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Russischer Kampfjet von der Türkei abgeschossen

Russland und Türkei: Freundschaft in Flammen

Zwischen Ankara und Moskau kriselte es wegen des Syrienkonflikts schon länger – nun lässt der abgeschossene russische Jet die Lage eskalieren. Ist es das Ende einer langen, lukrativen Partnerschaft?

24.11.15, 16:19 24.11.15, 16:38

Benjamin Bidder, Moskau



Ein Artikel von

Dieser Vorfall wird die bisher engen Beziehungen zwischen Moskau und Ankara wohl auf lange Sicht zerrütten. Beim Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch das türkische Militär ist einer der beiden russischen Piloten offenbar getötet worden. Syrische Rebellen stellten Videoaufnahmen ins Internet, sie zeigen eine entstellte Leiche in der Kluft russischer Piloten.

Erste scharfe Reaktionen gibt es schon. Mehrere Abgeordnete des russischen Parlaments riefen dazu auf, die diplomatischen Beziehungen zur Türkei abzubrechen. Ankara habe die russische Su-24 abgeschossen, um den sogenannten «Islamischen Staat» vor russischen Angriffen zu schützen, wird in Moskau behauptet. In einem Appell an Präsident Wladimir Putin schreiben die Parlamentarier, der Fall «belege zum wiederholten Mal die grenzenlose Unterstützung des internationalen Terrorismus durch die Türkei».

Putin: Türkei mache gemeinsame Sache mit «IS»

Der Präsident selbst wählte ebenfalls drastische Worte: Er warf Ankara vor, mit dem sogenannten «Islamischen Staat» gemeinsame Sache zu machen. Russlands Militärs führten einen «heldenhaften Kampf gegen den Terror, ohne sich selbst und das eigene Leben zu schonen. Doch der heutige Verlust ist verbunden mit einem Schlag, den uns die Handlager der Terroristen in den Rücken versetzt haben», sagte Putin nach einem Treffen mit Jordaniens König Abdallah.

Sein Aussenminister Sergej Lawrow sagte seinen Türkeibesuch für Mittwoch ab. In Brüssel berief die NATO zudem ein Sondertreffen ein, auf Bitten der Türkei.

In türkischen Luftraum eingedrungen?

Laut Angaben der türkischen Streitkräfte war der russische Frontbomber in den türkischen Luftraum eingedrungen. Die Besatzung der Su-24 sei zehn Mal gewarnt worden, habe darauf aber nicht reagiert. Die Maschine sei fünf Minuten lang in türkischem Luftraum unterwegs gewesen, bevor man sich entschieden habe, sie abzuschiessen. Moskau widerspricht entschieden. Der Jet sei ausschliesslich über syrischem Gebiet geflogen.

Aus Russland hiess es zunächst, die Su-24 sei von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen worden. Doch das Video vom Abschuss legt nach Ansicht eines Experten nahe, dass die türkische Version stimmt, laut der zwei F-16-Jäger die russische Maschine vom Himmel geholt haben. Dort ist zu sehen, wie die Su-24 brennend abstürzt und nicht schon in der Luft in Stücke gerissen wurde.

«Das passt exakt zu einem Treffer mit einem kleinen Luft-Luft-Flugkörper», sagt ein ehemaliger Kampfpilot und Fachmann für Raketensysteme. Die türkischen F-16-Jets sind unter anderem mit amerikanischen Raketen des Typs AIM-9 «Sidewinder» bewaffnet. Inzwischen gehen auch die Russen von einem Beschuss durch eine Luft-Luft-Rakete von einer F-16 aus.

Immer wieder Warnungen – ohne Effekt

Die Türkei hatte Moskau mehrfach vor Verletzungen ihres Luftraums gewarnt. Trotzdem gab es Zwischenfälle. Russische Maschinen hatten seit Anfang Oktober mindestens dreimal unrechtmässig türkisches Territorium überflogen. Moskau entschuldigte sich mit einem Verweis auf das angeblich «schlechte Wetter».

Über Jahre standen die Zeichen zwischen Putins Russland und Recep Tayyip Erdogans Türkei eigentlich auf Partnerschaft. Die mächtigen Männer ähneln sich zu einem gewissen Grad. Gemein ist beiden die Tendenz, staatliche Institutionen auf die eigene Person zuzuschneiden. Beide pflegen einen mitunter selbstherrlichen Politikstil, Putin als kühl kalkulierender Macho, Erdogan als oft impulsiver Heisssporn. Beide eint auch die Rolle, die ihnen international regelmässig zuteil wird: die des kritisierten Aussenseiters am Rande von Europa.

In Syrien ist Schluss mit der Einigkeit

Weil dazu die Chemie zwischen beiden Staatschefs stimmte, brummte lange auch das Geschäft. Russlands staatlicher Atomkonzern Rosatom will in der Türkei ein Atomkraftwerk errichten. Als Putin vor einem Jahr völlig überraschend die Gas-Pipeline South Stream nach Europa stoppte, zauberte er auch umgehend ein Ersatz-Projekt mit der Türkei hervor. Turkish Stream sollte die neue Pipeline durch das Schwarze Meer heissen und die Türkei aufwerten zum strategisch bedeutsamen Knotenpunkt für das Gasgeschäft mit Südeuropa.

Im syrischen Bürgerkrieg aber laufen die Positionen von Putin und Erdogan gegeneinander. Wie der Westen fordert Erdogan seit Jahren den Rücktritt von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Moskau dagegen unterstützt den Machthaber von Damaskus. Im Kampf gegen den sogenannten «Islamischen Staat» wirft Moskau den Türken doppeltes Spiel vor: Das Erstarken der Terrormiliz sei Ankara gar gelegen gekommen, um die Kurden in Schach zu halten.

Das waren zwar Dissonanzen, beide Seiten überspielten sie aber gern und betonten das Interesse an gemeinsamen Projekten. Am 23. September noch war Erdogan Ehrengast bei der Eröffnung einer neuen Moskauer Moschee für 10'000 Gläubige.

Eine Woche später begannen Russlands Luftstreitkräfte mit Angriffen in Syrien und begleiteten eine Offensive von Assads Armee. Kein Land verurteilte Moskaus Eingreifen schärfer als die Türkei. Der Kreml sei im Begriff «einen Freund zu verlieren», so Erdogan. Moskau könne darüber hinaus «eine Menge Dinge verlieren, und das sollte es wissen». Das war die kaum verhohlene Drohung mit dem Stopp gemeinsamer Projekte. Das wäre schmerzhaft: Allein im Fall des geplanten Atomkraftwerks Akkuyu belaufen sich Russlands Investitionen bislang bereits auf rund drei Milliarden Dollar.

Erdogan beliess es nicht bei der Androhung ökonomischer Konsequenzen. Am 6. Oktober erklärte er, die Armee habe ab sofort Schiessbefehl gegen feindliche Luftfahrzeuge. Selbst wenn «ein Vogel den türkischen Luftraum verletzt, wird er Gegenstand der notwendigen Handlungen».

Mitarbeit: Hasnain Kazim, Markus Becker

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21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Kaspar Floigen 24.11.2015 20:31
    Highlight Sehr russische Stimmung hier irgendwie. Der türkische Luftraum wurde (angeblich) verletzt. In diesen Zeiten. Von einem Kampfjet. Sogar ein Abschuss ohne Vorwarnung wäre vollkommen legitim. Die NATO wird in dieser Sache hoffentlich zur Türkei stehen und sich nicht wieder von Putins gebahren einschüchtern lassen.
    4 23 Melden
    • Datsyuk * 24.11.2015 22:41
      Highlight Offensichtlich bist du Russland gegenüber nicht sehr positiv eingestellt, da dir die "sehr russische Stimmung" hier nicht gefällt. Entscheidend sind aber Fakten und nicht deine Antipathien gegenüber Russland. Egal welche Dinge noch ans Licht kommen werden: Dein Kommentar ist sehr persönlich gefärbt und ohne Bezug zu Fakten.
      11 2 Melden
  • 足利 義明 Oyumi Kubo 24.11.2015 19:52
    Highlight Wer ist wohl vertrauenswürdiger: Putin oder Ergdogan?

    Ich wette auf Putin, wer wettet dagegen?
    26 8 Melden
    • Asmodeus 25.11.2015 11:45
      Highlight Ich wette dagegen. Man kann beiden nicht vertrauen.
      1 1 Melden
  • Joe putz 24.11.2015 19:28
    Highlight Unabhängig davon wer jetzt im Recht ist, wenn das überhaupt einer sein sollte, macht mir das was passiert sehr grosse Sorgen. Auf die Vernunft von Putin oder Erdogan ist aus meiner sicht eher nicht zu zählen und sollte der Konflikt eskalieren, werden Menschen sterben, viele Menschen. Im schlimmsten Fall wird ein weiteres Land zu Trümmern gebombt. Das macht mich traurig und ängstlich :(
    11 1 Melden
  • Caissa15 24.11.2015 18:53
    Highlight Selbst wenn der russische Jet tatsächlich den türkischen Luftraum zuvor verletzt haben sollte, legitimiert dies keinen Abschuss über syrischem Hoheitsgebiet, wo das russische Militär vollkommen legitim nach internationalem Recht operiert.

    Ein Abschuss des russischen Flugzeuges über Syrien ist wohlgemerkt ein Akt der Luftraumverletzung und militärischen Aggression seitens der Türkei
    29 11 Melden
  • Marcelo 24.11.2015 18:16
    Highlight Verstehe ich etwas falsch oder...

    Gemäss Türkei war die Su-24 fünf Minuten im türkischen Luftraum unterwegs und wurde zehnmal gewarnt.

    Die Türkei hat Radarbilder veröffentlicht:
    https://twitter.com/HDNER/status/669103121684160512/photo/1

    Im original Spiegel-Artikel ist eine Openstreetmap-Karte einsehbar:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-und-tuerkei-nach-kampfjet-abschuss-freundschaft-in-flammen-a-1064295.html

    Vergleicht man die Fluglinie (Radar) mit der Karte ergibt dies höchstens 30 km Luftlinie. Ist die Su-24 ein Zeppelin?
    52 2 Melden
    • Dä Brändon 24.11.2015 18:22
      Highlight Such mal den Lappen gemäss Radarbilder auf Google Maps, es handelt sich um 2km.
      23 2 Melden
  • blueberry muffin 24.11.2015 18:03
    Highlight Zuerst bekaempft die Tuerkei die Kurden, die gegen den IS kaempfen und jetzt bekaempfen sie Russland. Good Job Guys.

    Die Nato sollte Erdogan schnellstens fallen lassen, er ist immerhin auch nur ein selbstverliebter Diktator der sich gerne Schloesser baut waehrend er Minderheiten abschlachtet.
    58 3 Melden
    • NWO Schwanzus Longus 24.11.2015 18:24
      Highlight Erdogan setzt sich angeblich für Turkmenen ein aber schlachtet andere wie Kurden ab. Wie würde Erdogan Reagieren wenn Deutschland Türken in ihren Stadtvierteln der Grossstädte bekämpfen würde und es ständig Tomahawk Raketen auf Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh regnen würde? Er ist der Grösste Heuchler mit dem sich die Europäer abgeben, schnellstens die beziehungen zur Türkei abrechen und sich mit Rusdland verbünden!
      37 9 Melden
  • ferox77 24.11.2015 18:02
    Highlight V. Putin und R. Erdogan sind keine Waisenknaben. Dass R. Erdogan dem Daesh (IS) genauso nahe steht wie V. Putin dem B. al-Assad, düfte wohl kein Geheimnis sein.
    Hoffentlich bewahren nun alle einen kühlen Kopf damit es nicht zu einer Eskalation kommt.
    Europa hat momentan genug Probleme und täglich kommen neue aus dem Mittleren Osten hinzu.
    28 3 Melden
    • Asmodeus 24.11.2015 18:34
      Highlight Dresden ist doch nicht der mittlere Osten...

      Achso Du sprichst gar nicht von der Pegida.
      16 8 Melden
  • NWO Schwanzus Longus 24.11.2015 18:01
    Highlight Die Europäer sollten schnellstens ein Bündnis mit Russland schliessen um den Türkisch-Islamistischen Einfluss (durch die Türkischen und anderen Islamischen Gastarbeiter entsteht der Einfluss) den Dolchstoss zu geben.
    25 25 Melden
  • BeatBox 24.11.2015 17:47
    Highlight Tja, Die Türken haben Erdogan als ihren Diktator gewählt und er will jetzt halt auch ein bisschen Anerkennung in der Weltpolitik. Was die Türkei abzieht ist leider nur der Anfang von schwierigen Zeiten in den diversen Beziehungen zu westlichen Staaten.
    35 5 Melden
  • sentir 24.11.2015 17:06
    Highlight Die NATO sollte sich schleunigst von der Türkei distanzieren. So wird sie in diesem Machtkampf von der Türkei nur ausgenutzt und dieses Spiel ist sehr gefährlich. Danach können sich die beiden machtgeilen Vollidioten (entschuldigung!) Russlands und der Türkei gegenseitig ans Bein pissen ohne Andere mit hinein zu ziehen. Mir macht die Türkei mehr Sorgen als Russland, obwohl eigentlich gehupft wie gesprungen.
    52 6 Melden
  • Louie König 24.11.2015 16:47
    Highlight Ist die Aussage mit der Warnung nicht überprüfbar? Wird das nirgendwo aufgezeichnet? Wenn die russische Maschine effektiv mehrmals gewarnt wurde, ist der Abschuss, nach meiner Ansicht, legitim.
    26 31 Melden
    • boxart 24.11.2015 17:40
      Highlight Wir sind doch nicht im Krieg, oder?
      23 6 Melden
    • NWO Schwanzus Longus 24.11.2015 18:05
      Highlight Die Türkei hat Völkerrechtswidrig ihren Luftraum auf 5-8 km in Syrisches Gebiet hinein erstreckt. Somit ist der Abschuss in Syrien erfolgt und ist ein Verbrechen des Muslimischen Landes Türkei! Wir Europäer sollten schnellsten zeigen das wir uns mit Russland einer Humanen Nation solidarisieren und der Türkei zeigen, das sie nicht befugt ist alles zu machen was sie wollen nur um ihre Islamischen Verbrecherischen Ziele in Syrien durchzusetzen.
      24 25 Melden
    • Scenario 24.11.2015 19:34
      Highlight Russland... humane Nation... ich kann nicht mehr :D :D
      Das war jetzt aber nicht ernst gemeint... oder? Nicht das die Türkei unter Erdogan viel besser wäre... aber ich hab mich doch sehr amüsiert :D
      14 9 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Asmodeus 24.11.2015 16:33
    Highlight Beide Seiten sind im Recht.

    1. Die Türkei unterstützt den IS... zumindest im Kampf gegen die Kurden

    2. Die Russen pfeifen auf sowas lächerliches wie die Grenzen von "befreundeten" Staaten und wurden dementsprechend abgeschossen.


    Lassen wir sie ne Runde säbelrasseln und propagandieren. Da sind Erdogan und Putin ja einer wie der andere.
    47 15 Melden

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