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Charles Benest, a voodoo priest puts powder to the face of a believer during a Voodoo ritual that pays tribute to Baron Samdi and the Gede family of spirits during Day of the Dead celebrations at the National Cemetery in Port-au-Prince, Haiti, Sunday, Nov. 2, 2014. Day of the Dead traditions coincide with All Saints Day and All Souls Day on Nov. 1 and 2. (AP Photo/Dieu Nalio Chery)

Ein Voodoo-Priester in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince (2014). Bild: Dieu Nalio Chery/AP/KEYSTONE

Wieder hat es Haiti getroffen – seit einem Pakt mit dem Teufel soll das Land verflucht sein



Wirbelsturm «Matthew» rast auf Florida zu, auf Haiti hat er bereits gewütet. Ganze Städte sind zerstört, mindestens 339 Menschen sind ums Leben gekommen.

Wieder einmal Haiti.

2010 die Apokalypse nach einem Erdbeben der Stärke 7.0, mindestens 100'000 Tote. 1994 Wirbelsturm Gordon mit mindestens 1000 Toten. Wirbelstürme und Erdbeben, die Liste der Naturkatastrophen, die Haiti über die Jahrhunderte heimgesucht hat, ist lang.

Dazu die Armut, Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Und die politische Instabilität. Das Erbe der blutigen Diktatur der Duvaliers. Die Umweltzerstörung, Haiti ist zu 98% entwaldet. Ideale Bedingungen, um Regen in Erdrutsche zu verwandeln.

Hurrikan «Matthew» wütet im Armenhaus von Amerika

Für die Naturkatastrophen hält die Wissenschaft plausible Erklärungen parat: Haiti befindet sich zwischen der Karibischen und der Nordamerikanischen Platte, einer seismisch hochaktiven Zone. Dasselbe gilt für tropische Wirbelstürme und das Karibische Meer.

Es kursiert aber auch eine ziemlich abenteuerliche Geschichte, warum das Land immer wieder heimgesucht wird: Haiti soll vor langer Zeit einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben und ist seither verflucht. 

Aber alles der Reihe nach.

Am 14. August 1791 soll ein Sklave namens Dutty Boukman in der französischen Kolonie Saint-Domingue (dem heutigen Haiti) einen Sklavenaufstand ausgerufen haben, der als Auftakt zur Haitianischen Revolution gilt. Er tat dies in Form einer Voodoo-Zeremonie, die auf den Naturreligionen der afrikanischen Vorfahren der Sklaven basiert. Hierbei soll er folgende Worte gesprochen haben:

«Der Gott, der die Sonne geschaffen hat, die uns Licht spendet, der die Wellen auftürmt und den Sturm beherrscht, auch wenn er in den Wolken verborgen ist, er schaut uns zu. Er sieht alles, was der weisse Mann tut. Der Gott des weissen Mannes stiftet uns zu Verbrechen an, während unser Gott will, dass wir Gutes tun. Unser Gott, der gut ist, befiehlt uns, Rache für das Unrecht zu nehmen, das wir erlitten haben. Er wird unsere Waffen lenken und uns beistehen. Werft das Symbol des Gottes der Weissen weg, der uns weinen liess, und hört auf die Stimme der Freiheit, die aus allen unseren Herzen spricht.» 

Dutty Boukman quelle: the black jacobins: toussaint l'ouverture and the san domingo revolution

Daraufhin riss sich Boukman das christliche Kreuz von seinem Hals, Symbol der Religion seiner Unterdrücker. Unter seiner Führung massakrierten aufständische Sklaven in den Tagen danach alle Weissen, egal ob Mann, Frau oder Kind, die ihnen über den Weg liefen. 1804 siegte die Revolution und erstmals gründeten Sklaven, die sich selbst befreit hatten, einen souveränen Staat.

Was hat all das mit dem Teufel zu tun? Für evangelikale Hardliner ist Voodoo nichts als Teufelsanbetung. Solche gibt es zum Beispiel in den USA in der Person von TV-Priester Pat Robertson, der das verheerende Erdbeben von 2010 tatsächlich als Strafe für den «Pakt mit dem Teufel» von 1791 bezeichnet.  

Image

Schlacht von San Domingo zwischen polnischen Truppen in französischen Diensten und haitianischen Rebellen (1805). bild: pd/January Suchodolski

Viel wichtiger in diesem Zusammenhang ist aber, dass auch Haitianer an dieses Märchen glauben. So sieht der Pfarrer Chavannes Jeune, der sich 2005 um die haitianische Präsidentschaft bewarb, sein Land in den «Fesseln des Teufels». Und zwar weil es bei seiner Befreiung von einem «Voodoo-Priester geweiht» worden war.

Obwohl Haiti von einer erstaunlichen Anzahl von Übeln befallen wird, ist es natürlich töricht anzunehmen, das habe etwas mit einer Voodoo-Zeremonie zu tun, die sich vor über 200 Jahren ereignete. Ebenso naiv – und kontraproduktiv – ist die Vorstellung, dass mit der Ausrottung des Voodoo-Glaubens im Land plötzlich das Paradies ausbrechen würde.

Viele Gründe für das Elend sind hausgemacht, darunter die Diktatur der Duvaliers, die sich schamlos aus der Staatskasse bedienten. Aber man könnte auch bis 1825 zurückgehen, als Frankreich als Gegenleistung für die diplomatische Anerkennung seiner ehemaligen Kolonie 90 Millionen Francs in Gold verlangte und bekam. Diese Entschädigungszahlungen belasteten die wirtschaftliche Entwicklung Haitis enorm.

Der fatalistische Glaube, das Leiden der Menschen auf Haiti sei selbstverschuldet, verstellt den Blick auf die wirklichen Gründe für die Misere ebenso wie auf deren Behebung. Einen Pakt mit dem Teufel hat es ebenso wenig gegeben wie einen Fluch.

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20Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • nib 08.10.2016 06:07
    Highlight Highlight Es gab zu diesem Thema einen ausführlichen Artikel in der NZZ vom 13.2.2016 - Krise in Haiti
    Sklaverei, Stolz und Magie

    ich hoffe es ist erlaubt zu zitieren:
    "Voodoo ist – ähnlich wie das Frühchristentum – eine Religion der Unterdrückten, der Rebellion. Aber zugleich hält sie die Gläubigen in ihrem Elend fest. Die Sklavenmentalität wirkt fort. In Haiti gehen viele davon aus, dass ein freier Mensch nicht arbeitet. Arbeit adelt nicht, sie ist eine Schande. Und: Der Fehler liegt grundsätzlich beim anderen. [...] Es gibt keine Verantwortlichen, nur Opfer."
    10 0 Melden
  • Rodolfo 07.10.2016 23:27
    Highlight Highlight Es wäre doch schön, wenn watson etwas bessere, ausführlichere und informativere Bildlegenden schreiben könnte. Zum Beispiel wüsste ich ganz gerne, wie das Bild 1 (von den 18 Bildern) entstanden ist. Regentropfen, die aber in die falsche Richtung (Palmen) fliegen? Oder was?
    3 2 Melden
  • rodolofo 07.10.2016 18:48
    Highlight Highlight Klar kann ein Sklavenaufstand für die SadoMaso-Missionare der Christlichen Kirche nur ein "Pakt mit dem Teufel" gewesen sein!
    Aus der Distanz wirken solche "Haitianischen Geschichten" für uns, die wir von Aufklärung und Wissenschaft stark geprägt worden sind, vielleicht abstrus und irgendwie lächerlich.
    Aber vergessen wir nicht, dass auch bei uns Agitatoren aktiv sind, die versuchen, uns Zusammenhänge zwischen Dingen und Vorgängen einzureden, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, um uns in eine bestimmte, von ihnen gewollte Richtung zu manipulieren...
    42 10 Melden
  • pamayer 07.10.2016 18:08
    Highlight Highlight Die Kolonialgeschichte der grossmächte und ihre politischen, wirtschaftlichen und nachhaltigen Folgen...

    ...die ex Kolonien hatten/haben es denkbar schwer. Entsprechend die abertausende Flüchtlinge.
    29 7 Melden
  • Justuss 07.10.2016 17:06
    Highlight Highlight «Matthew» aus der Luft.
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    46 0 Melden
    • Benji Spike Bodmer 07.10.2016 17:44
      Highlight Highlight Faszinierend...
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      21 1 Melden
    • Bolly 07.10.2016 19:37
      Highlight Highlight Sieht ja gruusslig aus. Halber Totenkopf. 😒
      7 1 Melden
    • lilie 08.10.2016 08:01
      Highlight Highlight @Jusstuss: Da bekommt das "Auge des Sturms" eine ganz neue Bedeutung... 😞
      2 0 Melden
  • lilie 07.10.2016 16:20
    Highlight Highlight Ein Kernchen Wahrheit steckt wie immer schon darin.

    Denn der Sklavenaufstand zog einige Probleme nach sich, die in ähnlicher Form auch in vielen afrikanischen Ländern bekannt sind: Die unterdrückten Völker verfügen nicht über die entsprechende Bildung und das Know-How, um einen Staat zu führen. Die Landverteilung führt zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der wiederum die Aasgeier auf den Plan ruft: Die weisse Oberschicht wird durch skrupellose Diktatoren aus den eigenen Reihen ersetzt.

    Selbständigkeit ist gut. Aber der Teufel (!) steckt eben wie immer in den Details.
    76 9 Melden
  • Karl Müller 07.10.2016 16:16
    Highlight Highlight Interessant fände ich die Frage, warum es die Dominikanische Republik offenbar weniger hart trifft. Die teilen sich ja eine Insel mit Haiti.
    57 1 Melden
    • Schlumpfinchen 07.10.2016 17:19
      Highlight Highlight Ich vermute mal, weil es der Dominikanischen Republik erstens besser geht, wirtschaftlich etc. und sie sich dadurch sicherere Häuser und vieles mehr leisten können. Zweitens hat man in Haiti die Umwelt fast komplett zerstört, wodurch es viel häufiger Katastrophen, wie Erdrutsche aufgrund des fehlenden Waldes, gibt.
      41 5 Melden
    • Einstein56 07.10.2016 18:05
      Highlight Highlight Kari, gratuliere. Du triffst den Nagel auf den Kopf. Ein Land, das an Woodoo glaubt, hat keine Chance.
      12 24 Melden
    • Ano Nym 07.10.2016 21:26
      Highlight Highlight Genau sowas hätte Einstein auch gesagt
      6 1 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Mülli 07.10.2016 16:03
    Highlight Highlight Das befreite, marktwirtschaftliche Haiti leidet und darbt, während es auf Kuba kaum Tote gibt...
    Freiheit nach amerikanischer Definition bezieht sich primär auf Konsum und darauf, dass die grosse Masse darbt, während eine kleine Elite absahnt. In solchen Momenten wird einem dies wieder mal vor Augen geführt.
    38 48 Melden
  • John Smith (2) 07.10.2016 15:49
    Highlight Highlight Da hat mich der Autor aber lange auf die Folter gespannt, bis er doch noch 1825 erwähnte. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Während 300 Jahren wurden Schwarze eingefangen, versklavt, auf Haiti verschleppt und mussten dort unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Und als sie sich dann endlich befreien konnten, bekamen sie nicht etwa eine Entschädigung, nein, sie mussten selbst noch ihre Peiniger entschädigen! Liberté, égalité, fraternité, aber natürlich nur für die reiche Bourgeoisie, die Unterschicht oder gar Schwarze waren damit nie gemeint.
    114 11 Melden
  • Maria B. 07.10.2016 15:37
    Highlight Highlight Schier unglaublich, was diesem bedauernswerten Land und dessen Bewohnern in den vergangenen Jahren alles zugestossen ist! Es gibt dort nicht wenige Menschen, die hinterfragen, ob sowas Vorsehung oder bloss Pech ist.

    Haiti war schon, als ich knapp nach dem Verschwinden von Baby Doc in Porte au Prince war, ein total verarmtes Land, welches auch durch seine weniger schönen Strände, als sie im Nachbarstaat Dominikanische Republik oder in Kuba vorhanden sind, nie den Anschluss an den int. Tourismus gefunden hat. Auch politisch war Haiti bis heute immer eine einzige Katastrophe unfähiger Präsidenten.
    52 2 Melden
    • Einstein56 07.10.2016 21:01
      Highlight Highlight Klar, der liebe Gott ist schuld. Er hat ihnen keine schönen Strände gegeben. Ist nur recht, dass sie alle nicht mehr an ihn sondern an Voodoo glauben.
      7 16 Melden

Aïssé – von der Sklavin zur Gesellschaftsdame

Ihre Geschichte klingt wie ein Märchen aus 1001 Nacht, ist jedoch real: Die aus der Kaukasusregion stammende Aïssé (1693/4–1733), als Kind auf dem Sklavenmarkt verkauft, wuchs in Pariser Adelskreisen auf. Sie faszinierte ihre Zeitzeugen, inspirierte Romanautoren und verewigte sich in ihren Briefen als Literatin der Aufklärung.

Haïdé, so ihr ursprünglicher Name, kam irgendwann in den Jahren 1693 oder 1694 im Nordwestkaukasus zur Welt, das genaue Geburtsdatum ist unbekannt. Das Mädchen stammte aus einer Region, die sich heute in etwa mit der russischen Republik Karatschai-Tscherkessien deckt. Gemäss Überlieferung soll sie die Tochter eines zirkassischen (tscherkessischen) Stammesfürsten gewesen sein. 

Nachdem Aïssés Vater im Krieg von den Türken besiegt und getötet wurde, landete die rund Fünfjährige auf …

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