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Fans wait outside The Ed Sullivan Theater during the last taping of the

Grosser Andrang vor der letzten Late-Show mit David Letterman in New York (20.05.2015). Bild: Charles Sykes/Invision/AP/Invision

Eine Talkshow-Legende tritt ab: David Letterman verabschiedet sich mit zwei lachenden Augen

6028 Sendungen, 33 Jahre, 12 Emmys: Dave Letterman war der einflussreichste und coolste Talkmaster Amerikas. Seine letzte «Late Show» bewies nun aber auch, warum dieses Format längst tot ist.

Marc Pitzke, New York



Ein Artikel von

Spiegel Online

Zum Abschied sind sie alle noch mal da. Steve Martin, Jerry Seinfeld, Chris Rock, Jim Carrey, Alec Baldwin, Barbara Walters, Tina Fey, Bill Murray: Alte Comedy-Weggefährten, ihrerseits längst ergraut, geben ihm das letzte TV-Geleit. Sichtlich berührt geht er von einem zum anderen, umarmt sie, murmelt ihnen ins Ohr: «Vielen Dank für alles.»

Dave Letterman, Amerikas langlebigster und wegweisendster Talkmaster, nimmt den Hut – und mit ihm stirbt eine Ära. Seine letzte «Late Show», wie immer aus dem New Yorker Ed-Sullivan-Theater, ist eine Revue aus bewährten Biss und sentimentaler Rückschau. Zugleich offenbart sie, warum ein solcher Anachronismus kaum mehr Relevanz hat – trotz des subversiven Humors, den Letterman auch mit 68 noch versprüht.

Vier Präsidenten huldigen Letterman

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YouTube/Late Show with David Letterman

«Sieht so aus, als kriege ich die ‹Tonight Show› nicht mehr», witzelt er zu Beginn, als sich das Publikum nach minutenlanger Ovation endlich setzt. Die meisten haben vergessen, was er meint: Seine brutalste Niederlage – der Kampf um die Krone der NBC-Latenight, die er 1992 an Jay Leno verlor. Diese Wunde schmerzt bis heute: Letterman wurde zum ewigen Quotenzweiten – und damit zum grösseren Underdog-Kultstar.

Eine allerletzte Top-Ten-Liste

Und nun: 6028 Sendungen, 12 Emmys, 33 Jahre, davon 22 bei CBS, dem Network, zu dem er nach der «Tonight»-Enttäuschung überlief. Keine Late-Night-Karriere war dauerhafter als Lettermans. Und keine so absurd-innovativ – von «Stupid Pet Tricks» bis zu Rupert Jee, dem Tollpatsch vom «Hello Deli» um die Ecke, der erstmals 1993 auftrat und zuletzt am Dienstag: Er werde Letterman «total vermissen», sagte er.

Lettermans Top-Ten-Liste wurde zur Institution. Am Mittwoch gab es eine allerletzte, präsentiert von besagter Prominentenriege. Die Kategorie: «Sachen, die ich Dave immer schon mal sagen wollte.» Es waren keine Asse, eher sanfte Volleys. «Ich bin nur froh, dass deine Show an einen anderen weissen Kerl geht», sagt Chris Rock – kein Witz, sondern eine tatsächliche, aktuelle Kritik an Lettermans Nachfolger Stephen Colbert.

Die letzte Top-Ten-Liste

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YouTube/Late Show with David Letterman

Der Rest der Show ist bezeichnend konventionell. Witze über Hillary Clinton, «Mad Max», «Die Simpsons». Viel besser – auch das bezeichnend – sind jedoch die alten Clips dazwischen: Sie zeigen, wie anarchisch Lettermans Stil mal war, als sein Haar noch wilde Locken werfen konnte. Selbst seine Zahnlücke scheint seither geschrumpft zu sein.

Alle imitierten ihn, keiner erreichte ihn. Seine Interviews sind legendär, vor allem die desaströsen: Madonna, die 16-mal «fuck» sagte; Farrah Fawcett, betrunken; Joaquin Phoenix, benebelt. Seine Dauerfehden – Oprah, Sarah Palin, CBS-Boss Les Moonves – waren echt. Seine New Yorker Authentizität unterschied ihn von den Hollywood-«Phonies».

Und immer wieder zeigte er Herz – und Grösse. In der ersten Show nach 9/11 sprach er für die ganze Stadt: «Es ist furchtbar traurig hier.» Bei seiner Rückkehr nach fünffachem Bypass versammelte er alle Ärzte und Schwestern um sich herum. Und als seine Sex-Affären aufflogen, tat er vor laufenden Kameras Abbitte bei Ehefrau Regina Lasko.

«Wenn ich jetzt Mist baue», sinniert Letterman am Mittwoch, «muss ich in die Show eines anderen gehen, um mich zu entschuldigen.»

Geburtshelfer einer ganzen Generation

Dabei ist das Format sowieso passé. Talkshows à la Letterman sind Relikte einer Ära, in denen es nur ein Massenmedium gab und einen einzigen Grandseigneur spätabendlicher Betthupferl-Bespassung – Lettermans TV-Mentor Johnny Carson, der Pate der «Tonight Show».

Letterman war dann seinerseits Geburtshelfer einer neuen Generation Jungstars, der er jetzt ebenfalls weicht. Jimmy Kimmel, der auf ABC kalauert. Jimmy Fallon, der die «Tonight Show» vom ausrangierten Oldtimer Leno übernahm. Colbert, Lettermans «Late Show»-Erbe. Bei dieser Entscheidung hat ihn CBS schon gar nicht mehr konsultiert: «Ist nicht mehr meine Show», sagte Letterman der «New York Times».

Bill Murray springt aus einer Torte

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YouTube/Late Show with David Letterman

Nicht mehr seine Show – und nicht sein Stil. Die neue Garde juxt lieber mit Web-gerechten Kurzgags denn mit Grantelmonologen. Ihre Quoten sind doppelt so hoch wie die Lettermans waren, doch das ist auch nur noch ein Barometer der Vergangenheit. Gut ist, was sich viral klickt.

Analog bis zum Schluss

Dagegen blieb Letterman, trotz sporadischer Bemühungen an der «Twitter-Maschine» (Computer), analog bis zum Schluss. Auch das Ed-Sullivan-Theater, in dem die Beatles 1964 ihren ersten US-Auftritt hatten, ist kein virtuelles Green-Screen-Studio wie so viele andere. Sondern eine massive, steile – und berühmt-unterkühlte – Bühne in Reichweite des Times Square, mit Paul Shaffers lautem CBS Orchestra und Platz für 450 Fans, von deren Energie Letterman lebte.

«Thank you and Good Night»

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YouTube/Late Show with David Letterman

Am meisten Drall aber gaben ihm die Crew, das Team hinter den Kulissen, die Autoren, von denen viele seit Jahrzehnten dabei waren. Ihnen widmet er die längsten Abschiedsworte zum Schluss: «Männer und Frauen, die schlauer sind als ich und lustiger als ich», so nennt er sie. «Diesen Leuten gebührt mehr Verdienst für diese Show als mir.»

Das Publikum tobt und widerspricht: «Dave! Dave! Dave!» Linkisch winkt er ab: «Hebt euch ein bisschen davon für mein Begräbnis auf.»

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