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Wahlsieger Imran Khan: Wer ist der neue starke Mann in Pakistan?

Pakistan hat gewählt: Imran Khan. Seine Gegner wittern Betrug. Und liberale Kräfte fürchten eine weitere Islamisierung des Landes, denn der Ex-Cricket-Star bezeichnet Recep Tayyip Erdogan als Vorbild.

Hasnain Kazim, islamabad



Ein Artikel von

Spiegel Online

Imran Khan wird neuer Ministerpräsident von Pakistan. Seine Fans feiern im ganzen Land, in der Hauptstadt Islamabad ist auf den Strassen die ganze Nacht Musik zu hören, Menschen fahren hupend durch die Strassen, Feuerwerk erleuchtet den Himmel. «Dies ist der Höhepunkt meiner langjährigen Bemühungen», sagte er in der Nacht. «Ich habe mein Bestes für Pakistan gegeben, jetzt liegt alles in der Hand Gottes.»

Khan, einst Cricket-Star des Landes, Playboy und Lebemann, hat nach einem Wahlkampf voller Gewalt geschafft, was viele für unmöglich hielten: 22 Jahre nach seinem Eintritt in die Politik hat er die jahrzehntelange Vorherrschaft der zwei mächtigen Politikerdynastien Bhutto und Sharif gebrochen.

Der Sharif-Clan und dessen bisher regierende Muslimliga PML-N hat bereits angekündigt, die Wahl nicht anzuerkennen, da es Manipulationen gegeben habe. Nach Angaben der Wahlbehörde konnte Khans Bewegung für Gerechtigkeit (PTI) keine Mehrheit im Parlament erringen und wird auf einen Koalitionspartner und unabhängige Kandidaten angewiesen sein, um eine Regierung zu bilden. Wer ist der Mann, der künftig im 200-Millionen-Land regieren wird?

In this photo provided by the office of Pakistan Tehreek-e-Insaf party, Pakistani politician Imran Khan, chief of Pakistan Tehreek-e-Insaf party, delivers his address in Islamabad, Pakistan, Thursday, July 26, 2018. Khan declared victory Thursday for his party in the country's general elections, promising a

Imran Khan ist neuer Ministerpräsident von Pakistan. Bild: AP/Tehreek-e-Insaf

Khan entstammt einer wohlhabenden Familie aus Lahore. Er studierte Politik und Wirtschaft in Pakistan und in Oxford und wurde mit 19 Jahren Cricket-Profispieler – Cricket hat in Pakistan einen Stellenwert wie Fussball in Deutschland. Er wurde zum besten Spieler, den Pakistan je hatte, und führte sein Land 1992 als Mannschaftskapitän erstmals zur Weltmeisterschaft – seither gilt er als Nationalheld.

Für sein ausschweifendes Party- und Jetsetleben, seine öffentlich zelebrierten Nachtclubbesuche in London und für seine Liebesaffären wurde Khan gleichermassen bewundert und verachtet.

Für die einen verkörperte er im konservativen islamischen Pakistan das gottlose Leben, für die anderen jene Freiheit, die sie sich selbst wünschten. Er kannte und traf sie alle: Lady Diana, Mick Jagger, Jerry Hall. Bis heute gilt der 65-Jährige als Sexsymbol.

Traditionelle Kleidung statt Jeans

Jahrelang war Khan mit der deutschen Fernsehmoderatorin Kristiane Backer liiert, bevor er 1995 die britisch-französische Milliardärstochter Jemima Goldsmith heiratete, mit der er zwei Söhne hat. Sie verliess ihn 2004, weil sie nicht nach Pakistan ziehen wollte.

FILE - In this July 26, 1996 file photo, former Pakistan cricket captain Imran Khan with his wife, Jemima, outside the High Court in London.   He won the cricket World Cup for Pakistan in 1992 when the country's prime minister was Nawaz Sharif.  Twenty six years later the charismatic Imran Khan is all set to become the first cricketer in the world to be elected as a country's prime minister in Wednesday, July 25, 2018 elections. (AP Photo/Max Nash, File)

Kahn and Goldsmith in London. Bild: AP/ap

2015 war er ein Jahr lang mit einer pakistanischen Journalistin verheiratet, und im Februar 2018 heiratete er seine Sufi-Lehrerin – und damit erstmals eine Frau, die nicht teure Kostüme trägt, sondern verschleiert in der Öffentlichkeit auftritt.

Das passt. Denn Khan hat sich verändert. Früher trug er oft Jeans und Lederjacke. Nun tritt er nur noch in traditioneller pakistanischer Kleidung auf. Über all die Jahre hat er sich äusserlich gewandelt – und wohl auch in seinem Denken.

Politischer Grossspender

Ein halbes Jahr nach dem Weltmeistertitel beendete er seine Sportlerkarriere und begann, Spenden zu sammeln, um in seiner Geburtsstadt Lahore 1994 ein Krankenhaus zu bauen. Es gilt bis heute als die modernste Krebsklinik des Landes. Arme Menschen werden dort kostenlos behandelt. «Ich habe das in Gedenken an meine Mutter getan, die an Krebs gestorben ist», sagt Khan.

1996 gründete er schliesslich seine Pakistanische Bewegung für Gerechtigkeit, die Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI). In einem Land, in dem bis dahin die Militärs, die Bhuttos und die Sharifs das Sagen hatten, wurde er dafür belächelt. Bei der Wahl ein Jahr später erzielte er kein einziges Mandat. 2002 kam er auf 0.8 Prozent der Stimmen.

2008 boykottierte der sportliche Politiker die Wahl, weil er sie für nicht verfassungsgemäss hielt. Khan galt jahrelang als politisches Leichtgewicht, niemand nahm ihn ernst. Eine Wochenzeitung verspottete ihn als «Im the Dim», was heissen sollte: «Imran, der Dämliche».

Kampf gegen Korruption

Aber Khan kandidierte weiter. 2013 waren seine Umfragewerte nicht schlecht, die PTI wurde drittstärkste Kraft. «Ich habe mich immer an zwei Regeln gehalten», sagt Khan regelmässig. «Erstens: Du hast erst verloren, wenn du aufgibst. Und zweitens: Wenn du nicht aufgibst, bist zu unschlagbar.»

Der Kampf gegen Korruption war Teil des Gründungsmythos der PTI. Khan wollte nicht mit Politikern aus der alten Machtelite zusammenarbeiten. 2013 noch lehnte er eine Koalition ab - lieber gehe er in die Opposition, als mit «den Korrupten» zusammenzuarbeiten, wie er sagte. Aber auch hier hat Khan eine Wandlung vollzogen: Diesmal möchte er unbedingt regieren, um ein Bündnis wird er daher wohl nicht herumkommen.

Ziehsohn der Armee

Längst hat er Politiker aus anderen Parteien abgeworben, weil er gelernt hat, dass man in Pakistan ohne die Grossgrundbesitzer, Industriellen und Clanchefs nichts erreichen kann. Seine grössten Unterstützer hat er aber im mächtigen Militär, das ihn wie einen politischen Ziehsohn behandelt, der ihre Interessen vertritt.

Khan gibt sich mehr denn je religiös. Er wolle einen «islamischen Wohlfahrtsstaat», sagt er. Noch vor ein paar Tagen verteidigte er im Wahlkampf das Blasphemiegesetz, das die Todesstrafe bei Beleidigung des Propheten Mohammed vorsieht.

Zuletzt lehnte er auch eine Änderung jenes Gesetzes ab, wonach eine Frau, die vergewaltigt wurde, Zeugen für die Tat aufbringen muss – ausgerechnet er, dem mehrere Frauen sexuellen Missbrauch anlasteten. Khan bestreitet die Vorwürfe bis heute.

«Terrorist ohne Bart»

Ist Khan ein Demokrat? Ein islamischer Reformer? Oder ein Islamist? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Vor ein paar Jahren nominierten ihn die Taliban als ihren Verhandler bei Friedensgesprächen mit der Regierung. Khan war gegen den Krieg in Afghanistan, er war gegen die US-geführte Invasion in den Irak, mit zum Teil überzeugenden Argumenten. Immer wieder hat er sich aber auch für radikale Islamisten eingesetzt und den Dialog mit ihnen gefordert. Manche holte er sogar in seine Partei.

Der frühere Militärdiktator Pervez Musharraf nannte Khan deshalb einen «Terroristen ohne Bart», Khans Kritiker bezeichnen ihn seit Jahren «Taliban Khan». Viele Liberale – wobei liberal in weiten Teilen der pakistanischen Gesellschaft als Schimpfwort gilt – befürchten, Pakistan werde unter einer Herrschaft Khans noch islamischer, noch konservativer, noch unfreier.

Erdogan als Vorbild

Khan selbst winkt ab. Er habe lediglich zu seinen religiösen Wurzeln zurückgefunden, sagte er in mehreren Interviews. Als Vorbild nennt er in parteiinternen Runden gelegentlich den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der habe sein Land wirtschaftlich und politisch gestärkt und zugleich dem Islam wieder nähergebracht.

Und noch eine Parallele sieht Khan, der analog zur «neuen Türkei» Erdogans für ein «neues Pakistan» wirbt: Erdogan habe das Militär in seine Schranken gewiesen. Dass er, Khan, von Kritikern als «Marionette der Generäle» bezeichnet werde, die ihn unterstützten und stark gemacht hätten, sei daher kein Grund zur Sorge. Er könne das ja irgendwann genauso machen.

Wahlkampf in Pakistan von Gewalt überschattet

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Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • honesty_is_the_key 28.07.2018 19:29
    Highlight Highlight Schade, Pakistan hätte frisches Blut sehr gut gebrauchen können, abseits vom Bhutto oder Sharif Clan, und abseits von islamistischen Hardlinern.

    Imran Khan war als er als Politiker anfing sehr tolerant und weltoffen (für pakistanische Verhätlnisse). Nun scheint er leider sich "angepasst zu haben":-(. Und somit wird sich wohl in Pakistan nicht wirklich was ändern.
    • Saraina 28.07.2018 23:59
      Highlight Highlight Die Frage ist: ist er korrupt? Dann wird sich tatsächlich nichts ändern. Oder bekämpft er tatsächlich die reiche Elite der Grossgrundbesitzer, und will Bildung und angemessene Lebensbedingungen für alle schaffen? Und wenn ja, überlebt er das?
  • Pinhead 27.07.2018 14:54
    Highlight Highlight Imran Khan sieht aus wie eine Mischung aus Roger Schawinski und Muammar al-Gaddafi.
  • Oh Dae-su 27.07.2018 14:13
    Highlight Highlight Noch mehr Fundi-Islam, ja das ist sicherlich genau das, was Pakistan jetzt braucht...

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