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Sanders wird als radikal verschrien – doch er war einst ein pragmatischer Bürgermeister

Als der aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat der US-Demokratenlinke Aktivisten verhaften liess.

Renzo Ruf, Washington / ch media



Da war es wieder, dieses Wort, das im Zusammenhang mit Bernie Sanders immer wieder zu hören ist: Radikal. Als sich die sieben führenden Präsidentschaftskandidaten der Demokraten am Dienstag in South Carolina in einer Fernsehdebatte gegenüberstanden, wurde der 78-jährige Senator aus Vermont mehrfach auf sein «radikales» Programm angesprochen.

Sanders gab zurück: Er verstehe die Kritik an seinen Vorschlägen zur Reform des Gesundheitswesens oder an seiner Klimapolitik nicht. Seine Ideen seien im Ausland alle bereits umgesetzt worden.

Democratic presidential candidate Sen. Bernie Sanders, I-Vt., speaks at the National Action Network South Carolina Ministers' Breakfast, Wednesday, Feb. 26, 2020, in North Charleston, S.C. (AP Photo/Matt Rourke)
Bernie Sanders

Burlington, Vermont: Bernie Sanders hat die Kleinstadt an der kanadischen Grenze acht Jahre lang als Bürgermeister regiert – äusserst pragmatisch. Bild: AP

Für Sanders ist diese Kritik nicht neu. Seit er im Herbst 1971 eine Versammlung der Liberty Union Party in seiner Heimatstadt Burlington im Bundesstaat Vermont besucht hatte und sich spontan dazu bereit erklärte, für die linke Splitterpartei um Stimmen zu kämpfen, wird er für seine Ideen von Demokraten und Republikanern gleichermassen angefeindet.

Das ist einer der Gründe, warum Sanders bis heute darauf verzichtet hat, sich formal der Demokratischen Partei anzuschliessen. Rechte beschimpfen ihn als Kommunisten, der Diktatoren wie Fidel Castro nacheifere. Linke nennen ihn einen Revolutionär, dem das Verständnis für den Politbetrieb in Washington fehle.

Schneeräumen statt ideologisieren

Beide Seiten ignorieren dabei, dass Sanders ein gewiefter Machtpolitiker ist. Das stellte er von 1981 bis 1989 unter Beweis, als er als Stadtpräsident von Burlington amtierte. Sanders spricht nicht allzu häufig über diese Episode in seiner Biografie.

Und dennoch ist sie bezeichnend. Denn Sanders stellte als Stadtpräsident der bevölkerungsreichsten Gemeinde Vermonts (42'000 Einwohner) unter Beweis, dass er bei der Umsetzung seiner Ziele alles andere als radikal sein kann.

Burlington liegt unweit der Grenze zu Kanada:

Die Wahl Sanders’ zum Bürgermeister im Frühjahr 1981 sorgte im ganzen Land für Schlagzeilen – auch weil der Vorsprung des selbsternannten Sozialisten auf den demokratischen Amtsinhaber gerade mal 10 Stimmen betrug. Er habe seinen Sieg einer Koalition aus Arbeitern, Senioren und armen Menschen zu verdanken, die sich Sorgen um ihre Zukunft machten, sagte der neugewählte Stadtpräsident.

Er werde sich dafür einsetzen, dass diese Menschen in der Stadtpolitik endlich eine Stimme hätten. In der Praxis bedeutete dies: Als Burlington im Winter 1981 von einem Wintersturm heimgesucht wurde, begleitete Sanders Schneeräumer während ihres Einsatzes. Als sich ein städtischer Angestellter gegen 17 Uhr in den Feierabend aufmachen wollte, schickte der Stadtpräsident ihn wieder auf die Piste.

Er wies den Schneepflüger darauf hin, dass die Strassen am nördlichen Ende der Stadt – einem ärmlichen Viertel, in dem der neugewählte Stadtpräsident viele Stimmen gewonnen hatte – noch nicht schneefrei seien. «Niemand schert sich einen Teufel um Ideologie», lautet ein Bonmot des Sanders-Beraters Richard Sugarman, «solange die Strassen vom Schnee geräumt sind.»

Sanders arbeitete mit den Republikanern zusammen

Auch im Umgang mit der politischen Elite der Stadt zeigte sich Sanders begabt. Es gelang ihm schnell, im Stadtparlament neue Verbündete zu finden: selbst unter den Republikanern. Im Gespräch mit einem konservativen Abgeordneten sagte Sanders: «Warum sind wir nicht praktisch und pragmatisch?»

Er hielt sein Wort und überzeugte Kritiker mit einer straffen Finanzpolitik und innovativen wirtschaftspolitischen Ideen. Gleichzeitig hielt er seine linken Freunde auf Distanz. Als Aktivisten 1983 eine Fabrik des Industriekonzerns General Electric blockierten, weil dort Kriegsgerät produziert wurde, schritt er ein und liess die Demonstranten verhaften. Er habe nicht riskieren wollen, dass Aberhunderte von Arbeitsplätzen verloren gingen, sagte Sanders.

1983 wurde Sanders mit einer Mehrheit der Stimmen wiedergewählt. Und im Jahr darauf gewannen progressive Kräfte die Mehrheit im Stadtparlament, auch dank einer höheren Wahlbeteiligung. Noch heute bezeichnet Sanders seine Amtszeit in Burlington deshalb als Blaupause für eine friedliche Machtübernahme in Washington – auch wenn er nicht allzu häufig darüber spricht.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Jake Peralta 27.02.2020 15:35
    Highlight Highlight Die Republikaner müssen nur von Bernie Sanders angst haben. Wird nicht er in das Rennen geschickt, wird wohl wieder Trump gewählt.
  • Auric 27.02.2020 12:41
    Highlight Highlight Achsoooo

    Dem Bundesland Bayern geht es so gut weil München seit 36 Jahren einen SPD Bürgermeister hat!

    oder doch eher anders herum, wenn drum herum alles läuft und funktioniert, kann man wie in München, Freiburg, Tübingen sich auch linke Bürgermeister leisten!
  • P. Silie 27.02.2020 11:46
    Highlight Highlight Die US-Bürger müssen selber entscheiden ob sie sich auf Sanders einlassen sollen oder nicht. Im Video erfährt man einige interessante Ansichten des Bernie Sanders.

    Quo Vadis USA? Es wird spannend...
    Play Icon
  • lugano 27.02.2020 10:47
    Highlight Highlight Und viel in Russland!
  • Bruno S.1988 27.02.2020 09:54
    Highlight Highlight Die Amerikaner praktizieren eine brutale und perverse Form des Kapitalismus. Der Gewinn steht über alles, auch über Menschenleben.

    Dabei wird das Establishment immer radikaler in der Kritik gegen Sanders. Sie vergleichen seinen Sieg mit dem Aufschwung der Nazis. Behaupten es sei möglich dass Bernie seine Gegner im Central Park erschiesst.

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    • satyros 27.02.2020 12:26
      Highlight Highlight Chris Matthews hat sich für den Nazi-Vergleich übrigens entschuldigt.
  • Der Buchstabe I 27.02.2020 09:18
    Highlight Highlight Sanders ist nicht radikal, wenn man von normalen verhältnissen ausgeht. Bei uns wäre er ein ganz normaler SPler. Die amis spinnen einfach, weil sie seit jeher zu dumm sind, sozialismus und kommunismus auseinanderzuhalten.
    • P. Silie 27.02.2020 11:51
      Highlight Highlight "Die amis spinnen einfach, weil sie seit jeher zu dumm sind, sozialismus und kommunismus auseinanderzuhalten."

      Mir auch unverständlich, dabei war Sozialismus so erfolgreich über die ganzen Jahrzehnte gesehen..

      Untenstehend noch eine Liste der erfolgreichen sozialistischen/kommunistischen Länder seit 1917:
    • Der Buchstabe I 27.02.2020 13:58
      Highlight Highlight @p. Silie oh, schau, es gibt auch hier leute, die den unterschied nicht checken.
    • Bruno S.1988 27.02.2020 14:01
      Highlight Highlight @Der Buchstabe I
      Es sind wohl nicht nur die Amerikaner zu dumm. Es gibt auch einige hier die den Unterschied nicht kennen.

      @Silie
      Sind auf deiner Liste auch Länder aus Skandinavien vertreten? Sind Deutschland, Frankreich, Portugal, Italien, Polen und die Schweiz auch vertreten? Oder besteht die Liste nur aus Venezuela und Cuba?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Ferdinend 27.02.2020 08:41
    Highlight Highlight Radikal? Seine Positionen sind teilweise konservativer als diese der SP.
    • 97ProzentVonCH68000 27.02.2020 09:51
      Highlight Highlight Sagt vielleicht mehr über die SP... 😅
      Sanders ist aber tatsächlich nicht radikal.
  • Cpt. Jeppesen 27.02.2020 08:26
    Highlight Highlight Sanders ist immer noch pragmatisch. Wenn jemand meint Sanders wäre irgendwie radikal links, dann ist die CVP ebenfalls eine Linke Partei und die Schweiz dem Kommunismus verfallen.
    Play Icon
    • 97ProzentVonCH68000 27.02.2020 09:50
      Highlight Highlight Ja, Sanders ist pragmatisch.
      Und die CVP ist in vielem eine linke Partei (Staatsbeglückung, wenig Vertrauen in Selbstverantwortung, Subventionen etc.).
      Beim Familienbild dann eher weniger...
  • Auric 27.02.2020 08:15
    Highlight Highlight doch_er ?

    ist das die “neue Effizienz” die auf den Schulen gelehrt wird?
  • blobb / antifaschistischer Terrorist 27.02.2020 08:05
    Highlight Highlight Gut Bürgermeister, gut Stadt. Das Fakt.
    • Auric 27.02.2020 16:55
      Highlight Highlight Stimmt!

      der Job als Bürgermeister von Thun (ja grösser war das Kaff nicht) qualifiziert damit für den Job des POTUS.
      (und wer jetzt Zahlen sehen will, die Gemeinde Thun machte einen Jahres"umsatz" von 312 Mio Fr. die Trump Organization LLC von 9.5 Mia$ also mehr als 30 mal so viel und das mit eigenem Geld und nicht als Bürgermeister mit dem Geld anderer.)
      Wer also mehr drauf hat, der angestellte Bürgermeister oder der selbstständige Unternehmer... (ich kenne die Antworten die jetzt kommen)
    • blobb / antifaschistischer Terrorist 27.02.2020 22:47
      Highlight Highlight Was labberst du?
      Ich hab mich über den korrigierten Typo lustig gemacht.

      Trump? Thun? Skillfrage? hmmmm... ok.

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