International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Anschlag beim Stade de France: Wie die Behörden eine Massenpanik im Stadion verhinderten

80'000 Fans waren beim Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich im Pariser Stade de France. Die Explosionen der Selbstmordattentate waren deutlich zu hören, trotzdem brach keine Panik aus – weil die Behörden alles richtig machten.

Christoph Seidler / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Flutlicht, Fussballfreude und Tausende Fans, die vor dem Anpfiff die französische Nationalhymne Marseillaise sangen: Die Stimmung vor dem Länderspiel am Freitagabend im Pariser Stade de France war gut. 80'000 Menschen waren in der grössten Fussballarena des Landes zusammengekommen. Sie wollten den Auftritt der Bleus, der französischen Nationalmannschaft, gegen das deutsche Team sehen. Und bis zum Abpfiff des Spiels bekamen offenbar nur die wenigsten Fans mit, welches Drama sich zur selben Zeit in den Strassen von Paris abspielte – und in der direkten Nachbarschaft des Stadions.

Video: Explosionen während dem Spiel

abspielen

YouTube/Sky News

Hier, vor Schnellrestaurants im Stadtteil Saint Dénis, hatten sich offenbar zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Bei einem von ihnen wurde später ein syrischer Pass gefunden. Doch weil sich die Organisatoren des Fussballspiels entschieden, die dramatischen Nachrichten des Abends nicht öffentlich bekannt zu machen, gab es keine Massenpanik unter den Besuchern des Spiels.

Evakuierungsforscher loben im Gespräch mit Spiegel Online die Strategie der französischen Behörden. Die Ruhe der Offiziellen dürfte vielen Menschen das Leben gerettet haben.

«So sollte man es machen», fasst der Verkehrspsychologe Bernhard Schlag von der TU Dresden seine Einschätzung kurz zusammen. Und ergänzt dann: «Es ist wichtig, dass die Menschen keine abrupten Informationen bekommen, die zu massenhaftem Verhalten führen, das dann nicht mehr steuerbar ist.» Einen Ratschlag, den die Gastgeber des Freundschaftsspiels ganz offensichtlich beherzigt haben.

Anschlagsserie erschüttert Paris – die Bilder

Zwar hatten die Zuschauer der Partie – auch die am Fernseher – die Explosionen klar gehört – sie sind auch in den TV-Aufnahmen des Spiels zu hören.

Das war noch in der ersten Halbzeit. Doch weil man den Krach – trotz fehlendem Rauch im Stadion – für die Folge eines pyrotechnischen Effekts hielt, gab es keine Panik. In der Halbzeit wurde dann Staatspräsident François Hollande aus der Arena ins Innenministerium gebracht. Aber die meisten anderen Gäste – auch Deutschlands Aussenminister Frank-Walter Steinmeier auf der Ehrentribüne – blieben.

Einen kurzen Moment der Panik gab es doch noch

«Wenn man eine solche Situation bekannt machen würde, könnte das viele Menschen schockieren», sagt der Soziologe Dirk Helbing von der ETH Zürich. «Es ist dann schwer zu sagen, wie sie reagieren würden.»

Durchsagen über die Stadionlautsprecher gab es daher nicht. Gleichzeitig machten Sicherheitskräfte im Verborgenen die Zugänge zum Stadion dicht, wohl auch aus Sorge vor einem weiteren Angriff. Einige Fans, die die Ränge verlassen wollten, fanden sich auf dem Vorplatz wieder. Von dort aus kamen sie zunächst nicht weiter. Erst wenige Minuten vor dem Abpfiff wurden die Tore geöffnet – und die Zuschauer zogen problemlos ab.

Video: Die Situation vor dem Stadion

abspielen

YouTube/Actu2Fou™

Generell werde die Gefahr zwar oft überschätzt, dass eine Massenpanik ausbrechen könnte, sagt Wissenschaftler Dirk Helbing. «Wenn Menschen genug Zeit haben, die ihnen vorliegenden Informationen zu verarbeiten, dann werden sie meist auch die Ruhe bewahren.» Doch kritisch werde es, wenn die Menschen handelten, ohne dass genügend Zeit zum Nachdenken bleibe. «Dann kommt es darauf an, die Menge an die Hand zu nehmen.»

Einen kurzen Moment der Panik gab es in der Tat dann doch noch im Stade de France – und zwar nach dem Spiel: «100 bis 200 Menschen kamen in panikartigem Laufschritt über den Vorplatz zum Stadion zurück und versuchten, sich hinter den Säulen zu verstecken», erinnert sich ein Augenzeuge. Warum sie flüchteten, wussten die meisten nicht. Sie hatten nur andere Leute rennen gesehen – und waren gefolgt. Das klassische Muster der Panik. Schuld an der Unruhe war offenbar ein lautes Motorrad, dessen Lärm die Fans verschreckt hatte. Nach wenigen Minuten war die Sache geklärt.

epa05023866 Spectators leave the stadium after the international friendly soccer match between France and Germany at Stade de Fance in Paris, France, 13 November 2015. At least 26 people have died in attacks in Paris on 13 November after reports of a shootout and explosions near the Stade de France stadium.  EPA/UWE ANSPACH

Fans verlassen das Stade de France: Panik gab es nur kurz nach Spielende
Bild: EPA/DPA

Ansagen müssten plausibel sein, aber nicht die ganze Wahrheit verkünden

Auch dass die Organisatoren den Innenraum des Stadions für Besucher öffneten, loben die Evakuierungsexperten. Bei früheren Stadionunglücken habe oft auch fehlender Fluchtraum zu dramatischen Folgen geführt. In modernen Arenen sei es jedoch üblich, die Menschen auch aufs Feld ausweichen zu lassen. Das sei in den Sicherheitskonzepten normalerweise vorher festgelegt.

Und oft nicht nur das – sondern auch die Botschaften im Krisenfall. Wenn es sie denn überhaupt gibt. Und das ist auch gut so, sagen die Evakuierungsfachleute. Die Ansagen müssten plausibel sein, aber nicht die ganze Wahrheit verkünden. Am besten, die Organisatoren hätten die Texte bereits fertig in der Schublade. Dann riskierten sie nicht, doch noch vom Stress überrumpelt zu werden.

Manchmal kann aber auch Spontaneität weiterhelfen, wie ein Beispiel aus Köln zeigt. Dort hatte es im Februar 2003 eine Bombendrohung gegen die Karnevalsveranstaltung «Lachende Kölnarena» gegeben. Gleich drei Mal an dem betreffenden Abend hatte sich ein anonymer Anrufer gemeldet. Statt die 8000 anwesenden Jecken mit seinen Nachrichten direkt zu konfrontieren, entschlossen sich die Veranstalter zu einem anderen Vorgehen: Sitzungspräsident Burk Mertens rief die Anwesenden zur «grössten Polonaise der Welt» auf, die Band hatte gerade den Song «Superjeile Zick» gespielt. Der Plan ging auf.

«Die Halle wurde in Rekordzeit evakuiert», sagt Forscher Helbing.

Anschläge in Paris

Video zeigt Festnahme von Salah Abdeslam – weiterer Komplize von Paris-Attentätern identifiziert

Link zum Artikel

Die Namen des Horrors von Paris

Link zum Artikel

«Eagles of Death Metal»-Frontmann nach Auftritt im Bataclan: «Jeder sollte eine Waffe haben»

Link zum Artikel

6 Indizien dafür, dass der IS schwächer ist, als wir dachten

Link zum Artikel

Und die Geheimdienste nach den Paris-Anschlägen so: Wir haben versagt, gebt uns mehr Macht

Link zum Artikel

#SprayForParis: Die nicht ganz legale Solidarität aus der Dose

Link zum Artikel

«Wir nannten sie Cowboy-Frau» – Wer war die Selbstmordattentäterin von Saint-Denis?

Link zum Artikel

Anonymous will IS-Terroristen mit Trojaner​ in die Falle locken

Link zum Artikel

«Daesh»: Ein Wort im Krieg – ein Wissenschaftler erklärt, wie Sprache Macht ausübt

Link zum Artikel

Offener Brief an Obama: Ex-Piloten geben Drohnenkrieg Mitschuld am Terror

Link zum Artikel

Warum es den IS zur Weissglut bringt, wenn Hollande und Obama ihn «Daesh» nennen

Link zum Artikel

Drei (!) Trottel schreiben was auf Facebook und «20 Minuten» macht daraus: «Schweizer Extremisten feiern Attentäter» – vielen Dank!

Link zum Artikel

Mit diesen Liedern verarbeiten watson-User die Anschläge von Paris

Link zum Artikel

Top-Reiseziel 2019: Die Hohe Tatra in der Slowakei

Link zum Artikel

«Für die Muslime ist klar, dass die Anschläge nichts mit der Religion zu tun haben» – Höchster Muslim der Schweiz warnt vor Stigmatisierung

Link zum Artikel

IS-Zelle in Winterthur? «Daran besteht kein Zweifel mehr»

Link zum Artikel

Das Ziel des Islamischen Staats ist eine blutige Apokalypse

Link zum Artikel

Das sagt der Bruder von Salah und Ibrahim Abdeslam zum Attentat

Link zum Artikel

Eine Rückkehr zu mehr Nationalismus kann den Terror nicht bekämpfen – unser Fortschritt schon

Link zum Artikel

900 Euro und zwei Stunden Zeit: So leicht kommen Terroristen an eine Kalaschnikow

Link zum Artikel

Anschlag beim Stade de France: Wie die Behörden eine Massenpanik im Stadion verhinderten

Link zum Artikel

Die Attentäter von Paris: Terroristen der Generation Syrien

Link zum Artikel

«Man hat wirklich gedacht: Ich sterbe jetzt. Hoffentlich tut's nicht weh und es geht schnell»

Link zum Artikel

Über 2,5 Millionen Likes: Dieser emotionale Facebook-Post einer Bataclan-Massaker-Überlebenden geht um die Welt

Link zum Artikel

Was ist wann und wo passiert? – Die Chronik der Pariser Terrornacht

Link zum Artikel

Paris ist nicht sicher, wir sind nicht sicher – und damit werden wir leben müssen

Link zum Artikel

Handy-Video zeigt, wie Menschen aus dem Club Bataclan fliehen (Achtung: Schockierende Szenen!)

Link zum Artikel

Terrorserie in Paris: An sieben Orten gleichzeitig schlugen die Attentäter zu

Link zum Artikel

«Zum Teufel mit dir, Tod!» – Das sagt Karikaturist Joann Sfar zu den Anschlägen

Link zum Artikel

Video: Hier stürmt die Polizei das Bataclan

Link zum Artikel

Augenzeuge des Bataclan-Massakers: «Es war ein Blutbad»

Link zum Artikel

IS-Anhänger bejubeln die Anschläge von Paris

Link zum Artikel

«Hier in Paris fragen sich jetzt alle: Warum immer wir?»

Link zum Artikel

Von Bologna bis «Charlie Hebdo»: Die schlimmsten Terroranschläge in Europa

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Nach Maurers Englisch-Desaster: Jetzt nimmt ihn Martullo in die Mangel (You Dreamer!😂)

Link zum Artikel

13 Cartoons, die unsere Gesellschaft auf den Punkt bringen

Link zum Artikel

Super-GAU für Huawei? Das müssen Handy- und PC-User jetzt wissen

Link zum Artikel

Perlen aus dem Archiv: So (bizarr) wurde 1991 über den Frauenstreik berichtet

Link zum Artikel

Strache-Rücktritt: Europas Nationalisten haben einen wichtigen General verloren

Link zum Artikel

Steakhouse serviert versehentlich 6000-Franken-Wein – die Reaktionen sind köstlich

Link zum Artikel

Das Huber-Quiz: Dani ist zurück aus den Ferien. Ist er? IST ER?

Link zum Artikel

Instagram vs. Realität – 14 Vorher-nachher-Bilder mit lächerlich grossem Unterschied

Link zum Artikel

8 Gerichte, die durch die Beigabe von Speck unwiderlegbar verbessert werden

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

4
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 有好的中国老虎 friendly chinese Tiger 16.11.2015 12:10
    Highlight Highlight schon wieder einen Pass gefunden?
    Wieso nehmen diese "Terroristen" ihre Pässe immer mit? Kann es wirklich nicht nachvollziehen.
    Ev wurden die Pässe ja später dazugelegt. Oder aus was bestehen diese Pässe, dass sie Explosionen überstehen?
    • Mafi 16.11.2015 12:50
      Highlight Highlight Wie in anderen Artikeln "belegt" wurden die Pässe in der Türkei gefälscht. Zudem bleiben auch Kleiderstücke ganz.
    • Yann 16.11.2015 15:02
      Highlight Highlight Ob gefälscht oder nicht, ich denke nicht, dass ein Terrorist das Risiko eingehen will, in eine Routine Personenkontrolle zu geraten und sich dann nicht mehr ausweisen zu können.
    • Mafi 16.11.2015 17:36
      Highlight Highlight Guter Punkt @Yann. Bin ich einverstanden.

«Pferdeschwänze statt Eier» – dieser Spot der DFB-Frauen geht gerade viral

«Weisst du eigentlich, wie ich heisse?», fragt die deutsche Nationalspielerin Alexandra Popp am Anfang des 90-sekündigen Werbevideos, in dem die Spielerinnen des deutschen Nationalteams der Frauen die Zuschauer kalt erwischen.

Zuschauer, die hat der Spot viele: Erstmals ausgestrahlt wurde das Video am Dienstagabend vor der Tagesschau im ARD. Mittlerweile geht der Clip auch im Internet rum, denn er enthält einige knackige Aussagen. «Seit es uns gibt, treten wir nicht nur gegen Gegner an, …

Artikel lesen
Link zum Artikel