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Schlacht um Aleppo: Der Vier-Fronten-Krieg

Der Kampf um Aleppo entscheidet über die Zukunft Syriens. Vier grosse Interessen prallen aufeinander – gewinnen dürften die Radikalen.

Raniah Salloum



Ein Artikel von

Spiegel Online

Wie ein Brennglas wirkt die Provinz Aleppo um die gleichnamige Stadt: In ihr bündeln sich alle grossen Konfliktlinien des Kriegs in Syrien. Das macht die Kämpfe dort so wichtig, so brutal und so brandgefährlich.

Im Nordwesten Syriens überschneiden sich vier Fronten:

Image

grafik: spon

Turkish artillery fire from the border near Kilis toward northern Syria, in Kilis, Turkey, Monday, Feb. 15, 2016. Turkey defied international calls and shelled parts of northern Syria for a third day today, insisting it would not allow Kurdish-led forces to seize key areas along the border. The cross-border Turkish artillery fire, which began on Saturday, has added to an increasingly complex situation in Syria's northern Aleppo province just days before the cease fire is due to begin.(AP Photo/Halit Onur Sandal)

Artillerie nimmt von Kilis in der Türkei aus kurdische Stellungen in Syrien unter Beschuss.
Bild: Halit Onur Sandal/AP/KEYSTONE

Theoretisch soll zum Ende der Woche eine Feuerpause in Kraft treten, wie in München beschlossen. Praktisch ist davon wenig zu erwarten, denn der Kampf gegen «Terroristen» ist von der Feuerpause explizit ausgeschlossen. Die russische und syrische Regierung haben bereits bekräftigt, dass sie alle oppositionellen Milizen als Terroristen betrachten und die Bombardierungen fortführen werden.

Dazu kommt, dass die Situation in der Provinz Aleppo seit München noch verworrener und dramatischer geworden ist: Das Verhältnis zwischen Russland und der Türkei, das ohnehin seit dem Flugzeugabschuss belastet ist, verschlechtert sich rasant: Die russische Unterstützung für die YPG setzt die Türkei unter Zugzwang. Eine weitere Front ist durch den Angriff der YPG auf syrische Rebellen dazugekommen - nun bekämpfen sich plötzlich zwei von den USA unterstützte Gruppen gegenseitig.

Die Dschihadisten profitieren

Von dem Chaos und der Gewalt profitieren konnte bisher die Allianz Damaskus-Teheran-Moskau. Ihre Milizen am Boden - eine Art radikal-schiitische Internationale aus dem Libanon, dem Irak, Iran und Afghanistan - sind weiter Richtung Osten auf dem Vormarsch und dabei, die Schlinge um Aleppo zuzuziehen.

A rebel fighter sits atop a tank at the front line against forces loyal to Syria's President Bashar al-Assad in Ratian village, north of Aleppo February 17, 2015. Battles in and around the Syrian city of Aleppo have killed at least 70 pro-government fighters and more than 80 insurgents after the army started an offensive there, a monitoring group said on Wednesday. The Syrian army, backed by allied militia, had captured areas north of Aleppo on Tuesday in what the Syrian Observatory for Human Rights said was an attempt to cut off insurgent supply lines to Syria's second city. Picture taken February 17, 2015. REUTERS/Ammar Abdullah     (SYRIA - Tags: POLITICS CIVIL UNREST CONFLICT)

Kämpfer der Freien Syrischen Armee in Ratain nahe Aleppo.
Bild: X03284

Auch die radikal-sunnitischen Dschihadisten konnten profitieren: Der «Islamische Staat», der zuletzt in Syrien und im Irak unter Druck geraten war, kann vorerst aufatmen. Denn für die Pro-Regime-Kräfte und die YPG hat der Kampf gegen den IS vorerst keine Priorität. Stattdessen bekämpfen sie derzeit jene Rebellen, die den IS (damals noch ISIS) 2014 aus dem Nordwesten Syriens zurückdrängen konnten.

Die radikal-sunnitische Nusra-Front, der syrische Ableger von al-Qaida, konnte das Chaos ebenfalls nutzen, um sich im Rebellenlager auszubreiten und sich dort als wichtigste Gruppe zu etablieren. Die letzten verbliebenen gemässigten Rebellen werden erneut diskreditiert: Niemand kommt ihnen zu Hilfe. Aus syrischer Sicht hat der Westen sie verraten - wie es die Radikalen immer prophezeit haben.

Leidtragende sind die Zivilisten. In der Provinz Aleppo leben schätzungsweise noch zwei Millionen Menschen. Sie könnten in den kommenden Monaten gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen. Die Zerstörung mehrerer Krankenhäuser macht die medizinische Versorgung Tausender Menschen unmöglich. Ihre Lage wird zunehmend verzweifelter.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Beobachter24 18.02.2016 15:15
    Highlight Highlight Zum ersten Mal deutet der Spiegel an, dass auch die Nusra-Front Teil der Rebellen sind (quasi erst seit kurzem … haha)
    Aber man hält (natürlich) fest, dass es gemässigte Rebellen gibt (geben muss!).

    "Die letzten verbliebenen gemässigten Rebellen werden erneut diskreditiert ..."
    Wer bitte sind die gemässigten Rebellen? Namen, Gruppen?

    "Stattdessen bekämpfen sie [pro Assad Kräfte, YPG] derzeit jene Rebellen, die den IS (damals noch ISIS) 2014 aus dem Nordwesten Syriens zurückdrängen konnten."
    Welche Rebellen bitte sehr haben den IS 2014 aus Syrien verdrängt?
  • Rukfash 16.02.2016 23:23
    Highlight Highlight Es soll aufgehört werden den Krieg a la Schiiten gegen Sunniten zu betiteln, klar sind die Rebelleneinheiten ausschliesslich Sunniten, doch in der Regulären Syrischen Armee Kämpfen zur hälfte Sunniten, wären alle Sunniten gegen Assad gewesen wäre dieser keine zwei Monate an der Macht geblieben.. PS. mindestens 80% der Kurden gehören auch dem Sunnitischen Islam an..

«Für mich sieht der Fall Khashoggi sehr orchestriert aus»

Die Affäre um den ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi beschäftigte die Welt in den letzten Wochen. Im Gespräch mit watson erzählt die Menschenrechtsaktivistin und Politikwissenschaftlerin Elham Manea ihre Einschätzung und kritisiert Saudi-Arabien scharf.

Frau Manea, die Ermordung des Journalists Khashoggi löste weltweit Empörung aus. Was war Ihre erste Reaktion?Elham Manea: Ich war überrascht, im Gegensatz zu anderen Experten.

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