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epaselect epa04891686 A man waiting for his turn at an currency exchange office in front of electronic information panels displaying currency exchange rates in Moscow, Russia, 21 August 2015. The Russian ruble is falling under the pressure of cheaper oil, the US dollar showed a fall to 68.76 rubles to the US dollar, the Euro rose to 78.12 rubles to the Euro.  EPA/YURI KOCHETKOV

Sorgenvolle Gesichter bei einer Wechselstube in Moskau: Die russische Währung befindet sich auf Achterbahnfahrt – parallel zum Ölpreis.
Bild: YURI KOCHETKOV/EPA/KEYSTONE

Rubel auf Achterbahn-Fahrt: Die russische Währung ist auf Gedeih und Verderb dem Ölpreis ausgeliefert

Keine Währung schwankt so stark wie der russische Rubel: Mal wertet er rapide auf, dann rast er in die Tiefe, immer im Sog des Ölpreises. Für Verbraucher und Firmen ist das schlecht, für Russlands Staatshaushalt ein Segen.

Benjamin Bidder, Moskau



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Stadt Syktywkar, hoch in Russlands Norden gelegen, hat Mitte Oktober ein ungewöhnliches Denkmal enthüllt: ein Monument zu Ehren des Rubel, der russischen Währung.

Einige Zeitungen in der 1200 Kilometer entfernten Hauptstadt Moskau nahmen das zum Anlass für leicht ketzerische Kommentare: Das Denkmal sehe aus wie ein Grabstein, hiess es da. Die «Nesawissimaja Gaseta» merkte sogar spitz an, Witzbolde hätten vor dem Rubel-Monument bereits «vier rote Nelken» niedergelegt. Nelken sind in Russland bei Beerdigungen beliebt, und eine gerade Anzahl Blumen schenkt man nur Toten, so ist es Brauch in Russland.

Der Spott gilt der Schwäche der Währung. Der Dollar hat gegenüber dem Rubel binnen eines Jahres mehr als 50 Prozent zugelegt. Im November 2014 war ein US-Dollar rund 40 Rubel wert. Derzeit sind es 65 Rubel.

«Der Rubel ist die Petro-Währung Nummer eins der Welt»

Ökonom Chris Weafer

In gewisser Weise steht der Rubel in Syktywkar an einem für die derzeitige Krise besonders symbolträchtigen Ort. Syktywkar ist die Hauptstadt der Provinz Komi, einer russischen Ölregion. Es ist vor allem das Öl, das Russlands Währung in den vergangenen zwölf Monaten auf Sturzflug geschickt hat.

Genau genommen ist es eine Achterbahnfahrt. Als das Öl im Mai auf bis zu 65 Dollar pro Barrel stieg, war auch der Rubel wieder mehr wert: Für einen Dollar gab es da 49 Rubel. Seitdem sinkt der Ölpreis aber wieder – und reisst den Rubel mit in die Tiefe. Seit Ende 2014 vollzieht Russlands Währung – bis dato über Jahre sehr stabil – praktisch jede Änderung des Ölpreises nach.

«Öl und Gas machen 65 Prozent der russischen Exporte aus. 45 bis 50 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus diesem Sektor.»

Wirtschaftsprofessor Jakow Mirkin

«Der Rubel ist die Petro-Währung Nummer eins der Welt», sagt Chris Weafer, ein in Moskau ansässiger Ökonom und Gründer der Beratungsfirma Macro Advisory. Die Währungen vieler anderer Ölförderländer seien stabiler, die Regierungen hätten sie an den Dollar gekoppelt.

Russlands Wirtschaft ist abhängig von Rohstoffexporten. «Öl und Gas machen 65 Prozent der russischen Exporte aus. 45 bis 50 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus diesem Sektor», sagt Jakow Mirkin, Wirtschaftsprofessor des Moskauer Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen.

«Diese Abhängigkeit kennen alle», sagt Mirkin. «Wenn also der Ölpreis steigt, spekuliert der Markt automatisch auf einen Anstieg des Rubel – und umgekehrt.»

Der Rubel-Sturz belastet Bürger mit kleinen und mittleren Einkommen. Die Abwertung befeuert die Teuerung. Die Inflation lag im September und Oktober bei 15.6 Prozent. Viele Produkte sind deutlich teurer als noch vor einem Jahr, die Gehälter aber steigen kaum.

The Sheskharis oil shipment terminal in Novorossiisk, southern Russia, Thursday, Aug. 20, 2015. Russian President Vladimir Putin visited Sheskharis oil shipment terminal on Thursday. (Sergei Guneyev/RIA-Novosti, Kremlin Pool Photo via AP)

Öltanks im Hafen von Nowosibirsk.
Bild: AP/POOL RIA NOVOSTI KREMLIN

«Ein schwacher Rubel ist besser als ein starker Rubel»

Betroffen sind auch viele Rentner: Der übliche Inflationsausgleich wird im kommenden Jahr «bei vier Prozent liegen, die Inflation ist aber deutlich höher», so Dmitrij Trawin, Wirtschaftswissenschaftler aus Sankt Petersburg. Die realen Einkommen sind deshalb in diesem Jahr um zehn Prozent gesunken, die Umsätze des Einzelhandels sogar um 10.4 Prozent. Der Anteil der Bevölkerung, der als arm gilt, ist von 13 auf 15 Prozent gestiegen.

Schwierigkeiten bereitet die Rubel-Krise auch Firmen. Ein Beispiel: Vor zwei Jahren kostete ein neuer Skoda Octavia umgerechnet rund 16'000 Euro. Inzwischen sind es – mehreren Preiserhöhungen zum Trotz – nur noch 12'000 Euro. Die VW-Tochter Skoda produziert zwar in Russland. Viele Komponenten werden allerdings im Ausland gefertigt.

Vor einigen Jahren noch war der Rubel weniger anfällig. Im Jahr 2012 etwa hatte ein Einbruch des Barrel-Preises nur geringen Einfluss.

Ende 2014 aber änderte die russische Zentralbank ihre Strategie. Die neue Chefin Elwira Nabiullina verabschiedete sich von der «Politik des starken Rubels»: Bis dato hatte die Bank im Falle einer Rubel-Schwäche eigene Dollar-Reserven verkauft, um die Währung innerhalb eines bestimmten Korridors zu halten. Der Wechsel wurde damals als Übergang zum freien Fliessen der Währung bezeichnet.

«Ein schwacher Rubel ist besser als ein starker Rubel.»

Daraus wurde dann allerdings ein nahezu freier Fall, als der massive Rückgang der Ölpreise zusammentraf mit wachsenden Wirtschaftsproblemen in Russland und den vom Westen verhängten Sanktionen.

A worker checks the valve of an oil pipe at an oil field owned by Bashneft company near the village of Nikolo-Berezovka, northwest from Ufa, Bashkortostan, January 28, 2015. New European Union sanctions against Russia could include further capital markets restrictions, making it harder for Russian companies to refinance themselves and possibly affecting Russian sovereign bonds and access to advanced technology for the oil and gas sectors, EU officials said on Wednesday. REUTERS/Sergei Karpukhin (RUSSIA - Tags: ENERGY BUSINESS INDUSTRIAL POLITICS)

Ölförderungsanlage des Bashneft-Konzern in der Provinz Ufa.
Bild: SERGEI KARPUKHIN/REUTERS

Russland hat die Politik des starken Rubels seit dem Jahr 2000 verfolgt. Das war auch eine Folge der dramatischen Wirtschaftskrisen in den Neunzigerjahren. Die Abkehr davon «ist der signifikanteste Wandel in der Wirtschaftspolitik seit dem Ausbruch der Krise», sagt Analyst Weafer. Das neue Mantra laute: «Ein schwacher Rubel ist besser als ein starker Rubel.»

Für den russischen Staat hat die Rubel-Schwäche Vorteile. Sie hilft, das Haushaltsdefizit trotz Krise in Grenzen zu halten: Zwar verdient Russland weniger Dollar; Renten und andere Staatsausgaben zahlt der Staat aber in Rubel aus. Die Abwertung könnte sich sogar als Segen für Russlands Industrie erweisen. «Als der Rubel stark war, hatte niemand einen Anreiz, in Russland Fabriken zu bauen», sagt Weafer. Die Währung habe so die Abhängigkeit der Wirtschaft von Öl und Gas noch vertieft. «Das ist nun vorbei», hofft der Experte.

Zusammengefasst: Der russische Rubel befindet sich wegen der Ölpreiskrise im freien Fall. Der Dollar hat gegenüber dem Rubel binnen eines Jahres mehr als 50 Prozent zugelegt. Die schwache Währung hilft dem Kreml, da das Öl in Dollar verkauft wird, viele Staatsausgaben dagegen in Rubel ausgezahlt werden. Die Bevölkerung dagegen leidet: Viele Produkte werden immer teurer, die Gehälter aber steigen kaum.

Globales Ölfördermaximum

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Thomas Bollinger (1) 07.11.2015 21:49
    Highlight Highlight Vom Käse-Embargo gar nicht zu reden...
  • NikolaiZH 07.11.2015 16:03
    Highlight Highlight und die schweiz belastet schwacher rubel auch: einerseits ist die touristenzahl aus den länder der ehemaligen udssr drastisch zurückgegangen, anderseits sind die schweizer industriellen exportwaren zu teuer für russische firmen geworden...
    • Hayek1902 08.11.2015 09:44
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