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China hat eine neue Twitter-Chefin – vor der sich Aktivisten fürchten

In China ist Twitter gesperrt, aber der Dienst will Zugang zum riesigen Werbemarkt. Dabei soll eine neue China-Chefin helfen – die unter Aktivisten wegen ihrer Nähe zur Staatspartei verhasst ist.

22.04.16, 10:40 22.04.16, 13:29

Maximilian Kalkhof



Ein Artikel von

In ihrem dritten Tweet schrieb Kathy Chen: «Twitter ist der beste Weg, chinesische Inhalte in Echtzeit mit einem globalen Publikum zu teilen.» Chen war gerade zur Chefin des China-Büros von Twitter ernannt worden – und ihr Tweet erschien vielen wie ein Witz. «Ich stimme zu! Aber warum verwendest du Twitter erst jetzt», erwiderte etwa einer. Chen hatte sich erst kurz zuvor auf dem Kurznachrichtendienst angemeldet. «Globales Publikum, ausser man ist in China», merkte ein anderer an. Denn Twitter funktioniert nicht global: In China ist das soziale Netzwerk gesperrt.

Seit Twitter die Entscheidung verkündet hat, Kathy Chen zur Chefin der China-Niederlassung in Hongkong zu machen, reisst die Kritik nicht ab.

Verbindungen zu Chinas Militär und Sicherheitsministerium

Der Protest entzündete sich vor allem am Werdegang der Chinesin: In den Achtziger- und Neunzigerjahren arbeitete Chen insgesamt sieben Jahre als Ingenieurin in der Volksbefreiungsarmee, dem chinesischen Militär. Später leitete sie eine Software-Firma, die zum Teil dem chinesischen Sicherheitsministerium gehörte.

Die «Financial Times» grub sogar ein altes Interview aus, in dem Chen sagt, ihre Firma habe eine Software entwickelt, mit der man «politisch sensible und schädliche Informationen» aus E-Mails filtern könne.

Als Antwort auf Glückwünsche des Staatssenders CCTV antwortete Chen mit einer Formulierung, die viele Chinesen so erst Anfang des Jahres von Parteichef Xi Jinping gehört hatten, als er die Medien dazu aufforderte, der Partei zu dienen: «Lasst uns zusammenarbeiten, um der Welt die grossartige China-Story zu erzählen.»

«Ich fürchte, dass Twitter sich der Kommunistischen Partei unterwirft und zu einem Werkzeug wird, mit dem der freie Informationsfluss unterdrückt wird.»

Demokratieaktivist Shen Liangqing

Nutzer der Plattform hegen deshalb genauso wie Bürgerrechtler den Verdacht, dass Twitter eine parteinahe Zensorin zur China-Chefin gemacht hat, um seine Geschäftsinteressen besser durchsetzen zu können. «Diese Personalie ist, als würde man einen Wehrmachtsoffizier zum Wachmann eines Lagers von Widerstandskämpfern machen», schimpft die in den USA lebende chinesische Demokratieaktivistin Rose Tang.

Twitter will am riesigen Werbemarkt Chinas mitverdienen

In China steckt Twitter in einem Dilemma. Dort leben 1,4 Milliarden Menschen, mit etwa 700 Millionen Internet-Nutzern ist es der weltweit grösste Internet-Markt. Aber Twitter hat zu diesem Markt nahezu keinen Zugang. Das gilt nicht nur für die Nutzerseite: Chinesische Firmen sind als Werbekunden für Twitter interessant. Und genau hier kommt Chen ins Spiel: Sie soll Twitter helfen, Werbedeals abzuschliessen.

Denn obwohl Twitter in China gesperrt ist, steht der Dienst bei dortigen Unternehmen hoch im Kurs: Sie nutzen die Plattform für Werbung im Ausland. Nach Angaben von Twitter ist die Zahl der chinesischen Werbekunden 2015 um 340 Prozent gestiegen. Zu den Kunden gehören Computer-Hersteller wie Lenovo, Elektro-Konzerne wie Huawei, aber auch Propagandamedien wie die Nachrichtenagentur Xinhua. Die englische Ausgabe von Xinhua hat auf Twitter fast vier Millionen Follower.

Viele chinesische Aktivisten nutzen Twitter – nun haben sie Angst

Dieses Geschäftsinteresse ist für Twitter aber besonders delikat. Denn der Dienst hatte 2013 zwar laut einem Medienbericht nur etwa 18'000 Nutzer aus China. Er ist aber besonders unter Bürgerrechtsaktivisten beliebt: «Unter chinesischen Aktivisten in China und im Exil ist Twitter populärer als Facebook. Sie nutzen Twitter, um sich über Menschenrechtsverletzungen und Festnahmen auszutauschen», sagt Patrick Poon, ein China-Experte von Amnesty International.

Solche Aktivisten nutzen getunnelte Verbindungen von Virtual Private Networks (VPN), um blockierte Webseiten wie Twitter trotz der «Great Firewall of China», der chinesischen Netz-Zensur, zu erreichen. Diesem Nutzerkreis gefällt Twitters Versuch, Werbekunden zu akquirieren, gar nicht.

Kommt Twitter der Staatspartei zu weit entgegen?

«Ich fürchte, dass Twitter sich der Kommunistischen Partei unterwirft und zu einem Werkzeug wird, mit dem der freie Informationsfluss unterdrückt wird», sagt der chinesische Demokratieaktivist Shen Liangqing. Shen wurde im vergangenen Jahr vorübergehend von der Polizei festgenommen, nachdem er auf Twitter einen Medienbericht über die Zahl der Todesopfer der Explosion im Hafen von Tianjin verbreitet hatte.

Der in Australien lebende chinesische Aktivist und Karikaturist Badiucao kam zu dem Urteil, Twitter sei tot. Der China-Beobachter Bill Bishop warf dem Unternehmen vor, seine Seele zu verkaufen.

Twitter versuchte indes, die Wogen zu glätten. In einem Statement erklärte das Unternehmen, dass es in den Achtzigerjahren nichts Ungewöhnliches gewesen sei, für das chinesische Militär zu arbeiten. Auch habe Chen später nur Software verkauft und nichts mit der Entwicklung von Zensur-Technologien zu tun gehabt.

Der Kurznachrichtendienst weiss, dass sein Ruf ruiniert wäre, wenn er sich auf einen Zensur-Deal mit China einlassen würde. Deswegen erklärte das Unternehmen vor wenigen Tagen vorsichtshalber, dass es derzeit «keine Option» sei, seinen Dienst in China anzubieten.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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