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Bei Jauchs Flüchtlings-Talk: «Was wir hier zelebrieren, hilft keinem»

Günther Jauch wollte in seiner Talkshow über die «Flüchtlingskanzlerin» sprechen. Doch erst verloren sich seine Gäste im Allgemeinen – und dann verabschiedete sich der Moderator gedanklich aus seiner Sendung.

Arno Frank



Ein Artikel von

Spiegel Online

Schon faszinierend, wie die Grosse Koalition in Deutschland derzeit auf breitester Front beinahe jede denkbare Position zur Flüchtlingskrise mit ihren Fachkräften abdeckt.

Während Sigmar Gabriel aktuell in einem sozialdemokratischen Hausblatt erklärt, «die Sorgen und Ängste» der sogenannten kleinen Leute mit einer Absage an «falsche Tabus» ernst nehmen zu wollen, fordert bei Günther Jauch der CSU-Politiker Andreas Scheuer «von der Politik» radikale Lösungen für eine radikale Wirklichkeit.

BERLIN, GERMANY - OCTOBER 07:  German Chancellor Angela Merkel and Vice Chancellor and Economy and Energy Minister Sigmar Gabriel arrive for the weekly government cabinet meeting on October 7, 2015 in Berlin, Germany. High on the morning's agenda was changes to Germany's migrants and refugees coordination structure.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Sie können auch miteinander: Sigmar Gabriel mit Angela Merkel.
Bild: Getty Images Europe

Dazwischen spürbar gemütlicher Armin Laschet von der CDU mit seinem frommen Wunsch nach Lösungen, die weniger nach Stacheldraht und Abschiebelagern riechen – ganz im Fahrwasser des magischen Pragmatismus, den Angela Merkel neulich bei Anne Will verordnet hat: «Wir schaffen das», weil wir das schaffen wollen.

Guenther Jauch moderiert am 9. Dezember 2007 in Huerth bei Koeln die RTL-Sendung

Günther Jauch wollte wissen, wie die Integration von Flüchtlingen gelingen soll.
Bild: AP

Bei Will, meinte Jauch, sei Merkel «doch sehr bestimmend gewesen» mit ihrem Optimismus. Nun ist eine Kanzlerin natur- und verfassungsgemäss so etwas wie die oberste Bestimmerin im Lande, weshalb die Frage der Sendung («Die Flüchtlingskanzlerin – hat Merkel recht?») nicht einmal von Scheuer direkt abschlägig beantwortet werden konnte. Die Frage sei nicht ob, «sondern wie wir das schaffen». Aus Sicht der CSU müsste neben «hohen Integrationsleistungen» vor allem erst einmal der Korken auf die Flasche.

«Sie sind noch nicht der Moderator hier»

Dem interessanten Aspekt, wie das konkret bewerkstelligt werden sollte, widmete sich nicht nur Jauch intensiv. Zuerst erkundigte sich der Publizist Hajo Schumacher: «Wollen Sie einen Zaun zwischen Österreich und Deutschland ziehen, Herr Scheuer?» Der CSU-Mann wehrte ab: «Sie sind noch nicht der Moderator hier», weshalb Jauch die gleiche Frage in einer clevereren Version stellte. Was hätte ein Bundeskanzler Horst Seehofer gemacht? Der hätte, so Scheuer zuversichtlich, «eine Lösung geschaffen», dass nicht gar so viele Völker nach Deutschland wandern.

Wie das gehen soll? Scheuer kommen bauliche Massnahmen in den Sinn, die er aber nicht konkretisieren möchte: «Ich bin kein Bauingenieur, wo ich Ihnen die Planungen vorlegen kann», es müsse aber «Transitzonen» geben. Diese Zonen stellt sich Scheuer als «Räume» vor, «wo jeder Fall sofort registriert» und Flüchtlinge nebenbei von den Autoritäten des «Staatsvolks» geduzt werden: «Wenn ich sehe, du warst schon in einem sicheren EU-Land, dass du dahin auch zurückgeführt wirst». Auch in das beliebte Ferienland Türkei, warum nicht? Die sei schliesslich «Nato-Partner».

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Journalist Hajo Schumacher.

Als Laschet beim Gedanken an architektonische Massnahmen mildernd eingreift, man werde Menschen auf ihrer Flucht kaum aufhalten können, erhält er aus Bayern einen scharfen Rüffel: «Sie rufen gerade die Kapitulation des Rechtsstaats aus, da kann ich Ihnen jetzt nicht zustimmen!» Im Übrigen findet Scheuer, immer die möglicherweise kippelnde Hilfsbereitschaft der Massen im Sinn: «Wir müssen auch alles von der Stimmung her im Blick haben.»

Claudia Roth bekommt Gänsehaut

Nun ist es an Claudia Roth, von derlei Rhetorik «eine Gänsehaut» zu bekommen und diese körperliche Abwehrreaktion auch zu begründen: «Eine Notwehr ist doch, wenn ich bedroht werde». Sie würde lieber wissen: «Wie gehen wir damit um, Menschen zu schützen?» Europa sei «reich und stark» und solle ein Beispiel geben, was humanitärer Schutz bedeute. Stattdessen erlebten wir «einen Wettlauf der Schäbigkeiten».

Dublin sei «krachend gescheitert», so Roth, und Deutschland keineswegs aus dem Schneider, nur weil es keine EU-Aussengrenze habe. In die gleiche Kerbe schlägt Schumacher mit seinem Hinweis, ein aus dem Ruder laufender «Südstaat» wie Bayern würde die deutsche Verhandlungsposition bei der Suche nach einer europäischen Lösung schwächen. Scheuers Versuch einer rhetorischen Einvernahme blockt Schumacher brüsk ab: «Ich möchte keine Zustimmung von Ihnen, Herr Scheuer!»

epa04735129 Claudia Roth, member of the German Green Party and vice president of the German parliament, speaks during the re:publica Internet conference in Berlin, Germany, 06 May 2015. The media convention runs from 05 to 07 May 2015.  EPA/BRITTA PEDERSEN

Grünen-Abgeordnete Cladia Roth sieht in der Türkei kein sicheres Herkunftsland.
Bild: EPA/DPA

Jauch wird wieder geweckt

Im gleichen Masse, wie die Diskussion auf der Suche nach langfristigen Lösungen europäischen Boden verlässt und zwischen dem Libanon, Saudi-Arabien und Katar umhergeistert, verabschiedet sich auch Jauch zusehends aus seiner Sendung. Ja, wir sollten vielleicht nicht allzu effiziente Waffen an die Saudis liefern. Doch, die Leute halten es in den libanesischen Lagern wirklich nicht mehr aus. Gewiss, man müsste auch mit Leuten wie Erdogan oder Putin reden – mit dem «Islamischen Staat» vielleicht lieber doch nicht.

Es ist Schumacher, der gegen Ende der Sendung grundsätzlich wird: «Was wir hier zelebrieren, hilft keinem Menschen», das sei «nur Gequatsche»! Laschet wendet ein, nein, es handele sich um einen Diskurs, und das Stichwort weckt sogar Jauch wieder auf: «Und der sollte nicht im Wolkenkuckucksheim stattfinden.» Was war noch mal das Thema? Ach ja, die Flüchtlingskanzlerin!

Ob die Verantwortliche es geschickt angestellt hat, die Verantwortung an sich zu ziehen? Schumacher hält es für möglich, dass Merkel 2017 wenn schon nicht den Rückhalt der Wirtschaft, dann doch die Zustimmung der Bevölkerung verliert. Dann würde «erstmals eine Bundeskanzlerin wegen Menschlichkeit abgewählt, wäre auch mal was Neues».

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    Alle Leser-Kommentare
  • ferox77 15.10.2015 10:27
    Highlight Highlight Wenn man sieht, welche Strapazen Flüchtlinge auf sich nehmen, um nach Westeuropa zu kommen, dürfte keine Form der Abschreckung mehr wirken. Die nächsten Jahre werden vermutlich Millionen von Menschen diesen Weg gehen und auch bleiben.
    Auch an eine Rückwanderung ist nicht zu denken, den diese würde bedeuten, dass sich die Situation in den Herkunftsländern so weit entspannt hätte, dass dort ein friedliches Leben möglich wäre. Aber weder bei der UN noch denn G7-Staaten, weder bei Russland noch bei China sieht man ein ernsthaftes Interesse daran, das Übel bei der Wurzel zu packen.
    • ferox77 15.10.2015 11:59
      Highlight Highlight 2)
      Hinzu kommt, dass die Flüchtlingsproblematik in Europa mit aus wirtschaftlichen und demographischen Gründen gewünschter Zuwanderung verknüpft wird und Interesse besteht, die Neubürger so schnell wie möglich für den Arbeitsmarkt fit zu machen.
      Anstatt über eine nicht machbare Abschottung zu debattieren, sollte die Energie dazu zu verwandt werden sich Gedanken über die gesellschaftlichen Auswirkungen zu machen. Was bedeutet diese enorme Zuwanderung für Wohnraum, Mieten, Arbeitsplätze etc. Welche Investitionen sind hier noch notwendig und wer trägt die Kosten.

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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