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Tod von Italiener in Ägypten: Gefoltert, ermordet, weggeworfen

Ein Italiener wird in Kairo verschleppt, Tage später liegt seine Leiche an einer Schnellstrasse. Die Umstände deuten auf eine Verwicklung der ägyptischen Sicherheitskräfte – die Regierung wiegelt ab.

12.02.16, 11:27 12.02.16, 11:52

Christoph Sydow



Ein Artikel von

FILE - This file image posted online after the Jan. 25, 2016 disappearance of Italian graduate student Giulio Regeni in Cairo, Egypt shows Reggeni in a graphic used in an online campaign, #whereisgiulio seeking information on his whereabouts.  Egypt has denied the police had anything to do with the brutal killing of an Italian student whose body was found on the outskirts of Cairo bearing signs of torture. (#wheresgiulio via AP)

Nach ihm wurde vergebens gesucht: Giulio Regeni
Bild: AP/#whereisgiulio

Am 25. Januar gegen 20 Uhr verlässt Giulio Regeni seine Wohnung im Kairoer Stadtteil Dokki. Er will zu einer Geburtstagsfeier in der Nähe des Tahrirplatzes am anderen Nilufer. Der Weg ist nicht weit: Rund 250 Meter bis zur U-Bahn-Station Bohooth, dann vier Stationen mit der Metro, dann noch einmal ein paar hundert Meter bis zur Wohnung eines Freundes. Doch dort kommt der 28-jährige Italiener nie an.

Am 3. Februar findet ein Taxifahrer Regenis Leiche hinter einer Betonmauer entlang der Schnellstrasse nach Alexandria, rund 20 Kilometer ausserhalb der Stadt. Angeblich wird er zufällig auf den nur zur Hälfte bekleideten Körper aufmerksam, weil das Taxi genau an jener Stelle eine Panne hat. Doch der Fund erfolgt nur wenige Stunden, nachdem Italiens Regierung an Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi persönlich appellierte, bei der Suche nach Regeni zu helfen.

Unklar ist, was in den neun Tagen zwischen dem Verschwinden des jungen Mannes und dem Fund seiner Leiche passiert ist. Die ägyptischen Behörden haben mehrere widersprüchliche Versionen zum Tatablauf präsentiert. Zunächst wollte der Polizeichef von Gizeh Regeni als Opfer eines Verkehrsunfalls darstellen. Erst als das Aussenministerium in Rom den ägyptischen Botschafter einbestellte, willigte Kairo ein, den Leichnam obduzieren zu lassen. Seither sind Experten von italienischer Polizei und Interpol an den Ermittlungen beteiligt.

Unter Pseudonym schrieb Regeni für «Il Manifesto»

Die Untersuchungen haben grausige Ergebnisse zutage geführt. Offenbar wurde Regeni vor seinem Tod systematisch gefoltert. Seine Peiniger schnitten Regeni die Ohren ab, rissen Finger- und Fussnägel heraus. Sein Körper war übersät mit Brandmalen und Schnittwunden, unter anderem hatte man ihm Oberarmknochen und Schulterblätter gebrochen. Italiens Innenminister Angelino Alfano sprach von «unmenschlicher, animalischer, inakzeptabler Gewalt», die dem Opfer zugefügt worden sei.

Ägyptische Oppositionelle und italienische Medien machen den Sicherheitsapparat in Kairo für den Mord verantwortlich. Tatsächlich sprechen einige Indizien dafür.

Als Doktorand an der Universität von Cambridge forschte Regeni zu unabhängigen Gewerkschaften in Ägypten. Das ist ein heikles Thema, denn die Gewerkschaften gehören zu den letzten Institutionen, mit deren Hilfe Oppositionelle Kritik am autoritären Staatschef Sisi und dem mächtigen Militär üben können. Offenbar hatte der Nachwuchswissenschaftler wegen seiner Arbeit Kontakte zu Personen, die der Sicherheitsrat im Visier hat. Unter Pseudonym veröffentlichte er auch Artikel über linke ägyptische Oppositionelle in der kommunistischen italienischen Zeitung «Il Manifesto».

Regeni verschwand am fünften Jahrestag des Beginn des Aufstands gegen Diktator Husni Mubarak am 25. Januar 2011. An diesem Tag waren im Zentrum Kairos Tausende Sicherheitskräfte in Uniform und Zivil postiert, die den Auftrag hatten, mögliche Proteste gegen den amtierenden Staatschef Sisi zu verhindern. Das grosse Polizeiaufgebot lässt es zumindest unwahrscheinlich erscheinen, dass der Italiener Kriminellen zum Opfer fiel.

Ägyptens Regime bestreitet jede Verwicklung

Ein Regierungssprecher in Kairo nannte Dschihadisten als mögliche Täter. Doch bislang hat sich weder der «Islamische Staat» («IS») noch eine andere Gruppe zu dem Mord bekannt. Ausserdem passen die Folterspuren nicht zum üblichen Vorgehen islamistischer Terroristen – dafür aber umso besser zum ägyptischen Sicherheitsapparat.

Mehr als 40'000 politische Gefangene haben Menschenrechtsaktivisten Mitte 2014 gezählt. Seither gibt es keine verlässlichen Zahlen mehr. Viele Ägypter verschwinden ohne Anklage oder werden ohne fairen Prozess vor Militärtribunalen verurteilt. Folter und Misshandlungen sind Alltag in ägyptischen Polizeistationen und Gefängnissen, fünf Jahre nach der Revolution.

Die einzige Reaktion des Regimes ist es, die Missstände zu leugnen: «Solche Verbrechen sind niemals mit dem Sicherheitsapparat in Verbindung gebracht worden», behauptete der ägyptische Innenminister Magdi Abdel-Ghaffar in dieser Woche. Er bestritt, dass Regeni jemals in Händen der Behörden war.

Doch die Regierung in Rom begnügt sich mit solchen Ausflüchten nicht mehr – zu gross ist mittlerweile der Druck der italienischen Öffentlichkeit. Staatspräsident Sergio Mattarella hat sich inzwischen in den Fall eingeschaltet, ebenso die italienische EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini. Die britische Regierung dürfte bald folgen. Eine Onlinepetition hat bald die nötigen 10'000 Unterschriften zusammen, die das Parlament dazu zwingen, sich mit dem Fall des Cambridge-Studenten zu befassen.

Auch wenn der Westen Ägypten im Kampf gegen islamistischen Terror braucht: Sollte Kairo mögliche Täter schützen, droht der Fall Regeni zu einer ernsthaften Belastung für die ägyptisch-europäischen Beziehungen zu werden.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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