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Die neue Freiheit der saudischen Frauen

bild: lea senn / shutterstock

Der saudische Kronprinz reformiert derzeit sein erzreligiöses Königreich. Kinos sind nun erlaubt, Frauen dürfen ins Fussballstadion und ab Juni auch Auto fahren. Die 25-jährige Aabidah erzählt im Gespräch mit watson, was das für sie bedeutet – und welche Reform für sie noch wichtiger wäre. 



Ich kenne Aabidah* seit sechs Jahren. Damals, im Jahr 2011, waren wir beide in New York, um unser Englisch zu verbessern. Sie war knapp 18, ich 20. Während wir Westler unsere Abende in Bars verbrachten, verabschiedete sie sich jeweils um 20 Uhr. Denn wenn ihre Mutter sie per Skype aus ihrem Heimatland Saudi-Arabien anrief, musste sie zu Hause in ihrem kleinen Apartment in Queens sein. 

Aabidah trug ein Kopftuch, allerdings eines, das die Ohren und den Hals nicht verdeckte. In ihrem Heimatland wäre es tabu, so auf die Strasse zu gehen. Dort ist mindestens die Abaya Pflicht, ein mantelartiges Übergewand, das vom Hals bis zu den Füssen reicht und in der Regel zusammen mit einem Hidschab oder einem Niqab getragen wird. 

Aabidah wohnt in der Stadt Khobar, 400 km nordöstlich von Riad. Sie stammt aus einer liberalen Familie und durfte in den USA studieren. Das verdankt sie ihrem Vater, der auch heute noch ihr Vormund ist. US-Universitäten sind bei jungen Menschen aus dem Gottesland beliebt. Laut der Saudi Press Agency waren im Jahr 2016 125'000 Saudis an einer amerikanischen Hochschule akkreditiert.

«Während du dir dein Leben so gestalten kannst, wie du es dir wünscht, muss ich für Alles einen Mann anflehen.»

Ohne das Einverständnis ihres Vormunds hätte Aabidah gar nicht aus dem Gottesland ausreisen dürfen. Auch nicht heute, als unverheiratete 25-Jährige. Genauso ist es für sie ein Ding der Unmöglichkeit, auf eigene Faust ein Bankkonto zu eröffnen, Dokumente zu unterschreiben oder eine Arbeitsstelle anzutreten. Später wird sie dafür auf die Erlaubnis ihres Ehemannes angewiesen sein. «Während du dir dein Leben so gestalten kannst, wie du es dir wünschst, muss ich für alles einen Mann anflehen», schreibt sie mir. 

Gemäss des WEF-Rankings der Geschlechtergerechtigkeit von 2016 liegt Saudi-Arabien auf dem 141. von 144 Plätzen. Schlechter gestellt sind demnach bloss Frauen in Syrien, Pakistan und Jemen.

Aabidah und ich verstanden uns von Anfang an gut. Sie ist schlagfertig und lustig, interessiert sich für Beauty und Mode. Dass uns kulturell Welten trennen, wurde mir klar, als wir über das Autofahren sprachen. Ich hatte kurz vor meiner Abreise die Autoprüfung abgelegt, sie hingegen hatte noch nie am Steuer gesessen. In ihrem Herkunftsland hätte sie dafür Peitschenhiebe kassiert. Taxis, Uber oder männliche Familienmitglieder chauffieren saudische Frauen systematisch in der Gegend herum. 

Prinzessinnen im Nahen Osten

Das wird sich ab Juni ändern. Der erst 32-jährige Kronprinz Mohammed bin Salman will Frauen ans Steuer lassen. Es handelt sich um einen wichtigen Meilenstein in seinem Reformprogramm «Vision 2030». Während unseres New-York-Aufenthalts verteidigte Aabidah die alte Regelung noch. Die Männer in Saudi-Arabien würden Frauen halt wie Prinzessinnen behandeln, sagte sie mir. Fast schien sie so etwas wie Mitleid mit der Westeuropäerin zu haben, die diese Arbeit selbst verrichten muss. Inzwischen ist ihre Haltung feministischer. Auch sie hat vor, die Fahrprüfung abzulegen: «Die Fahrerlaubnis ist ein wichtiger Schritt. Doch es ist nur einer von vielen, um unser Leben als Frauen in der saudischen Gesellschaft zu verbessern», findet sie.

Der Monarchenspross will mit seinem Reformprogramm nicht nur unabhängiger vom Öl und damit wirtschaftlich zukunftsfähig werden, er peilt auch eine Modernisierung des Landes an. So hat das Königshaus nach mehr als 35 Jahren kürzlich auch das Verbot von Kinos aufgehoben. Nun flimmern laut der Nachrichtenagentur Reuters in einem provisorischen Kino in der Hafenmetropole Dschidda erstmals zwei Animationsfilme über die Leinwand. Seit Anfang Januar dürfen weibliche Zuschauer ausserdem Fussballspiele im Stadion mitverfolgen. 

Saudi Arabien: Frauen dürfen erstmals ins Sportstadion

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Video: srf

Die Gesellschaft des reichsten Petrostaats der Welt ist geprägt durch den Wahhabismus, eine extrem konservative und puritanische Lesart des Islam. Vielen wahhabitischen Geistlichen gilt jede Art der Vergnügung als verpönt, weil sie vom Glauben an Gott ablenke. In der jüngeren Generation des Landes war der Reformdruck zuletzt aber stark gewachsen. Denn mehr als 40 Prozent der Saudis sind jünger als 25 Jahre alt.

«Ich erhalte in diesem Bereich keinen gleichwertigen Job. Alles was zählt ist mein Status als Frau.»

Aabidah über ihre Berufschancen in Saudi-Arabien

Wichtiger als das Recht auf das Autofahren oder Kinos wären Aabidah jedoch Reformen in Bezug auf die Vormundschaft. Denn der Einfluss der sogenanten «Guardians» reicht weit, sehr weit. «Eine Freundin von mir lebt in Trennung. Dennoch trifft ihr Ex jegliche Entscheide in ihrem Leben. Gewisse Männer nutzen dies aus, um ihre Frau zu kontrollieren – besonders wenn sie getrennt leben und eifersüchtig sind.» 

Wie viel Modernisierung verträgt der Gottesstaat?

Sie selbst hat mit einem anderen Problem zu kämpfen. Dennihr Wunsch, Karriere zu machen, bleibt ihr verwehrt. In Amerika studierte Aabidah forensische Wissenschaften. Doch ihr Hochschulabschluss bringt ihr in ihrem Heimatland nichts. «Ich erhalte in diesem Bereich keinen gleichwertigen Job. Alles was zählt, ist mein Status als Frau. Meine Fähigkeiten und Erfahrung werden gar nicht beachtet – es ist wirklich frustrierend.» Sie arbeitet nun Teilzeit als Sekretärin. 

Der Plan «Vision 2030» will gegen solche Situationen vorgehen, um den Anteil der Frauen an der Erwerbsbevölkerung erheblich zu erhöhen. Doch Aabidah denkt nicht, dass sich ihre Chancen auf eine passende Stelle in den nächsten Jahren verbessern werden. Die Reaktionen auf die Reformen waren bisher zwar mehrheitlich positiv, doch die Haltung der Konservativen spielt in der saudischen Gesellschaft eine enorm wichtige Rolle. «Und die streng religiösen Saudis haben am Reformprogramm gar keine Freude. Sie werden auch in der nächsten Zeit nicht parat sein für die zentralen Veränderungen, die wir Frauen brauchen.»

Auch in Liebesbelangen ist Aabidah stark eingeschränkt. Zwar werde sie ihren Ehemann unter Saudis wählen dürfen, doch ohne strikte Regeln und das Einverständnis der Eltern wäre die Liebesbeziehung unmöglich. Sie beobachte jeweils auf Social Media, was westliche Frauen alles tun könnten. «Du lebst ja zum Beispiel mit deinem Freund zusammen, habe ich gesehen», sagt sie mir. «Dass ihr das dürft, ohne verheiratet zu sein, ist für mich kaum zu glauben.» 

«Individualismus ist hier ein Fremdwort.»

Hadi über die Lage in seinem Heimatland

Auch den 25-jährigen Hadi* habe ich in New York kennengelernt. Er lebt in Mekka, der heiligsten Stadt des Islams und ist ebenfalls eher liberal eingestellt. Es sei eine interessante Zeit in Saudi-Arabien, sagt er. «Erst jetzt, dank der Reformen, hinterfragen viele Leute unsere bisherige Lebensweise und die bedingungslose Zustimmung mit den Religionsgelehrten.»

Konservative Saudis hätten hingegen Angst, dass mit der Modernisierung die Religion immer weniger im Zentrum stehen wird. «Dabei schliessen sich Menschenrechte und Religion doch nicht aus.» Hadi vermutete bereits seit Jahren, dass der Wind drehen würde. «In den sozialen Netzwerken, besonders auf Twitter, kritisierten junge Saudis die Lage immer öfters. Da merkte man bereits, dass nun Reformen nötig werden. Denn auch wenn wir nicht in einer Demokratie leben: Die Meinung der Gesellschaft spielt auch bei uns eine tragende Rolle.»

Für Hadi war die Rückkehr in sein Heimatland nach dem USA-Aufenthalt schwierig. «Hier bin ich nicht frei. Es wird dir vorgeschrieben was du tragen musst, was du denken sollst, wo du wohnen sollst und wen du heiraten musst ... das geht auch uns jungen Männern so. Individualismus ist hier ein Fremdwort.»

*Namen geändert. 

Und jetzt: 32 absurde Zensuren aus Saudi-Arabien

Dinge, die man einer Burka-tragenden Frau nicht sagen sollte:

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Video: watson

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    Alle Leser-Kommentare
  • Denk-mal 30.01.2018 08:07
    Highlight Highlight ...vieles war in der Schweiz vor Jahrzehnten auch so. Für Frauen: Kein eigenes Konto, Scheidung war quasi der Untergang für eine Frau, ja nicht Fremdgehen, das hatte ungeahnte Konsequenzen, Autofahren...., kann mich als 48er nicht erinnern, eine Frau am Steuer gesehen zu haben! Eigene Wohnung oder unverheitatet zusammen Wohnen, unmöglich. Sicher könnte man noch weitere Aufzählungen machen.
  • MitchBitch 30.01.2018 02:34
    Highlight Highlight Wie sagte schon der Pilot :

    Meine Damen und Herren, wir landen in 10 Minuten in Riad, bitte stellen sie ihre Uhren um eine Stunde und 100 Jahre zurueck....
  • flv 29.01.2018 23:23
    Highlight Highlight Interessanter Artikel! Gerne mehr davon!

    Wie wär's mit einem ausführlichen Interview mit den beiden? Nicht nur zu aktuellen politischen Umwälzungen, sondern auch wie sich liberale Saudis mit ihren Familien arrangieren, sich über deren Ge- und Verbote hinwegsetzen etc.
    Das wär spannend!
    • Ratson 2.0 31.01.2018 06:21
      Highlight Highlight Bin absolut deiner Meinung und Ja das würde ich auch sehr gerne lesen :)

  • Saraina 29.01.2018 19:18
    Highlight Highlight Rauf Badawi sitzt immer noch im Gefängnis. Etliche reiche Saudis werden gefangen gehalten und mittels Prügel dazu gebracht, ihr Vermögen an die neuen Herren zu überschreiben. Die Gegner der "Öffnung" dürften auch verschwunden sein. Aber berichtet wird über Frauen, die autofahren oder an Fussballspiele gehen dürfen. Entschuldigung, aber in Saudi Arabien findet keine Öffnung statt, im Gegenteil. Das ist schlicht ein wenig Puderzucker auf einer grausigen Realität von Gesetzlosigkeit, Tyrannei und Korruption.
    • Snake Plissken 31.01.2018 11:24
      Highlight Highlight Refomen seitens des Regimes haben schon oft Folgen weit über das hinaus gezeitigt, als was von den Regierenden bezweckt. Gorbatschow wollte die Sowjetunion mittels Glasnost und Perestroika reformieren, wie es herauskam, wissen wir. Auch der neue Herrscher in Saudi-Arabien ist zu Reformen gezwungen (Ölpreis istubd bleibt im Keller). Vermutlich wird die Dynamik letztlich vom Regime nicht kontrollierbar sein.
  • Bits_and_More 29.01.2018 14:00
    Highlight Highlight Eine erschreckende und für uns kaum nachvollziehbare Haltung. Aber wenigstens sind gewisse Reformen in Sicht.

    Übrigens: Auch in der Schweiz brauchten Frauen bis 1976 die Erlaubnis ihres Ehemannes, um arbeiten zu dürfen. Der Mann konnte auch den Arbeitsvertrag nach eigenem Ermessen beenden.
    Bis 1988 war der Mann per Gesetz als Oberhaupt der Familie definiert und die Frau als Gehilfen.

    Ich hoffe nur, dass die Errungenschaft der Gleichberechtigung auch bald im Rest der Welt Einzug erhält.
    • Domimar 29.01.2018 15:49
      Highlight Highlight @Dr. nicht, dass ich das Vorgehen von damals gutheisse oder verteidigen möchte. Aber das war dann doch ein wenig eine andere Situation. Dies wurde "nur" in ländlichen Gegenden gemacht, wo die Leute nicht sehr viel Geld hatten. Da ging es halt ums echte Sparen, um nichts Anderes. Das mit dem eher reichen SA zu vergleichen ist doch etwas weit hergeholt.
    • flv 29.01.2018 23:19
      Highlight Highlight Woho... Das ist echt übel! Aber hey: Sowas mag's vielleicht gegeben haben, ich gehe jetzt einmal davon aus, dass das nicht die Regel war.
      Und wie es in den 30er, 40er in den Dünen der arabischen Halbinsel mit den weiblichen (und männlichen) Zähnen bestellt war, will ich jetzt lieber auch nicht wissen...
    • Oxymora 29.01.2018 23:42
      Highlight Highlight @ Dr.Bogyman

      Die Mehrheit wird denken, was früher war können wir nicht mehr ändern.
      Wir können jetzt Dinge ändern damit es in Zukunft für alle besser wird.

      Z.B. sollten wir Kindern nicht dummes Zeug aus alten Büchern lehren,
      sonst glauben die das als Erwachsene immer noch.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Pisti 29.01.2018 12:48
    Highlight Highlight “In Syrien sind die Frauen schlechter gestellt als in Saudi-Arabien.”
    Wohl in dem Teil der vom Westen unterstüzt wird unter dem moderaten Assad ganz bestimmt nicht.
    • Saraina 29.01.2018 20:36
      Highlight Highlight Moderat ist nicht der richtige Ausdruck für einen Herrscher der sein Volk foltert, massakriert, aushungert und bombardiert, bevorzugt Spitäler und Schulen.

      Falls du die Religion meinst, Assad ist kein Muslim, er ist Alawit.
    • Pisti 30.01.2018 12:16
      Highlight Highlight Für den IZRS sind eben nur Sunniten Muslime!
  • Gzuz187ers 29.01.2018 12:29
    Highlight Highlight Und die ganze Welt schaut zu...
    • Snowy 29.01.2018 18:23
      Highlight Highlight Noch schlimmer: Die Saudis sind DER Partner Nr.1 für den Westen...
  • Sebastian Wendelspiess 29.01.2018 11:09
    Highlight Highlight Schlimm, die Zustände in Saudi Arabien, noch schlimmer wie die westlichen Medien und Politiker dieses Land hofieren.
    • Fabio74 29.01.2018 16:09
      Highlight Highlight Schlimm aber Business steht über Moral in dieser Welt.
      Bis vor 40 Jahren durften unverheiratete auch in derCH keine gemeinsame Wohnung mieten
  • Radesch 29.01.2018 10:20
    Highlight Highlight Sehr gutes Interview

    Die Religiöse Mauer wird früher oder später fallen (hoffentlich früher).

    Sobald die Saudis "liberal" werden, wird hoffentlich der gesamte nahe Osten mitziehen. Das würde allen nützen. Den betroffenen in den Ländern, uns (bzw. unseren Beziehungen), dem Image des Islam, ...

    Eine Liberalisierung und eine anschliessende Säkularisierung sind im Nahen Osten und für den konservativen Islam bitter nötig.
    • Jozo 29.01.2018 13:16
      Highlight Highlight "hoffentlich früher" birgt leider auch die Gefahren eines Konfliktes. Der frische Wind der ins Land importiert wird missfällt den Konservativen.
      Das gleiche gilt für den Iran. Es wird ein Weilchen dauern, aber es geht vorwärts. (:
    • PrivatePyle 29.01.2018 14:29
      Highlight Highlight Das Problem hierbei ist, dass der Islam nicht reformierbar ist. Der Koran ist das letzte (unveränderte) Wort Gottes. Diesen Grundsatz unterstützen auch vermeintlich liberale Muslime. Auch eine Säkularisierung ist schlicht nicht realisierbar. Der Islam hat eine zu starke politische Komponente und greift in jedem arabischen Land tief in die Gesellschaft und bestimmt das Leben der Menschen. Der beste Fall wäre wenn sich die Menschen ganz vom Islam abwenden würden. Aber das wird die nächsten 100 Jahre nicht geschehen.
    • Jozo 29.01.2018 16:00
      Highlight Highlight Das galt doch auch für die Bibel im Mittelalter, es war lange unantastbar. Ich bin überzeugt das geht auch weniger radikal, letztendlich ist auch diese Religion nur Menschen gemacht und damit veränderbar. Der Islam braucht eine Reformation.
      Ausserdem ist die Situation zum Bsp. im Balkan nicht mit der in Saudi Arabien zu vergleichen. Sie sollten ein wenig differenzierter denken.
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