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An undated photo from a social media account of Omar Mateen, who Orlando Police have identified as the suspect in the mass shooting at a gay nighclub in Orlando, Florida, U.S., June 12, 2016. Omar Mateen via Myspace/Handout via REUTERS  ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. EDITORIAL USE ONLY. REUTERS IS UNABLE TO INDEPENDENTLY VERIFY THIS IMAGE. NO RESALES. NO ARCHIVE.THIS PICTURE WAS PROCESSED BY REUTERS TO ENHANCE QUALITY. AN UNPROCESSED VERSION HAS BEEN PROVIDED SEPARATELY

Selfie des Todesschützen von Orlando.
Bild: HANDOUT/REUTERS

Orlando-Attentäter Mateen: Getrieben von Hass, infiziert vom «IS»

Der Todesschütze von Orlando hat sich zum «Islamischen Staat» bekannt, handelte aber offenbar ungesteuert und auf eigene Faust. Doch seine Bluttat hilft dem «IS» trotzdem.

Christoph Sydow / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Omar Mateen rief selbst bei der Polizei an. Entweder unmittelbar vor seinem Massaker im Pulse-Nachtklub oder kurz nachdem er die ersten Schüsse abgegeben hatte; die Angaben dazu gehen auseinander. Gegenüber den Polizisten soll Mateen einen Treueid auf Abu Bakr al-Baghdadi, den Anführer der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) abgelegt haben.

Doch ist das Attentat mit 50 Toten und 53 Verletzten damit auch ein «IS»-Anschlag? Am Montagvormittag verkündete al-Bayan, der in Mossul ansässige Radiosender des «IS», dass «einer der Soldaten des Kalifats in Amerika» das Attentat begangen habe.

Vater von Orlando-Attentäter: «Ich vergebe ihm nicht»

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Video: watson.ch

Zuvor hatte die der Terrorgruppe nahestehende, sogenannte Nachrichtenagentur Aamaq in einem Satz mitgeteilt, das Attentat sei von einem «IS»-Kämpfer ausgeführt worden. Aamaq berief sich dabei auf eine unbekannte Quelle.

Al-Bayan hatte auch die beiden Attentäter von San Bernardino als «Soldaten des Kalifats» bezeichnet. Syed Farook und Tashfeen Malik hatten am 2. Dezember 2015 14 Menschen getötet. Vor der Tat soll sich Malik in einem Facebookeintrag zum «IS» bekannt haben – persönliche Kontakte zu Mitgliedern der Terrororganisation gab es jedoch nach jetzigem Ermittlungsstand nicht.

«IS» fordert Anschläge auf eigene Faust

Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Mateen in direktem Kontakt mit führenden «IS»-Mitgliedern im Nahen Osten stand. Zwar geriet der 29-Jährige 2014 ins Visier des FBI, weil er Verbindungen zu Moner Mohammad Abusalha gehabt haben soll, einem US-Bürger aus Florida, der sich vor zwei Jahren für die Terrororganisation Nusra-Front in Syrien in die Luft gesprengt hatte. Die Nusra-Front ist jedoch mit dem «IS» verfeindet.

Aerial view  Sunday, June 12, 2016 of the mass shooting scene at  the Pulse nightclub in Orlando, Fla. A gunman opened fire inside a crowded gay nightclub early Sunday, before dying in a gunfight with SWAT officers, police said.  (Red Huber/Orlando Sentinel via AP)

Luftaufnahme des Pulse-Clubs in Orlando am Sonntag. 
Bild: AP/Orlando Sentinel

Derzeit deutet viel daraufhin, dass sich Mateen selbst radikalisierte. Es gibt keine Hinweise, dass er sich in islamistischen Kreisen bewegte oder Teil eines grösseren Netzwerks ist. Seine Tat ist aber offenbar zumindest vom «IS» inspiriert worden. Die Terrororganisation hat in den vergangenen Monaten ihre Sympathisanten in den USA und Europa mehrfach dazu aufgerufen, auf eigene Faust zu handeln.

Erst vor drei Wochen sagte der «IS»-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani in einer Audiobotschaft: «Wisst, dass wir eure Angriffe auf sogenannte ‹Zivilisten› noch mehr lieben, weil sie effektiver sind. Weil sie mehr Schmerz und Schaden verursachen und weil sie abschrecken. Also, macht weiter, ihr Monotheisten überall. Es könnte sein, dass ihr eine grosse Belohnung oder sogar den Märtyrertod im Ramadan findet.»

Der Anschlag von Orlando ereignete sich am siebten Tag des islamischen Fastenmonats Ramadan. Bereits im vergangenen Jahr hatte der «IS» den Monat zu einer Terroroffensive genutzt – unter anderem mit Anschlägen auf ein Strandhotel in Tunesien und schiitische Moscheen in Kuwait und im Jemen.

Der Schwulenhass der Islamisten

Das Attentat auf den besonders bei Schwulen und Lesben beliebten Klub in Orlando passt noch aus anderen Gründen ins Kalkül des «IS». Da ist zum einen der fanatische Hass der Islamisten auf Homosexuelle: Der «IS» hat im Irak und in Syrien dutzendfach Männer von hohen Gebäuden in den Tod gestossen, die angeblich schwul gewesen sein sollen.

Ein anderes Motiv: Bislang standen Homosexuellenverbände in den USA und Europa oft auf Seiten von Muslimen. Beide Minderheiten sind von konservativen Kräften lange mit Argwohn und Ablehnung betrachtet worden. Politiker vom rechten Rand der Republikaner etwa, haben sowohl für Muslime aus auch für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender wenig übrig. Das einte die muslimische Minderheit und Homosexuelle.

Das Massaker von Orlando könnte nun einen Keil zwischen Muslimen und der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft treiben. Genau das will der «IS», das hat die Terrororganisation selbst in ihrem Propagandamagazin «Dabiq» geschrieben. Die Islamisten wollen die sogenannte Grauzone zerstören, also jenen grossen Bereich, in dem Muslime und Nicht-Muslime im Westen friedlich zusammenleben.

WASHINGTON, DC - SEPTEMBER 17:  House Homeland Security Committee Chairman Michael McCaul (R-TX) holds up a copy of Dabiq, the English language magazine published by the Islamic State in Iraq and the Levant (ISIL), during a hearing on 'worldwide threats to the homeland' in the Cannon House Office Building on Capitol Hill September 17, 2014 in Washington, DC. Although security and law enforcement officials testified that ISIL has a sophisticated propaganda and recruitment program, they do not pose a direct threat to the United States homeland.  (Photo by Chip Somodevilla/Getty Images)

Der republikanische Senator Michael McCaul mit einer Ausgabe des «IS»-Propagandamagazins «Dabiq».
Bild: Getty Images North America

Anschläge wie in Paris, Brüssel oder jetzt Orlando sollen den Hass auf Muslime im Westen schüren, so dass diese sich dort nicht länger wohlfühlen und stattdessen in das selbsternannte Kalifat des «IS» auswandern, so das Kalkül der Dschihadisten.

Mehr und mehr scheint dieser Plan aufzugehen: Schon vor dem Anschlag auf das Pulse hatte der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump einen generellen Einreisestopp für Muslime gefordert. Durch das Attentat vom Wochenende sieht er sich bestätigt: Beobachter rechnen damit, dass seine Siegeschancen bei der Präsidentenwahl am 8. November wegen seines radikalen Anti-Islam-Kurses steigen. Einen besseren US-Präsidenten als Donald Trump kann sich der «IS» gar nicht wünschen.

Zusammengefasst: Der Attentäter von Orlando beruft sich auf den «IS» – hat aber offenbar keine konkreten Verbindungen zu der Terrorgruppe. Trotzdem nützt seine Bluttat dem «Islamischen Staat»: Der Hass auf Homosexuelle ist bei den fanatischen Islamisten tief verwurzelt. Ausserdem hoffen sie, dass die Attacke die Muslime in den USA weiter isoliert.

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33Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Thomas F. 14.06.2016 11:00
    Highlight Highlight Eine unglaubliche neue Erkenntnis: Siehe BBC:

    https://www.facebook.com/bbcnews/?fref=nf
  • URSS 13.06.2016 17:20
    Highlight Highlight Hass und religiöse Verblendung sind Lethal...
  • Paco69 13.06.2016 14:55
    Highlight Highlight Man hat G. W. Bush massiv kritisiert, als er den "War against Terror" ausrief und dafür eine UN-Resolution (1371) erwirkte.
    2009 kündigte die damalige US-Aussenministerin H. Clinton an, dass die US-Regierung den Begriff nicht mehr verwenden werde. 2013 erklärte Präsident B. Obama den "Kampf gegen den Terror" für beendet.
    Offenbar eine fatale Fehleinschätzung!
    • Datsyuk * 13.06.2016 15:06
      Highlight Highlight Dieser Krieg gegen den Terror hat ja wohl noch mehr Terror erschaffen..
    • http://bit.ly/2mQDTjX 13.06.2016 15:49
      Highlight Highlight Paco69: Die UN-Sicherheitsrats-Resolution 1371 bezieht sich auf Ex-Yugoslawien.

      Du meinst vermutlich die Resolution 1368, in der der UN-Sicherheitsrat den Krieg der USA gegen Afghanistan völkerrechtlich als Selbstverteidigungsakt legitimiert, oder vielleicht auch Resolution 1386, worin der Sicherheitsrat die ISAF-Schutztruppe und Kommando der Nato legitmiert, in Afghanistan einzugreifen.

      Dafür wurde die Bush-Administration nicht "massiv kritisiert".

      Massive Kritik galt der Aggression der "Koalition der Willigen" gegen den Irak, aufgrund einer Lüge, OHNE Legitimation der UN.
    • http://bit.ly/2mQDTjX 13.06.2016 15:56
      Highlight Highlight Paco69: Obama erklärte den Kampf gegen den Terror für beendet, um damit zusammenhängede Gesetze abzuschaffen, die er als störend empfand. Gesetze, die Grauzonen wie etwa Guantanamo schaffen, bei denen weder zuständige Jurisdiktion noch anwendbares Recht geklärt ist, und auch niemand ein Interesse an der Klärung hat. Wo kein Gericht, da kein Recht. Deswegen hat Obama diesen "Krieg" (oder doch kein Krieg?) gegen den "Terror" (was ist konkret gemeint?) beendet, weil dieser "Krieg" denjenien zuviel Raum einräumt, die auf die Gesetze pfeiffen. Obama will die Gesetzlosigkeit abschaffen. Gut so.
    Weitere Antworten anzeigen
  • m:k: 13.06.2016 14:40
    Highlight Highlight Natürlich ist der IS froh über Trump und umgekehrt wohl auch. Beide sind Verfechter eines extrem simplen Weltbildes, dass ganz archaisch auf Kampf und Hass ausgerichtet ist. Zum Glück haben wir es teilweise geschafft eine zivilisierte Gesellschaft zu schaffen in der solche Strömungen eigentlich keinen Platz haben sollten. Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, diese Zivilisation aufzugeben.
  • glüngi 13.06.2016 14:40
    Highlight Highlight Es braucht nur einen Psychopathen für so viel leid.
    Höhlenmenschen die ein drecks Buch als Gesetz nehmen gehören nicht mehr auf diese Welt.

    Ich wünsche den Familien viel Kraft.
  • Calvin Whatison 13.06.2016 14:34
    Highlight Highlight Homophobie scheint allgegenwärtiger zu sein als angenommen.
    Dies in der heutigen Zeit.!
    Himmeltraurig.
    Ist zu hoffen, dass dieses Scheusal nicht allzu viele Nachahmer findet. :(
    • Danyboy 13.06.2016 14:51
      Highlight Highlight Leider sind einige von den (internationalen) Leuten, die sich jetzt vordergründig entrüsten, eigentlich mitschuldig an dem wieder zunehmenden Hass gegen Homosexuelle.
  • robben 13.06.2016 13:54
    Highlight Highlight den schwulen- und muslimverbänden bietet sich jetzt die chance, ein zeichen der zivilisiertheit zu setzen. stehen wir zusammen!
    • Bene86 13.06.2016 14:08
      Highlight Highlight Träum weiter. Das Attentat wird in grösseren Kreisen gefeiert, als du dir vorstellen kannst.
    • TomTurbo 13.06.2016 14:37
      Highlight Highlight schwulen- und muslimverbände gemeinsam für die Rechte der Homosexuellen. Das möchte ich sehen!
    • glüngi 13.06.2016 14:41
      Highlight Highlight Finde deine Message schön allerdings ziemlich naiv.

      Religion und Gegenwart passen nicht zusammen.
      Ohne die Religionen wäre der Mensch heute besser dran.
    Weitere Antworten anzeigen

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