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Forscher warnt: «In 100 Jahren könnte es zu gefährlich sein, ins All zu fliegen»

Sie sind oft winzig klein – und haben die Wirkung von Granaten: Eines Tages könnten Weltraumschrott-Partikel die Raumfahrt unmöglich machen. US-Experte Donald Kessler erklärt, was sich dagegen tun lässt.

20.04.17, 07:58 20.04.17, 08:58

Christoph Seidler / spiegel online



Ein Artikel von

Im Hollywood-Spektakel «Gravity» ist es nur Fiktion: Rasend schnelle Trümmerteile sorgen im Weltall für eine verheerende Kettenreaktion: Ein russischer Satellit explodiert, dessen Schrotteile wiederum pulverisieren andere Raumfahrzeuge – und am Ende sind nicht nur das Space Shuttle «Explorer» zerstört und grosse Teile seiner Besatzung tot, sondern auch die Internationale Raumstation ist abgestürzt. Ebenso ergeht es dem chinesischen Orbitalkomplex «Tiangong».

Was im Kinosessel für wohliges Gruseln sorgt, hat allerdings einen sehr realen Hintergrund: Der damalige Nasa-Mitarbeiter Donald Kessler hat bereits im Jahr 1978 vor solch einem Szenario gewarnt: Durch einen Schneeball-Effekt, erklärte er, würde sich die Zahl von Weltraumschrott-Trümmern im All langsam aber stetig erhöhen – so lange bis niemand mehr die Erde verlassen kann, ohne von rasend schnellen Trümmerteilen abgeschossen zu werden.

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Aktuell kreisen allein 18'000 Teile Weltraumschrott um die Erde, die mehr als zehn Zentimeter gross sind – aber selbst deutlich kleinere Trümmer können massive Schäden an Raumfahrzeugen anrichten.

Im Satellitenkontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) in Darmstadt läuft deshalb gerade eine internationale Konferenz zum Thema. Den Eröffnungsvortrag vor rund 400 Experten hielt Donald Kessler. Hier spricht er im Interview über seine Sorgen vor riesigen Satelliten-Konstellationen, die das Problem in naher Zukunft massiv verschärfen dürften – und über die Frage, wie er die Internationale Raumstation entsorgen würde.

Donald Kessler. youtube.com

Sie warnen seit rund 40 Jahren vor der Gefahr durch Weltraumschrott. Doch passiert ist wenig, ganz im Gegenteil: Jedes Jahr kreisen mehr solcher Objekte in der Erdumlaufbahn. Sind Sie nicht frustriert?
Kessler: Natürlich ist man da ein Stück weit frustriert. Das Problem ist, dass es im Moment nur freiwillige Massnahmen gibt. Jede Raumfahrtorganisation hat ihre eigenen Regeln. Und es gibt keinen Zwang, diese Regeln auch einzuhalten.

Bei der Europäischen Raumfahrtorganisation läuft gerade eine Konferenz zum Weltraumschrott. Mal wieder. Man redet und redet – aber wäre es nicht mal an der Zeit eine Weltraummission zu starten, die tatsächlich etwas von dem Zeug runterholt?
Ganz genau, es wäre Zeit, so etwas zu tun. Bei der NASA gibt es allerdings die politische Linie, dass die aktive Rückholung von Schrott nur in Studien untersucht wird. Das NASA-Budget beim Thema Weltraumschrott hat sich in den vergangenen 20 Jahren kaum geändert. Die Leute sollen also mehr machen mit weniger Ressourcen. Und jetzt ist es ja eher so, dass die Regierung für alles noch weniger Geld ausgeben will.

Also wird weiter nur studiert. Dabei gibt es schon viele Ideen wie fliegende Magneten oder Fischernetze, die den Schrott sammeln. Haben Sie eine Lieblingstechnik?
Die Technologien, über die man am meisten hört, klingen toll – aber sie sind nicht getestet. Das einzige, was schon getestet ist, kommt dagegen ziemlich altbacken daher: Man nimmt eine Raumfähre wie das Space Shuttle, fliegt hoch, fängt etwas ein und bringt etwas zur Erde zurück. Aber genau das würde ich am besten finden! So kann man die Sachen am Boden noch untersuchen – und erfahren, was ihnen im Orbit so alles passiert ist.

Die Preise für Satellitenmissionen sinken gerade massiv. In den kommenden Jahren werden zahllose neue Exemplare in die Umlaufbahn befördert, von winzigen Nano-Satelliten bis hin zu riesigen Konstellationen für die weltweite Internet-Versorgung. Das klingt nach viel neuem Weltraummüll.
In der Tat. Und weil es ja bisher keine strikten Regeln gibt, an die man sich auch halten muss, kann das ein besonders grosses Problem werden. Diese Satelliten sind oft klein. Das senkt zwar einerseits das Risiko, dass sie von bereits existierendem Schrott getroffen werden und Trümmerwolken entstehen. Andererseits sind sie aber auch kaum gegen Einschläge geschützt. Und die ganz kleinen Exemplare verhalten sich selbst beinahe so wie eine Wolke von Weltraumschrott, die anderen Satelliten gefährlich werden kann.

Wiederverwendbare Raketen sind gerade das grosse Ding in der Raumfahrt. SpaceX hat zum Beispiel eine erste Stufe wieder zur Erde zurückgebracht und erfolgreich wieder ins All geschossen. Helfen solche Technologien gegen mehr Weltraumschrott?
Eher nicht. Die erste Raketenstufe erreicht normalerweise sowieso nicht die Erdumlaufbahn, sondern sie stürzt zur Erde zurück. Wenn man sie jetzt – wie früher schon bei den Booster-Raketen des Space Shuttles – wieder verwenden kann, hilft das vielleicht, die Kosten zu senken. Beim Weltraumschrott macht das aber de facto keinen Unterschied.

Das grösste Stück an zukünftigem Weltraumschrott ist die Internationale Raumstation. Wie würden Sie die am Ende ihrer Lebenszeit am besten vom Himmel holen?
Sie muss im Ozean landen. Und damit das sicher klappt, muss man sie wohl Modul für Modul auseinandernehmen. Nur so kann man sicherstellen, dass sich die Trümmer nicht auf der ganzen Erde verteilen, wenn sie beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerbricht.

Sie sind Namensgeber des berühmten Kessler-Syndroms, wonach über die Zeit ein undurchdringlicher Gürtel von Weltraumschrott um die Erde entstehen könnte. Dann wären Raumflüge wegen des Kollisionsrisikos für Menschen schlicht zu gefährlich. Wie nah sind wir diesem Punkt?
In 100 Jahren könnte es soweit sein, dass es zu gefährlich wird, ins All zu fliegen. Aber wir müssen uns schon vorher klarmachen: Je länger man damit wartet, den Prozess umzukehren, desto teurer wird es. Wir müssen jetzt investieren, um in der Zukunft Sicherheit zu haben.

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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 22.04.2017 16:37
    Highlight Vielleicht ist es ja besser, wenn wir nicht in den Weltraum fliegen?
    Hier unten auf der Erde haben wir ja weiss Gott noch genug zu tun...
    3 0 Melden
  • Alnothur 21.04.2017 13:17
    Highlight Nanosatelliten und die geplanten Internetsatelliten fliegen viel zu tief, als dass sie einen neuen "Schrottring" starten können. Nach ein paar Jahren verglühen sie in der Atmosphäre.
    2 0 Melden
  • danmaster333 21.04.2017 10:38
    Highlight Wenigstens hätten ausserirdische Invasoren es dann nicht so leicht mit uns ¯\_(ツ)_/¯
    4 0 Melden
  • Posersalami 20.04.2017 11:19
    Highlight "Sie sind oft winzig klein – und haben die Wirkung von Granaten"
    Nein Watson, eine Granate ist nichts dagegen. Es gilt hier E kin=0.5m*v^2 . Zur Masse m kann man jetzt spekulieren, aber nehmen wir mal 100g. Zur Geschwindigkeit v auch, nehmen wir mal 7.9km/s, weil dann bleibt so ein Teil stabil im Orbit. Setzen wir also ein:
    0.5 x 0.1kg x 7900m/s^2
    und erhalten 3 120 500 Joule

    Zum Vergleich: Die GAU 8 Kanone der A-10 Warthog verschiesst 30mm Uranmunition die jeden Kampfpanzer zerstört und die kommt auf im Vergleich lächerliche 400 000 Joule..
    10 0 Melden
  • AllIP 20.04.2017 10:54
    Highlight
    6 2 Melden
  • metall 20.04.2017 10:36
    Highlight Bist dann wir man auch nicht mehr ins Meer schwimmen, und unsere Luft einatmen können.
    1 4 Melden
  • EvilBetty 20.04.2017 09:07
    Highlight Könnte man nicht ein massereiches, navigierbares Objekt in eine Umlaufbahn bringen und den Schrott rein durch Gravitation an dieses Objekt binden und dann langsam in weiterentfernte Umlaufbahnen bringen? Also quasi einen Schrottmond erschaffen?
    1 4 Melden
    • EvilBetty 20.04.2017 13:07
      Highlight Wir brauchen den SPACEelevator! 👍
      2 1 Melden

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