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Friedensnobelpreis – die «IS»-Sklavin und der Mann, der Frauen repariert



Nadia Murad hatte mit ihrer Familie ein friedliches Leben am Rande des Sindschar-Gebirges geführt, bevor die Dschihadisten kamen. Doch als die gefürchtete Miliz «Islamischer Staat» («IS») im August 2014 Murads Dorf im Nordirak erstürmte, wurde sie wie tausende andere jesidische Frauen als Sexsklavin verschleppt.

ARICHIV - ZUM GEWINNER DES FRIEDENSNOBELPREISES STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - epa05579487 The former IS prisoner Nadia Murad reacts after winning the Vaclav Havel Human Rights Prize in the Council of Europe in Strasbourg, France, 10 October 2016. The 23-year-old Jesidis fights against the enslavement of her faithmakers in the Northern Iraq by Islamic State (IS) militants. The young woman had found refuge in Baden-Wuerttemberg through a special program. ((KEYSTONE/EPA/PATRICK SEEGER)

Nadia Murad. Bild: EPA

Erst nach Monaten gelang ihr die Flucht. Seitdem setzt sie sich unermüdlich für die Rechte der Jesidinnen und gegen sexuelle Gewalt weltweit ein – ein Engagement, das nun mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde.

Wie Schlachtvieh verkauft

An dem Tag, an dem die Pickups mit den schwarzen Flaggen in ihr Dorf fuhren, wurde Nadia Murads Leben zum Alptraum. Die Dschihadisten töteten die Männer, rekrutierten die Kinder als Kämpfer und machten die Frauen zu Sexsklavinnen. Auch Murad wurde nach Mossul, die inoffizielle Hauptstadt der Dschihadisten im Nordirak, verschleppt und nach Schlägen, Folter und wiederholten Gruppenvergewaltigungen an einen «IS»-Kämpfer verheiratet.

«Als erstes zwangen sie uns, zum Islam zu konvertieren», berichtete Murad im Jahr 2016 der Nachrichtenagentur AFP. Aus Sicht der sunnitischen Extremisten sind die Jesiden Ungläubige, da sie einer vorislamischen monotheistischen Religion anhängen. In ihrem Herrschaftsgebiet hielten die «IS»-Männer Sklavenmärkte ab, auf denen sie die jesidischen Frauen und Mädchen verkauften. Tausende Jesidinnen wurden so zu Sklavinnen.

Mutter und sechs Brüder getötet

Murad gelang es erst nach drei Monaten, mit Hilfe einer muslimischen Familie aus Mossul zu fliehen und die Sicherheit der kurdischen Autonomieregion zu erreichen. In den Flüchtlingslagern dort erfuhr sie von anderen Jesiden, dass sechs ihrer Brüder sowie ihre Mutter getötet worden waren. Mit Unterstützung einer Hilfsorganisation konnte sie später zu ihrer Schwester nach Deutschland reisen, wo sie heute lebt.

Die «IS»-Kämpfer hätten «uns unsere Ehre nehmen wollen, doch es waren sie, die ihre Ehre verloren», sagt Murad im Rückblick. Seitdem die heute 25-Jährige ihre Freiheit wiedergefunden hat, engagiert sie sich für ihre Volksgruppe und gegen den Einsatz sexueller Gewalt in Konflikten. Zusammen mit anderen Aktivisten fordert sie insbesondere, die Taten der Dschihadisten gegen die Jesiden als Völkermord anzuerkennen.

Nach all den Tragödien hat die 25-Jährige zuletzt auch privat gute Neuigkeiten zu verkünden: So gab sie im August ihre Verlobung mit dem jesidischen Aktivisten Abid Schamdin bekannt. «Der Kampf unseres Volkes hat uns zusammengebracht und wir werden diesen Weg gemeinsam weitergehen», schrieb sie im Kurzmitteilungsdienst Twitter. Noch immer bleibt viel zu tun: Mehr als 3000 entführte jesidische Frauen werden weiterhin vermisst. 

«Doktor Wunder»

In seiner Heimat nennen sie ihn «Doktor Wunder». Der Gynäkologe Denis Mukwege behandelt seit mehr als 20 Jahren mit chirurgischem Geschick und viel sozialem Engagement die grausamen Verletzungen, die Frauen in der Demokratischen Republik Kongo bei Vergewaltigungen zugefügt werden.

epa07071612 A handout photo made available by the Right Livelihood Award Foundation shows Congolese gynecologist Denis Mukwege in Stockholm, Sweden, 01 December 2013 (issued 05 October 2018). Congolese gynecologist Denis Mukwege and Yazidi Kurdish human rights activist from Iraq Nadia Murad have won the 2018 Nobel Peace Prize, the Norwegian Nobel Committee based in Oslo, Norway, announced on 05 October 2018.  EPA/WOLFGANG SCHMIDT / RIGHT LIVELIHOOD AWARD FOUNDATION HANDOUT MANDATORY CREDIT RIGHT LIVELIHOOD AWARD FOUNDATION HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Denis Mukwege. Bild: EPA/RIGHT LIVELIHOOD AWARD FD.

Weltweit setzt er sich für ein härteres Vorgehen gegen Vergewaltigungen als Kriegsmethode ein. Am Freitag wurde der 63-Jährige gemeinsam mit der jesidischen Aktivistin Nadia Murad für seinen Kampf gegen sexuelle Gewalt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Operationen unter einfachen Bedingungen

Mukwege operiert seit Jahren unter einfachen Bedingungen Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen wurden und deren Geschlechtsorgane oft völlig verstümmelt wurden. Der Gynäkologe gilt weltweit als Spezialist für das Rekonstruieren weiblicher Geschlechtsorgane. Zudem setzt er sich für die soziale und moralische Rehabilitation von Vergewaltigungsopfern im Kongo ein, wo die betroffenen Frauen oft gesellschaftlich geächtet sind.

«Ihr ganzes Becken war zerstört. Ich dachte, es handle sich um das Werk eines Irren, aber im selben Jahr behandelte ich noch 45 ähnliche Fälle.»

Denis Mukwege

In der ostkongolesischen Stadt Bukavu wurde Mukwege am 1. März 1955 als drittes von neun Kindern geboren. Sein Vater – ein Pastor, der regelmässig Krankenbesuche machte – inspirierte ihn dazu, Arzt zu werden. Nach Studien in Burundi und Frankreich kehrte er Ende der 80er Jahre in den Kongo zurück.

Mukwege erfuhr Nachricht im OP

Denis Mukwege stand gerade im Operationssaal, als er die Nachricht erhielt, dass er mit dem Nobelpreis geehrt werde, wie er der norwegischen Zeitung «Verdens Gang» berichtete. Plötzlich habe es draussen Lärm gegeben, Leute seien hereingestürmt und hätten ihm die Nachricht überbracht. «Sie können sich vorstellen, wie glücklich ich bin», sagte er am Telefon, bevor die Verbindung abbrach.

Mit dem Tod bedroht

Im Spital von Lemera, etwa 100 Kilometer südlich seiner Heimatstadt in der östlichen Provinz Süd-Kivu, sah er erstmals ein Opfer einer schrecklichen Vergewaltigung: «Ihr ganzes Becken war zerstört. Ich dachte, es handle sich um das Werk eines Irren, aber im selben Jahr behandelte ich noch 45 ähnliche Fälle», erinnert sich Mukwege in seiner Biografie «Plaidoyer pour la vie».

Seine Arbeit in der von Bürgerkriegen gebeutelten Krisenregion brachte den Mediziner schon in Lebensgefahr. Im Jahr 2012 entkam er nur knapp einem Angriff, bei dem sein Leibwächter getötet wurde. In Bukavu steht er unter dem ständigen Schutz der UN-Friedenstruppen.Vor vier Jahren war Mukwege für seine Arbeit bereits mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europaparlaments ausgezeichnet worden. 2015 erschien der Dokumentarfilm «Der Mann, der Frauen repariert». (whr/sda)

Schweizer Nobelpreisträger

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gummibär 06.10.2018 14:49
    Highlight Highlight Wer mehr beitragen will als nur Kommentare, der tut das hier:

    https://www.panzifoundation.org/panzi-hospital/
  • Dirk Leinher 06.10.2018 04:08
    Highlight Highlight Ich freue mich und gratuliere. Endlich scheint der Wert von Basis-Arbeit bei der Vergabe berücksichtig zu werden. Das wad die Jesiden durchmachen verdanken sie aber zum grossen Teil der westlichen Politik. Ich hoffe dass Murad nicht als Feigenblatt der Täter missbraucht wird.
  • Bowell 05.10.2018 19:07
    Highlight Highlight Kurz eine Frage zur Bilderreihe. Seit wann gibts denn genau einen Psychologie-Nobelpreis?
    • Aglaya 05.10.2018 20:18
      Highlight Highlight Da ist wohl Physiologie gemeint. Gemäss Wikipedia hat er den Medizin-Nobelpreis erhalten.
  • Nelson Muntz 05.10.2018 17:11
    Highlight Highlight Wann kommt der Tweet von Trump?
  • Alterssturheit 05.10.2018 16:52
    Highlight Highlight Die Welt bräuchte deutlich mehr Muradis und Mukweges als Politiker.
  • Garp 05.10.2018 16:22
    Highlight Highlight Ich freue mich für beide, die Grossartiges leisten. Ich hätte mich auch noch für viele andere gefreut, die sich für andere Menschen einsetzen, die unter Krieg und Gewalt leiden. Ich verneige mich.
  • Benji Spike Bodmer 05.10.2018 16:14
    Highlight Highlight Leider scheint der Film nicht im Handel zu sein, aber:

    https://www.trigon-film.org/de/movies/Homme_qui_repare

    Ob er Deutsche Sync/ Untertitel hat, weiss ich nicht, aber ich werde wohl trotzdem versuchen ihn aufzutreiben. :)
  • Baba 05.10.2018 16:07
    Highlight Highlight Meiner (völlig irrelevanten) Meinung nach zwei mehr als verdiente Preisträger!

    Ich hatte immer gehofft, dass dem kürzlich verstorbenen Dr. Beat 'Beatocello' Richner die Ehre des Friedensnobelpreises für seine Arbeit in Kambodscha zuteil würde. Leider vergebens 😢.
  • SKH 05.10.2018 15:48
    Highlight Highlight Mehr als nur verdient. Was Dr. Mukwege seit Jahren in Kongo leistet, kann man in der Doku City of Joy sich verinnerlichen. Für Frau Murad freue ich mich natürlich auch. Besser als wenn irgend ein PolitikerIn den Preis erhält.
  • Ueli der Knecht 05.10.2018 15:44
    Highlight Highlight Der Titel

    "der Mann, der Frauen repariert"

    wurde einerseits repariert (aber ist immer noch falsch), und anderseits ist der bei diesem Artikel hier immer noch falsch ("ich" statt "im").
    (vgl. https://www.watson.ch/!212667590)

    Es entmenschlicht und versachlicht die betroffenen Frauen. Genau das, was die Friedensnobelpreisträger bekämpfen wollen.

    Ich finde, watson sollte den Titel ändern.
    (vgl. https://www.watson.ch/!212667590#comment_1491414)
    • Willi Helfenberger 05.10.2018 15:48
      Highlight Highlight Das ist der Titel eines Films über den Nobelpreisträger. Steht im letzten Satz des Artikels.
    • Ueli der Knecht 05.10.2018 16:00
      Highlight Highlight Okay..... ich finde den Titel trotzdem unpassend.

      Ich kann nicht beurteilen, ob das französische Original "réparer" mit "reparieren" wirklich korrekt übersetzt ist.

      Auf englisch heisst der Film: "The man who mends women" - Der Mann, der Frauen heilt.

      "Der Mann, der Frauen heilt" fände ich definitiv besser, weil zumindest in Deutsch bezieht sich reparieren auf Objekte, nicht auf Menschen.
    • maregra 05.10.2018 18:06
      Highlight Highlight Auch wenn der Film so heisst: Frauen, die diese Gewalt erdulden mussten, kann man nicht ‚reparieren‘ wie Autos.
      Und das was Nadia Murad angetan wurde, macht sie nicht nur zu einer ‚Sex-Sklavin‘. Sie war Opfer von weit mehr. Daher Titel bitte dennoch ändern. Ist reine Effekthascherei.
    Weitere Antworten anzeigen
  • häxxebäse 05.10.2018 15:15
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