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Migrant children on the Migrant Offshore Aid Station (MOAS) ship MV Phoenix wait to be transferred to the Norwegian ship Siem Pilot off the coast of Libya August 6, 2015.  An estimated 700 migrants on an overloaded wooden boat were rescued 10.5 miles (16 kilometres) off the coast of Libya by the international non-governmental organisations Medecins san Frontiere (MSF) and MOAS without loss of life on Thursday afternoon, according to MSF and MOAS, a day after more than 200 migrants are feared to have drowned in the latest Mediterranean boat tragedy after rescuers saved over 370 people from a capsized boat thought to be carrying 600. REUTERS/Darrin Zammit Lupi MALTA OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN MALTA      TPX IMAGES OF THE DAY

Aufnahme von der jüngsten Flüchtlingstragödie vor der libyschen Küste – es werden Hunderte Tote befürchtet. Bild: DARRIN ZAMMIT LUPI/REUTERS

Marinekapitän als Retter im Mittelmeer: «Manchmal ist man wirklich den Tränen nahe»

Sie retten Flüchtlinge, auf hoher See und aus höchster Not: Nach welcher Taktik gehen die Marinesoldaten vor? Was macht ein solcher Einsatz mit einer Crew? Der Kapitän der Fregatte «Schleswig-Holstein» findet klare Worte.

Katherine Rydlink



Ein Artikel von

Spiegel Online

2345 Flüchtlinge hat die Besatzung der Fregatte «Schleswig-Holstein» im Mittelmeer bereits von maroden Holz- oder Schlauchbooten gerettet und auf das italienische Festland gebracht. Menschen, die oft schon monatelang unterwegs sind, durch Syrien, Afghanistan, den afrikanischen Kontinent. Die meisten von ihnen wären auf der letzten, gefährlichsten Etappe ihrer Reise womöglich gescheitert: der riskanten Überfahrt von Libyen nach Europa.

Gemeinsam mit dem Tender «Werra» ist das Marineschiff seit Anfang Juni vor der libyschen Küste im Einsatz. Auch die deutschen Helfer stossen manchmal an ihre Grenzen: Erst in der Nacht zum Freitag meldeten Rettungstrupps einen der schwierigsten Einsätze seit Beginn der Mission.

Der Kommandant der «Schleswig-Holstein», Marc Metzger, steht einer rund 200-köpfigen Crew vor. SPIEGEL ONLINE erreicht ihn per Satellitentelefon. Im Interview spricht er über die organisatorischen, aber auch psychischen Herausforderungen an seine Besatzung – und seine Sorge über beunruhigende Meldungen aus der Heimat.

Migrants on board an overloaded wooden boat are rescued some 10.5 miles (16 km) off the coast of Libya August 6, 2015.  An estimated 600 migrants on the boat were rescued by the international non-governmental organisations Medecins san Frontiere (MSF) and the Migrant Offshore Aid Station (MOAS) without loss of life on Thursday afternoon, according to MSF and MOAS, a day after more than 200 migrants are feared to have drowned in the latest Mediterranean boat tragedy after rescuers saved over 370 people from a capsized boat thought to be carrying 600. REUTERS/Darrin Zammit Lupi  MALTA OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN MALTA

16 Kilometer vor der Küste geriet das kaum seetüchtige Schiff in Seenot. Bild: DARRIN ZAMMIT LUPI/REUTERS

Herr Metzger, wie läuft ein typischer Rettungseinsatz ab?

Marc Metzger: Wenn uns das Seenotrettungszentrum in Rom alarmiert, steuern wir schnellstmöglich die Stelle mit dem in Seenot geratenen Boot an. Sobald wir Sichtkontakt haben, stoppen wir die Fregatte etwa zwei Seemeilen vom Flüchtlingsboot entfernt. Wenn wir zu nah heran fahren würden, wäre die Gefahr zu gross, dass die Schiffbrüchigen ins Wasser springen, um uns entgegen zu schwimmen. Mit Speedbooten nähern wir uns von zwei Seiten, damit sich die Flüchtlinge nicht alle auf eine Seite bewegen. Dann laden wir immer zehn Menschen auf einmal ein und pendeln zwischen Flüchtlingsboot und Fregatte.

Das kann lange dauern bei Hunderten Flüchtlingen auf einem Boot.

Metzger: Ja, einige Einsätze dauern bis zu zehn Stunden. Wenn das Boot schon sinkt, muss es natürlich schneller gehen. Für diesen Fall haben wir noch Rettungsinseln dabei, die sich bei Wasserkontakt von selbst aufblasen.

Wie vermeiden Sie Panik bei den Menschen auf den Booten?

Metzger: Wir haben immer einen Übersetzer dabei, der erklärt und beruhigt. Wichtig ist, dass wir den Schiffbrüchigen klar machen, dass alle gerettet werden und niemand zurück bleibt. Nervenzusammenbrüche bei den Schiffbrüchigen sind nicht selten. Für psychologischen Beistand haben wir auch einen interkulturellen Einsatzberater und einen Pfarrer an Bord. Kinder sind oft sehr verängstigt. Aber wir haben einen grossen Vorrat Kuscheltiere an Bord – wenn die Kinder erst einmal einen Teddy in der Hand halten, beruhigen sie sich meist schnell wieder. Und dann sind auch die Erwachsenen beruhigter.

Wie gefährlich sind solche Rettungsaktionen für Ihre Besatzung?

Metzger: Wenn wir uns einem Flüchtlingsboot nähern, haben wir natürlich auch unsere Waffen dabei – es besteht immer die grundsätzliche Gefahr eines Terrorakts oder Angriffs. Meist stellen wir aber schnell fest, dass wir sie nicht benötigen. Wichtiger sind die Vollschutzanzüge, die vor möglichen Infektionskrankheiten schützen. Ausserdem werden die Flüchtlinge nach gefährlichen Gegenständen durchsucht, wenn sie an Bord kommen.

epa04830610 German Defense Minister Ursula von der Leyen (C) takes a speedboat on her way to visit the German Navy frigate 'Schleswig-Holstein' which is part of the European EUNAVOR Med mission, off the coast of Sicily, Italy, 04 July 2015. The military mission in the Mediterranean Sea aims at cracking down on migrant smuggling networks and dismantling the trade, as part of a broader effort to curb the loss of life.  EPA/SOEREN STACHE

Truppenbesuch: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen besucht die Besatzung der Fregatte «Schleswig-Holstein». Bild: EPA/DPA

Wohin bringen Sie die Flüchtlinge?

Metzger: Die Seenotrettungsstelle teilt uns mit, welchen Hafen in Italien wir ansteuern sollen. Da wir die Belastung für die Flüchtlinge an Bord so gering wie möglich halten wollen, sollten wir im Regelfall nicht länger als 24 Stunden zum nächsten Hafen brauchen. Kranke und unbegleitete Kinder werden einzeln an die italienischen Behörden, die im Hafen auf die Geretteten warten, übergeben.

Sie kommandieren eigentlich ein Kriegsschiff. Jetzt retten Sie Flüchtlinge aus Seenot. Wie haben Sie sich auf den Einsatz im Mittelmeer vorbereitet?

Metzger: Wir haben vorher verschiedene Szenarien durchgespielt und praktisch geübt. Vor Ort haben wir schnell festgestellt, dass man sich nicht nur theoretisch auf so einen Einsatz vorbereiten kann. Wenn man die vielen Menschen sieht, die da zusammengepfercht in den kleinen Holzbooten sitzen, die Kinder und Mütter – da empfindet man einen starken seelischen Druck. Es geht um Menschenleben. Mit der entspannten Durchführung eines ruhig einstudierten Manövers ist es dann vorbei.

Sie sehen bei solchen Einsätzen viel Hoffnungslosigkeit und Elend. Lassen Sie das an sich heran?

Metzger: Manchmal ist man den Tränen nahe, wenn man sieht, wie etwa Säuglinge von den Speedbooten auf unsere Fregatte gehoben werden. Wir sind ja nicht nur Soldaten im Einsatz, wir haben auch selbst Familien zu Hause. Oft fragt man sich, was diese Menschen in ihrer Heimat erlebt haben, um so eine gefährliche Reise auf sich nehmen zu müssen. Das löst auch Unverständnis für die Entwicklungen in der eigenen Heimat aus. Diese Menschen haben so einen harten Weg hinter sich und werden dann in Deutschland mit brennenden Flüchtlingsheimen begrüsst.

Sehen Sie hier ein Video der Seenotrettung im Mittelmeer.

Flüchtlinge haben Gesichter

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 07.08.2015 15:27
    Highlight Highlight Solange es in Europa kein einheitliches Sozialsystem gibt, wird der Zustrom nach D,in die CH oder S nicht abreissen.Es ist bekannt, dass man in diesen Ländern ohne zu arbeiten sich ein erträgliches Leben leisten kann. Bei Asylanten greift die soziale Hängematte wie üppige Sozialhilfe, Kindergeld etc. Der Staat zahlt auch die Miet- und Arztkosten.Ein einheitliches Sozialsystem löst auch den Zuwandererstrom. Dann ist es egal ob derjenige in Spanien, Italien usw. lebt, es gibt überall das Gleiche.
    5 12 Melden
    • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 07.08.2015 16:50
      Highlight Highlight Im Vergleich wo die Flüchtlinge herkommen ist alles erträglich.....
      4 2 Melden
  • Eisenhorn 07.08.2015 14:47
    Highlight Highlight "Oft fragt man sich, was diese Menschen in ihrer Heimat erlebt haben, um so eine gefährliche Reise auf sich nehmen zu müssen."

    Quoting for truth...

    Tolles Interview, sehr interessant zu sehen was "direkt Beteiligte" so denken.
    24 3 Melden

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