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FILE - This image made from an AP video posted on Wednesday, Sept. 18, 2013 shows a volunteer adjusting a students gas mask and protective suit during a session on reacting to a chemical weapons attack, in Aleppo, Syria. (AP Photo via AP video, File)

Ein Freiwilliger während einer Giftgas-Übung 2013 in Aleppo. 
Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

«Islamischer Staat», Chemie- und Nuklear-Waffen: Wie real ist die Gefahr?

Der sogenannte «Islamische Staat» hat im Nahen Osten mehrfach Chemiewaffen eingesetzt – und kann wohl selbstständig Senfgas herstellen. Die Terrormiliz könnte sich auch für den Erwerb radioaktiver Kampfstoffe interessieren. Wie ernst ist die Gefahr?

Markus Becker, Brüssel / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Es war ein gespenstischer Fund, der Ermittlern im November 2015 gelang: ein Überwachungsvideo, das sich auf nur eine Person konzentriert. Und zwar auf den Direktor des belgischen Nuklearforschungszentrums SCK-CEN. Unbekannte hatten offenbar in einem Wäldchen gegenüber seinem Wohnhaus eine Kamera versteckt.

Das Video, zehn Stunden lang, wurde in der Wohnung der Ehefrau von Mohamed Bakkali gefunden. Bakkali soll an der Vorbereitung der Attentate von Paris am 13. November beteiligt gewesen sein: In seiner Wohnung im Brüsseler Stadtteil Schaerbeck fand sich auch ein Sprengstoffgürtel mit DNA von Salah Abdeslam, des kürzlich festgenommenen mutmasslichen Drahtziehers der Anschläge.

«Der Einsatz von Giftgas ist gar nicht so schwierig – und produziert mächtige Bilder.»

Das SCK-CEN deckt nach eigenen Angaben 20 bis 25 Prozent des weltweiten Bedarfs an medizinischen Radionukliden ab. Diese teils stark strahlenden Stoffe könnten von Terroristen für den Bau schmutziger Bomben genutzt werden – herkömmlicher Sprengsätze, die radioaktives Material über ein weites Gebiet verteilen. Möglicherweise, sagte eine Sprecherin der belgischen Atomaufsicht, habe Bakkali den Forscher erpressen wollen, um an radioaktives Material zu kommen.

«Das Gefahrenpotenzial eines Anschlags mit chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen Waffen wird von der Bundesregierung sehr ernst genommen», hiess es schon Ende Dezember in einer Antwort der Deutschen Regierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion, die Spiegel online vorliegt.

Zwar gebe es derzeit keine Informationen über konkrete Anschlagspläne in Deutschland. Aber islamistische Terrorgruppen dürften «grundsätzlich in der Lage sein, Anschläge mit leicht herstell- oder beschaffbaren Chemikalien, Toxinen oder radioaktiven Substanzen durchzuführen». Nach den Ereignissen von Brüssel rückt die Gefahr eines Anschlags mit Massenvernichtungswaffen wieder stärker in den Fokus der Anti-Terror-Einheiten.

Machen die Terrorgruppen Fortschritte bei der Beschaffung solcher Waffen?

Chemische und biologische Kampfstoffe

Als ein Fanal gilt unter westlichen Chemiewaffen-Experten der Sarin-Angriff auf Ghuta bei Damaskus, verübt durch Anhänger des Machthabers Baschar al-Assad, bei dem im August 2013 Hunderte Menschen starben. «Seitdem sind die Anleitungen zur Chemiewaffen-Herstellung im Internet qualitativ deutlich besser geworden», sagt ein europäischer Fachmann, der nicht namentlich genannt werden möchte. «Ein solches Video ist etwas anderes als ein schriftliches Rezept, das nur ein Spezialist versteht», so der Experte. Selbst für den Nervenkampfstoff Sarin, der wesentlich schwieriger zu produzieren sei als Senfgas, existierten derartige Videos.

Früher hätten Fachkreise den Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch Terroristen als unwahrscheinlich abgetan: zu schwierig herzustellen, zu unsicher in der Wirkung. Doch der Angriff auf Ghuta habe Islamisten gezeigt, «dass der Einsatz von Giftgas gar nicht so schwierig ist und mächtige Bilder produziert». Die Fotos der toten Kinder dominierten tagelang die Beriche westlicher Medien. Für die Multimedia-Propaganda des «IS» wäre ein solcher Angriff wohl von ungeheurem Wert.

«Bedenkt man, wie leicht Senf- und Chlorgas zu schmuggeln sind und dass diese Barbaren immer mehr auf Terror auch im Westen setzen, dann ist das alarmierend.»

Dass der Ghuta-Angriff beim «IS» Schule gemacht hat, gilt inzwischen als gut belegt. So habe die Terrormiliz im Frühjahr und Sommer 2015 «nachweislich mit chemischen Kampfstoffen gefüllte Granaten auf Stellungen der kurdischen Peschmerga abgeschossen», schreibt die Bundesregierung. Blutproben verletzter Kämpfer zeigten später Rückstände von Senfgas. In einem vertraulichen Dokument von Mitte Januar bezeichnet das deutsche Auswärtige Amt den Senfgas-Angriff des «IS» auf Marea im August 2015 als «äusserst besorgniserregend».

US-Luftwaffe fliegt Angriffe auf Chemiewaffen-Labore des «IS»

Seinerzeit war nicht klar, ob die Islamisten den Kampfstoff aus Assad-Beständen erbeutet oder anderweitig beschafft hatten. Zwar gelten die Chemiewaffen des Regimes inzwischen als vernichtet. Doch wie mehrere Insider berichten, geht die Bundesregierung davon aus, dass der «IS» mittlerweile selbst Senfgas herstellen kann. Auch die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW), CIA-Chef John Brennan und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper hatten sich kürzlich ähnlich geäussert. Zudem soll der «IS» auch schon Chlorgas eingesetzt haben.

FILE - This image made from an AP video posted on Wednesday, Sept. 18, 2013 shows shows Syrians in protective suits and gas masks conducting a drill on how to treat casualties of a chemical weapons attack in Aleppo, Syria. The Islamic State group is aggressively pursuing development of chemical weapons, setting up a branch dedicated to research and experiments with the help of scientists from Iraq, Syria and elsewhere in the region, according to Iraqi and U.S. intelligence officials. (AP Photo via AP video, File)

Eine Giftgasübung in Aleppo aus dem Jahr 2013.
Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

Wie sehr die Sorge des Westens angesichts möglicher Chemiewaffen-Produktion durch den «IS» gewachsen ist, zeigte sich Anfang März, als die US-Luftwaffe Angriffe auf mehrere Chemiewaffen-Produktionsstätten des «IS» flog. Die Informationen über die Ziele stammten laut Pentagon von Suleiman Daoud al-Afari, der als Chef des «IS»-Chemiewaffenprogramms gilt. Er soll früher in der Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein gedient haben und wurde laut Medienberichten im Februar bei Mossul von US-Spezialeinheiten gefasst.

Die zur Herstellung mancher Chemiewaffen notwendigen Substanzen gelten als relativ leicht beschaffbar. Die Bundesregierung geht davon aus, dass in Syrien und im Irak ein etablierter Schwarzmarkt existiert. In Libyen – wo der «IS» inzwischen ebenfalls aktiv ist – lagern grosse Mengen völlig unzulänglich gesicherter Kampfstoffe, wie die Briten kürzlich warnten.

Ein Ermittler gab sich als Vertreter des «IS» aus und bekam radioaktives Cäsium für 2.5 Millionen Euro angeboten, angeblich um eine schmutzige Bombe herzustellen.

Laut Stefan Mogl vom Labor Spiez im Schweizerischen Bundesamt für Bevölkerungsschutz sind die für die Senfgas-Herstellung notwendigen Grundstoffe auch in Hochschul-Chemielaboren zu finden. Bei der Herstellung von Farben, Dünger oder Insektiziden würden ebenfalls Stoffe genutzt, die sich nach Anpassungen für Senfgas eigneten. «Jemand mit den notwendigen Kenntnissen könnte damit Senfgas herstellen und in kleineren Mengen auch sicher transportieren», so Mogl.

Im Westen führt das zu Besorgnis. «Bedenkt man, wie leicht Senf- und Chlorgas zu schmuggeln sind und dass diese Barbaren immer mehr auf Terror auch im Westen setzen, dann ist das alarmierend», meint der deutsche Grünen-Sicherheitspolitiker Omid Nouripour. Auch bei der NATO gibt es derartige Befürchtungen. Wolfgang Rudischhauser, Direktor des NATO-Zentrums für die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, warnte nach dem Anschlag auf die Pariser «Charlie Hebdo»-Redaktion vor einem ein «sehr realen Risiko», dass «IS»-Kämpfer chemische, biologische, radiologische oder sogar nukleare Materialien – kurz – CBRN  «als Terrorwaffen gegen den Westen verwenden».

Radiologisches und nukleares Material

Auch nach Informationen der deutschen Regierung haben es Islamisten nicht nur auf Chemiewaffen, sondern auf alle CBRN-Materialien abgesehen. Ein Interesse «islamistisch geprägter terroristischer Strukturen» an solchen Stoffen sei bereits seit Ende der 90er Jahre feststellbar, heisst es auf die kleine Anfrage der deutschen Linksfraktion.

Dass Terroristen radiologisches oder nukleares Material in Osteuropa kaufen könnten, legte etwa eine verdeckte Ermittlung in Moldawien Anfang 2015 nahe, die in Fachkreisen weithin bekannt ist. Ein Ermittler gab sich als Vertreter des «IS» aus und bekam radioaktives Cäsium für 2.5 Millionen Euro angeboten, angeblich um eine schmutzige Bombe herzustellen. Im Juni 2011 hatte ein Moldawier sogar versucht, hochangereichertes Uran-235 zu verkaufen.

Im Nahen Osten selbst sorgte der Diebstahl von Atommaterial zuletzt Mitte Februar für Schlagzeilen. Unbekannte hatten bereits 2015 bis zu zehn Gramm des radioaktiven Iridium-192 vom Gelände einer US-Ölfirma bei Basra gestohlen. Ein irakischer Beamter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, man habe Sorge, der «Islamische Staat» könne das Material für eine schmutzige Bombe verwenden. Die Internationale Atomenergie-Agentur IAEA fahnde seit November erfolglos nach dem Material.

Sicherheits- und Abrüstungsexperten fordern vehement, die Schutzvorkehrungen zu verbessern. «Sollte eine radiologische Waffe in einer Grossstadt eingesetzt werden, würde sie zwar nur wenige Menschen unmittelbar töten», sagt der ehemalige britische Verteidigungsminister Desmond Browne zu Spiegel Online. «Aber die psychologische Wirkung wäre absolut verheerend. Und der Schaden würde in die Milliarden gehen.»

Westliche Sicherheits- und Rettungskräfte bereiten sich inzwischen auf derartige Katastrophen vor. In Deutschland etwa wurde 2014, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, die «CBRN Info-Plattform Bund» eingeführt. Sollte es Hinweise auf Anschläge mit Massenvernichtungswaffen geben oder eine solche Attacke bereits erfolgt sein, «werden die teilnehmenden Behörden unverzüglich unterrichtet», so die deutsche Regierung. 

Zwar wisse niemand genau, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Terroranschlag mit Massenvernichtungswaffen sei, sagt Browne. Allerdings wächst unter Experten die Sorge darüber, dass der «IS» wegen der Serie von Niederlagen im Nahen Osten aus Verzweiflung zu Massenvernichtungswaffen greifen könnte. «Wir müssen nicht nur darauf vorbereitet sein, was wahrscheinlich ist», sagt Browne, «sondern darauf, was möglich ist.»

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