International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Patient Pakistan: 5 Übel, an denen das «Land der Reinen» krankt – und die es so gefährlich machen

Wieder starben bei einem Terroranschlag in Pakistan Dutzende von Menschen – blutiger Alltag in der Islamischen Republik. Wenn Pakistan scheitert, ist das nicht einfach ein weiteres Somalia – der 180-Millionen-Staat in Südasien ist ein Pulverfass mit Atomwaffen. 



Schreckensmeldungen wie das jüngste Gemetzel – in Karatschi wurden über 40 Menschen in einem Bus erschossen – holen im Westen kaum noch die Frontseiten. Blutige Gewalt scheint in dem südasiatischen Land Alltag zu sein. Anschläge auf Schulen, Kirchen und Politiker sind an der Tagesordnung. 

Und der Terror ist nur eines der Probleme dieses Staates, wenn auch das augenfälligste. Pakistan ist Atommacht, aber schafft es nicht, auf seinem Gebiet die Kinderlähmung in den Griff zu bekommen, die dort entgegen dem globalen Trend im Vormarsch ist. Nicht genug damit: Auch Analphabetismus scheint im «Land der Reinen» – das bedeutet der Landesname auf Urdu – endemisch zu sein: 42 Prozent der Erwachsenen können nicht lesen

epa04671826 Pakistani security officials secure the site of a bomb blast targeting a rangers vehicle, in Karachi, Pakistan, 20 March 2015. According to local reoprts two Pakistani rangers were killed and four others injured when a bomb exploded near the town of Shadman in the North Nazimabad area of Karachi.  EPA/REHAN KHAN

Ethnische Konflikte in Karatschi: Anschlag auf Sicherheitskräfte.  Bild: REHAN KHAN/EPA/KEYSTONE

Warum hat sich Pakistan – ganz im Gegensatz zu seinem gehassten Zwillingsbruder Indien – zu einem Staat entwickelt, der oft als potenziell gefährlichster der Welt apostrophiert wird? Der regelmässig als Kandidat für einen «failed state» genannt wird? Was fehlt dem Patienten Pakistan? 

1. Geburt aus Gewalt

Pakistan und Indien sind beide aus der Konkursmasse des britischen Kolonialreichs hervorgegangen; beide sind Erben Britisch Indiens. Die Geburt der beiden Staaten war begleitet von blutiger Gewalt: Religiöse und ethnische Kämpfe bei der Teilung des Subkontinents kosteten bis zu einer Million Menschen das Leben, rund 20 Millionen Menschen verloren ihre Heimat und mussten in das jeweils andere Land flüchten. 

Muslim refugees sit on the roof of an overcrowded coach of a train trying to flee India near New Delhi , in this Sept. 19, 1947 photo.  About 5 million Muslims migrated from India to Pakistan after India gained its independence on Aug. 15.  Sixty years ago this month, India and Pakistan won their Independence, now Pakistan, no stranger to domestic turmoil, is embroiled in an increasingly violent struggle between Islamic extremists and moderates, where as India is racing to become an economic powerhouse, lightning growth has transformed the country and fueled a consumer boom. (AP Photo)

Muhadschir, muslimische Flüchtlinge aus Indien (1947). Bild: AP

Die Erschütterungen dieser gewaltigen und gewaltsamen Völkerwanderung trafen das bedeutend kleinere Pakistan stärker als den Giganten Indien. Sie gaben der jungen Islamischen Republik von Anfang an ein Element der Instabilität mit auf den Weg.  

2. Ethnische Konflikte und Separatismus

Auch nach der Abspaltung des bengalischen Ostpakistan vom Staatsgebiet 1971 ist Pakistan alles andere als ethnisch homogen. Die grösste Ethnie sind die Pandschabi und verwandte Gruppen, die etwa die Hälfte der Bevölkerung stellen. Rund 15 Prozent sind Sindhi, die überwiegend in der nach ihnen benannten Provinz im Süden leben. 

ethnische Karte von Pakistan und Afghanistan 1980

Die Karte zeigt die Gebiete der vier wichtigsten Ethnien in Pakistan (um 1980). Die Staatsgrenzen zerschneiden die Stammesgebiete der Pandschabi, Paschtunen und Belutschen. Karte: www.lib.utexas.edu

In der dort gelegenen Metropole Karatschi flammen immer wieder Konflikte mit den Muhadschir auf, jenen Muslimen, die nach der Teilung aus Indien flohen und sich vorzugsweise in Sindh ansiedelten. Ebenfalls etwa 15 Prozent sind Paschtunen. Sie sind – wie die Belutschen an der Grenze zum Iran – ein iranisches Volk, das zugleich die Mehrheit in Afghanistan stellt. 

Das Stammesgebiet der Paschtunen im Nordwesten wurde in der Kolonialzeit durch die Durand-Linie zerschnitten, die heutige afghanisch-pakistanische Grenze. Bei Paschtunen wie Belutschen gibt es starke separatistische Bestrebungen, die die Zentralregierung in Islamabad herausfordern. Diese wiederum neigt dazu, kleinere Provinzen und Minderheiten zu benachteiligen, auch unter Missachtung der Verfassung. 

3. Schwacher Staat, starkes Militär

Der staatliche Apparat in Pakistan ist in weiten Teilen schwach: Bildungs- und Gesundheitswesen sind in einem erbärmlichen Zustand, Verwaltung und mehr noch Polizei sowie Justizwesen sind anfällig für Vetternwirtschaft und Korruption. Das Militär dagegen ist finanziell gut ausgestattet und gut organisiert – es scheint diejenige Institution in Pakistan zu sein, die am besten funktioniert. Die Streitkräfte neigen denn auch dazu, immer wieder die politische Macht zu usurpieren. 

Das problematische Verhältnis zwischen politischer und militärischer Macht wird zusätzlich kompliziert durch die Rolle der Geheimdienste. Der mächtige Geheimdienst, Inter Services Intelligence (ISI), der wie ein Staat im Staate eine eigene Aussenpolitik betreibt, steht im Verdacht, mit den Taliban und anderen islamistischen Gruppierungen zu kooperieren und sogar die Planung von Terroranschlägen übernommen zu haben. 

epa04675965 Pakistani President Mamnoon Hussein and Prime Minister Nawaz Sharif (bottom - L) watch as a Pakistani developed Shaheen II missile capable of carrying nuclear warheads passes during a Republic Day Parade in Islamabad, Pakistan, 23 March 2015. Pakistan's military held a large military parade in celebration of Republic Day, which marks the day 23 March 1940 when the Muslim League demanded a separate state from India to protect Muslims, for the first time since 2008, in a show of strength following a number of high profile attacks and with the Pakistani Government claiming security in the country is improving as a result of the ongoing campaign against militants in northwestern regions of Khyber and North Waziristan.  EPA/T MUGHAL

Nukleares Muskelspiel: Pakistan verfügt über ein schnell wachsendes Arsenal von Atomwaffen.   Bild: EPA

Damit erscheint die Tatsache um so bedrohlicher, dass Pakistan über eine Atomstreitmacht von mittlerweile 80, womöglich sogar bis zu 150 Sprengköpfen verfügt. Die Sorge gründet weniger darauf, die nuklearen Waffen könnten in einem möglichen Krieg mit dem ebenfalls atomar bestückten Erzfeind Indien – beispielsweise im Konflikt um Kaschmir – eingesetzt werden. 

Befürchtet wird eher, dass pakistanische Atomwaffen «in falsche Hände» geraten könnten, sei es durch einen internen Umsturz oder die Weitergabe an Drittstaaten oder sogar terroristische Gruppen. Saudi-Arabien – das die pakistanische Bombe mit Milliardensummen finanziert hat – soll angeblich Zugriff auf mehrere pakistanische Sprengköpfe haben. 

4. Religiöse Intoleranz

Pakistan wurde als erste Islamische Republik der Welt gegründet, als Heimstatt für die Muslime des Subkontinents. Erst in den Siebzigerjahren aber wurden zusehends radikalere Strömungen immer stärker. Eine massive Islamisierung fand dann während der dritten Militärdiktatur unter General Zia ul-Haq zwischen 1977 und 1988 statt. 

Ein zusätzlicher Radikalisierungsschub setzte 1979 mit der sowjetischen Invasion des Nachbarlandes Afghanistan ein. In den tausenden von Medressen, den meist mit saudi-arabischen Spendengeldern finanzierten Koranschulen, wuchs eine religiös indoktrinierte, anderweitig aber unwissende Jugend auf, die dem Ruf zum Heiligen Krieg in Afghanistan und im Kaschmir folgte. 

Pakistani religious students attend their annual examinations at the Jamia Binoria Islamic seminary in Karachi, Pakistan, Saturday, June 16, 2012. (AP Photo/Fareed Khan)

«Bildung», Kost und Logis – alles ist gratis in den Koranschulen. Bild: AP

«Taliban», wörtlich «Schüler», wurde zum Synonym für radikalislamische Gotteskrieger: Afghanische Flüchtlinge, die in pakistanischen Medressen geschult wurden, formierten die Taliban-Miliz, die bis 2001 in Afghanistan an der Macht war und heute noch Teile des Landes beherrscht. Der pakistanische Zweig der Miliz, die Tehrik-i-Taliban Pakistan, hat ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan. Bevor sie zu einer tödlichen Bedrohung heranwuchsen, wurden sie vom militärisch-geheimdienstlichen Establishment als gottesfürchtige, patriotische Kämpfer betrachtet. 

Die Medressen lehren eine wortgetreue, konservative Auslegung des Islam, die der Deobandi-Schule folgt, einer radikal neo-traditionellen Spielart des Islam. Diese auf dem Subkontinent verbreitete Denkschule verbindet sich problemlos mit dem aus Saudi-Arabien importierten Wahabismus und den extrem konservativen Traditionen der Muslime im ländlichen Pakistan. 

Diese Saat der Intoleranz geht nun immer mehr auf: Die Position der schiitischen Minderheit im Land wird zunehmend prekär. Auch die kleine christliche Minorität wird immer mehr drangsaliert. Die Militanz der religiösen Fanatiker kennt kaum mehr Grenzen: 2011 wurde der einzige christliche Minister in der Regierung erschossen, weil er das Blasphemiegesetz kritisiert hatte. 

5. Feudale Verhältnisse

Seit der Staatsgründung hatten in Pakistan die Grossgrundbesitzer das Sagen, und im Wesentlichen haben sie es heute noch. Diese ländliche Elite ist mit den Spitzen von Bürokratie und Militär verbandelt. Bisher gelang es nur wenigen Vertretern der Mittelschichten, in diese Führungsriege aufzusteigen. Eine Ausnahme von diesem Muster stellen die Muhadschir dar, die sich nach der Flucht aus Indien in den Grossstädten ansiedelten und besonders in der Verwaltung Spitzenpositionen erobern konnten. Allmählich dringen auch Unternehmer aus den Städten in die inneren Zirkel der Macht vor, doch oft sind auch sie Abkömmlinge von ländlichen Grossgrundbesitzer-Familien. 

A farmer harvests a wheat crop in the Chakwal district of Punjab Province, Pakistan, on Wednesday, April 14, 2010. Wheat will fall 8.6 percent to $4.38 a bushel by the end of July as global stockpiles and production are expected to jump, according to a Bloomberg survey of analysts. Photographer: Asad Zaidi/Bloomberg

Grossgrundbesitzer beherrschen in Pakistan noch immer das Land –  und auch die Leute.  Bild: Agricorner.com

Entsprechend sind die politischen Parteien in Pakistan kaum dazu geeignet, Probleme der breiten Massen aufzugreifen – geschweige denn zu lösen. Sie sind – mit Ausnahme der Parteien der religiösen Fundamentalisten – autoritär von oben gelenkte Vereinigungen, die oft von einem Grossgrundbesitzer-Clan oder sonst einer Familiendynastie beherrscht werden. Ihr Zweck besteht vornehmlich darin, lokal und regional einflussreichen Cliquen Gelegenheiten zur Bereicherung zu bieten. 

Solange sich an diesen Verhältnissen nichts ändert, wird Pakistan weiterhin als gefährlicher Gigant am Rande des Ruins entlangtaumeln. 

Mehr zum Thema: Taliban-Attacke in Pakistan

Alltag von Kindern in Pakistan

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Das könnte dich auch interessieren:

«Es ist absurd» – der Chef erklärt, was er vom Feminismus hält

Link zum Artikel

Vorsicht, jetzt kommt die Wohnmobil-Rezession!

Link zum Artikel

Du bist ein Schwing-Banause? Wir klären dich rechtzeitig fürs Eidgenössische auf

Link zum Artikel

Zug steckt während 3 Stunden zwischen Grenchen und Biel fest – Passagiere wurden evakuiert

Link zum Artikel

Apples Update-Schlamassel – gefährliche iOS-Lücke steht zurzeit wieder offen

Link zum Artikel

So viel verdient dein Lehrer – der grosse Schweizer Lohnreport 2019

Link zum Artikel

Prügelt Trump die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession?

Link zum Artikel

Schweizer Firmen wollen keine Raucher einstellen – weil sie (angeblich) stinken

Link zum Artikel

Liam und Emma sind die beliebtesten Namen der Schweiz – wie sieht es in deinem Kanton aus?

Link zum Artikel

AfD-Politikerin Alice Weidel ist heimlich wieder in die Schweiz gezogen

Link zum Artikel

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Link zum Artikel

2 mal 3 macht 4! – Das wurde aus den Darstellern von «Pippi Langstrumpf»

Link zum Artikel

Greta Thunberg wollte Panik säen, erntet nun aber Wut

Link zum Artikel

Pasta mit Tomatensauce? OK, wir müssen kurz reden.

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Oppos Reno 5G ist ein spektakuläres Smartphone – das seiner Zeit voraus ist

Link zum Artikel

MEI, Minarett und Güsel: Das musst du zum Polit-Röstigraben wissen

Link zum Artikel

Ich hab die 3 neuen Huawei-Handys 2 Monate im Alltag getestet – es gab einen klaren Sieger

Link zum Artikel

Keine Hoffnung auf Überlebende nach Unwetter im Wallis ++ Gesperrte Pässe in Graubünden

Link zum Artikel

Immer wieder Djokovic – oder Federers Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit

Link zum Artikel

QDH: Huber ist in den Ferien. Wir haben ihn vorher noch ein bisschen gequält

Link zum Artikel

YB-Fan lehnt sich im Extrazug aus dem Fenster – und wird von Schild getroffen

Link zum Artikel

10 Tweets, die zeigen, dass in Grönland gerade etwas komplett schief läuft

Link zum Artikel

Wahlvorschau: Die Zentralschweiz ist diesmal nicht nur für Rot-Grün ein hartes Pflaster

Link zum Artikel

Sogar Taschenrechner verwirrt: Dieses Mathe-Rätsel macht gerade alle verrückt

Link zum Artikel

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 4: Die Zweifel des Insiders

Link zum Artikel

Uli, der Unsportliche – warum GC-Trainer Forte in Aarau unten durch ist

Link zum Artikel

Die Bloggerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand, ist tot, ihre Fantasie war grenzenlos

Link zum Artikel

Google enthüllt sechs Sicherheitslücken in iOS – das solltest du wissen

Link zum Artikel

Der neue Tarantino? Ist Mist. Aber vielleicht seht ihr das ganz anders

Link zum Artikel

Wohin ist denn eigentlich die Hitzewelle verschwunden? Nun, die Antwort ist beunruhigend

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Ab heute lebt die Welt auf Ökopump – und diese Länder sind die grössten Umweltsünder

Link zum Artikel

ARD-Moderatorin lästert über «Fortnite»-Spieler und erntet Shitstorm – nun wehrt sie sich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Wie steht es ums Amazonasgebiet? Die 10 wichtigsten Antworten zu den Waldbränden

Im Amazonasgebiet brennen seit Tagen grosse Flächen Regenwald. Doch was passiert in Brasilien eigentlich? Und werden die Feuer überhaupt bekämpft? Hier die 10 wichtigsten Fragen und Antworten, damit du einen Überblick über die Waldbrände kriegst.

Gewaltige Brände wüten derzeit im Amazonas-Regenwald in Brasilien, Paraguay und Bolivien. Bilder aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zeigen das Ausmass des Waldbrandes. Wie schlimm die Situation tatsächlich ist und was dagegen getan wird, erfährst du hier:

Die Brände wüten nicht nur in Brasilien, sondern auch in anderen Staaten Südamerikas, allen voran Venezuela, Bolivien und Kolumbien.

Gleichwohl liegt das Epizentrum der gegenwärtigen Katastrophe im grössten Staat Südamerikas, namentlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel