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epa05048082 German TV host Guenther Jauch poses with his talkshow guest German Finance Minister Wolfgang Schaeuble during his last talkshow episode in Berlin, Germany, 29 November 2015.  EPA/PAUL ZINKEN

Ein Selbstläufer: Günther Jauch und Wolfgang Schäuble.
Bild: EPA/DPA

Letzter ARD-Talk von Günther Jauch: Geschafft!

Zum letzten Mal war Günther Jauchs Kunst der politischen Gesprächsführung im Ersten zu bestaunen, sie war wie immer sehr beruhigend. Erstaunlicherweise jedoch entlockte Jauch seinem Gast Wolfgang Schäuble im Finale eine Sensation. Naja, jedenfalls so etwas ähnliches.

Stefan Kuzmany



Ein Artikel von

Spiegel Online

Zur Sendung: Seit dem 11. September 2011 diskutierte Günther Jauch immer sonntags im Berliner Gasometer über das Thema der Woche. Nun beendet er seine Talkshow in der ARD, zum Finale war ein einziger Gast eingeladen: der Bundesfinanzminister. Titel der Sendung: «Am Ende eines Krisenjahres – Wolfgang Schäuble bei ‹Günther Jauch›».

Aber nichts da. Mal haben die Gäste nicht kommen wollen, die er haben wollte. Mal hat ihm die Redaktion ein Ei gelegt, mal hat er sich selbst ein Bein gestellt, und manchmal läuft's ums Verrecken nicht. Und wenn er mal halbwegs zufrieden gewesen sein sollte, selten genug, dann war es auch wieder nicht recht, den Fernsehkritikern nicht, den Twitterern sowieso nicht, den Gremien der ARD auch nicht. Immer nur Gemecker, das muss man sich ja nicht ewig antun, er ist ja längst nicht mehr darauf angewiesen, finanziell schon gar nicht.

Bloss keinen Stress

Man muss ihn schon verstehen, den Günther Jauch, dass er dann am Schluss halt auch keinen grossen Stress mehr haben wollte. Am Ende nochmals die ganze Runde auffahren, Wagenknecht hier, Kubicki da, dann vielleicht noch den Stegner und den Gauweiler, immer dieselben Nasen, immer reden sie durcheinander, und er mittendrin in diesem Irrsinn, mehr Dahergerede als Debatte, und dann heisst es wieder: Jauch ahnungslos, Jauch hat die Diskussion nicht im Griff, Jauch liest bis zum Schluss Karteikarten vor? Nein, vielen Dank, Radau hatte er genug, dann lieber gemütlich zum Ausklang.

epa05048083 Talkshow guest German Finance Minister Wolfgang Schaeuble poses during the last talkshow episode of German TV host Guenther Jauch in Berlin, Germany, 29 November 2015.  EPA/PAUL ZINKEN

Schäuble bei Jauch.
Bild: EPA/DPA

Also zum Schluss einen Einzelgast, und dann aber bitte nicht irgendeinen: Wolfgang Schäuble (CDU), Bundesfinanzminister und zur Zeit beliebtester Politiker des Landes, zu Gast bei Günther Jauch, dem nach wie vor beliebtesten TV-Moderator der Nation. Schäubles politische Positionen muss man nicht teilen, aber unbestritten ist er ein hochintelligenter, zuweilen witziger Gesprächspartner mit immenser Erfahrung, er hat erlebt und überlebt, manchem gilt er als Nachfolger Angela Merkels, er ist jedenfalls ihr wichtigster Minister. Schäuble ist der ideale Gast. Ein Selbstläufer am Sonntagabend.

Beste Voraussetzungen also dafür, letztmalig die Jauch'sche Kunst der politischen Gesprächsführung im Ersten zu beobachten. Es war dieselbe wie sonst auch, es war dieselbe, für die ihn viele schätzen und manche weniger, denn sie war wie immer recht nett und höflich. Zunächst schwiegersohnte sich Jauch an den Minister heran, mit nostalgischen Aufnahmen aus den Anfängen dessen politischen Wirkens, Schäuble jung und im Pullover.

«Sie sind der einzige Minister, der noch im Zweiten Weltkrieg geboren wurde», sagt Jauch, Schäuble runzelt die Stirn, rechnet nach, «Ja, stimmt.» «Das habe ich lange nachgerechnet», legt Jauch nach, man kann das getrost wörtlich nehmen, das hat er höchstpersönlich und mehrmals nachgerechnet, und der Ton ist gesetzt: Hier herrscht Respekt vor der Lebensleistung.

Mensch, Jauch, so wird das doch nichts

Jetzt kann man natürlich sagen: Mensch, Jauch, wenn das schon wieder so losgeht, so wird das doch nichts, man muss einen wie den Schäuble doch grillen vor der Kamera, die Differenzen zur Kanzlerin herausarbeiten, ihm seinen schwäbischen Spar-Fetisch vorhalten, seine verbale Zündelei in der Flüchtlingspolitik. Aber Jauch wieder mal: höflich interessiert, keine Konfrontation, und dann mal sehen, was dem Gegenüber doch noch zu entlocken ist, in angenehmster Gesprächsatmosphäre.

Und tatsächlich: Jauchs Charme wirkt. Zwar nicht etwa dahingehend, dass der Bundesfinanzminister jetzt plötzlich anfangen würde, sich von der Kanzlerin loszusagen und seine eigene Kandidatur als Regierungschef auszurufen, selbstverständlich nicht. Auch leider nicht dahingehend, dass Schäuble hier Neuigkeiten preisgeben würde, die man so noch nie gehört hätte und die etwa über das hinausgingen, was man in Stephan Lambys hervorragender Dokumentation «Macht und Ohnmacht», die ja erst Ende August 2015 im Ersten zu sehen war, über den Menschen Wolfgang Schäuble und dessen vielfältige Verletzungen erfahren konnte.

Aber immerhin, es fallen einige Zitate, die vielleicht nicht spektakulär klingen, aber doch Einblicke gewähren ins Innenleben dieses mächtigen Mannes. Auf die Freiheiten des Alters angesprochen sagt Schäuble, er sei jetzt «nicht mehr so ganz Teil der Herde» – das sagt schon etwas über den Blick des dienstältesten Parlamentariers auf die anderen im Bundestag.

Er sagt: «Ich brauch' nichts mehr werden, ich will nichts mehr werden» – also auch nicht mehr Kanzler? Er versucht, den begründeten Verdacht auszuräumen, mit seinem Zitat zur Flüchtlingskrise vom unvorsichtigen Skifahrer, der eine Lawine auslösen könne, habe er die Kanzlerin gemeint: «Ich überlege nicht jedes Wort ganz genau», und zu «Frau Merkel» habe er dann auch gesagt, er habe bei ihr «alle möglichen Vorstellungen», aber die eines Skifahrers gehöre nicht dazu.

Warum er Menschen auf der Flucht vor dem Krieg als Lawine bezeichnet hat, darauf geht Schäuble allerdings nicht mehr ein, Jauch hakt anderweitig nach: «Wer hat denn nun die Lawine ausgelöst?» Worauf Schäuble etwas kryptisch mutmasst, da habe sich vor einem Jahr offenbar etwas geändert zwischen der Türkei und Griechenland, früher seien die Flüchtlinge doch über Lampedusa gekommen.

Und dann, es ist ja der erste Advent, schenkt Schäuble Jauch noch einen Satz zur Flüchtlingskrise, eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber in diesen Zeiten geradezu sensationell: «Das ist eine grosse Herausforderung, aber wir können das auch schaffen.» Schäuble einig mit Merkel, wenn das mal keine Schlagzeile ist.

Ein würdiger Abschluss

Am Ende, also kurz vor Schluss der allerletzten Sendung von Günther Jauch im Ersten, es geht kursorisch um die von den Hamburgern abgelehnte Olympiabewerbung und die Kommerzialisierung des Sports im Allgemeinen, spricht Schäuble einen Satz, der einen würdigen Abschluss dieser vier Jahre Jauch im Ersten bildet. Einen Satz, der in Inhalt und Diktion zusammenfasst, was diese Sendung so erfolgreich gemacht hat und ihr gleichzeitig so viel Kritik einbrachte:

«Mein Prinzip ist ja ohnedies, dass wir durch Übermass alles gefährden können, und deswegen sollten wir uns bemühen, das rechte Mass immer wieder zu suchen und zu finden.»

Und Applaus. So herrlich beruhigend für alle Bürgerinnen und Bürger dieser Bundesrepublik wird es am vorgerückten Sonntagabend wohl nie wieder werden.

Es sei denn, man legt sich direkt nach dem «Tatort» ins Bett.

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