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Greece's Prime Minister Alexis Tsipras leaves Maximos Mansion in Athens, Monday, July 6, 2015. Following Sunday's referendum the Greece and its membership in Europe's joint currency faced an uncertain future Monday, with the country under pressure to restart bailout talks with creditors as soon as possible after Greeks resoundingly rejected the notion of more austerity in exchange for aid. (AP Photo/Thanassis Stavrakis)

Tsipras vor dem Athener Parlamentsgebäude. Bild: Thanassis Stavrakis/AP/KEYSTONE

Griechenland nach dem Referendum: Tsipras macht auf Staatsmann

Griechenland paradox: In den Banken wird das Bargeld knapp – doch Premier Tsipras steht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Mit einer neuen Strategie will er die Europartner doch noch herumbekommen.

07.07.15, 04:19 07.07.15, 05:37

Hasnain Kazim, Giorgos Christides, athen / spiegel online



Ein Artikel von

Zum ersten Mal in seiner Zeit als Premier beschloss Alexis Tsipras, ein Staatsmann zu sein – nicht der Führer jenes «linken Haufens», wie Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis die griechische Regierung einst genannt hatte. Tsipras rief am Montag die Führer aller Oppositionsparteien zusammen, um unter der Führung von Präsident Prokopis Pavlopoulos einen Ausweg aus der Krise zu besprechen. Der Regierungschef will Unterstützung, wenn er an diesem Dienstag nach Brüssel reist und erneut mit den Geldgebern verhandelt.

Das überragende Nein-Votum beim Referendum – 61.3 Prozent der Griechen stimmten für den Kurs von Tsipras – hat den Regierungschef gestärkt. Und so stimmten die Chefs der Oppositionsparteien zu, mit ihm an einem Strang zu ziehen. Das Land, in dem das Geld seit mehr als einer Woche so knapp ist, dass die Banken schliessen mussten, braucht dringend Liquidität. Tsipras muss nun mit den Euro-Staaten eine Einigung erzielen.

ATHENS, GREECE - JULY 06:  A sign outside the Bank of Greece is defaced with graffiti to read  'Banque de Merkel' on July 6, 2015 in Athens, Greece. Politicians in Europe and Greece are planning emergency talks after Greek voters rejected EU proposals to pay back it's creditors creating an uncertain future for Greece.  (Photo by Christopher Furlong/Getty Images)

Tag in Athen. Bild: Getty Images Europe

Seine Gegner in der eigenen Partei, die von einem Bruch mit Europa träumten, sind plötzlich nicht mehr zu hören.

Es ist eine bemerkenswerte Situation: Die Bargeldreserven der griechischen Banken steuern auf null zu, und doch ist Tsipras auf dem Höhepunkt seiner Macht – so sehr, dass innenpolitische Widerstände sich innerhalb kürzester Zeit auflösten. Seine Gegner in der eigenen Partei, die von einem Bruch mit Europa träumten, sind plötzlich nicht mehr zu hören.

Mit Tsakalotos den Neustart wagen

Antonis Samaras, früherer konservativer Premierminister und zuletzt Chef der Oppositionspartei Nea Dimokratia, trat noch am Sonntagabend nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses zurück. Tsipras und Samaras hatten ein angespanntes Verhältnis zueinander. Mit Samaras' Weggang kann Tsipras nun auch mit der Opposition verhandeln. Auch die anderen Nichtregierungsparteien sind plötzlich bereit zur Kooperation.

epa04832915 A picture made available 05 July 2015 shows former Greek Prime Minister and leader of the opposition party New Democracy Antonis Samaras, in Athens, Greece, 03 July 2015. Samaras said he is resigning, after a strong majority of voters appeared to have rejected creditors' bailout terms.  EPA/WILLIAM ANTONIOY

Trat noch am Sonntagabend zurück: Antonis Samaras. Bild: EPA/ANA-MPA

Der grösste Coup ist Tsipras aber gelungen, indem er seinen alten Finanzminister Yanis Varoufakis, den Schrecken der Eurogruppe, abgelöst hat durch Euklid Tsakalotos. Der eine hatte gern provoziert und seinen Verhandlungspartnern «Terrorismus» an den Kopf geworfen; der andere gilt als besonnener Intellektueller. Mit ihm, glaubt man in Athen, könne man einen Neustart wagen.

Seine Nominierung ist ein Zeichen, dass man jemanden wollte, der gut mit Europa kann.

Tsakalotos hatte zuletzt die Verhandlungen für Griechenland geführt. Er galt als Favorit für den Posten, nachdem Varoufakis am Montagmorgen seinen Rücktritt angekündigt hatte. Er wurde 1960 in Rotterdam geboren, zog als Fünfjähriger nach London und erst mit 33 Jahren nach Griechenland. Er studierte in Oxford und Sussex Wirtschaft, Politik und Philosophie und nahm nebenbei Griechisch-Unterricht, um in der Sprache seines Herkunftslandes fit zu bleiben. Seine Nominierung ist ein Zeichen, dass man jemanden wollte, der gut mit Europa kann.

«Kein Ochi zu Europa»

epa04821394 Tourists walk past a graffito reading 'Mrs Merkel we still love you - Greece' in a street in Athens, Greece, on 27 June 2015. Greek Prime Minister Alexis Tsipras called for a referendum on the Greek debt deal on 05 July, during a televized speech  on Greek state TV late 26 June night.  EPA/SIMELA PANTZARTZI

Bild: EPA/ANA-MPA

Anders als die Oppositionspolitiker, die am Montag geknickt auftraten, zeigt sich Tsipras nicht nur staatsmännisch, sondern beschwingt. Aus seinem Umfeld heisst es, er richte seine Signale zwar auch an Brüssel und Berlin, vor allem aber an Frankfurt – dort hat die Europäische Zentralbank ihren Sitz. Denn Griechenland braucht sofort Geld.

Der Ton, den Tsipras nun anschlägt, ist mild. 

Der Ton, den Tsipras nun anschlägt, ist daher mild. Kein Wort mehr von «Erpressung», keine Kritik an «neoliberalen Extremisten» in Richtung der Geldgeber. Stattdessen betonte er, das «Ochi», also das «Nein», sei «kein Ochi zu Europa». Und noch einmal sagte er, Griechenland solle in der Währungsunion verbleiben.

Tsipras' Fröhlichkeit könnte von nur kurzer Dauer sein. Anscheinend glaubt er, er könne Syriza zusammenhalten, diese linke Sammlung unterschiedlicher, teils chaotischer Kräfte. Gleichzeitig will er die Oberhand in der griechischen Politik behalten und Internationalen Währungsfonds, Europäische Kommission und Zentralbank zu Zugeständnissen zwingen. Tatsächlich hängen sein Schicksal und das Schicksal Griechenlands vom Wohlwollen der Geldgeber ab.

Tatsächlich hängen sein Schicksal und das Schicksal Griechenlands vom Wohlwollen der Geldgeber ab.

epaselect epa04833000 Supporters of the Syriza party and of the 'No' vote campaign, gather after results of the referendum in front of the Greek Parliament in Athens, Greece, 05 July 2015. Greek voters were asked in a referendum whether their country should accept reform proposals made by its creditors. More than 61 percent of Greek voters chose 'no' in a referendum on creditors' bailout terms, with almost 95 percent of ballots counted, the Interior Ministry says.  EPA/KAY NIETFELD

Bild: EPA/DPA

Fliesst nicht sehr bald neues Geld, kollabiert das griechische Bankensystem. Das Papier geht schon jetzt aus, Zeitungen und Bücher können nicht mehr gedruckt werden, Medikamente werden knapp, die Tourismusbranche spricht von massiven Einbrüchen, junge Griechen können keine Apps mehr für ihre Smartphones kaufen, manche Internethändler akzeptieren keine griechischen Kreditkarten mehr.

Die Lage wird immer ernster. Und für Tsipras wird es jetzt erst richtig schwierig.

Zusammengefasst: 61.3 Prozent der Griechen stimmten für den Kurs von Regierungschef Tsipras, das hat ihn gestärkt. Nun hat er seinen alten Finanzminister Yanis Varoufakis abgelöst, der Intellektuelle Euklid Tsakalotos soll ihm folgen. Neu aufgestellt muss die Regierung jedoch schnell handeln: Das Geld ist seit mehr als einer Woche knapp, die Banken bleiben vorerst geschlossen. Tsipras muss nun mit den Euro-Staaten eine Einigung erzielen.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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