitt aus der Kampagne einer Hilfsorganisation, die Eltern davor warnen soll, ihre Kinder unbeaufsichtigt zu lassen.

Fake News sind zu einem globalen Problem geworden. Aber während sich der Westen vor allem sorgt, ob und wie sie Wahlen beeinflussen, führen Falschinformationen in Indien regelmässig zu Gewalt und Toten.

Dass die Onlinegerüchte zu Gewaltausschreitungen führen, hat viel mit einer eigentlich guten Nachricht zu tun: Dank günstiger Smartphones und billiger Datentarife entdecken Millionen Inder zum ersten Mal das Internet. Allein WhatsApp hat in Indien 200 Millionen Nutzer, für die Firma ist das Land der weltweit grösste Markt. Und für viele Nutzer ist die App ihre Hauptquelle für Unterhaltung, Kommunikation und Information.

Nicht nur ein indisches Problem

Aber vielen Menschen, gerade im ländlichen Indien, fällt es schwer, in dieser neuen Internetwelt, die sich ihnen erst kürzlich öffnete, die Lüge von der Wahrheit trennen. Und gerade gelangweilte junge Männer scheinen nur allzu bereit, im Schutz des Mobs auf Fremde loszugehen.

Das Problem ist auch nicht auf Indien beschränkt. Regierungen in ganz Südasien sehen sich mit dem Onlinehass und seinen Offlinefolgen konfrontiert:

Schwer zu stoppen

Aber während sich auf Facebook selbst noch vergleichsweise leicht verfolgen lässt, wie sich Falschmeldungen und Gerüchte verbreiten, ist das bei WhatsApp fast unmöglich, weil hier Menschen fast ausschliesslich privat miteinander kommunizieren. Zudem sind die Nachrichten in der Regel verschlüsselt. Das ist schön für die Privatsphäre, es bedeutet aber auch, dass sich ein Gerücht, wenn es einmal im Umlauf ist, kaum stoppen lässt – auch nicht von WhatsApp und seiner Mutterfirma Facebook.

Die indische Regierung hat WhatsApp trotzdem aufgefordert, «der Bedrohung umgehend Einhalt zu gebieten». In einer Stellungnahme antwortete die Firma am Mittwoch, man habe bereits die Gruppeneinstellungen so verändert, dass Administratoren mehr Kontrolle darüber erlangen, wer Nachrichten teilen darf. In der indischen Version der App sollen zudem weitergeleitete Nachrichten künftig als solche gekennzeichnet werden. Ausserdem werde man eine Kampagne zur Medienkompetenz starten und mit Faktenprüfern wie der Website «Boom Live» zusammenarbeiten.

Die indischen Behörden versuchen derweil, den digitalen Lügen auf analoge Art beizukommen: Mancherorts fuhren Autos durch die Strassen, durch die Lautsprecher schallte es: Traut keinen Gerüchten.

Auch im Fall der toten Nomaden hatte die Polizei Tage zuvor Fernsehsender und Zeitungen gebeten, die Sache richtigzustellen. Genützt hat es offenbar nichts.

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Ratson 2.0 05.07.2018 12:08
    Highlight Highlight Generell fehlt es doch einfach an Bildung und Kultur.

    Wird schwirig, und glaube nicht daran das sie es jemals schaffen. Ja ich bin pessimist.
  • wiisi 05.07.2018 05:48
    Highlight Highlight "Der Westen" sollte vielleicht mal darüber diskutieren, allem voran die Systemmedien, wieviele Gerüchte sie in die Welt gesetzt haben, welche Fake News waren und tausenden das Leben gekostet haben, oder andersweitig Kriege ausgelöst oder Zivilisten Leid gebracht haben. Es fängt beim Jugoslawienkrieg an und endet im Syrienkrieg. Seid mal etwas selbstkritischer.
    • Black hat (minus hat) 05.07.2018 08:23
      Highlight Highlight Meine Erfahrung: Leute, die den Begriff «Systemmedien» benutzen, haben im Normalfall keine Ahnung wie Medien funktionieren.
    • Sebastian Wendelspiess 05.07.2018 10:55
      Highlight Highlight @black doch, gerade bei gewissen Themen schreiben sämtliche westlichen Zeitungen das gleichen. Syrien oder Ukraine ist ein gutes Beispiel.

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