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Schrecklich diskret: So funktioniert die Panama-Kanzlei Mossack Fonseca

Die Panama Papers dürften höhere Wellen schlagen als frühere Steuerenthüllungen. Obwohl die betroffene Kanzlei Mossack Fonseca gewarnt war, zeigte sie sich noch vor wenigen Wochen offen für deutsche Steuervermeider.

David Böcking



A company list showing the Mossack Fonseca law firm is pictured on a sign at the Arango Orillac Building in Panama City April 3, 2016. REUTERS/Carlos Jasso

«Wir teilen keinerlei Informationen mit der Regierung»: Mossack Fonseca.
Bild: CARLOS JASSO/REUTERS

Ein Artikel von

Spiegel Online

Der deutsche Geschäftsmann ist besorgt. Rund 2,5 Millionen Euro hat er in Luxemburg geparkt. «Aber wie Sie vielleicht wissen, haben wir in der EU zurzeit viele Steuerprobleme», erzählt er am Telefon einer Mitarbeiterin der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca. Deshalb würde er sein Vermögen gerne in einen Trust in Panama verschieben. «Ich will etwas sparen für meine Familie, für meine Tochter.» Die Daten des Deutschen werden notiert, ein Anwalt werde alles Weitere mit ihm klären. Sorgen vor gesetzlichen Verschärfungen müsse er sich nicht machen. «Wir teilen keinerlei Informationen mit der Regierung.»

Bei dem Geschäftsmann handelte es sich in Wahrheit um den EU-Abgeordneten Fabio de Masi (Linke). Anfang März machte er einen verdeckten Anruf bei Mossack Fonseca, eine anonymisierte Aufzeichnung des Telefonats liegt «Spiegel Online» vor. Es zeigt, dass die Kanzlei bis in die jüngste Vergangenheit für Anfragen deutscher Steuervermeider offen war. Dabei muss man in Panama zu diesem Zeitpunkt längst geahnt haben, was auf die Kanzlei zukommt.

Vor einem Jahr hatte die «Süddeutsche Zeitung» bekannt gegeben, dass sie in den Besitz einer gewaltigen Menge von Kundendaten aus Panama gelangt sei und diese mithilfe eines internationalen Rechercheverbunds auswerten wolle. Jetzt sind die Ergebnisse veröffentlicht. Demnach nutzten Prominente aus aller Welt die Dienste der Kanzlei. Darunter sind hochrangige Politiker wie der isländische Premierminister Sigmundur David Gunnlaugsson und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, Freunde des russischen Präsidenten Wladimir Putin und der Fussballstar Lionel Messi.

epa05243134 (FILE) A file picture dated 16 October 2013 shows a panoramic view of high-rise buildings in Panama City, Panama. Millions of leaked documents published on 03 April 2016 suggest that 140 politicians and officials from around the globe, including 72 former and current world leaders, have connections with secret 'offshore' companies to escape tax scrutiny in their countries. The leak involves 11.5 million documents from one of the world's largest offshore law firms, Mossack Fonseca, based in Panama. The investigation dubbed 'The Panama Papers' was undertaken and headed by German newspaper Sueddeutsche Zeitung and Washington-based International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), with the collaboration of reporters from more than 100 media outlets in 78 countries around the world.  EPA/ALEJANDRO ERNESTO

Die Skyline von Panama.
Bild: EPA/EFE

Gelockt wurde die illustre Kundschaft von einer sehr diskreten Form der Geldanlage: Firmen wie Mossack Fonseca legen Trusts an, eine angelsächsische Variante der Stiftung. Diese erscheinen nach aussen wie Firmen, die von pro forma bestellten Direktoren geleitet werden. Der wahre Inhaber ist nicht erkennbar, hat aber über eine meist zwischengeschaltete Bank Zugriff auf das Vermögen.

Die Praktiken solcher Briefkastenfirmen wurden bereits durch eine Reihe frühere Enthüllungen thematisiert. Dazu zählten die sogenannten Offshore-Leaks, durch die 2013 Kundendaten von zwei der weltweit grössten Trust-Anbieter in Steueroasen publik wurden. Damals wie heute gilt: Die Geschäftspraktiken sind moralisch zweifelhaft, per se illegal sind sie aber nicht.

Dennoch dürften die Panama Papers höhere Wellen schlagen als frühere Veröffentlichungen. Das liegt zum einen an der Prominenz der Betroffenen. Bei Offshore Leaks gehörte Gunter Sachs schon zu den bekannteren Namen – ein Lebemann ohne öffentliche Funktion, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zudem bereits tot war. Die neuen Enthüllungen dagegen betreffen zahlreiche Politiker, die noch in Amt und Würden sind. Dass manchen dies durchaus unangenehm ist, zeigt das Beispiel des isländischen Premiers Gunnlaugson. Als dieser vor wenigen Tagen auf eine Briefkastenfirma unter seinem Namen angesprochen wurde, brach er nach ein paar gestotterten Sätzen das Interview ab.

Auch Kriminelle unter den Kunden

Zum Zweiten ist in jüngster Zeit immer deutlicher geworden, dass sich selbst unbescholtene Nutzer von Briefkastenfirmen in ein Umfeld begeben, das Kriminelle und anderweitig suspekte Vermögensbesitzer anzieht. Zu den Kunden der 1977 vom Deutschen Jürgen Mossack gegründeten Kanzlei sollen unter anderem der per Interpol-Haftbefehl gesuchte Diamantenhändler Mozes Victor Konig gehört haben, Vertraute der Diktatoren Muammar al-Gaddafi und Robert Mugabe sowie ein Cousin des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Das Datenleck bei der Kanzlei hat auch bereits zu einer Affäre bei der Commerzbank geführt, welche lange mit den Panamaern zusammenarbeitete und dies nur zögerlich beendet. Die Kanzlei führte auch eine Scheinfirma, über die ein Mitarbeiter der Bundesdruckerei nach Spiegel-Recherchen Schmiergelder versteckt haben könnte.

«Reichen, Mächtigen und anderen Kriminellen wird es so einfach gemacht, Geld zu waschen und Steuern zu hinterziehen», kritisiert der EU-Abgeordnete de Masi das Prinzip der Briefkastenfirmen. «Die grosse Mehrheit der Bevölkerung versteuert jeden hart verdienten Cent, während Banken und Kanzleien den Steuerdieben helfen.»

De Masi ist Mitglied des Lux-Leaks-Ausschusses, der derzeit luxemburgische Steuertricks aufarbeitet. Hinter seinem unkonventionellen Anruf bei Mossack Fonseca steckte nach eigenen Angaben auch der Frust darüber, dass der Staat im Kampf gegen Steuervermeider trotz der mittlerweile zahlreichen Steuerskandale immer noch schwach erscheint. Der grüne Europa-Abgeordnete Sven Giegold äussert sich ähnlich. Es sei «eine Schande, dass wir im Kampf gegen die elendige Steuerflucht auf solche Datenlecks angewiesen sind».

Rudolf Elmer auf dem Weg ins Zuercher Bezirksgericht zur Urteilseroeffnung im Prozess gegen ihn am Montag, 19. Januar 2015. Rudolf Elmer gilt als bekanntester Whistleblower der Schweiz. Bekannt wurde er vor allem, weil er im Januar 2011 anlaesslich einer spektakulaeren Medienkonferenz in London dem Wikileaks-Aktivisten Julian Assange zwei CDs uebergab. Die beiden Datentraeger sollen eine grosse Menge Bankkundendaten enthalten haben, was Elmer inzwischen aber bestreitet. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Elmer vor Gericht in Zürich.
Bild: KEYSTONE

Finanzstaatssekretär Michael Meister betonte dagegen am Sonntagabend bei «Anne Will», man sei in der internationalen Zusammenarbeit deutlich vorangekommen – etwa durch die 2014 in Berlin verabschiedete BEPS-Initiative, mit der mehr als 60 Staaten gemeinsam gegen die Steuersparmodelle von Konzernen vorgehen wollen. Tatsächlich geschehen sei noch nicht viel, widersprach der Schweizer Whistleblower Ruedi Elmer. Er verwies unter anderem auf die mühsamen Versuche, öffentliche Register einzuführen, welche die wahren Berechtigten von Briefkastenfirmen offenlegen.

Auch Panama hatte sich lange gegen internationale Forderungen nach mehr Transparenz gewehrt. Mittlerweile wurde zwar ein Gesetz erlassen, wonach Banken, Anwälte und rund 30 andere Branchen auf Anfrage der Behörden die wahren Berechtigten von Firmen an die Behörden weitergeben müssen. Doch die Äusserungen gegenüber dem von de Masi gespielten deutschen Millionär legen nahe, dass man diese Vorschrift wenig fürchtet. Hinzu kommt: Die Grenzen zwischen Kanzlei und Politik sind ohnehin fliessen: Der Bruder von Jürgen Mossack ist Honorarkonsul für Panama, Co-Gründer Ramón Fonseca Mora gehörte bis vor kurzem sogar zum persönlichen Beraterstab des panamaischen Präsidenten.

Panama Papers

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