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Szene aus dem Film «Charlie Wilson's War» (2007). screenshot via youtube

#StingerEffect: Die neueste Lösung für den Syrien-Konflikt kommt aus Hollywoods Traumfabrik



In der amerikanischen Kriegsgeschichte gibt es ein schönes Märchen, und das geht so: Am Weihnachtstag 1979 marschierte die grosse, böse Sowjetunion im kleinen, freiheitsliebenden Afghanistan ein. Die Einheimischen wehrten sich heldenhaft, hatten der hochgerüsteten Roten Armee letztlich aber wenig entgegenzusetzen.

Dann 1986 die wundersame Wende: Amerika, Hort der Freiheit, begann den Rebellen tragbare Luftabwehrraketen vom Typ Stinger zu liefern. Plötzlich fielen die gefürchteten russischen Kampfhelikopter wie faules Obst vom Himmel. Ohne die Lufthoheit kämpften die Sowjets auf verlorenem Posten und zogen sich 1989 schmachvoll zurück. Wenig später zerbrach die UdSSR. Amerika hatte den Kalten Krieg gewonnen.

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Die Geschichte ist so gut, dass daraus der Begriff «Stinger Effect» (nicht vergessen, wir brauchen ihn später noch) hervorging. Und natürlich ist sie auch bestes Hollywood-Material, 2007 kam der stargespickte Film «Charlie Wilson's War» heraus. Darin spielt Tom Hanks den schillernden texanischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, der die Waffenlieferungen seinerzeit einfädelte. Philip Seymour Hoffman spielt Gust Avrakotos, Wilsons Komplize bei der CIA. Spätestens seit dann ist der «Stinger Effect» nicht nur Teil der US-Militärgeschichte, sondern auch der Populärkultur.

«Charlie Wilson's War» (2007)

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Video: YouTube/Movieclips

Ob es den Stinger-Effekt wirklich gibt, oder ob er vielmehr Stinger-Mythos heissen sollte, ist unter Historikern heftig umstritten. Laut Protokollen aus dem Politbüro, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion freigegeben wurden, hatte Michail Gorbatschow den Rückzugsentscheid gefällt, bevor die erste Stinger abgefeuert wurde. Hintergrund sollen auch nicht Verluste auf dem Feld, sondern die Sanktionen der USA gewesen sein.

Nach einigen Monaten – und durchaus einigen Abschüssen – rüsteten die Sowjets ihre Helikopter zudem mit Täuschkörpern nach, welche die Hitze-Sensoren der Stinger verwirrten. Zusätzlich flogen sie häufiger Einsätze in der Nacht und in grösserer oder sehr geringer Höhe. Andere Quellen behaupten, ab 1988 hätten die Mudschahedin keine einzige Stinger mehr abgefeuert, sondern sie weiterverkauft.

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Die Stinger wird auch von der Schweizer Armee eingesetzt. bild: schweizer luftwaffe

Warum ist das heute noch wichtig?

Weil der Stinger-Effekt/Stinger-Mythos lebt.

Nachdem der Waffenstillstand in Syrien zusammengebrochen war, haben die USA offenbar entschieden, den Rebellen schultergestützte Flugabwehr-Lenkwaffen (Manpads) zu liefern, beziehungsweise Saudi-Arabien und Katar solche Lieferungen zu erlauben. 

«Die Saudis dachten schon lange, dass derselbe Ansatz in Afghanistan vor 30 Jahren auch heute die Russen wieder in die Schranken verweisen würde – ihre Lufthoheit brechen, indem wir den Mudschahedin Einmann-Flugabwehr-Lenkwaffen liefern.»

US-Regierungsvertreter quelle: reuters

Die Argumentation leuchtet ein: Russland und Syrien halten sich nicht an den Waffenstillstand und machen Aleppo aus der Luft ungehindert dem Erdboden gleich. Manpads würden das Ungleichgewicht etwas zugunsten der Rebellen verschieben.

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Fassbomben auf Aleppo (2015). Video: YouTube/Wall Street Journal

Doch wenn es den Stinger-Effekt in Afghanistan vielleicht gar nicht gegeben hat, ist es dann plausibel anzunehmen, dass er in Syrien funktioniert? Bislang haben die USA Manpad-Lieferungen an syrische Rebellen untersagt – aus gutem Grund: Geraten sie in die falschen Hände (was in Syrien nie auszuschliessen ist), könnten sie auch gegen startende und landende Zivilflugzeuge eingesetzt werden.

Hinzu kommt, dass die Bedingungen in Afghanistan und Syrien verschiedener nicht sein könnten: Gebirgskampf in Ersterem, Häuserkampf in Letzterem. Und selbst wenn es den Rebellen gelänge, mit Manpads faktisch eine Flugverbotszone über Aleppo durchzusetzen: Flugverbot heisst nicht Kriegsverbot, wie Micah Zenko vom Council on Foreign Relations kürzlich erläuterte. Die Flugverbotszonen im Irak hätten Saddam Hussein damals auch nicht daran gehindert, mit konventionellen Mitteln gegen die Kurden vorzugehen. Soll heissen, wenn Putin und Assad Aleppo in Schutt und Asche legen wollen, brauchen sie dazu nicht unbedingt Fluggerät. Es geht zum Beispiel auch mit Artillerie.

«Die Geschichte wiederholt sich, sagt das Sprichwort. Aber genau das tut sie nie wirklich. Es sind (gewisse) Historiker, die sich wiederholen.»

Clement Rogers, britischer Theologe

Zu schlechter Letzt, was nach der Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan passierte, stimmt für Syrien auch nicht wirklich hoffnungsvoll. Die verschiedenen Rebellenfraktionen begannen, statt der Russen sich gegenseitig zu bekämpfen und das Land versank im Bürgerkrieg. Mitte der 1990er-Jahre ergriffen die Taliban die Macht und boten Al-Kaida einen sicheren Hafen. Der Rest ist blutige Geschichte (und Gegenwart).

Viele objektive Gründe sprechen somit gegen den Stinger-Effekt und Manpad-Lieferungen nach Syrien. Aber sachlich war einem Mythos noch selten beizukommen. Vor allem, wenn er von Hollywood geadelt wurde.

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    Alle Leser-Kommentare
  • redeye70 10.12.2016 16:33
    Highlight Highlight Denifinitiv nur ein Mythos. Die Abschusszahlen der Stinger war in etwa so tief wie die der sowjetischen Strela oder Igla, welche durch Korruption in die Hände der Afghanen kam. Der Mythos wurde für das amerikanische Volk konstruiert. Die Sowjets passten ihre Taktiken an, das stimmt wohl. Aber Nachteinsätze? Gilt sicher nicht für deren Helikopter. Auch nicht für Kampfhubschrauber, die Mi-24 war nie für den Nachtkampf ausgelegt.
  • Beobachter24 02.10.2016 22:02
    Highlight Highlight Der „gluschtige“ Hollywood-Rahmen soll dazu dienen die Terroristen zu Helden hochzustilisieren?

    "Plan B" läuft schon länger. MANPADs wurden erstmal im grossen Stil während der vorletzten Waffenruhe verteilt. (Leider kein Scherz.)

    Aber mehr geht (fast) immer; und die eine oder andere "Stinger" wird den Weg z.B. nach Europa finden. Da endet dann peut-être die Helden-Romantik und es wird brandgefährlich. Es wird aber unseren weisen Häuptlingen ermöglichen die "Sicherheit“ und Anti-Terror-Gesetze weiter zu forcieren. Zumindest aus dieser Sicht wird ein „Plan“ aufgehen.
  • NWO Schwanzus Longus 01.10.2016 15:03
    Highlight Highlight Das ist keine Lösung sondern eine verschlimmerung den so bekommen die Islamisten die Hoheit über Syrien aber dort haben die Russen modernste Abwehr anlagen stationiert wie S-400 oder Iskanderraketen und könnten auch Flugzeuge der Illegal operierenden Koalition angreifen so wäre das der 3.Weltkrieg. Saudi Arabien bsp muss auf einen Sturz hoffen denn wenn nicht was dannach aussieht werden sich Iran, Irak, Syrien ggf Russland sich hart an die Saudis Rächen sowie die Houthis im Jemen noch härter die Saudis in Beschuss nehmen würde was ein neuer Bürgerkrieg entfachen würde.
  • Saraina 01.10.2016 14:16
    Highlight Highlight Vorerst schickt Russland ja mal mehr Kampfflugzeuge. Mich irritiert, wie die Zuschauer auf den bequemen Rängen entwederdie USA oder Russland, Assad oder die Rebellen verteufeln, als wär's ein Fussballspiel, und völlig ungerührt scheinen über die Tatsache, dass weitere Hunderttausende akut mit dem Tod bedroht sind, ohne dass die Kriegsparteien oder die internationale Gemeinschaft in der Lage wären, wenigstens die Frauen und Kinder geordnet zu evakuieren und Hungernde zu versorgen. Srebrenica war dagegen ein Kasperlitheater, und so wird auch die Zukunft urteilen.
  • smoking gun 01.10.2016 14:02
    Highlight Highlight Grundsätzlich finde ich Ihren Artikel sehr interessant. Nur ein paar Fehler haben sich trotzdem eingeschlichen: Es waren nicht Russland und Syrien, die sich nicht an den Waffenstillstand gehalten haben, sondern die USA, mit dem Angriff auf die syrische Armee. Weiter gibt es zwischen, Al Nusra, der syrischen freien Armee und dem IS keine grossen Unterschiede: Das sind allesamt von Saudi Arabien, Katar, der Türkei und dem CIA unterstützte Rebellengruppen. Dies mit dem Ziel, Assad zu stürzen.
    • The Destiny // Team Telegram 01.10.2016 15:17
      Highlight Highlight Aber smoking gun... WICHTIG sind die Religiösen Unterschiede und NICHT wer sie Finanziert !

      oder so sagt man uns ;)
    • Beobachter24 01.10.2016 18:13
      Highlight Highlight Danke, smoking gun

      Zudem wurde der Waffenstillstand von Anfang an einseitig nicht eingehalten von den wahhabitischen Proxies.

      Auch Kian dreht weiter an der Propaganda-Orgel und macht auch Assad und dessen Alliierten fürs Scheitern des Waffenstillstands verantwortlich.
      Dass Kian ein wahhabitisches Syrien befürwortet erstaunt sehr ...
  • meine senf 01.10.2016 13:31
    Highlight Highlight Die übliche Lösung: Den Feind (z.B. Taliban, Saddam Hussein) des Feindes (z.B. Sowjets, Iran) mit Waffen beliefern. Falls dieser später selber zum Feind wird, muss man dann halt dessen Feinde mit noch mehr Waffen beliefern.
    • reamiado 02.10.2016 11:47
      Highlight Highlight Oder selber einschreiten.
  • Zeit_Genosse 01.10.2016 13:03
    Highlight Highlight Kriege wurden bis dato mit einer Luftüberlegenheit gewonnen. Doch es scheint, dass da jeder in Syrien etwas rumschwirren und abwerfen kann. Eine Flugverbotszone ist politisch nicht zu erreichen. Militärisch würde sie zum Krieg zwischen Russland und den USA führen und dafür ist der Preis zu hoch. Jetzt umgekehrt die Lufthoheiten vom Boden aus zu stören oder den Preis/Risiko für Luftbombardements zu erhöhen ist eine Verzweiflungsidee. Die USA sind im Wahlkampf und aussenpolitisch Handlungsunfähig, sowie politisch gescheitert. Rückzug als Option? Syrien an Russland verlieren? Die Luft erobern?
  • Str ant (Darkling) 01.10.2016 12:13
    Highlight Highlight Wie schnell die USA doch vergessen haben das sie mit ihren Aktionen in Afghanistan mehr oder weniger direkt die Al-Qaida geschaffen haben (und damit auch den IS).

    Der "hochgelobte Stinger Effekt" hat sie dadurch das World Trade Center, einen direkten Angriff auf das Pentagon und zahllose Menschenleben gekostet!

  • blaubar 01.10.2016 11:52
    Highlight Highlight Sollen alle verschwinden aus Syrien, die dort nichts zu suchen haben!!
    • The Box 01.10.2016 12:07
      Highlight Highlight Die Sache scheint mir ja, dass alle Fraktionen von sich denken, dass sie in Syrien etwas zu suchen haben.
    • blaubar 01.10.2016 18:25
      Highlight Highlight Ich glaube, Assad und das syrische Volk dürfen blieben, in Syrien, oder?
  • ace1 01.10.2016 11:52
    Highlight Highlight Ich werde iegendwie das Gefühl nicht los, dass unser Autor aus dem Iran stammt;). Seine politische Meinung zieht sich wie ein roter Faden durch alle bisher geschriebenen Beiträge. Vorallem die USA und Israel kommen meistens nicht gut weg?
    • opwulf 01.10.2016 12:11
      Highlight Highlight So ein Schwachsinn! Kian schreibt Dir wohl nicht Atlantikbrückenhaft genug, wie? Dabei hättest du so viele Zeitungen zur Auswahl die genau so schreiben, wie von dir gewünscht! Selbst die so renommierte NZZ ist seit Eric Gujers Übernahme zu einem elitären Revolverblatt der NeoCons verkommen! Und du kritisierst das eine Schweizer Medienplattform hier ein klein wenig aus der Reihe tanzt? Geh mal lieber Geschichte lernen, was dazumals in den 1950ern im Iran geschah! "Putsch im Iran" (ZDFdoku) - wäre hier als Bsp. zu wmpfehlen, falls du wirklich an Fakten interessiert bist!
    • Str ant (Darkling) 01.10.2016 12:14
      Highlight Highlight @ace1 Die USA haben nunmal enorm viel Dreck am Stecken.
      Ich finde gut wenn das im Gegensatz zu anderen Medien nicht alles schön geredet wird
    • Kian 01.10.2016 12:38
      Highlight Highlight Die Saudis auch nicht, die hast du noch vergessen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Posersalami 01.10.2016 10:13
    Highlight Highlight Die USA erlauben also, dass Stinger an die "Rebellen" geliefert werden. Wer die von SA und Katar belieferten "Rebellen" sind, ist ja hinlänglich bekannt. Ich bin gespannt, wie Goschi das so zurechtügen wird, dass die USA natürlich wieder nicht die Kopfabschneider unterstützt. Weder direkt noch indirekt.
    • Lord_ICO 01.10.2016 11:15
      Highlight Highlight Ja und zwar 1988 in Afghanistan und damals war es im Kampf gegen die Sowjets, kalter Krieg und so, kennst du?
      Offiziell weigern sich die USA im Syrienkrieg Waffen zu liefern und Luftabwehr liefern sie definitiv nicht, da sie in falschen Händen zu Terrorakten (Linienflugzeuge) führen können. Bericht gelesen oder nur kommentiert?
    • Posersalami 01.10.2016 11:44
      Highlight Highlight Leider verdichten sich die Berichte, dass die USA manpads liefern lässt. Zudem halten die Batterien in den Stingern nicht ewig, also ist die Gefahr begrenzt. Wikileaks ist ausserdem voll von Dokumenten, die Waffenlieferung der USA (und anderen!) an "Rebellen" belegen. Stinger nach Syrien kann doch eh nur politisch gemeint sein. Die haben eine sehr kleine Reichweite und vor allem Russland bombardiert aus mittleren und grossen Höhen. Lassen sie die Kampfhelis hald im Hangar und nehmen mehr schwere Bomber, wayne.
    • Posersalami 01.10.2016 11:46
      Highlight Highlight Dadurch werden sicher noch mehr zivile Ziele getroffen und die Guten können noch mehr rumbrüllen.
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