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Siegessicher: Donald Trump und sein Vize-Kandidat Mike Pence am Parteikonvent in Cleveland.<br data-editable="remove">
Siegessicher: Donald Trump und sein Vize-Kandidat Mike Pence am Parteikonvent in Cleveland.
Bild: MICHAEL REYNOLDS/EPA/KEYSTONE

Trump for President? Warum Michael Moore (vermutlich) falsch liegt

Filmemacher Michael Moore sieht schwarz: Er geht davon aus, dass der Republikaner Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gewinnen wird. Dabei sprechen gewichtige Gründe dagegen.
28.07.2016, 14:2030.07.2016, 16:29

«In meinem ganzen Leben wollte ich nie so sehr Lügen gestraft werden wie jetzt.» Dies schreibt Michael Moore, Dokumentarfilmer und linker Aktivist, auf seiner Website. Denn Moore hat «üble Neuigkeiten» für seine Freunde: Donald Trump wird im November gewinnen. «Dieser erbärmliche, ignorante und gefährliche Teilzeitclown und Vollzeitsoziopath wird unser nächster Präsident.»

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Michael Moore gibt den Schwarzmaler.
Bild: AP/Invision

Fünf Gründe nennt Michael Moore, warum der Kandidat der Republikaner seiner Ansicht nach ins Weisse Haus einziehen wird: Die Brexit-Stimmung im «Rust Belt», den vier traditionellen Industriestaaten im Nordosten der USA, die wütenden weissen Männer, das Hillary-Problem, die enttäuschten Sanders-Wähler und eine allgemeine Protestwahl-Mentalität.

Moore hat mit seiner Diagnose nicht Unrecht. Trotzdem gibt es gewichtige Gründe, mit denen man ihn Lügen strafen kann. Donald Trump muss mit zwei grossen strukturellen Nachteilen fertig werden, die seinen Wahlsieg zwar nicht verunmöglichen, aber enorm erschweren.

Die Bevölkerungsstruktur

Donald Trump hat seinen unerwarteten Erfolg bei den republikanischen Vorwahlen in der Tat den wütenden weissen Männern zu verdanken, die den persönlichen Niedergang und jenen des ganzen Landes nicht nur fürchten, sondern als Tatsache empfinden. Umfragen zeigen, dass Trump den grössten Rückhalt bei den über 40-jährigen weissen Amerikanern geniesst.

Mit diesem Segment allein aber wird er niemals Präsident. In allen anderen Bevölkerungsgruppen ist sein Image negativ. Die Frauen lehnen ihn mehrheitlich ab, und bei den Jüngeren, den Schwarzen und den Latinos sind seine Beliebtheitswerte fast schon unterirdisch. Genau diese Koalition (Frauen, Junge, Minderheiten) hat Barack Obama zweimal zum Wahlsieg getragen.

Die USA wandeln sich, sie werden bunter. Ohne gewichtigen Stimmenanteil bei den Minderheiten kann man die Wahl nicht gewinnen. Das wusste schon George W. Bush, er konnte auf viele Latino-Stimmen zählen. Donald Trump hat das am stärksten wachsende Bevölkerungssegment nach Kräften brüskiert. Bei seinem ersten Auftritt beschimpfte er mexikanische Einwanderer als Vergewaltiger und Diebe, und an der Südgrenze der USA will er eine Mauer errichten.

Deshalb dürfte Trump seinen Wahlkampf auf die vier Bundesstaaten Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin im «Rostgürtel» konzentrieren, wie Michael Moore vorhersagt. Dort leben besonders viele verbitterte weisse Menschen, die den Niedergang der US-Industrie am eigenen Leib erfahren haben. Falls Trump in diesen vier Staaten gewinnt, könnte er es tatsächlich schaffen.

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Diese Hürde aber ist sehr hoch. Barack Obama hatte bei seinen beiden Wahlsiegen jeweils alle vier Staaten abgeräumt, obwohl er mit Sicherheit kein Posterboy der weissen Arbeiter ist. Ich habe das vor vier Jahren selbst erlebt. In der heissen Phase des Wahlkampfs unterhielt ich mich in Ohio mit einem Gewerkschafter aus der Stahlindustrie. Seine Begeisterung für Obama hielt sich in engen Grenzen. Der Präsident sicherte sich den Staat und die Wiederwahl trotzdem.

Für Trump könnten einzig die Unbeliebtheit seiner Kontrahentin sprechen, also das «Hillary-Problem», und die in diversen Bundesstaaten verschärften Vorschriften für die Teilnahme an der Wahl. Man muss nun einen amtlichen Ausweis vorlegen, was für Schwarze oder Latinos zum Problem werden kann. Ob dies Trump wirklich helfen wird, ist dennoch fraglich.

Die Wahlkampf-Organisation

Donald J. Trump ist eine One Man Show, und so hat der Immobilientycoon aus New York auch seinen bisherigen Wahlkampf bestritten. Bei den Vorwahlen konnte er damit abräumen, doch die eigentliche Präsidentschaftswahl am 8. November ist eine andere Dimension. Eine starke Wahlkampfmaschinerie ist notwendig, um die Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren.

Barack Obama hat dies zweimal meisterhaft umgesetzt. Er sammelte enorme Geldsummen und überzog vor allem die umkämpften Swing States mit einem dichten Netz an Wahlkampfbüros und freiwilligen Helfern, mit dem seine republikanischen Kontrahenten nicht mithalten konnten. Donald Trumps Wahlkampfteam dagegen ist bislang finanziell und personell schwach dotiert.

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Wahlkampfbüro von Hillary Clinton in Pennsylvania.
Bild: BRIAN SNYDER/REUTERS

Im Vorfeld des republikanischen Parteitags in Cleveland versuchte die «Huffington Post», die Wahlkampfbüros von Trump in allen 50 Bundesstaaten telefonisch zu kontaktieren. Vielfach war die angegebene Nummer nicht in Betrieb. In anderen Fällen erfolgte kein Rückruf, oder es hiess, die Organisation sei erst im Aufbau begriffen. Hillary Clinton hatte zum gleichen Zeitpunkt bereits mehr als 100 Büros in 14 wichtigen Staaten und bezahlte Mitarbeiter in 45 Bundesstaaten, obwohl die Demokratin in manchen davon nicht die geringste Wahlchance hat.

Laut Angaben der nationalen Wahlbehörde von Ende Juni hatte Donald Trump gerade mal 68 bezahlte Mitarbeiter auf der Lohnliste, Clinton hingegen 651. Dieser Rückstand wird schwer aufzuholen sein. Trump zählt auf die Unterstützung der Republikanischen Partei, doch dort ist der Widerwille gegen ihn gross. Viele im Parteiapparat betrachten den Quereinsteiger als windigen Hochstapler, der die Republikaner quasi gekidnappt hat.

Das alles bedeutet nicht, dass Donald Trump chancenlos ist. Für ihn spricht vor allem der letzte Punkt in Michael Moores Auflistung. In den USA brodelt eine revolutionäre Proteststimmung, von der auch Bernie Sanders bei den Demokraten profitiert hat. Hillary Clinton dagegen gilt als typische Vertreterin des Establishments, die viele Amerikaner zudem als unehrlich betrachten.

Trump ruft Russland dazu auf, Clintons E-Mails zu finden.

Bis zur Wahl in dreieinhalb Monaten kann einiges passieren. Wenn Donald Trump jedoch die Russen auffordert, Clinton auszuspionieren, dann verdrehen nicht nur die neokonservativen Hardliner die Augen, die «ihren» Kandidaten ohnehin nicht ausstehen können. Man muss sich in solchen Fällen vielmehr fragen, ob der Kandidat mit der schrillen Frisur es wirklich ernst meint, oder ob er den Wahlkampf nicht doch nur als PR-Show betrachtet.

Selbst Michael Moore scheint es mit seiner Analyse nicht ganz wohl zu sein. Nächste Woche will er erläutern, wie Trump zu schlagen ist. Material dafür müsste er eigentlich genug haben.

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