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Former Democratic U.S. presidential candidate Senator Bernie Sanders salutes the crowd as he speaks at the Democratic National Convention in Philadelphia, Pennsylvania, U.S., July 25, 2016. REUTERS/Jim Young

Bild: MIKE SEGAR/REUTERS

Bernie Sanders: Die Rede seines Lebens

Fast wäre der Demokraten-Parteitag im Chaos versunken. Doch dann trat Bernie Sanders ans Rednerpult.

Marc Pitzke, philadelphia



Ein Artikel von

Spiegel Online

Erst jetzt, als der Traum vorbei ist und die Revolution gescheitert, hält Bernie Sanders die Rede seines Lebens. Eine halbe Stunde ist sie lang, der 74-Jährige donnert und wettert, er schwitzt und gestikuliert, er tobt und schimpft, und die Halle bebt vor Begeisterung. «Bernie! Bernie! Bernie!», skandieren die einen, viele in Tränen. «Hillary! Hillary! Hillary!», rufen die anderen.

Schliesslich, als er von der Bühne eilt, verlieren sich beide Namen in einem einzigen Röhren.

A Bernie Sanders delegate listens as former Democratic U.S. presidential candidate Senator Sanders speaks during the first session at the Democratic National Convention in Philadelphia, Pennsylvania, U.S. July 25, 2016. REUTERS/Mark Kauzlarich

Bernie Sanders begeisterte sein Publikum.
Bild: MARK KAUZLARICH/REUTERS

Es ist das dramatische Finale eines dramatischen Tages in Philadelphia, wo die US-Demokraten diese Woche zusammengekommen sind, um Hillary Clinton zu ihrer Präsidentschaftskandidatin zu ernennen. Doch zuvor muss noch ein lästiger Tagesordnungspunkt abgehakt werden: Bernie Sanders, der unterlegene Vorwahl-Rivale, dessen fanatische Anhänger seine Niederlage bis heute nicht akzeptieren und, fallen sie nicht ins Glied, Clintons Chancen zu untergraben drohen.

U.S. Democratic presidential candidate Hillary Clinton rallies campaign volunteers in Charlotte, North Carolina, U.S. July 25, 2016.  REUTERS/Brian Snyder

Die Gewinnerin: Hillary Clinton wird zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten ernannt. Bild: BRIAN SNYDER/REUTERS

Also hat die Regie Sanders als Schlusspunkt dieses ersten Tages gesetzt. Als Brücke zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Und der Sozialist, der ja nicht mal Parteimitglied ist, meistert diesen emotionalen Spagat brillant – für sich selbst und für die bangen Demokraten.

«So etwas habe ich noch nie erlebt»

Doch erst mal dauert es eine Viertelstunde, bis sie ihn den ersten Satz beenden lassen, bis der Jubel verklingt, der ihn hier begrüsst. Ein nostalgisches Video kündigt Sanders an: Szenen aus den Primaries, untermalt von Simon & Garfunkels «America», seinem Wahlkampf-Song. Schon da heulen die ersten. «So etwas», murmelt ein Parteitagsveteran, «habe ich noch nie erlebt.»

Sanders beginnt mit Thank-yous, das muss er. An die Hunderttausenden Wahlkampfhelfer, an die 2,5 Millionen Wahlspender, an die 13 Millionen Amerikaner, die «für die politische Revolution» gestimmt haben, an die insgesamt 1846 Parteitagsdelegierten, die seither an ihn gebunden sind: «Ich freue mich auf eure Stimmen bei der Wahl morgen Abend.»

Bernie Sanders Rede in voller Länge

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YouTube/LesGrossman2015

Dann aber schafft er die bittersüsse Wende: «Niemand ist enttäuschter als ich.» Doch «der Kampf» gehe auch so weiter, schwört er und beginnt eine allerletzte Litanei seiner wichtigsten Anliegen: Einkommensfairness, Wall-Street-Reform, Frauen- und LGBT-Rechte, die Umwelt. Schliesslich nimmt er seine Fans rhetorisch bei der Hand:

«Hillary Clinton muss die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten werden!»

Bernie Sanders

15 Minuten hat es gedauert, bis er den Namen seiner Ex-Gegnerin erwähnt – und für den Rest der Rede spricht er von niemand anderem mehr, voller Überschwang, voller Lob, und zum ersten Mal überhaupt nimmt man ihm das auch ab.

Die Demokraten radieren ihre Chefin aus

Dabei wäre diese sanfte Überführung der Sanders-Fraktion ins Clinton-Lager fast schief gegangen. Den ganzen Tag über brodelte die Wut der «Sandinistas», kochte immer wieder über.

Spätestens beim Frühstück zerplatzte die Illusion der trauten Einheit, als Demokraten-Chefin Debbie Wasserman Schultz ihre Heimat-Delegation aus Florida begrüsste. Stunden zuvor hatte sie ihren Rücktritt angekündigt, als Konsequenz aus der Affäre um fast 20'000 geleakte E-Mails: Demnach hatte die Parteispitze Sanders bei den Vorwahlen heimlich zu sabotieren versucht.

DNC Chairwoman, Debbie Wasserman Schultz, D-Fla., waves to the Florida delegation at a breakfast, Monday, July 25, 2016, in Philadelphia, during the first day of the Democratic National Convention. (AP Photo/Matt Slocum)

Demokraten-Chefin Debbie Wasserman Schultz winkt ihrer Heimat-Delegation aus Florida zu.
Bild: Matt Slocum/AP/KEYSTONE

Der Skandal riss die Clinton-Sanders-Kluft neu auf – und der Abgang der Parteivorsitzenden spülte die Ressentiments noch mal richtig hoch: Sie wurde bei ihrem Auftritt niedergebrüllt und zog sich darob, sichtlich geschockt, ganz von dem Parteitag zurück, den sie hätte leiten sollen. Die Demokraten radierten ihre Chefin aus – schöner Auftakt für den Konvent der Harmonie.

A supporters of Sen. Bernie Sanders, I-Vt., holds up a sign call calling for Debbie Wasserman Schultz, chairwoman of the Democratic National Committee to be fired, Sunday, July 24, 2016, in Philadelphia. The Democratic National Convention starts Monday. (AP Photo/Alex Brandon)

Bernie-Sanders-Fans wollen die Demokraten-Chefin loswerden. Bild: Alex Brandon/AP/KEYSTONE

Auch Sanders spürte das, als er seinen Leuten mittags zureden wollte: «Trump ist ein Tyrann und ein Demagoge.» Hunderte Delegierte unterbrachen ihn da ebenfalls: «We want Bernie!»

Diese Rufe hallten durch ganz Philadelphia. Vor dem Rathaus rückten auch am Montag wieder Hunderte Demonstranten an, einige der Sanders-Anhänger forderten jetzt sogar, Clinton in den Knast zu stecken («Lock her up!») – was man bisher nur von den rabiaten Republikanern kannte.

Auch in der Halle ging es kaum ruhiger zu. Immer wieder provozierte Clintons Name laute Buhrufe, gefolgt von «Bernie!»-Sprechchören. Unter den Unbeugsamen war auch Allen Roskoff, ein LGBT-Aktivist aus New York. Ob er denn für Clinton stimmen werde? «Ich hasse Hillary!»

Erst am Abend beruhigen sie sich. Komödiantin Sarah Silverman redet ihnen ins Gewissen: «An die Bernie-or-bust-Leute: Ihr seid lächerlich!»

Comedian Sarah Silverman speaks during the first day of the Democratic National Convention in Philadelphia , Monday, July 25, 2016. (AP Photo/J. Scott Applewhite)

Die Komödiantin Sarah Silverman versucht die radikalen Sanders-Anhänger zur Vernunft zu bringen.
Bild: J. Scott Applewhite/AP/KEYSTONE

Dann Michelle Obama: Als Clinton 2008 die Vorwahlen verloren habe, «wurde sie auch nicht böse». Als dann Sanders selbst vor die Delegierten tritt, scheint aller Zank verflogen. Zumindest für diesen einen, letzten, fulminanten Moment in der Revolution des Bernie Sanders.

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56Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Abel Emini 26.07.2016 21:00
    Highlight Highlight Meine Stimme hat Hillary bereits! #GoHillary
  • The Host 26.07.2016 13:54
    Highlight Highlight Was, man kann noch immer nicht die Kommentare nach Neueste/Beliebteste sortieren? Warum demontiert Watson sich selbst?
    • Maett 26.07.2016 16:47
      Highlight Highlight @The Horst: da alle Meinungen gleich wertvoll sind, sollten alle Kommentare dieselbe Priorität haben, so einen Fame-Placement wie bei 20min oder Blick braucht's nun wirklich nicht.

      Wenn Sie keine Zeit dafür haben, müssen Sie sie ja nicht lesen.
    • The Host 26.07.2016 19:44
      Highlight Highlight @Maett: wenn sie gerne auf diese Funktion verzichten, ist das ja schön. Aber warum für alle unnutzbar machen? Für mich macht diese Funktion das Lesen der Kommentare weitaus attraktiver.
    • Maett 27.07.2016 08:49
      Highlight Highlight @The Horst: weil die Diskussion dann hauptsächlich auf die geteaserten Kommentare gelenkt würden, und alle anderen mehr oder weniger in der Versenkung verschwinden würden.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Randy Orton 26.07.2016 11:37
    Highlight Highlight Ich hoffe Sanders findet einen jungen Politiker als eine Arzt Ziehsohn/-tochter, um seine Ideen weiter zu tragen, der dann in 4 oder hoffentlich erst 8 Jahren als Präsidentschaftskandidat antreten kann.
    • FrancoL 26.07.2016 11:59
      Highlight Highlight Es wäre schön. Ich sage aber etwas was wohl einige in Rage bringen wird: Die Macht der Einsicht à la Sanders ist wohl auf der Erfahrung von vielen, vielen Jahren entstanden, eine Macht die aus diesen Erfahrungen stark wurde und die mehr als nur schwer zu vermitteln ist, gerade an eine junge Generation, die in ihrer Mehrheit offensichtlich die Erfahrung als nichts besonders nützliches ansieht.
    • exeswiss 26.07.2016 15:51
      Highlight Highlight @FrancoL Erfahrung der einsicht? wait ... what? entweder hat man einsicht oder man hat sie nicht, erfahrung sammelt man nur, wenn man sie immer gebrauchen muss und das heisst nichts gutes.
    • FrancoL 26.07.2016 16:48
      Highlight Highlight @exeswiss; Einsicht ergibt sich sehr häufig durch Erfahrung. Einsicht; etwas einsehen ist nicht einfach da, wie Du anscheinend der Meinung bist. Die Erfahrung lehrt einem die Grenzwerte der Systeme nicht die Muttermilch.
      Und was soll der Satz: Erfahrung sammelt man nur wenn man sie immer gebrauchen muss? Eine Erfahrung kann man allenfalls gebrauchen wenn man sie gesammelt hat und dies ist unabhängig von der Tatsache ob man sie immer brauchen muss.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Zeit_Genosse 26.07.2016 11:13
    Highlight Highlight So ist Politik, wenn Feinde zu Zweckfreunden werden um andere Feinde mit Zweckfreunden zu schlagen. Wahlkampf eben. Eine/r muss gewinnen und hinter die/der dan wesentliche Teile der Bevölkerung stehen sollten. Zuerst werden Gräben aufgerissen um sie dann wieder zuzuschütten. Clinton vs. Trump. Prognose: Clinton macht das Rennen. In den USA wird sich dann nicht viel ändern. Zum Glück, oder doch nicht?
  • Hayek1902 26.07.2016 10:42
    Highlight Highlight Hillary ist eine unsympathischer Machtmensch und hätte gegen jeden normalen Republikaner von McCain bis Romney null Chancen, aber dieses Jahr hat sie Glück mit Trump, der ist noch unbeliebter und inkompetenter. Aber sie ist wenigstens eine Windfahne, was sie berechenbar macht und gemässigt. Die Sanders-Fundis werden noch auf die Welt kommen, wenn sie quasi Trump unterstützen würden. Was ist das für eine Demokratie, in der das Hauptargument der Kandidaten der Gegenkandidat ist? Ich hoffe auf einen Achtungserfolg von Johnson.
  • John Smith 26.07.2016 10:30
    Highlight Highlight Guter Artikel, watson. Vergesst nicht euren Scheck von der DNC einzulösen.
    • Stachanowist 26.07.2016 10:51
      Highlight Highlight Spiegel*
    • Too Scoop 26.07.2016 11:14
      Highlight Highlight @john Smith: "Onlinenewsportale" funktionieren so, warum müssen einige immer eine andere Regel daraus ziehen? Für Ihre Detaillverliebtheit wird Ihnen niemand persönlich gratulieren.
    • Maett 26.07.2016 16:50
      Highlight Highlight @John Smith: der Artikel stammt von SPON und dort aus der Feder von Veit Medick, einem Mitglied der Atlantikbrücke (ganz offiziell).

      Das ist so, wie wenn Watson plötzlich RT-Artikel abdrucken würde, qualitativ zu viel erwarten sollte man also nicht.
    Weitere Antworten anzeigen
  • rodolofo 26.07.2016 10:29
    Highlight Highlight Auch DAS ist Amerika!
    Amerika ist so extrem, wie das Wetter dort.
    Sowohl eiskalte Luft aus dem Polargebiet, als auch sehr heisse Luft aus den Tropen kann ungehindert von Norden nach Süden, oder von Süden nach Norden fliessen.
    Und so extrem gewalttätig, und gleichzeitig liebevoll und fruchtbar die Natur ist, so sind anscheinend auch die Menschen: Sehr emotional, selten durchschnittlich. Während mich der Kandidat Trump an der Menschlichen Natur verzweifeln lässt, begeistert mich Bernie Sanders und treibt mir mit seinen kritischen und utopischen Reden Tränen in die Augen.
    Thanks, Bernie!
    • DerGrund 26.07.2016 10:53
      Highlight Highlight Wie man heute noch pro Wallstreet, pro Neoliberalismus sein kann ust mir schleierhaft.
    • Louie König 26.07.2016 11:23
      Highlight Highlight Ach, Libertas ist sowieso ein einziges Rätselbuch.
    • FrancoL 26.07.2016 12:02
      Highlight Highlight Libertas hat wohl kaum mit Bücher zu tun, er ist ein Schwätzer, ein Schwätzer ohne Belege, ein Hetzer.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Jannabis420 26.07.2016 10:20
    Highlight Highlight Bernie Sanders, meiner Meinung nach einer der besten Politiker der Gegenwart, in den USA auf jeden Fall der Beste
  • JFI 26.07.2016 10:19
    Highlight Highlight Bernie Supporter wurden die Plakate und Schilder weggenommen:

    https://twitter.com/regated/status/757690019138117632

    Danach wurden neue verteilt mit der Aufschrift "Love trumps hate". So sollte Einigkeit und Zusammenhalt in der Partei vorgegaukelt werden.
    • Toerpe Zwerg 26.07.2016 20:31
      Highlight Highlight Kein Anlass bescheuert genug, gell shitstorm ...
  • Alex_Steiner 26.07.2016 10:08
    Highlight Highlight "More Clinton leaks to come." – Julian Assange
    • Alnothur 26.07.2016 10:20
      Highlight Highlight Da bin ich auch sehr gespannt. Angeblich waren die bisherigen Leaks ja Peanuts.
    • Beobachter24 26.07.2016 10:40
      Highlight Highlight Jau :-)
      Ich glaube auch, dass da noch mehr kommt.
    • Tobi-wan 26.07.2016 11:20
      Highlight Highlight Stellt sich einfach die Frage, warum "nur" Clinton-Leaks kommen. Gibt's bei Trump nichts zu finden und was ist der Zweck von Wiki-Leaks Clinton nun zu schwächen und irgendwie doch noch Sanders an die Macht zu bringen?
      Falls nicht, dann sollte Wiki-Leaks darum bemüht sein auch Trump-Leaks zu veröffentlichen. Ansonsten beeinflussen sie den Wahlkampf einseitig.
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