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Militärputsch in der Türkei
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«We're fucked!» – Das WhatsApp-Protokoll mit meinen Cousins und Freunden in Istanbul

Unser Redaktor hat viele Freunde und Verwandte in der Türkei. Und sie alle haben eine bewegte Chat-Nacht hinter sich. Das Protokoll aus der Putsch-Nacht.



CK: Leute, was geht?

KB: Die Bosporus-Brücke in Fahrtrichtung Europa ist gesperrt. Panzerfahrzeuge der Armee blockieren die Strasse. Es sind Schüsse zu hören.

CK: Was?! Bei euch?

KB: Ja, ich meine, von Weitem Schüsse gehört zu haben. Aber ich gebe die TV-News wieder.

HG: Meine Cousine aus Ankara schreibt: Hier fliegen uns Kampfjets um die Ohren. Ich meine das wörtlich. Sie fliegen wirklich tief. 

FG: Ministerpräsident Binali spricht von einem Militärputsch. 

NB: Oh wow! It's 1980 again.

ME: Leute, seid ihr alle in Sicherheit?

FE: I'm stuck! Ich bin noch in Beşiktaş*

*Der Stadtteil Beşiktaş

**RTE = Recep Tayyip Erdogan
***Im Sommer 2015 hatte die AKP das erste Mal nach 12 Jahren einen Wahlverlust erlitten. Ein paar Monate später an den Neuwahlen räumte sie dann wieder ab. 

(Der übrigen Personen im Chat bestätigen ihr Wohlaufsein mit Selfies und dergleichen.)

KB: Leute, ich weiss, es ist noch zu früh. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass das von RTE** kommt.

Ein Militärputsch ist schlecht. Doch egal, wie der grosse Pascha uns bisher bedrängt hat: Das wirft uns 40 Jahre zurück!

Stellt euch vor, der Putsch gelingt nicht. Er wird nicht mehr 51 Prozent, sondern mehr als 80 Prozent Befürwortung an den nächsten Wahlen absahnen.

FE: Meinst du?

KB: Ja! Wie damals an den Neuwahlen. Da hat er erst verloren. Dann das Land ins Chaos getrieben. Und dann gewonnen. ***

NB: Stimmt. Und RTE ist stärker denn je. Wie kann das sein? Er hat ja die Armee auch in der Hand. 

ME: Das ist auch mein Eindruck. Aber erst mal abwarten. Was ist eigentlich mit TRT los?

BE: Shutdown. He Leute. Twitter läuft wiedermal nur über VPN.

HE: Schaltet NTV ein. Die Armee habe gewisse akkreditierte Journalisten mit Infos versehen.

... ein paar Sekunden später ...

BE: Das riecht nach Militärputsch. Ist es einer?

KB: Ja, keine Ahnung. Es ist zumindest offiziell.

VI: TRT läuft wieder. Aber nur das Wetter. WTF?

BE: Wo ist eigentlich RTE?

KB: In den Ferien. Irgendwo im Süden.

VI: Von RTE kommt gar nichts. Dafür implodiert beinahe der Account von Binali Yıldırım. Wir sind schon ein lustiges Land. Twittersperre, aber der Ministerpräsident twittert munter.

VI: Leute, Leute! Schaltet TRT ein: Alle Sender seien angehalten, die Stellungnahme zu bringen.

KB: We're fucked.

NB: Sowas von!

VI: Puuuh!

KB: Fuck my Life! Ausgangs- und Ausreisesperre? Zumindest bis zur zweiten Ankündigung. 

BE: Ich bin schockiert.

VI: Oppositionsführer Kılıçdaroğlu kritisiert den Putsch harsch. 

NB: Der Ministerpräsident ruft die Leute auf, auf die Strasse zu gehen.

BE: Pfff... Würde ich, hätten sie uns damals in Gezi nicht so niedergeknüppelt. Seine Demokratie wahren, aber unsere niederknüppeln. No, thank you!

KG: Leute. Ich zähle eins und eins zusammen. Wir haben 1980 teilweise erlebt. Damals konnte man nicht raus. Und jetzt strömen die Erdogan-Anhänger massenweise raus und verdrängen die Armee? Das riecht mir ganz fest nach einem abgekarteten Spiel.

BE: Wie kann das sein? Die RTE-Medien senden auch. Ein Militärputsch, bei dem alle senden dürfen? Ich weiss ja nicht. Das war 1980 anders.

KB: Leute. Was diskutieren wir da? Egal welches Szenario eintrifft, wir sind am Arsch. 

Szenario 1: Der Putsch gelingt, der Tayyip fliegt, doch das Land fällt wirtschaftlich und politisch 40 Jahre zurück.

Szenario 2: Der Putsch gelingt nicht, der Tayyip kommt gestärkt zurück, installiert sein Präsidialsystem auf Kosten der Demokratie. 

So oder so: Die freiheitliche Demokratie verliert.

NB: Ja schon. Aber wir müssen ja abchecken, wie fest wir am Arsch sind. Sind wir so richtig am Arsch?

KB: Ja Schwesterchen. We're fucked.

Mehr zum Thema:

Alle Nachrichten zum Putschversuch in der Türkei gibt's hier.

Kommentar: Ein Umsturz mit Ansage.

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