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Johannes Paul II. und die Philosophin: «Mehr als Freunde, weniger als Liebhaber»

Johannes Paul II. soll eine enge Beziehung zu einer verheirateten Frau gehabt haben. Sie hat ihm offenbar gut getan.

Annette Langer



Ein Artikel von

Spiegel Online

Wen könnte es interessieren, dass ein Geistlicher mal eine gute Freundin hatte, die vielleicht mehr war als das? Eine Menge Menschen, denn hier geht es um Johannes Paul II., den Keuschheitspapst; um einen, der Homosexuellen Enthaltsamkeit predigte, der Kondome auch für Aidskranke verdammte und selbst vergewaltigten Frauen von einer Abtreibung abriet.

Es geht um einen Pontifex, dem Ehe und Familie als göttliche Institution galten und der – für katholische Verhältnisse im Schnelldurchlauf – zum Heiligen ernannt wurde.

Ein Heiliger also, der eine «sehr intensive Freundschaft» zu einer verheirateten Mutter von drei Kindern gepflegt haben soll – so insinuiert es zumindest eine Dokumentation der BBC und des Senders Arte.

Nuns hold up a poster with portraits of  Pope John Paul II, left, and John XXIII, in St. Peter's Square at the Vatican Sunday, April 27, 2014. Pope Francis has declared his two predecessors John XXIII and John Paul II saints in an unprecedented canonization ceremony made even more historic by the presence of retired Pope Benedict XVI. (AP Photo/Emilio Morenatti)

Karol Wojtyla in seiner Zeit als Erzbischof von Krakau: «Du schreibst, dass Du ganz zerrissen bist.»
Bild: AP

Demnach sollen Johannes Paul II. und die US-Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka über 30 Jahre lang eine aussergewöhnliche Beziehung gehabt haben, die, wenn sie den Prüfern der zuständigen Kongregation bekannt gewesen wäre, den Filmemachern zufolge eine Verzögerung bei der Heiligsprechung nach sich gezogen hätte.

Beleg für die nicht klar definierte Liaison sind knapp 350 Briefe, die der Pontifex an die in Polen geborene Intellektuelle geschrieben hat. 1973 sollen sich die beiden kennengelernt und schnell eine lebhafte Brieffreundschaft entwickelt haben. Man habe sich in Rom und in Polen getroffen, lange Gespräche und Telefonate geführt, ausserdem gemeinsam Ski- und Campingurlaube verbracht.

Im Jahr 1976 kam der damalige Kardinal Karol Wojtyla in die Vereinigten Staaten, wo er unter anderem auf Tymienieckas Landhaus in Vermont zu Besuch war. Am 10. September, nur wenige Tage nach seiner Abreise, verfasste Wojtyla folgende Zeilen: «Du schreibst, dass Du ganz zerrissen bist, und ich habe keine Antwort auf diese Worte. Ich fühle Dich überall, in allen möglichen Situationen, ob Du nah bist oder fern. Ich weiss noch genau, wo ich war, als Du mir sagtest: 'Ich gehöre zu Dir.' Ich hatte Angst vor diesem Geschenk. Aber ich weiss nun, dass ich dieses Geschenk annehmen muss als ein Geschenk des Himmels.»

Das klingt ein bisschen nach dem Grundkonflikt der Achtzigerjahre-TV-Schmonzette «Die Dornenvögel» – ist aber beileibe kein Beweis dafür, dass Johannes Paul II. Probleme mit der Einhaltung des Zölibats hatte. So sieht es auch der Autor der BBC-Dokumentation, Edward Stourton. Er betont, die beiden seien «mehr als Freunde, aber weniger als Liebhaber» gewesen. Eine knifflige Sache, angeblich für beide Seiten.

Und wie bei allen spannenden Freundschaften, soll es auch zwischen Wojtyla und Tymieniecka gekracht haben, 1978, da war er gerade zum Papst gewählt worden. Es ging um die Rechte an einem philosophischen Buch von Wojtyla, an dessen Übersetzung die Wissenschaftlerin mitgearbeitet hatte.

Tymieniecka, eine ausgewiesene Kennerin des Philosophen Edmund Husserl, war wütend, erklärte aber später durchaus selbstbewusst, sie habe dem Papst vergeben. Nach dem Attentat auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 seien sich die beiden wieder näher gekommen, der letzte Brief datiert auf das Jahr 2005, wenige Monate vor dem Tod des Pontifex.

«Intellektuell und sehr emotional»

«Ihre Beziehung hat sich auf zwei Ebenen abgespielt, einer intellektuellen und einer persönlichen, sehr emotionalen», sagt der Übersetzer Eugene Kizlerk in der Dokumentation. Wojtyla und Tymieniecka seien sich auf beiden Ebenen nah gekommen, «und es war für beide sehr schwer, das auseinanderzuhalten».

Tymieniecka selbst dementierte jeden amourösen Zwischenton ihrer Freundschaft zu Wojtyla. Von dem Journalisten Carl Bernstein im Jahr 1996 befragt, ob sie in den Papst verliebt gewesen sei, sagte sie: «Nein, wieso sollte ich mich in einen mittelalten Geistlichen verlieben? Ich gelte immer noch als schöne Frau, ich habe viele schöne, junge Männer um mich herum.»

Auch der Vatikan wiegelt laut «Guardian» ab. Es sei bekannt gewesen, dass der Papst gute Beziehungen zu Tymieniecka, aber auch zu anderen Frauen gehabt habe, die ihn etwa in Familienfragen beraten hätten. Auch die polnischen Nationalbibliothek winkte ab: Tymieniecka habe zum Freundeskreis des Papstes gehört, die Beziehung sei jedoch «weder vertraulich noch ungewöhnlich» gewesen, sagte ein Sprecher. Von einem «Sturm im Wasserglas» spricht der Papst-Biograf George Weigel, solche Dokumentationen würden die Wahrnehmung Johannes Paul II. nicht im Geringsten verändern.

Vielleicht aber doch, denn das Verhältnis zu der 2014 verstorbenen Tymieniecka zeigt Johannes Paul II. in einem neuen Licht. Als Traditionalist hatte sich der Papst zu Lebzeiten in Sachen Gleichberechtigung nicht gerade FreundInnen gemacht. Er sah vor allem in Maria «den erhabensten Ausdruck des Genius der Frau». Seine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer offenbar starken Frau zeigt aber, dass er keine Angst davor hatte und den Austausch schätzte.

Auf die Frage, welchen philosophischen Einfluss sie auf Johannes Paul II. gehabt habe, soll Tymieniecka sehr unbescheiden geantwortet haben: «So wie ich es sehe, ist dieses Pontifikat von meinen Ideen geprägt.» Der Papst sei, wenn nicht von ihr inspiriert, so doch mindestens «in völligem Einverständnis» mit ihr.

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • thompson 16.02.2016 05:14
    Highlight Highlight jesus hatte maria magdalena
    san francesco hatte jacoba.
    Katholiken sind echter und weltlicher als viele meinen.
    schaut lieber den evangelikalen auf die Finger.

  • malu 64 16.02.2016 01:52
    Highlight Highlight Ist ja alles nur menschlich. Kannst du in 2000 Jahren im vatikanischen Archiv nachlesen,
    falls die Akte bis dann freigegeben
    wird.


  • Spooky 16.02.2016 00:45
    Highlight Highlight Meine Behauptung ist die folgende: In 1000 Jahren wird es keine Päpste mehr geben.
  • pamayer 16.02.2016 00:42
    Highlight Highlight Die alte sache mit dem wasser predigen und wein trinken. Die franzosen haben dieses prinzip verfassungsmässig 1789 über Bord - oder soll man sagen: "über gouillotine" - geworfen.
    Tragisch heute noch für alle kathokiken, die an den Papst glauben und diese news etnweder als verleugnung durch das böse abtun können, oder sich in ihrem gkauben vearscht vorkommen. Von allen hiv opfern wegen päservativ-verbot und alken alleinerziehenden frazen wegen abtreibunsverbot gar nicht zu reden.
    Der papst hat so eibe grosse Verantwortung und verhält sich drmassen bigott, dass gott erbarm.
  • Karl Müller 15.02.2016 23:15
    Highlight Highlight Ich sehe hier eher ein kulturelles Problem als ein religiöses, und zwar zwischen dem westlichen Journalismus und seinem Unverständnis gegenüber der Korrespondenz zweier Polen.

    Solche schwurbelig-emotional wirkenden Beteuerungen sind im Grunde ganz normal im damaligen Eisernen Vorhang (grob gesagt). Man sagt - mitunter auch nur aus Höflichkeit - was das Gegenüber einem bedeutet, und was das mit dem eigenen Körper anstellt.

    Jaja, unangenehm für uns Westeuropäer, aber ist so. Ich hab schon Polen getroffen, die haben sich meiner Liebe freundlicher und offensiver versichert, als meine Freundin.

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