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Residents inspect a site damaged by what activists said was a barrel bomb dropped by forces loyal to Syria's president Bashar Al-Assad in Maarat Al-Nouman, south of Idlib, Syria September 29, 2015. Picture taken September 29, 2015. REUTERS/Khalil Ashawi

Nicht nur Russland bombardiert in Syrien, auch der von Putin hofierte Assad setzt seine Fassbomben-Kampagne fort – die Aufnahme aus dem Süden der Provinz Idlib datiert vom Dienstag.
Bild: KHALIL ASHAWI/REUTERS

Die Analyse: Es wird immer klarer, was Putin an der Seite von Despot Assad will

Nun fliegen also doch russische Kampfjets über Syrien. Aber was ist Putins Plan? Wie geht es weiter mit Assad? Und was macht der Westen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Benjamin Bidder, Moskau



Ein Artikel von

Spiegel Online

Wenn es um Syrien ging, wurden die Äusserungen des russischen Präsidenten zuletzt schwammig. So etwa im US-Sender CBS, vergangene Woche. Da sagte Wladimir Putin erst sehr entschlossen, man werde sich nicht «an irgendwelchen Militäroperationen in Syrien oder anderen Ländern beteiligen».

Auf die erste Nachfrage («Was soll das heissen?») blieb er noch dabei («Das bedeutet, unsere Streitkräfte werden sich nicht direkt an Feindseligkeiten beteiligen»). Bei der zweiten Nachfrage («Meinen Sie Luftangriffe?») war Putin dann aber schon weit weniger definitiv – und wollte nur noch «Kampfoperationen auf dem Boden» ausschliessen.

Seit Dienstag gibt es keine Unklarheiten mehr: Der Kreml hat sich vom Parlaments-Oberhaus die Entsendung von Truppen nach Syrien genehmigen lassen. Moskau eilt Diktator Baschar al-Assad mit Militär zu Hilfe, die Luftschläge haben bereits begonnen. Ziel sei «der Kampf gegen den Terror und die Unterstützung der legitimen Staatsmacht Syriens», so Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow.

Was will der Kreml in Syrien erreichen?

Putin sucht seit Monaten Unterstützung für eine Koalition gegen den IS. Dafür hat er mehrfach mit der Türkei, Israel und auch Saudi-Arabien gesprochen. Der «Islamische Staat» kann Russland selbst gefährlich werden. Aus dem von Moskau beherrschten Nordkaukasus sind in den vergangenen vier Jahren Tausende nach Syrien gereist, um sich dem IS anzuschliessen. «Statt auf ihre Rückkehr zu warten, sollten wir Assad helfen, sie in Syrien zu bekämpfen», hat Putin gesagt.

Konkret könnte Moskau Assad etwa helfen, die berühmte Stadt Palmyra zurückzuerobern. Russland könnte die Islamisten auch von Öl- und Gasfeldern nahe der Stadt Homs vertreiben. Der Kreml würde damit gleich doppelt punkten: Diktator Assad wäre gestärkt und im Westen kämen solche Erfolge im Kampf gegen den islamistischen Terror auch gut an.

Geht es Moskau wirklich nur um die Bekämpfung des IS?

Das ist unwahrscheinlich. Russland hat seine Truppen an Syriens Küstenstreifen im Westen des Landes stationiert. Die Stellungen des IS sind davon sehr weit entfernt. Die eigentliche Gefahr für Assads Hochburgen geht von den jüngsten Vorstössen syrischer Rebellen-Verbände aus.

Moskau setzt die Opposition allerdings regelmässig mit militanten Islamisten gleich. So sagte Putin im CBS-Interview, die Bezeichnung Opposition sei lediglich eine «Interpretation» des Westens: «Tatsächlich kämpft Assads Armee gegen terroristische Organisationen.»

Der Militär-Blogger Ruslan Lewijew geht davon aus, dass Moskau nicht nur auf den IS abzielt: «Luftschläge gegen den IS helfen Assad wenig. Deshalb sind auch Angriffe gegen die bewaffnete Opposition zu erwarten.»

Erste Indizien dafür gibt es bereits. Unbestätigten Meldungen der «Freien Syrischen Armee» zufolge haben russische Jets Angriffe in Hama geflogen. Die Provinz liegt keine hundert Kilometer östlich der Luftwaffenbasis Latakia, die von Russland genutzt wird. Auch Homs soll bereits Ziel russischer Kampfflugzeuge geworden sein.

Will Putin nun Syrien für Assad zurückerobern?

Nein. So schreibt der angesehene Moskauer Aussenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow am Dienstag in der Regierungszeitung «Rossiskaja Gaseta», auch der Kreml habe begriffen, dass «das alte Syrien nicht mehr existiert». Russland will aber den endgültigen Fall des Assad-Regimes verhindern und bereitet sich für die immer wahrscheinlichere Teilung Syriens vor. Nach russischen Vorstellungen soll dann aus dem Herrschaftsgebiet des Assad-Regimes eine Art Rumpf-Syrien hervorgehen, das die Hauptstadt Damaskus kontrolliert, die Mittelmeerküste und möglichst grosse Teile im Westen des Landes. Es gehe darum, «noch zu retten, was vom säkularen syrischen Staatswesen übrig ist», so Lukjanow. Die Person Assad sei für Russland zweitrangig.

epaselect epa04957313 A woman watches a news program on TV showing Russian President Vladimir Putin making a statement at a meeting with Government members at Novo-Ogaryovo residence outside Moscow, Russia, 30 September 2015. Vladimir Putin said, Russia had informed all partners about Russia's plans and actions in Syria. Russia launched an aeirial anti-terrorist operation in Syria against IS (ISIS) positions in the line with the official address of Syrian President Bashar al-Assad.  EPA/YURI KOCHETKOV

Was will der Präsident in der Wüste? Eine russische Frau lauscht den Worten von Wladimir Putin, der Stellung nimmt zum Kampfeinsatz in Syrien.
Bild: YURI KOCHETKOV/EPA/KEYSTONE

Ist ein Einsatz russischer Bodentruppen tatsächlich ausgeschlossen?

Das zumindest behauptet der Kreml. Allerdings hat Moskau die Luftschläge gegen den IS stets als nicht wirksam kritisiert. Russlands UNO-Botschafter Witalij Tschurkin betonte noch in der vergangenen Woche, die Bombenangriffe der westlichen Verbündeten hätten den IS praktisch nicht geschwächt. Das sei ein Beweis dafür, dass man den «‹Islamischen Staat› nur am Boden besiegen kann».

Hinzu kommt: Einsätze der von Russland in Syrien stationierten Suchoi-Kampfflugzeuge gelten vor allem dann als besonders effektiv, wenn sie von vorrückenden Bodentruppen unterstützt werden. Theoretisch könnte Moskau ein Vorrücken von Assads Regierungstruppen flankieren. In der Vergangenheit hat die syrische Armee allerdings nur selten Offensiven gegen den IS geführt.

Wie ist die Stimmung in der russischen Bevölkerung?

Im syrischen Bürgerkrieg hält die Mehrheit der Russen Assad für den Guten. Laut einer Umfrage des russischen Lewada-Instituts unterstützt eine Mehrheit deshalb Waffenlieferungen an Damaskus. Ein militärisches Eingreifen dagegen lehnen 69 Prozent ab, nur 14 Prozent der Russen sind dafür. Allerdings haben grosse Kreml-treue Medienhäuser bereits vor Tagen Korrespondenten nach Syrien geschickt – und Moskaus Propaganda-Maschine nimmt schon jetzt Einfluss auf die Stimmung in der Bevölkerung.

Wie verhalten sich die USA?

Bislang forderten die USA den Rücktritt von Syriens Präsidenten, erst danach könne man verhandeln. Inzwischen spricht US-Aussenminister John Kerry davon, dass eine Übergangszeit mit Assad vorstellbar sei («managed transition»). Ansonsten reagiert Washington bislang bemerkenswert passiv. Die USA scheinen sich mit Russlands militärischem Vorgehen weitestgehend abgefunden zu haben. Minister Kerry begnügte sich mit der Warnung, Putin könnte durch sein Vorgehen leicht zur «Zielscheibe von Dschihadisten» werden.

Syrien: Der vergessene Krieg

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ratchet 01.10.2015 00:15
    Highlight Highlight Diese Luftangriffe sind meiner Ansicht nach fast schon der Hauptgrund für diese riesige Flüchtlingswelle. Weil keiner wirklich Soldaten in Gefahr schicken will, bombardiert man halt vom Weitem. Dabei werden vielleicht 7 Terroristen getroffen, aber auch ein gesamter Stadtviertel mitsamt zerstört. Völlig ineffizient das Ganze. Sorgt für mehr Zerstörung und somit Demut als Wirkung. Ein Bürgerkrieg, wo man jeden Tag ein paar Schüsse hört, ist ja das eine, aber diese Art von totalen Krieg, wo man sieht wie dein Land sich stückweise in ein Trümmerhaufen verwandelt. Da bleibt kein Mensch.
  • Fabio Bernasconi 01.10.2015 00:06
    Highlight Highlight Sehr geehrter Herr Bidder. Sie machen sehr wohl eine Analyse und einzelne Folgerungen - Aber dem Titel Ihres Artikel werden Sie leider nicht gerecht. Ja, was will denn Putin nun in Syrien?? Interessant wäre doch die journalistische Arbeit mal aus Sicht der Russen - und nicht aus pro-Amerikanischer Sicht zu beleuchten. Leider blasen Sie wie alle westlichen Medien ins gleiche Horn - die bösen Russen, die guten Amerikaner...
    • saukaibli 01.10.2015 08:23
      Highlight Highlight Wie soll man denn wissen, was Putin wirklich will? Seinen Aussagen kann man nicht trauen, ich glaube da sind sich alle einig. Putin lügt und betrügt wie es ihm gerade gefällt, deshalb ist es extrem schwierig einzuschätzen, was seine Ziele sind. Sicher ist, dass er wieder einen (zumindest) kalten Krieg provozieren möchte und die Welt gerne wieder etwas kriegerischer hätte. Aber was bringt ihm das? Ist es nur sein persönlicher Minderwertigkeitskomplex? Hat er wirklich das Gefühl einen grossen Kreig gewinnen zu können? Vermutlich wissen das nur seine ex-KGB-Homies, die er um sich schert.
    • Henrix 07.10.2015 03:33
      Highlight Highlight saukaibli: die russische Seite analysieren heisst ja nicht einfach Putin fragen, natürlich luegt der, aber Obama liegt auch, und es ist trotzdem moeglich über die US Sicht zu berichten. Einen großen Krieg zwischen den USA und den Russen wäre ein Atomkrieg, den verlieren beide und wir auch.
  • Friends w/o pants 30.09.2015 23:58
    Highlight Highlight Getroffen haben die Russen scheinbar nicht sehr viel: http://theaviationist.com/2015/09/30/did-russians-miss-their-targets/
  • Noach 30.09.2015 20:55
    Highlight Highlight Diese ganze Angelegenheit ist einfach nur noch verlogen.Ob Putin oder Obama beides Schlitzohren.Die Leidtragenden sind das einfache Volk.Und nicht zu vergessen Europa das jetzt die Suppe die Uns diese Herren eingebrockt hat aus Löffeln darf.Shit!!
  • DerWeise 30.09.2015 20:23
    Highlight Highlight Jaja der Spiegel... Putin böse, Westen gut

  • Addix Stamm 30.09.2015 20:17
    Highlight Highlight Ich finde das Vorgehen nicht schlecht. Auch ich würde meine Militärbasis lieber neben Assad aufschlagen, als direkt neben IS.
    Das FAss Assad, kann man später bei Gelegenheit hochgehen lassen.
  • Mafi 30.09.2015 19:59
    Highlight Highlight Er will und macht genau das, was die USA schon seit 10 Jahren macht. Nur wehrt sich jemand dagegen...
  • zombie woof 30.09.2015 19:44
    Highlight Highlight Hat denn irgendjemand etwas anderes erwartet???

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