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epa06190887 A recreational boater enters the mouth of the Miami ahead of the expected arrival of Hurricane Irma in Miami, Florida, USA, 07 September 2017. Miami Beach, the Florida Keys and other low-lying areas are under a mandatory evacuation order ahead of Irma.  EPA/ERIK S. LESSER

Miami, Florida. Bild: EPA/EPA

«Irma» und Florida – eine Katastrophe mit Ansage

Immer mehr Menschen – und immer mehr Geld, das in Häusern, Jachten und Infrastruktur steckt: Florida ist in den vergangenen Jahren anfälliger für teure Sturmschäden geworden. Jetzt kommt «Irma».

Christoph Seidler



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Warnung des obersten Katastrophenschützers war eindrücklich. «Irma», so erklärte Brock Long am Freitag werde die USA «verwüsten» – «entweder Florida oder einige der Bundesstaaten im Südosten». Long leitet die Katastrophenschutzbehörde Fema, die derzeit nur noch wenig Zeit für die letzten Vorbereitungen hat, bevor der Hurrikan ab dem Wochenende seine zerstörerische Kraft über Amerikas Territorium beweisen wird – mit Windgeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometer, Stand Freitagnachmittag.

Teile von Florida könnten tagelang ohne Strom auskommen müssen, Hunderttausende Menschen auf Notunterkünfte angewiesen sein, so Longs düstere Prognose. Erste Stürme dürften am Samstag kommen, das Zentrum des Wirbelsturms dann wohl am Sonntag.

Nun könnte man vermuten, dass man sich auskennt mit Wind in Florida. Was man aussitzen kann, sitzt man aus – und wenn nicht, weisen überall präsente blau-weisse Schilder auf Evakuierungsrouten und Schutzräume hin. Aktuell sind aber Hunderttausende vor «Irma» auf der Flucht. Viele Strassen sind verstopft. Die Behörden haben sich nur deswegen vorerst dagegen entschieden, alle Autobahnfahrstreifen für den Verkehr nach Norden zu nutzen, weil sie bis zur letzten Minute Versorgungsgüter und Sprit nach Süden bringen wollen. Zum Teil fahren die Tankwagen mit Eskorte der Florida Highway Patrol.

epa06192698 People watch the rough Atlantic Ocean ahead of the expected arrival of Hurricane Irma in Miami Beach, Florida, USA, 08 September 2017. A hurricane warning is now in affect for most of Florida. Miami Beach, the Florida Keys and other low-lying areas are under a mandatory evacuation order ahead of Irma.  EPA/ERIK S. LESSER

Menschen schauen in Florida auf den rauen Atlantik. Erste Stürme dürften am Samstag kommen. Bild: EPA/EPA

Wenn die Menschen im Bundesstaat an einen verheerenden Sturm denken, dann ist oft vom Hurrikan «Andrew» die Rede. Der hatte vor ziemlich genau 25 Jahren 65 Menschenleben gefordert. Rund 63'000 Häuser wurden damals zerstört, der Schaden lag bei 50 Milliarden Dollar, wenn man den heutigen Geldwert ansetzt.

Nun dürfte «Irma», so schätzen Experten, womöglich noch deutlich höhere Schäden anrichten – und dabei spielt es noch nicht einmal eine so grosse Rolle, wo genau der Sturm im Detail entlangziehen wird. Der Rückversicherer Swiss Re hat kürzlich ausgerechnet: Wenn «Andrew» heute auf demselben Pfad zöge wie 1992, würden die Schäden bei 100 Milliarden Euro liegen. Und dieser Sturm hatte einen deutlich geringeren Durchmesser als «Irma». Oder um es mit dem Meteorologen Bryan Norcross auszurücken: Der herannahende Hurrikan hat «ein komplett anderes Level».

Hurrikan Irma hinterlässt eine Spur der Verwüstung

Gerade der Süden Floridas hat in den vergangenen Jahren einen massiven Bauboom erlebt. Die Landschaft wird vielerorts immer mehr zersiedelt, sechs Millionen Einwohner – so viel wie insgesamt in der Metropolregion Miami leben – sind seit Anfang der Neunzigerjahre dazugekommen – oft Rentner auf der Suche nach einem milden Winterquartier.

Warum tun sie das, wo doch immer wieder Stürme Verwüstung über Florida gebracht haben? «Menschen vergessen schnell», sagt Megan Linkin von Swiss Re. «In den Zwanzigern, Dreissigern und Vierzigern ist Miami ein Ort gewesen, der oft von Hurrikans heimgesucht wurde.» Nur ein der Phase des grössten Baubooms habe es wenige Wirbelstürme gegeben – und diese Phase gehe nun wohl zu Ende.

Einerseits sind Floridas Bauvorschriften nach «Andrew» verschärft worden – gefordert sind etwa bruchsichere Fenster oder Fensterläden sowie besondere Sicherungen, damit Dachmaterial nicht herumfliegen kann. Von einem «schlauen und durchdachten Ansatz», spricht Linkins Kollege Nikhil da Victoria Lobo.

Andererseits stehen da einfach deutlich mehr Häuser wo früher keine standen. Und 70 Prozent der Bausubstanz stammten aus der Zeit vor der Verabschiedung der neuen Regeln, erklärt Shahid Hamid von der Florida International University, wo in einem riesigen Windkanal die Stabilität verschiedener Bauten bis zu Windgeschwindigkeiten von 250 Kilometern in der Stunde getestet wird.

epa06192710 The downtown Miami skyline and Biscayne Bay ahead of arrival of Hurricane Irma in Miami, Florida, USA, 08 September 2017. Miami Beach, the Florida Keys and other low-lying areas are under a mandatory evacuation order ahead of Irma.  EPA/ERIK S. LESSER

Die Skyline von Miami. Bild: EPA/EPA

Und der Run auf die vermeintlich attraktiven Küstenregionen dürfte sich weiter fortsetzen. Nach einer Schätzung des Congressional Budget Office leben aktuell 1.2 Millionen Amerikaner in Gebieten am Meer, die dem Risiko «substanzieller Schäden» durch Hurrikans ausgesetzt sind. Bis zum Jahr 2075 werden es vermutlich zehn Millionen sein.

«Viele Menschen in Florida sind unzureichend gegen Überschwemmungsschäden versichert», Klimaexperte Ernst Rauch vom Rückversicherer Munich Re. Bei Versicherungen gegen Stürme liegen die Quoten dagegen hoch. Bei Policen gegen Überschwemmungen habe es dagegen zuletzt noch einmal einen deutliche Rückgang gegeben, zitiert die Nachrichtenagentur AP aus Zahlen der Katastrophenschutzbehörde Fema. Die Quote in den Küstengebieten Floridas liege bei 42 Prozent.

Teuerster Sturm in der US-Geschichte?

Sturm und Wasser – «Irma» wird beides bringen. Doch wenn man weiss, dass nur ein Drittel der Häuser Schutz vor Wasser hat, wird das auch gesamtwirtschaftlich zu einem Problem. Irgendwer muss die Rechnung am Ende bezahlen. Und Hurrikanforscher Brian McNoldy von der University of Miami befürchtet, dass «Irma» leicht zum teuersten Sturm in der US-Geschichte werden könnte.

Und noch ein Problem stellt sich: In Florida sind immer grössere Werte konzentriert – in den Häusern, den Jachthäfen, der Freizeitinfrastruktur. «Das Wachstum exponierter Werte liegt deutlich über dem Bevölkerungswachstum», sagt Rauch. «Das bedeutet, dass die Verwundbarkeit sinken muss, sonst steigt das Gesamtrisiko für Schäden.»

Wie aber lässt sich die Verwundbarkeit langfristig senken, wenn doch in den vergangenen Jahren genau das Gegenteil passiert ist? Wenn Hochhaus um Hochhaus gebaut wurde in Regionen, die auch schon bald mit den Folgen steigender Meeresspiegel zu kämpfen haben werden? «Man muss sich Gedanken darüber machen, was hier gesellschaftlich erwünscht ist», formuliert es Versicherungsmann Rauch bewusst vorsichtig.

Und Swiss-Re-Manager da Victoria Lobo sagt, man müsse «Entwicklung und Risiko ausbalancieren.» Einfach dürfte das kaum werden – zumal wenn Entscheidungsträger wie Präsident Donald Trump Anwesen direkt am Ozean haben, auf die sie auch in Zukunft kaum verzichten wollen werden.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Menel 09.09.2017 07:52
    Highlight Highlight Die ganze Zeit wird hier von Werten gesprochen und damit sind nicht Menschen, sondern Dinge gemeint. Die Hauptüberlegung ist; wie viel kostet das? Genau diese Überlegung hat auch dazu geführt, dass da nun Gebäude stehen, die dort nicht stehen sollten. Gelernt hat man aus Andrew anscheinend (aber absolut nicht überaschend) auch nichts, oder man hats, im Angesichts des Geldes, schon wieder vergessen.

    Info: Das ist dem Planeten egal!

    Ich hoffe einfach, die Menschen finden alle rechtzeitig einen sicheren Ort und es müssen keine Todesopfer beklagt werden.

    • Menel 09.09.2017 10:21
      Highlight Highlight Ja, das sollte Menschleben wert sein!

      Im Übrigen gehe ich davon aus, dass das nicht mehr im 25 Jahresintervall vorkommen wird, sonder wahrscheinlich jährlich.

      "Offiziell ist das Jahrzehnt mit den meisten Hurrikanen in der Kategorie 5 das Jahrzehnt zwischen dem Jahr 2000 und 2010, damals erreichten acht Hurrikane diese Stärke: Isabel (2003), Ivan (2004), Emily (2005), Katrina (2005), Rita (2005), Wilma (2005), Dean (2007) und Felix (2007)."
    • Menel 09.09.2017 11:40
      Highlight Highlight Nein, trifft es nicht, aber mit dem Mehraufkommen von Hurricans steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass es Grossstädte trifft.
      Wie im Text steht, wurden diese baulichen Massnahmen nicht konsequent eingehalten wurden, nachdem die Regelung in Kraft trat.
  • Gottlieb Duttweiler 09.09.2017 07:50
    Highlight Highlight Würde "Irma" nicht auf die USA treffen, sondern "lediglich" karibische oder südamerikanische Länder und Inselgruppen verwüsten, wärs den Medien (inkl. Tagesschau) keine 5 Zeilen wert.
  • plaga versus 08.09.2017 23:46
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