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Wie Putin-Kritiker Babtschenko seinen Tod inszenierte

Der russische Kriegsjournalist Arkadij Babtschenko hat in Kiew seinen eigenen Tod vorgetäuscht - um mit dem ukrainischen Geheimdienst seine Ermordung zu verhindern. Hat er damit eine Grenze überschritten?

Christina Hebel, Moskau



epa06772534 The Russian opposition journalist Arkady Babchenko portrait is seen on a fence of Russian embassy in Kiev, Ukraine, 30 May 2018. Russian opposition journalist Arkadiy Babchenko, who lived in Ukraine, was shot on 29 May 2018 in his Kiev home by three shots to his back and died from his wounds on the way to hospital, local media report. Babchenko was criticizing Russian authorities and writing about arrests of Crimean-Tatarian journalists in the Crimea after annexation of it by Russia.  EPA/STEPAN FRANKO

Bild: EPA/EPA

Ein Artikel von

Spiegel Online

«In Erinnerung an Arkadij» stand schon über seiner Facebook-Seite. Babtschenkos Foto hing bereits am «Haus des Journalisten» im Zentrum von Moskau, dort erinnern sie mit einer Tafel an die getöteten Kollegen. Für den Abend war eine Gedenkveranstaltung für den russischen Kriegsjournalisten angesetzt worden, der am Dienstagabend nach Angaben der ukrainischen Behörden in Kiew mit drei Schüssen in den Rücken niedergestreckt worden war. Eine Nachricht, die für Entsetzen gesorgt hatte.

Doch Babtschenko ist nicht tot.

Am Mittwoch trat er in der ukrainischen Hauptstadt mit dem Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU vor die Kameras, die anwesenden überraschten Kollegen klatschten.

Eine spektakuläre Wende in einem Mordfall, der viele Fragen aufwirft, nicht nur weil das Verhältnis von Kiew und Moskau seit der Krim-Annexion und dem Krieg in der Ostukraine so angespannt ist.

Babtschenko inszenierte seinen Mord, um an die Auftraggeber zu kommen, wie der 41-Jährige und die ukrainischen Sicherheitskräfte erklärten. Eine Operation, die einige Fragen aufwirft, auch weil die ukrainische Polizei und der Journalist mit der Wahrheit und dem Mitgefühl vieler spielte. Babtschenko hatte sich unter anderem auf dem Bauch liegend, umgeben von roter Farbe - angeblich Blut - fotografieren lassen.

epaselect epa06774138 Russian opposition journalist Arkady Babchenko (C), SBU head Vasiliy Gritsak (L) and General Prosecutor of Ukraine Yuriy Lutsenko (R) attend a Ukrainian Security Service (SBU) press conference in Kiev, Ukraine, 30 May 2018. Russian journalist, Putin`s vocal critic Arkady Babchenko is alive and his ‘assassination’ was a special operation by the SBU Security Service of Ukraine. The SBU in turn said that its officers had detained a suspect who was engaged in preparations for the contract killing of the journalist.As was reported earlier, Russian opposition journalist Arkady Babchenko was shot dead on 29 May 2018 in his Kiev home by three shots to his back and died from his wounds on the way to hospital. Arkady Babchenko had left Russia in 2017 and since August 2017 he lives in Kiev.  EPA/SERGEY NUZHNENKO

Bild: EPA/EPA

Was bisher über die Aktion in Kiew bekannt ist:

Der Auftragsmord

Nach Darstellung des SBU hatte der russische Geheimdienst einen Ukrainer namens G. für 40'000 Dollar angeworben. Für diese Summe sollte er den Mord an Babtschenko organisieren. Er habe einen Auftragsmörder anheuern müssen, dem insgesamt 30'000 Dollar versprochen worden seien. 15'000 Dollar hatte der Mann, der für die ukrainische Antiterrorperation ATO im Donbass im Einsatz gewesen sein soll, den Angaben zufolge bereits als Anzahlung erhalten.

epa06771972 Ukrainian police cars stand in front of the entrance to the home of Russian opposition journalist Arkady Babchenko in Kiev, Ukraine, 29 May 2018. Russian opposition journalist Arkadiy Babchenko, who lived in Ukraine, was shot on 29 May 2018 in his Kiev home by three shots to his back and died from his wounds on the way to hospital, local media report. Babchenko was criticizing Russian authorities and writing about arrests of Crimean-Tatarian journalists in the Crimea after annexation of it by Russia.  EPA/STEPAN FRANKO

Bild: EPA/EPA

Darüber hinaus sollte G. 300 Kalaschnikow-Gewehre, Sprengstoff und Patronen kaufen. Der vereitelte Mord an Babtschenko, der nach dessen Angaben eigentlich vor dem Champions-League-Finale am Samstag geplant war, sollte nur ein «Probelauf» sein. Angeblich standen 30 weitere Menschen auf einer Mordliste, so erklärte es der sichtlich gut gelaunte ukrainische Geheimdienstchef Wasilij Gritsak auf der Pressekonferenz.

Sein Dienst veröffentlichte ein Video, das zeigen soll, wie Polizisten G., einen korpulenten Mann, auf einer Strasse festnehmen. Weitere Informationen sind über den Mann nicht bekannt - auch nicht, wie die Sicherheitskräfte von den Mordplänen erfuhren und warum es so wichtig war, stundenlang glauben zu machen, dass Babtschenko wirklich tot ist. Fragen, die der SBU bald beantworten muss. Der Auftragsmörder soll ebenfalls gefasst worden sein.

Der Auftritt Babtschenkos

Er meldete sich am Mittwoch kurz während der Pressekonferenz zu Wort, erzählte, er sei vor einem Monat von den Sicherheitskräften der Ukraine über den Auftragsmord informiert worden. 40'000 Dollar - «ich bin doch einiges wert», sagte Babtschenko. Der ukrainische Geheimdienst habe ihm Papiere gezeigt, die G. bekommen habe - seine Passdaten und auch ein Foto, das es nur in seinem Pass gebe, betonte der Journalist. Das Ausweisdokument sei damals, als er 20 Jahre alt wurde, ausgestellt worden. Deshalb glaube er, dass die Informationen für den Auftragsmord von staatlichen Stellen aus Russland stammen. Weiter führte Babtschenko diesen Zusammenhang aber nicht aus.

Babtschenko war in den vergangenen Monaten massiv bedroht worden. Er hatte harsch die Aggressionen Russlands kritisiert: die rücksichtslosen Bombardements der Zivilbevölkerung in Aleppo durch das russische Militär; den Krieg in der Ostukraine, den er einmal als Wladimir Putins «schrecklichste Tat» bezeichnet hatte. Der russische Präsident habe ein Brudervolk entzweit und Hass entfacht, sei für Tausende Tote verantwortlich.

Seit einigen Monaten lebte Babtschenko nun mit seiner Tochter und Frau in Kiew im Exil. Er bat seine Frau am Mittwoch für die vergangenen zwei Tage um Verzeihung: «Oleschka, entschuldige bitte, aber es gab keine andere Möglichkeit.» Auch bei Freunden und Kollegen entschuldigte er sich für das, was sie in den vergangenen Stunden seit der Nachricht seiner angeblichen Ermordung durchmachen mussten, die von vielen als weitere Warnung an Kremlkritiker gedeutet worden war. «Aber anders ist es nicht machbar gewesen», sagte Babtschenko. Ob das so ist, darüber wird nun gestritten.

Die Reaktionen

In der Ukraine und in Russland zeigte man sich erleichtert, dass Babtschenko lebt. Doch was für eine Rolle wird er, der mit dem ukrainischen Geheimdienst zusammenarbeitete, nun einnehmen können? Ist er noch Journalist oder Aktivist? Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko kündigte an, Babtschenko und dessen Familie unter den Schutz seines Landes zu stellen.

In Russland wirft man Babtschenko nun «Provokationen gegen die eigene Heimat» vor. Im Staatsfernsehen sprach ein Moderator von einer «Schmierenkomödie», die er zusammen mit der Ukraine aufgeführt habe.

Der unabhängige russische Geheimdienstexperte Andrej Soldatow warnte auf Twitter, mit dieser Mordinszenierung sei eine Grenze überschritten worden: «Babtschenko ist ein Journalist, kein Polizist, (...) und ein Teil unseres Jobs ist Vertrauen, was auch immer Trump und Putin über gefälschte Nachrichten sagen.»

Kremlkritische Stimme warnten, dass diese Aktion nicht nur die Journalisten, sondern auch die Ukraine und die russischen Liberalen beschädige. Wie könne man ihnen jetzt noch glauben? Eine Frage, die auch der russische Nachrichtensender Rossija 24 thematisierte. Am Ende, so fürchten nun Kritiker von Putins Regimes, gewinne mit Babtschenkos vorgetäuschtem Mord nur einer: der Kreml.

Mitarbeit: Annette Langer, Katja Kuznetsova

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Video: srf

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • DerSimu 31.05.2018 15:57
    Highlight Highlight Wenn dich die Russen tot sehen wollen, schaffen sie das auch, haben sie mehrfach bewiesen. Als ob diese Aktion etwas daran ändert. Meiner Meinung nach einfach nur fishing for attention.
  • Stachanowist 31.05.2018 14:17
    Highlight Highlight Was ich immer noch nicht verstehe - warum hat der ukrainische Aussenminister Klimkin nach dem Fake-Mord den UN-Sicherheitsrat angerufen? War das auch nötig, um die Hintermänner der "Tat" aufzuspüren?
  • rolf.iller 31.05.2018 11:48
    Highlight Highlight Die Russen zweifeln an der Glaubwürdigkeit? So ein vorgetäuschter Mord kann man nicht für lange geheim halten. Also war schon im vornherein klar, der Geheimdienst musste aufklären und die Täuschung nur für wenige Tage halten wird. Sehe kein Problem damit.

    Dass Putin hingegen Kremelkritiker um die Ecke bringen will, halte ich für sehr glaubwürdig. Das hat die russische Führung ja in der Vergangenheit auch konsequent durchgezogen.
    • NWO Schwanzus Longus 31.05.2018 12:45
      Highlight Highlight Die SBU Version ist unglaubwürdig. Ich würde keinen pro Ukraine Berichten aus der Ukraine mehr trauen. Zudem ist Babtschenko nicht nur ein Kremlkritiker sondern er hat die russische Opposition zutiefst beleidigt. Navalny wurde von ihm beschimpft. Der wird in ganz Russland gehasst. Die Opposition hasst ihn mehr, für Putin ist Babtschenko nicht wichtig. Der hat besseres zutun als den Scheiss den du Russland vorwirfst.


  • Dingsda 31.05.2018 11:47
    Highlight Highlight Wenn die Russen einen einfach nicht umbringen wollen, dann inszeniert man halt den Mord und gibt den Russen die Schuld - auch wenn der Plan schief gelaufen ist.

    Das ist an Peinlichkeit und Niedertracht schwer zu überbieten.

  • Stachanowist 31.05.2018 10:41
    Highlight Highlight Da hat sich Kiev ein gewaltiges Eigentor geschossen. Falls die Darstellung der SBU wahr ist, hat man einige Hintermänner identifiziert. Im Tausch hat Kiev aber seine Glaubwürdigkeit im Informationskrieg mit Russland massiv geschwächt.

    Man darf gespannt sein auf die kommenden Tage, schliesslich hat Kiev angeblich eine Moskauer Verschwörung aufgedeckt und Beweise dafür. Wenn es diese nun nachliefert, war die Aktion letztlich doch ein Sieg über Moskau.

    Falls nicht, war es eine PR-Katastrophe. Die intern. Medien belügen, dann "haha it was a prank" und keine Beweise dafür liefern - übel.

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