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Dandong China Nordkorea

Was die wohl alle sehen? Wilde Tiere vielleicht? Nein, Nordkoreaner am Ufer. bild: watson

Wo Nordkoreaner «gefüttert» werden: Absurde Reise an die Grenze von Kims Reich

Ich darf sagen, dass ich schon einiges von der Welt gesehen habe. Doch nichts fuhr bisher so ein wie das, was ich an der Grenze von China zu Nordkorea erlebe.

14.12.16, 08:00 14.12.16, 14:39

reto fehr, china



«Es isch dunkel und chalt und langwilig», schreibt mir mein Freund aus Changchun, einer gesichtslosen Millionenstadt im Nordosten Chinas. «... aber scho guet für paar Täg», schiebt er nach. Es wäre nicht nötig gewesen. Denn als ich das hörte, wusste ich: Da will ich hin.

Ferien im November waren geplant. Mit einem wunderbaren Hotel, üppigem Frühstücksbuffet und jeden Tag stundenlang am schönsten Strand der Welt bruzzeln, kann man mich nicht locken. Eine Reise in die unbekannten Weiten Chinas, fernab von Tourismushochburgen, dafür mit der Aussicht nach Nordkorea hinüberzublicken – grossartig. Tatsächlich werde ich etwas erleben, das ich mir so nicht vorstellen konnte. Und noch immer nicht ganz fassen kann.

Aber von Anfang an.

Dandong China Nordkorea

Blick nach Nordkorea. Alles rechts vom Yalu Fluss gehört hier zum Reich von Kim Jong-un.

Der Reiseführer empfiehlt auf seinen wenigen Seiten, welche das gigantische Gebiet abdecken, als eines der wenigen Highlights: «23 Kilometer nordöstlich von Dandong kann man eine spannende, 30-minütige Bootsfahrt auf dem Yalu Jiang machen. Auf einem bestimmten Flussabschnitt werden ufernahe Gefilde angesteuert, die im Nordkorea-Gebiet liegen. Dort warten schon die nordkoreanischen Bootsführer, um Zigaretten, Devisen und Alkohol zu kaufen.»

Ich bin fasziniert von Grenzen. Egal ob reale oder solche, die nur in unseren Köpfen sind. Gemeinsam haben sie meines Erachtens alle oft eines: Sie sind völlig willkürlich und meist sinnlos. So wie in diesem Fall zwischen Nordkorea und China. Warum wird hier plötzlich ein kleiner Seitenarm zur Landesgrenze und die grosse Insel gehört so zu Kim Jong-uns Reich?

Das Gebiet der Flussfahrt. Die Insel in der Mitte gehört schon zu Nordkorea.

Wie auch immer. Bald tuckere ich mit rund 15 Chinesen auf dem Yalu. Verteilt werden Ferngläser, alle haben Kameras zur Hand. Die ganze Schar bewegt sich auf dem Boot von rechts nach links, je nachdem, wo es etwas zu sehen gibt. «Etwas» bezieht sich dabei nicht auf Vögel, Landtiere oder spannende Uferflora. Sondern Menschen. Also Nordkoreaner.

Links bestellen drei Bauern ein Feld, rechts versuchen einige Männer eine Kuh auf ein kleines Boot zu bewegen. Zwei Männer in Uniform überwachen den Vorgang. Bei uns auf dem Schiff klicken die Kameras und durch die Ferngläser werden die Nordkoreaner ausspioniert. Glücklicherweise befindet sich ein Südkoreaner auf dem Boot, der chinesisch versteht und für mich übersetzt.

Nordkoreaner versuchen eine Lastkuh auf ein Schiff zu befördern. Video: streamable

Wirklich grotesk wird die Ausfahrt auf dem Rückweg. Es können Zigaretten und Esswaren gekauft oder Devisen gewechselt werden. Davon wird rege Gebrauch gemacht. Das Boot fährt in Ufernähe und die Passagiere werfen den armen Seelen am Rand die Dinge rüber. Eilig rennen diese, um die wertvolle Kost zu ergattern. Ich kann gar nicht glauben, was ich sehe. «‹Affenfütterung› nannte es der Bootsfahrer», sagt mir der Südkoreaner.

Video: streamable

Auf dem Rückweg erklärt er mir, wie es dazu kam und die Chinesen ein Geschäft daraus entwickelten. Als Südkoreaner kann man über Mittelsmänner Verwandte in Nordkorea ausmachen. Werden diese gefunden, macht man an einem Flussabschnitt ab und kann seine Familie vom Boot aus mit Essen, Kleidern und so weiter unterstützen.

«Im Sommer, wenn es mehr Touristen hat, ist das Ufer voll mit Nordkoreanern, die auf Unterstützung hoffen. Einige kommen dann auch in kleinen Booten zum Touristenschiff und holen Waren ab. Es ist tragisch.» Ob er an eine Wiedervereinigung glaubt? «Die ist wieder weit weg. In Südkorea beschäftigen wir uns momentan mehr mit unserer eigenen Präsidentin.»

Die Bootsfahrt ist das eindrücklichste, aber nicht das einzige Absurdum an der brisanten Grenze. Im nahen Dandong (China) liegt auf der gegenüberliegenden Flussseite Sinuiju (Nordkorea). Am Tag wirkt die nordkoreanische Stadt «normal».

Dandong Sinuiju

Links vom Fluss Dandong, rechts Sinuiju mit 350'000 Einwohnern gemäss Wikipedia.

Rüber geht es seit Ende 2015 über die fast einzige grosse Brücke über den Yalu. Fussgänger sind nicht erlaubt, bei einem dieser wenigen Tore in den isolierten Staat. Rund 60 Prozent des Handels mit Nordkorea soll hier abgewickelt werden. Neben dieser «Friendship Bridge», welche für den Verkehr geöffnet ist, steht noch die alte, kaputte Brücke. Sie wurde allerdings von Nordkorea nach der Zerstörung der Amerikaner Mitte des 20. Jahrhunderts auf ihrer Seite nicht wieder aufgebaut. Nur noch die massiven Pfeiler ragen aus dem Wasser. 

Dandong China Nordkorea

Die kaputte (r.) und neue Brücke rüber nach Nordkorea. bild: watson

Auf chinesischer Seite stehen Ferngläser bereit, um rüber zu schauen. Man entdeckt dann schnell ein Riesenrad und eine Wasserrutsche. Doch beide Vergnügungsanlagen seien längst nicht mehr in Gebrauch.

Dandong

Das Ende der alten Brücke wird heute von China als Touristenattrakion genutzt, Nordkorea stellte seinen Teil nicht wieder her. In der Mitte zu erkennen: ein Riesenrad. Aber in Betrieb ist es längst nicht mehr. bild: Watson

Offensichtlich wird der Unterschied in der Nacht. Wenn auf der chinesischen Seite alles blinkt und leuchtet und lärmt, scheint die «Friendship Bridge» zur «Bridge to nowhere» zu werden. Denn in Nordkorea leuchten nur ganz wenige Lichter.

Hier leuchtet China, drüben verschwindet Nordkorea in der dunklen Nacht. Video: streamable

Auch wenn die Erlebnisse teilweise schockierend waren: Ich kehre mit sehr vielen positiven Erinnerungen an China zurück in die Schweiz. Und bin einmal mehr froh, habe ich mich gegen das wunderbare Hotel und das üppige Frühstücksbuffet entschieden.

An der Grenze zwischen China und Nordkorea

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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28Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mia_san_mia 14.12.2016 17:19
    Highlight Sehr interessant und auch traurig...
    19 0 Melden
  • seleva 14.12.2016 16:42
    Highlight Lustig, da bin ich letzten Sommer eher zufällig auch gelandet. Aber statt 'Affenfütter' (übler Begriff) empfehle ich Mauerablaufen - in Dandong hat's ein gut restauriertes & unrestauriertes Stück (das eine Ende der Mauer) von wo aus man einen kurzen aber abenteuerlichen Weg an den besagten Fluss machen kann. Eindrücklich! Und das Beste daran: keine Touris!! (sehr sehr selten in China). Zu empfehlen!
    8 0 Melden
  • Mighty 14.12.2016 10:52
    Highlight Interessanter Bericht! Am 22.12 werde ich nach 4 Monaten in Seoul endlich die Grenze zwischen Nord- & Südkorea besuchen. Nun bin ich noch mehr gespannt.
    27 3 Melden
  • gaelma 14.12.2016 10:07
    Highlight Ich habe schon einmal Nordkorea bereist. Wenn man sieht, wie dort gelebt wird, ist noch einmal alles viel schlimmer. Sogar wenn man nur das sieht, was sie einem vorführen. Früher dachte ich, dass das mit der Wiedervereinigung schon eines Tages kommen wird. Jetzt sehe ich das anders. So lange China seine schützende Hand über dieses Land hält, wird das nichts. Und China hat halt keinerlei Interesse daran, die amerikanische Einflusszone direkt vor der Haustür zu haben. Ganz schlechte Karten für dieses liebenswerte Volk.
    69 1 Melden
    • Maett 14.12.2016 11:52
      Highlight @gaelma: da ist Trump ironischerweise eine eventuelle Chance - wenn sich die USA aus Asien zurückziehen sollte (insb. Japan und Südkorea), könnte dies den koreanischen Frieden ermöglichen.

      Vor allem weil sich China nicht mehr bedrängt fühlen würde, denn tatsächlich wird NK vor allem von China unterstützt.
      17 3 Melden
  • khargor 14.12.2016 10:00
    Highlight Die Fahrt von Sinuiju über die Brücke nach Dandong war einer der eindrücklichsten Momente auf meiner Nordkoreareise. Man kommt vom kahlen Niemandsland mit Kim da, Kim dort in eine hyperkapitalistische vibrierende "Metropole", welche mit 2.5 Mio. Einwohnern eigentlich ziemlich klein ist.

    Übrigens: Südlich vom Zentrum von Dandong gibt es in einem neuen Viertel namens "New Dandong" eine nigelnagelneue vierspurige Brücke über den Yalu. Leider verläuft das Trassee im nordkoreanischen Morast. Anscheinend seien die Chinesen dran, die Strasse auf der nordkoreanischen Seite fertig zu bauen.
    31 0 Melden
    • oliversum 14.12.2016 10:59
      Highlight Wo hast Du die Nordkoreareise gebucht? Bist Du mit dem Zug von China nach NK gefahren? Wil ich auch unbedingt machen. Danke :-)
      21 1 Melden
    • khargor 14.12.2016 11:31
      Highlight Reise buchen: www.koryogroup.com
      Super Reisebüro, du wirst von denen am Vorabend instruiert. Nimm eine Gruppenreise, es ist lustig, glaub mir :)

      Wir haben die Kimchi Budget Tour genommen. Hinflug PEK - Pyongyang, Retour via Dandong mit dem Zug. Umgekehrt gehts auch.

      Inhalte: Pyongyang City Tour inkl. Metro, Juche Tower, Kim Il Sung Square, Mansu Hill, Taedonggang Beer Festival (war im August, sehr empfehlenswert), Kaesong (Grenze zu Südkorea), Pyongsong (Schulen besichtigen), Mausoleum der Kim's.

      Du brauchst eine gut funktionierende Leber für die Tour. Die Hotelbar ist gut und günstig!
      29 2 Melden
    • oliversum 14.12.2016 13:27
      Highlight Danke, khargor!
      10 0 Melden
  • TomC 14.12.2016 09:31
    Highlight Interessant. Danke für deine Eindrücke und Fotos, echt krass....
    52 1 Melden
  • jamesjames 14.12.2016 09:20
    Highlight ich finde das irgendwie verstörend und traurig.
    Die Bürger Nordkoreas schaffen es nicht von alleine sondern brauchen aich die hilfe det Welt. Man sollte mit mehrere länder ein putsch versuch machen gegen die Regierung. Es gibt schlicht keine bessere Lösung
    10 44 Melden
    • Hoppla! 14.12.2016 09:49
      Highlight Internationale Politik ist kompliziert...

      Da sind primär Interessen vorhanden die den nordkoreanischen Staat stützen. Und ob ein Putschversuch von aussen in einem seit Jahrzehnten indoktrinierten Land erfolgreich wäre ist eine andere Sache.

      Plus: Jeder kennt das Dilemma z.B. in Libyen. Greift man ein ist man der Trottel, greift man nicht ein ist man auch der Trottel.
      74 1 Melden
    • meine senf 14.12.2016 10:07
      Highlight China will keinen Wechsel, da Nordkorea als Pufferzone zum unter amerikanischem Einfluss stehenden Südkorea dient. Der irre Kim ist ihnen immer noch lieber, als wenn es US-Soldaten an ihrer Grenze hätte.
      Die meisten Südkoreaner kennen die Situation schon gar nicht mehr anders und fürchten die Folgen einer Wiedervereinigung, zumal die Unterschiede und Abschottung zwischen Südkorea und Nordkorea sehr viel grösser sind, als sie zwischen BRD und DDR waren.
      Auch wenn es niemand offen sagt, letztendlich wollen alle den Status Quo beibehalten. Und das weiss auch Kim.
      37 0 Melden
    • zsalizäme 14.12.2016 11:44
      Highlight Die Putschversuche auf dieser Welt haben in letzter Zeit ja auch alle so gut geklappt...
      22 1 Melden
    • Maett 14.12.2016 11:54
      Highlight @jamesjames: statt sich selbstgerecht zum Schaden vieler überall einzumischen, könnte man einfach der Zeit ihren Lauf lassen. Über kurz oder lang wird sich alles so hinbiegen, wie es gut ist.
      6 3 Melden
  • Triumvir 14.12.2016 09:09
    Highlight Sieht spannend aus. Ich bevorzuge aber trotzdem "Ferien am Traumstrand" mit glücklichen Menschen, die nicht wie "Affen" gefüttert und behandelt werden müssen...so etwas stimmt mich nämlich echt traurig und das brauche ich während den schönsten Tagen im Jahr nun wirklich nicht...
    17 41 Melden
  • 有好的中国老虎 friendly chinese Tiger 14.12.2016 09:00
    Highlight toller und sehr interessanter Bericht.
    Habe auch schon mal eine Doku über diese Gegend gesehen und finde es auch unglaublich.
    Es sind wie zwei verschiedene Welten.
    39 1 Melden
  • Luca Brasi 14.12.2016 08:55
    Highlight Toller Bericht, Herr Fehr! Ja, die Chinesen haben wirklich ein ambivalentes Verhältnis zu Nordkorea. Einerseits offiziell Freunde oder"Pufferzone" zu Südkorea und US-Militärbasen, andererseits aber auch ein Überlegenheitsgefühl (O-Ton eines Chinesen: "die da drüben sind ja noch verrückter als wir zur Zeit der Kulturrevolution"), was wohl auch mit dem rasanten Anwachsen des Wohlstands bei vielen Chinesen zu tun hat.
    Danke auch für die eindrücklichen Bilder und teils verstörenden Videos! 感谢您,师傅. ^_-
    35 1 Melden
  • Goon 14.12.2016 08:42
    Highlight Wegen solchen Berichten lese ich Watson!!!!
    80 3 Melden
  • panaap 14.12.2016 08:33
    Highlight Toller Bericht!
    45 3 Melden
    • JJ17 14.12.2016 11:04
      Highlight Planst du auch einmal nach Nordkorea selber zu reisen? Das steht, für in einigen Jahren, ganz oben auf meiner Reiseliste.
      11 1 Melden

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