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Super-Donald soll es in den Augen der Trump-Anhänger richten.<br data-editable="remove">
Super-Donald soll es in den Augen der Trump-Anhänger richten.
Bild: JONATHAN BACHMAN/REUTERS

Trump, Sanders und das Ende des American Dream

Donald Trump und Bernie Sanders sind die grossen Figuren in der Frühphase der US-Präsidentschaftswahl. Beide revoltieren auf ihre Art gegen das bestehende System und sind Phänomene einer Nation, die sich selbst abhanden gekommen ist.
14.02.2016, 09:5014.02.2016, 10:41

Er beleidigt Frauen, hetzt gegen Latinos und Muslime, findet Waterboarding zu harmlos, erwägt den Einsatz von Atomwaffen gegen den «Islamischen Staat» und redet überhaupt jede Menge Müll. In einem halbwegs normalen Land hätte ein solcher Typ keine Chancen auf höchste politische Weihen. In den USA aber ist Donald John Trump, 69-jähriger Immobilientycoon aus New York, drauf und dran, sich die Nomination als Kandidat der Republikaner für das Weisse Haus zu sichern.

Nach dem «Ausrutscher» in Iowa hat er diese Woche bei der Vorwahl in New Hampshire einen Triumph eingefahren und die parteiinterne Konkurrenz regelrecht deklassiert. In South Carolina, wo am nächsten Samstag gewählt wird, liegt er in den Umfragen ebenfalls an der Spitze. Als «The Donald» im Sommer ins Rennen stieg, wurde er belächelt und als Kurzzeit-Phänomen abgetan. Den Spöttern von damals ist das Lachen inzwischen vergangen.

Hoffen auf eine bessere Zukunft: Jubelnde Anhänger von Bernie Sanders.<br data-editable="remove">
Hoffen auf eine bessere Zukunft: Jubelnde Anhänger von Bernie Sanders.
Bild: SHANNON STAPLETON/REUTERS

Bei den Demokraten existiert ein ähnliches Phänomen. Bernard «Bernie» Sanders, ein 74-jähriger Senator aus dem Bundesstaat Vermont, heizt der vermeintlich unschlagbaren Favoritin Hillary Clinton mächtig ein. In Iowa unterlag er hauchdünn, in New Hampshire siegte er überlegen. Vor allem die Jungen feiern den alten Mann, der die Ungleichheit beseitigen, den Mindestlohn erhöhen und die Studiengebühren abschaffen will und nichts weniger verspricht als eine Revolution.

Weder Trump noch Sanders wirken mehrheitsfähig, trotzdem haben sie Erfolg. Beide rebellieren auf ihre Art gegen das System und treffen damit den Nerv zweier sehr unterschiedlicher Segmente der amerikanischen Bevölkerung. Hier die weissen Wutbürger, die dem wütenden Donald zujubeln, weil ihnen das heiss geliebte Land zunehmend fremd wird. Dort die jungen Bernie-Fans, die ihre Ausbildung mit hohen Schulden bezahlen und trotzdem um einen lukrativen Job kämpfen müssen.

Gemeinsam ist ihnen das Gefühl, der amerikanische Traum sei unerreichbar geworden. Die Überzeugung, dass man es mit Fleiss und Talent schaffen kann und es jeder Generation besser geht als derjenigen der Eltern, hat sich in den letzten 15 Jahren zunehmend als Illusion erwiesen. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 und mehr noch die Finanzkrise von 2008 und die Grosse Rezession haben den unerschütterlichen Optimismus ins Wanken gebracht.

Kein einziger Topbanker wurde für die Machenschaften während der Finanzkrise  juristisch zur Rechenschaft gezogen. Mit Tiraden gegen die Wall Street punktet Sanders besonders gut.

Vom vermeintlichen Aufschwung der letzten Jahre spüren viele Amerikaner gar nichts. Vor allem die Mittelklasse muss kämpfen, um ihren Lebensstandard nur schon zu halten. Viele gut bezahlte Jobs haben sich in Luft aufgelöst. Die Leute arbeiten mehr und verdienen weniger als in den «goldenen» 90er Jahren. Selbst eine gute und in der Regel sehr teure Ausbildung ist kein Garant mehr für beruflichen Erfolg, was den Frust der jungen Sanders-Wähler erklärt.

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Hinzu kommt die Enttäuschung über Präsident Barack Obama, der einen Wandel versprochen hat, auf den viele bis heute warten. Die Ungleichheit hat in den sieben Jahren seit seinem Amtsantritt zugenommen. Gleichzeitig hat er die Wall Street und ihre Abzocker-Mentalität mit Samthandschuhen angefasst. Kein einziger Topbanker wurde für die Machenschaften während der Finanzkrise (dargestellt im Film «The Big Short») juristisch zur Rechenschaft gezogen. Mit Tiraden gegen die Wall Street punktet Sanders besonders gut.

Die Arbeitslosigkeit ging in Obamas Amtszeit stark zurück, aber vielen Amerikanern geht es nicht besser.<br data-editable="remove">
Die Arbeitslosigkeit ging in Obamas Amtszeit stark zurück, aber vielen Amerikanern geht es nicht besser.
Bild: SHAWN THEW/EPA/KEYSTONE

Sind seine Fans über Obama ernüchtert, so löst der erste schwarze Präsident bei den Trump-Maniacs blanken Hass aus. Er dient als Projektionsfläche für alles, was aus der Sicht dieser praktisch rein weissen, eher älteren Wählerschaft schief läuft in Gottes eigenem Land. Eine ausufernde Regierung, ein wirtschaftlich und militärisch geschwächtes Land und nicht zuletzt der demografische Wandel, von dem sie sich besonders bedroht fühlen. Denn in einer nicht mehr fernen Zukunft wird es in den Vereinigten Staaten nur noch Minderheiten geben.

Das allein erklärt aber die Begeisterung nicht, die dem schrillen New Yorker mit der schrillen Frisur entgegen brandet. Der «Washington Post»-Kolumnist E.J. Dionne verweist in seinem neuen Buch «Why the Right Went Wrong» auf die tiefe Enttäuschung vieler republikanischer Wähler über ihre Partei. Immer wieder versprach sie, die Regierung herunterzufahren und die Werte der guten alten Zeit zu restaurieren. Geschehen ist das Gegenteil. Unter dem letzten republikanischen Präsidenten George W. Bush wucherte der Staatsapparat, explodierten die Defizite.

Sie können oder wollen nicht wahrhaben, dass Donald Trump, der Grosskapitalist und einstige Befürworter des Rechts auf Abtreibung, keineswegs ein überzeugter Konservativer ist, sondern ein schamloser Opportunist.

Viele fühlen sich von den Republikanern regelrecht verraten und sind anfällig auf die Verheissungen eines Maulhelden, der verspricht, alles zu Kleinholz zu machen. Sie können oder wollen nicht wahrhaben, dass Donald Trump, der Grosskapitalist und einstige Befürworter des Rechts auf Abtreibung, keineswegs ein überzeugter Konservativer ist, sondern ein schamloser Opportunist. Trotzdem erzeugt sein Erfolg bei der Partei-Elite Albträume.

Marco Rubio, Jeb Bush und John Kasich (von links) beschädigen sich gegenseitig.<br data-editable="remove">
Marco Rubio, Jeb Bush und John Kasich (von links) beschädigen sich gegenseitig.
Bild: Getty Images North America

Anders als 2008 (John McCain) und 2012 (Mitt Romney), als sich jeweils früh ein Favorit des Establishments herauskristallisierte, ist eine glaubwürdige Alternative derzeit nicht in Sicht. Heute kämpfen Jeb Bush, der Bruder von «W.», John Kasich, der überraschende Zweite in New Hampshire, und Marco Rubio um diese Rolle und beschädigen sich dabei gegenseitig. Und im Hintergrund lauert der erzkonservative Iowa-Sieger Ted Cruz, der vorab bei den Evangelikalen punktet und darauf hofft, dass Donald Trumps Kandidatur doch irgendwann implodieren wird.

Ungeachtet der Unzufriedenheit läuft nicht alles schief in Amerika. Die USA sind immer noch das kreative Epizentrum der Welt.

Im schlimmsten Fall wird der republikanische Kandidat erst am Parteikonvent im Juli in Cleveland ermittelt. Dieser Prozess könnte traumatisch verlaufen und die Partei irreparabel beschädigen. Und wenn Donald Trump es schaffen sollte? Beobachter glauben, er werde sich als gemässigter Macher neu erfinden. Wie er diesen Rollenwechsel angesichts seiner bisherigen Exzesse schaffen will, ist schleierhaft. Dem weit vernünftigeren Romney, der in den Vorwahlen ebenfalls weit nach rechts gedriftet war, gelang dieses Kunststück vor vier Jahren nicht.

Bernie Sanders hingegen dürfte es schwer haben, seine Anfangserfolge in der langen Vorwahlkampagne zu bestätigen, denn er verlässt sich ausschliesslich auf Kleinspenden. Die 68-jährige Hillary Clinton mag in vielerlei Hinsicht eine Verkörperung des ungeliebten Systems sein. Sie tut sich auch im Gegensatz zu Ehemann Bill schwer damit, die Herzen der Menschen zu erobern. Aber sie hat das Geld, den Apparat und das Stehvermögen, um ihr Ding durchzuziehen.

Die Kandidaten für die US-Präsidentschaftswahl

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Die Kandidaten für die US-Präsidentschaftswahl
quelle: x00157 / kevin lamarque
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Trotzdem, ein Duell Sanders gegen Trump ist nicht auszuschliessen. Der frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg bringt sich bereits als mögliche Alternative in Stellung. Vielleicht kommt doch alles anders. Denn ungeachtet der Unzufriedenheit läuft nicht alles schief in Amerika. Die USA sind immer noch das kreative Epizentrum der Welt. Auch der gesellschaftliche Wandel verläuft schneller und dynamischer als etwa im alten Europa.

Die Chancen stehen gut, dass Amerika ein weiteres Mal die richtige Spur findet. Derzeit aber dominiert der Eindruck einer Nation, die sich abhanden gekommen ist. Die Herausforderungen für die nächste Person im Weissen Haus werden nicht kleiner, wer auch immer das sein mag.

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