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Attentate in Israel: Ernte des Hasses

Politisch herrscht schon zu lange Stillstand im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Das rächt sich jetzt: Eine Welle von Gewalttaten überzieht Israel, der Alltag ist von Angst geprägt.

Nicola Abé



Ein Artikel von

Spiegel Online

Das Pfefferspray war ausverkauft und auch einen Baseballschläger konnte Ezer Avoyo in den Läden der Stadt nicht mehr finden. «Ich muss doch meine Gäste irgendwie schützen», sagt der Besitzer eines Cafés im Zentrum von Jerusalem. Ohnehin kämen nicht mehr viele Leute in diesen Tagen, die Strassen seien oftmals wie ausgestorben. Um etwa 50 Prozent sei sein Umsatz zuletzt gesunken.

epa04979651 Israeli security personnel let a Palestinian woman pass a security checkpoint next to the Damascus Gate where many worshipers were rejected to attend the Friday prayer at Al Aqsa Mosque, in the Old City of Jerusalem, 16 October 2015. Israeli authorities intensified restrictions for Muslim worshipers to enter the Al-Aqsa Mosque compound. While there was no limited age for female worshipers, men younger that 40 were rejected access.  EPA/ATEF SAFADI

Strassensperre in Jerusalem.
Bild: ATEF SAFADI/EPA/KEYSTONE

Avoyo, 44, fährt seine beiden Kinder jetzt immer mit dem Auto in den Kindergarten. «Ich bin in Jerusalem geboren, ich lebe schon immer mit dem Konflikt», sagt er. Angst habe er nie wirklich verspürt. Doch in den vergangenen Wochen habe sich die Situation geändert. «Ich fühle mich nicht mehr sicher», sagt er, «im Falle eines Angriffs bin ich doch völlig hilflos.»

Tausende Polizisten und Soldaten wurden zusätzlich mobilisiert, überall neue Strassensperren errichtet, Teile Ostjerusalems sind völlig abgeriegelt. Die Attacken auf jüdische Israelis gehen dennoch weiter. Den heutigen Freitag hatte die radikalislamische Hamas zum «Tag der Wut» erkoren, ebenso wie alle Freitage der vergangenen Wochen.

JERUSALEM, ISRAEL - OCTOBER 13:  Israelis shoot in the gun shooting range on October 15, 2015 in Jerusalem, Israel. The Israeli Government issued police reinforcements across Israel following a wave of terror attacks across Jerusalem and the country.  (Photo by Ilia Yefimovich/Getty Images)

Israelis auf einem Schiessstand am 15. Oktober in Jerusalem.
Bild: Getty Images Europe

Der Terror hat inzwischen weite Teile des Landes erreicht. Die Angst frisst den Alltag auf. Immer mehr Zivilisten tragen Waffen. Die Organisation Krav Magen bietet kostenlose Selbstverteidigungskurse an. Sicherheitsminister Gilad Erdan lockerte die Gesetze, so sollen nun etwa Lehrer an ultraorthodoxen Schulen einfache Waffenscheine erhalten. Die Eltern von Kindergartenkindern fordern bewaffnetes Sicherheitspersonal – und das Aussetzen von Bauarbeiten nahe der Kindertagesstätten, wenn arabische Arbeiter daran beteiligt sind.

Misstrauen und Gewaltbereitschaft wachsen

Israelisches Opfer eines Messer-Angriffs: ein Beerdigungszug am 13. Oktober in Jerusalem.
Bild: RONEN ZVULUN/REUTERS

Ein Ereignis in Tel Aviv illustriert das ganze Ausmass der Angst. So waren am Donnerstag plötzlich Hauptverkehrsadern gesperrt, Dutzende Polizeiautos rasten durch die Strassen, Helikopter kreisten über der Stadt. Sicherheitsdienste hatten Informationen über eine angebliche Terrorattacke erhalten. Polizisten stürmten eine Wohnung, die gerade renoviert wurde, nahmen zwei arabische Männer mit und verhörten sie. Am Ende stellte sich heraus, dass es sich um ganz normale Arbeiter aus Ostjerusalem handelte.

Palestinian protesters run after tear gas canisters were fired by Israeli troops during clashes near the border with Israel, in the east of Gaza City October 16, 2015. The unrest that has engulfed Jerusalem and the occupied West Bank, the most serious in years, has claimed the lives of 35 Palestinians and seven Israelis. The tension has been triggered in part by Palestinians' anger over what they see as increased Jewish encroachment on Jerusalem's al-Aqsa mosque compound, which is also revered by Jews as the location of two destroyed biblical Jewish temples. REUTERS/Suhaib Salem

Palästinensische Protestler am 16. Oktober im Gaza-Streifen.
Bild: SUHAIB SALEM/REUTERS

epaselect epa04979784 A Palestinian protester holding a knife lays on the ground after he stabbed an  Israeli soldier and was shot and killed, in the West Bank city of Hebron, 16 October 2015. The attacker pretending to be a local news photographer was wearing a t-shirt marked with 'PRESS' as he advanced and stabbed the Israeli soldier, it was reported. Israel and the Palestinian territories experience a wave of violence and anger in addition to the tight security and after various stabbing attacks, especially in the city of Jerusalem.  EPA/ABED AL HASLHAMOUN ATTENTION EDITORS: PICTURE CONTAINS GRAPHIC CONTENT

Ein Palästinenser, der israelische Soldaten angegriffen hatte, nach seiner Erschiessung am 16. Oktober in Hebron. 
Bild: ABED AL HASLHAMOUN/EPA/KEYSTONE

«Die israelische Gesellschaft ist eine sehr ängstliche. Die Menschen leben unter dem immer währenden Schatten der Bedrohung, des Genozids, der Auslöschung und des Terrors», sagt die israelische Soziologin Eva Illouz. Gerade angesichts der schwer kontrollierbaren, zufälligen, von Einzeltätern spontan ausgeführten Attentate fühlen sich die Menschen besonders ohnmächtig. Und mit dem Misstrauen dem eigenen Nachbarn gegenüber wächst auch die Gewaltbereitschaft.

Inzwischen kommt es verstärkt auch zu Angriffen auf arabische Israelis. Rechte Mobs ziehen durch die Strassen Jerusalems. Vergangenen Freitag attackierte ein israelischer Teenager in der südlichen Stadt Dimona mehrere Palästinenser mit einem Messer und verwundete zwei Männer schwer.

Die Soziologin Illouz sieht den Grund für die Gewaltbereitschaft auch in 50 Jahren Erfahrung als Besatzungsmacht: «Mit der zunehmenden Eingliederung der Siedler und der besetzten Gebiete in das normale israelische Leben wird die Gesetzlosigkeit und Gewalt der Siedler das Verhalten und die Weltanschauung der anderen Israelis beeinflussen». Die meisten Israelis verhielten sich natürlich gesetzestreu. Doch manche glaubten, so Illouz, das Gesetz in ihre eigenen Hände nehmen zu müssen. Ohnehin seien die Grenzen zwischen dem Militärischen und dem Zivilen hier durchlässiger als anderswo.

Protestler in Nablus am 16. Oktober.
Bild: AHMAD TALAT/REUTERS

Israelische Polizeikräfte jagen einen Verdächtigen. Ein Foto vom 14. Oktober aus Jerusalem.
Bild: Dusan Vranic/AP/KEYSTONE

Verschärft wird die Lage durch einen Trend: Gewaltvideos. Als neues «Hobby von Israelis und Palästinensern» bezeichnet die Tageszeitung «Haaretz» die Entwicklung. «In letzter Zeit wird es immer schwerer, nachts zu schlafen», schreibt der Autor Asher Schechter. Es sei kaum möglich, den Videos in den sozialen Netzwerken und sogar in etablierten Medien zu entgehen.

A wounded Palestinian protester is evacuated during clashes with Israeli troops near the Jewish settlement of Bet El, near the West Bank city of Ramallah October 16, 2015. The unrest that has engulfed Jerusalem and the occupied West Bank, the most serious in years, has claimed the lives of 35 Palestinians and seven Israelis. The tension has been triggered in part by Palestinians' anger over what they see as increased Jewish encroachment on Jerusalem's al-Aqsa mosque compound, which is also revered by Jews as the location of two destroyed biblical Jewish temples. REUTERS/Mohamad Torokman

Verwundeter Palästinenser am 16. Oktober nahe Ramallah.
Bild: MOHAMAD TOROKMAN/REUTERS

In seinem Kopf tauchten immer wieder Bilder auf von seinen Landsleuten, wie sie erstochen, mit Äxten angegriffen oder überfahren würden. Oder auch von verwundeten Palästinensern, von Kindern, die misshandelt würden, während sie sterben. Weil jeder heute ein Smartphone besitze sei «der dokumentierte Tod viral gegangen.» Das verursache noch mehr Hass und heize die Massen zusätzlich an.

«Konfrontation zweier Gesellschaften»

Politiker auf beiden Seiten wirken angesichts der Entwicklung dieser Tage machtlos. Premierminister Benjamin Netanyahu und Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas geben sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation. Neue Ideen haben sie nicht.

Der politische Stillstand der vergangenen Jahre fordert nun seinen Preis. Mit dem de-facto-Aus für die Zwei-Staaten-Lösung ist ein binationales Gebilde entstanden, das von Ungleichheit und gegenseitigem Hass geprägt ist. «Wir haben es mit der Konfrontation zweier Gesellschaften zu tun und nicht mehr mit der Konfrontation zwischen Militär und organisiertem Terror», so die Soziologin Illouz.

Welche Exzesse der Hass hervor bringt, zeigt ein Vorfall in einem Vorort von Haifa, einer Stadt, in der jüdische und arabische Israelis bisher friedlich zusammenlebten. Dort stach ein jüdischer Israeli am Dienstag von hinten auf einen anderen jüdischen Israeli ein, weil er ihn für einen Araber hielt. Der Mann, er heisst Uri Rezken, überlebte. Von seinem Krankenhausbett aus liess er den Angreifer wissen: «Wenn ich Araber wäre, wäre das auch nicht ok. Du solltest niemanden abstechen. Wir sind alle Menschen und wir sind alle gleich.»

JERUSALEM, ISRAEL - OCTOBER 14:  The mother of Albert Alon Govberg mourns at his funeral on October 14, 2015 in Jerusalem, Israel. Alon was killed the day before in an attack on a Jerusalem bus.  (Photo by Ilia Yefimovich/Getty Images) *** BESTPIX ***

Trauernde Angehörige eines israelischen Attentatsopfers.
Bild: Getty Images Europe

Zusammengefasst: In Israel häufen sich Attacken palästinensischer Angreifer auf einzelne Bürger, die auf offener Strasse angegriffen werden. Nährboden für die Taten ist eine festgefahrene Politik, die seit Jahren nur Hass schürt, statt an pragmatischen Lösungen einer Koexistenz zu arbeiten. Soziologen warnen davor, dass sich die Gewaltbereitschaft in der israelischen Gesellschaft etabliert. Die Angst lähmt den Alltag in Israel bereits spürbar.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Swordholm 17.10.2015 07:34
    Highlight Highlight Bereits 13-jährige die Messerattacken auf Israelis verüben und ohnehin jeder der versucht Juden umzubringen sofort zum Helden stilisiert wird... Na ja.
    11 7 Melden
  • SVRN5774 17.10.2015 00:59
    Highlight Highlight Wo liegt Israel? Ich kenne nur Palästina =D

    Ich finde beide sind schuldig und unschuldig.
    Es ist die sch*** Regierung.
    Und ausserdem ist der 2. Wk auch enstanden, damit Israel entstehen konnte. Und die Nato steckt auch dahinter.
    #Verschwörungstheorie
    13 24 Melden
    • 足利 義明 Oyumi Kubo 17.10.2015 10:23
      Highlight Highlight Du scheinst nicht gerade zur intelligenten Gruppe zu gehören.
      Mit Bildungslücken und Unwahrheiten würde ich nicht prahlen.
      7 5 Melden
    • SVRN5774 17.10.2015 17:58
      Highlight Highlight @Girus Cinguli
      Haha hab nicht gesagt, dass ich intelligent bin =)
      Aber andere zu beleidigen, zeigt auch nicht gerade viel von Intelligenz.
      Nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt.
      3 6 Melden
  • elmono 17.10.2015 00:19
    Highlight Highlight Das Ganze ist doch nur noch zum kotzen. Zwei-Staaten-Lösung her und fertig mit dem Kindergarten. Und übrigens, der Zweite Weltkrieg ist nun 70 Jahre her, fertig mit der ewigen Opferrolle, welche eine absolute totalitäre - zum abkotzende Politik rechtfertigen soll! Ein freies Israel und ein freies Palästina, in welchem Kinder ohne Hass und Schmerzen im Herzen aufwachsen können, das wäre was!
    35 9 Melden
    • elmono 19.10.2015 13:27
      Highlight Highlight Die Realität sieht so aus, dass es in dieser Region nie Frieden geben wird. Der Hass wird einfach von Generation zu Generation weitergegeben. Mir ist es ehrlich gesagt auch vollkommen Wurst wer wie, wo oder weshalb im Recht ist, denn diese "Grundsatzdiskussionen" sind ja die Wurzel von all dem Scheiss - daher wäre einfach mit dem Finger zu schnippen doch ne ziemlich coole Sache! Aber ja, Israel darf man nicht an den Karren fahren, ohne das man als Antisemit bezichtigt wird und bei den Palästinenser ist man bei Kritik auch ganz schnell ein Ungläubiger! Also alles wie gehabt und zurück auf Anfag
      0 0 Melden
  • LaPaillade #BringBackHansi 16.10.2015 23:06
    Highlight Highlight Zu dieser Thematik zu empfehlen: Der Dokumentarfilm "The Gatekeepers". Interviews mit ehemaligen Shin Bet Führern, welche auch harsche Kritik an der (Palästina)Politik Israels der letzten Jahrzehnten führen.
    24 5 Melden
  • Rukfash 16.10.2015 21:58
    Highlight Highlight Jeder normale Mensch der ein bisschen Menschliches verstaendnis hat versteht die Wut der Palaestinenser, der zeigt auch minimales Verstaendnis fuer das falsche handeln der Jugend nach Jahrelanger unterdrueckung, sie wissen nicht mehr weiter und koennen und wollen nicht mehr.. jetzt nutzen halt die Daesh die Situation aus um fuer sich zu werben... FREE PALESTINE OF ISRAELY OCCUPY AND DAESH
    43 29 Melden
    • _mc 16.10.2015 22:35
      Highlight Highlight jaja, ich bin ja auch alles andere als zionist. aber das ewige free palestine gedöhns im schweizer honigland kann ich auch nicht mehr haben.. zieh dein kind gross dort & dann schauen wir nochmals bez. posaunen.
      28 33 Melden

Eskalation in Nahost: Palästinenser feuern weitere Raketen und Granaten auf Israel 

Militante Palästinenser im Gazastreifen haben am Dienstag ihre heftigen Raketenangriffe auf Israel fortgesetzt. In der Nacht seien rund 70 Geschosse aus dem Küstenstreifen abgefeuert worden, teilte das israelische Militär mit.

Als Reaktion habe die Luftwaffe etwa 50 weitere Ziele der dort herrschenden Hamas und seiner militärischen Einrichtungen angegriffen. Bei den Luftangriffen wurden seit Montagabend vier militante Palästinenser getötet, wie das Gesundheitsministerium in Gaza mitteilte.

Die …

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