International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Putin, der Weltmeister – einen Gewinner hat die WM schon 

Russland lässt sich seine Fussball-Festspiele Milliarden kosten, es wird die teuerste WM, die es je gab. Aus Sicht von Präsident Putin ist der Pomp nur logisch: Das Turnier zementiert seinen Anspruch auf eine Weltmachtstellung.

14.06.18, 10:17

Christina Hebel, Moskau



ZUM FIFA CONFED CUP 2017, DER VOM 17. JUNI BIS 2. JULI IN RUSSLAND STATTFINDET, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG – MEHR BILDER FINDEN SIE AUF UNSERER SUBSITE FUSSBALL WM 2018 RUSSLAND --- Russian President Vladimir Putin holds an official match ball for the FIFA Confederations Cup 2017 he received from FIFA President Gianni Infantino (not pictured) during their meeting in the Kremlin in Moscow, Russia, 25 November 2016.  Gianni Infantino is in Russia to take part in the draw of the FIFA Confederations Cup 2017 in Kazan on 26 November 2016.  EPA/ALEXEI DRUZHININ / SPUTNIK / KREMLIN POOL MANDATORY CREDIT

Bild: EPA SPUTNIK POOL

Ein Artikel von

Dass Wladimir Putin besonders gern Fussball spielt, ist nicht bekannt.

Es gibt nur wenige Bilder, die Russlands Präsidenten, der Judo, Eishockey und das Skifahren liebt, mit Ball zeigen. Doch mit Fifa-Chef Gianni Infantino kickte er im März für ein WM-Werbevideo im Kreml, zehn Sekunden lang, ohne dass das Spielgerät zu Boden fiel.

Wie lange die Aufnahmen für die Szene dauerten und wie viel geschnitten werden musste, ist nicht überliefert.

Was dagegen durchaus kein Geheimnis ist: Putin ist unzufrieden mit der sportlichen Bilanz der russischen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren. Nach mauen Freundschaftsspielen forderte der Präsident, das Team solle das Land bei der WM würdig vertreten und «möglichst lange im Wettbewerb bleiben». Am Donnerstagabend wird er sich im Luschniki-Stadion beim Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien persönlich vom Einsatz der Spieler, der Sbornaja, überzeugen.

Auch wenn das Team zuletzt vor allem enttäuscht hat - Putin hat schon jetzt mit dieser Fussball-WM gewonnen - und das in vielerlei Hinsicht.

Gigantisches Modernisierungsprogramm

Die WM ist sein Prestigeprojekt. Putin richtet eine Weltmeisterschaft aus, die als die bislang teuerste in die Fussballgeschichte eingehen wird: Umgerechnet rund 12.2 Milliarden Euro hat Russland laut der Wirtschaftszeitung «RBK» in die zwölf Stadien, in Strassen, Flughäfen, Hotels, Orientierungshilfen auf Englisch in den elf WM-Städten investiert, etwa 2.7 Milliarden Euro mehr, als offiziell angegeben wird.

epa06804668 People enjoy a day at the beach ahead the FIFA World Cup 2018 in Sochi, Russia, 13 June 2018. The Fisht stadium (background) in Sochi will host six FIFA World Cup 2018 matches, including one quarter final. The FIFA World Cup will take place in Russia from 14 June to 15 July 2018.  EPA/RONALD WITTEK

Bild: EPA/EPA

Es ist ein gigantisches Modernisierungsprogramm, das den Vorteil hat, dass die Fifa als WM-Organisator die Regeln vorgab, die auch Fristen und Standards für die Fertigstellung der Bauten beinhalteten. Was in Russland nicht unerheblich ist, wo Bauprojekte sich ins Unendliche ziehen können, allerdings den Preis hatte, dass Arbeiter, darunter auch viele Gastarbeiter aus Zentralasien, teils unter schwierigen Bedingungen und am Ende ohne Bezahlung schuften mussten (lesen Sie hier mehr über die Bedingungen beim Bau des Stadions in Sankt Petersburg, das am Ende fast eine Milliarde Euro kostete, und über die Arena in Samara).

Zudem versickerten nach Angaben der liberalen Oppositionspartei Jabloko mindestens 1.3 Milliarden Euro beim Bau der Stadien, mit denen kremlnahe Oligarchen wie Arkadij Rotenberg, Putins Vertrauter und Judo-Partner, beauftragt wurden.

Das passt nicht ganz zum Bild des modernen Russlands, das Putin der Welt präsentieren will, aber am Ende zählt eben das Ergebnis und die Botschaft: Russland kann international mithalten, auch und gerade im Hinblick auf Sportnationen wie die USA.

Identität und Stolz

«Für Putin gilt die Gleichung WM = Grossmacht», sagt Politikberater Gleb Pawlowski, «die UdSSR war eine Grossmacht dank des Sports. Putin glaubt an diesen Zusammenhang noch heute.» Pawlowski war zehn Jahre lang einer der einflussreichsten «Polit-Technologen» des Kreml, ein Spindoctor, bis er in Ungnade fiel. Heute ist der 67-Jährige ein Kritiker des Machtsystems.

epa06803869 FIFA president Gianni Infantino (L) poses with Russian President Vladimir Putin after Putin addressed the delegates of the 68th FIFA Congress in Moscow, Russia, 13 June 2018.  EPA/FELIPE TRUEBA

Die beiden kennt ihr, oder? Bild: EPA/EPA

Pawlowski sorgte 1999 mit dafür, dass Putin jung und stark erschien - und der Kontrast zu seinem todkranken und dem Alkohol verfallenen Vorgänger Boris Jelzin klar hervortrat. Was lag da näher, als Putin als aktiven Sportler zu präsentieren? Schliesslich hatte er mit elf Jahren begonnen, Judo zu trainieren, brachte es gar bis zum Stadtmeister von Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. «Putin war immer ein Sportler, der sich messen wollte», sagt Pawlowski. Der Präsident präsentiert sich auch heute noch so. Der 65-Jährige liess sich zuletzt vom Staatsfernsehen beim Eishockeyspielen und auf der Fischjagd in Szene setzen.

Sport ist ein wichtiger Bestandteil von Putins Politik. Er holte die olympischen Winterspiele 2014 nach Sotschi, deren Glanz angesichts des Dopingskandals allerdings international schnell verblasste. Er erreichte, dass Russland die Weltmeisterschaften im Biathlon 2011, in der Leichtathletik 2013, im Schwimmen 2015, den ersten russischen Formel-1-Grand-Prix in Sotschi 2016 veranstaltete und nun Gastgeber für die besten Fussballmannschaften der Welt ist.

Ereignisse wie die WM mit ihren emotionalen Bildern stiften Identität und Stolz, was wichtig ist in so einem grossen Land, das nach dem Zerfall der Sowjetunion immer noch seinen Weg sucht. Viele Russen vor allem in den WM-Städten freuen sich deshalb auf das Turnier, auf die Zusammenkunft Zehntausender Fussball-Fans.

Ablenken von Konflikten und Kriegen

Zugleich aber bietet das Fussball-Event Putin die Möglichkeit, sich als Staatsmann in Szene zu setzen - internationale Politiker haben sich angesagt. Aus Deutschland wird Innenminister Horst Seehofer anreisen. Wenn Frankreich es ins Viertelfinale schafft, kommt Präsident Emmanuel Macron.

Angesichts des Fussball-Trubels werden die Konflikte und Kriege Russlands weit weg erscheinen:

Hinzukommt die Lage der Menschenrechte in Russland, die sich laut Amnesty und Human Rights Watch unter Putin nach und nach verschlechtert hat. Im tschetschenischen Grosny, wo die ägyptische Nationalmannschaft ihr Quartier hat, sitzt Ojub Titijew, Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial, in Haft, angeblich wurden Drogen bei ihm gefunden. Im Mai nahm die Polizei bei Protesten gegen Putin Hunderte Demonstranten allein in Moskau fest, darunter den Oppositionellen Alexej Nawalny, der bis zur WM-Eröffnung in Haft sass.

epa06804713 People pose with the official mascot of the FIFA World Cup 2018, the wolf Zabivaka, in front of the Saint-Petersburg stadium in St.Petersburg, Russia, 13 June 2018. The Saint-Petersburg Stadium will host seven FIFA World Cup 2018 matches, including a semi final and the third place match. The FIFA World Cup will take place in Russia from 14 June to 15 July 2018.  EPA/GEORGI LICOVSKI

Bild: EPA/EPA

Die Fifa ist bei all dem ein angenehmer Partner für Russland, gibt man sich doch offiziell unpolitisch. Dieses «Prinzip Sport ohne Politik» hob Putin am Mittwoch auf dem Kongress des Verbandes in Moskau ausdrücklich hervor.

Die Allianz zwischen Russland und der Fifa hat aus Sicht Moskaus bisher gut funktioniert. Lange durfte Witalij Mutko trotz der umfangreicher Berichte über staatlich organisiertes Doping in Russland an der Seite von Fifa-Boss Infantino auftreten, sich sogar in dessen Beisein über eine angebliche Kampagne des Westens gegen Moskau auslassen. Inzwischen ist er nicht mehr Cheforganisator der WM, als Präsident des russischen Fussballverbandes pausiert Mutko, Mitglied der Regierung ist er weiterhin: Er verantwortet als Vizepremier das Gebiet Bauwesen.

So reiste die Schweizer Nati nach Russland

Video: srf

Bei einer Protestaktion in Moskau schlugen im Mai Kosaken mit Peitschen auf Demonstranten ein. Der Verband der Kosaken sollte auch bei der WM in der Hauptstadt für «Sicherheit» sorgen; die Fifa erklärte dazu, dass dies ein Bereich sei, der von den russischen Behörden verantwortet werde. In den WM-Städten herrscht während des Turniers ein Versammlungsverbot.

Untrennbar - Sport und Politik

Die WM sei ein Fest des Sportes, nicht der Politik, sagt Swetlana Schurowa, Duma-Abgeordnete der Regierungspartei Einiges Russland. «Der Sport darf durch Politiker nicht manipuliert werden.» Damit meint die 46-jährige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf auch die Boykottaufrufe aus dem Ausland, die sie als Propaganda des Westens gegen Russland bezeichnet. Vertreter der britischen königlichen Familie werden nach der Skripal-Attacke nicht nach Russland zur WM reisen, auch Politiker aus Island, Schweden und Dänemark verzichten auf die eigentlich obligatorischen Stippvisiten.

Immerhin würden die Fans nun weniger gestört, kommentiert Schurowa diese Ankündigungen: «Wenn weniger hochrangige Politiker anreisen, dann werden weniger Strassen für all die Premiers und Präsidenten gesperrt.»

In this Oct. 10, 2007 photo, St. Basil Cathedral is lit by the sun with a rainbow in the background on Red Square in Moscow. Moscow is the world's most expensive town for foreign business people, according to a list published by US consulting Mercer on Thursday July 24, 2008.   (AP Photo/Alexander Zemlianichenko)

Bild: AP

Schurowa ist eines der Beispiele dafür, wie stark Sport und Politik miteinander in Russland verwoben sind. Inzwischen sitzen rund 20 bekannte Sportler im Parlament. Es müssten viel mehr sein, bei 450 Abgeordneten, findet sie. Denn wer bitte sollte die Entwicklung des «gesunden Lebens» in der Duma präsentieren, wenn nicht Sportler? Schliesslich ginge es darum, die Nation voranzubringen.

Welches grosse Sportereignis Putin dafür nach der WM noch auf seiner Liste hat? Spindoctor Pawlowski lacht: «Eine gute Frage. Schach wird es mit Sicherheit nicht sein.»

Was Putin noch fehlt, sind Olympische Sommerspiele.

Mitarbeit: Katja Kuznetsova, Tatiana Sutkovaja

Fussball-WM 2018 in Russland

Du weisst noch nicht, wem du an der WM helfen sollst? Hier findest du DEIN Team!

präsentiert von

Wir haben alle WM-Spiele analysiert – eine Spielminute hat es besonders in sich

Weltmeister der Outfits: Nigeria ist jetzt schon das stylischste Team der WM 2018

Nicht schön, aber ruhig – so lebt es sich im Schweizer WM-Camp in Togliatti

So funktioniert der Videobeweis bei der WM-Premiere in Russland

Du willst im WM-Tippspiel gewinnen? Dann mach, was die Forscher dir raten

Nochmals 12 Prozent mehr – soviel Preisgeld verteilt die FIFA an der WM

Fasten your seat belt! So war der Flug der Nati ins WM-Quartier

Nur ein WM-Star pro Rückennummer und die Frage: Welchen wählst du aus?

Nehmt euch in acht, Fussballfans: Die Saison der Temporär-Fans hat wieder begonnen

Die schönsten und bemerkenswertesten Nationalhymnen der 32 WM-Teams

Diese Fussballer musst du im Auge haben – die Schlüsselspieler der 32 WM-Teilnehmer

Die 23 besten WM-Momente, die du schon wieder vergessen hast

«Extrem durch Social Media geprägt» – Hummels kritisiert «Generation Sané»

Fünf Volltreffer und eine «Kanterniederlage» – so daneben liegt Panini mit seinem WM-Album

Keine Ahnung von Fussball? Mit diesen 11 Floskeln wirkst auch du wie ein Profi

präsentiert von

FIFA-Schiriboss Busacca: «Mit dem Videobeweis wird der Fussball korrekter»

So hast du die besten WM-Momente aller Zeiten noch nie gesehen

Die offizielle WM-Hymne heisst «Live It Up»  – und ist ... hach, wir geben auf

Wären wir Nati-Trainer, so würden wir gegen Brasilien aufstellen – und du?

Alkohol, Party und Sex in DJ-Antoines Fan-Song: «Wir haben die Leitplanken breit gesetzt»

Die Schweiz hat einen neuen WM-Song – er ist das Gegenteil von DJ Antoines Olé-Olé-Lied

Flirt-Tipps für Russland, dann Shitstorm – Argentiniens Fussballverband entschuldigt sich

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

Abonniere unseren Daily Newsletter

8
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Dirk Leinher 16.06.2018 07:08
    Highlight Russland reduzierte soeben das Militärbudget um ca. 20%, das sind glaub etwa 10-12 Milliarden Dollar.
    Man stelle sich vor welchen Pomp sich erst die USA bei einer Reduktion des Militärbudgets im selben Umfang leisten könnte, das wären dann etwa 60 Milliarden Dollar.
    Sicher besser als ständig mehr fürs Militär auszugeben.
    2 0 Melden
  • Pitsch K. Matter 14.06.2018 17:39
    Highlight Die schönste Nachricht fand ich, dass nach Russland die meisten Tickets in die USA gingen. Schön das sich das Ami Volk nicht von der westlichen Probaganda beinflussen lässt und zum "Erzfeind" reist.
    10 0 Melden
  • Angelo C. 14.06.2018 14:44
    Highlight Russland konnte sich das super organisierte und teure Sotschi an der Winter-Olympiade, sowie auch diese grosszügig orchestrierte Fussball-WM als Weltmacht trotz den unergiebigen Sanktionen der EU ganz offensichtlich leisten, dies trotz des nörgelnden und neiderfüllten SPIEGEL-Kommentars.

    Vielleicht sollte man das Magazin an seinen früheren Artikel erinnern, wo es doch grösseren Anlass gab, vor der eigenen Türe zu kehren 😉 :

    http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-wm-2006-wurde-mutmasslich-gekauft-a-1057829.html
    44 9 Melden
  • Noblesse 14.06.2018 13:52
    Highlight Schade um den Sport und die Leute! Internationaler Sport und Politik (Menschenrechte!!!!!) ist nicht zu trennen, deshalb hätte Russland die WM entzogen werden müssen. Auf diese Weise wird das Verhalten Putins unterstützt. Das Getue der FIFA geht mir auf den Sa....k!
    14 47 Melden
    • PatsNation 14.06.2018 14:23
      Highlight und dann Katar?
      24 1 Melden
    • Dirk Leinher 16.06.2018 09:50
      Highlight Sport und Politik sollte anders als Sie hier herumposaunen strikt getrennt bleiben. Sport ist eine völkerverbindende Angelegenheit wie Kunst zum Beispiel auch.
      Wenn man ein besseres gegenseitiges Verstehen zum Ziel hat, dann trennt man Politik und Sport.
      0 0 Melden
  • me myself 14.06.2018 12:18
    Highlight Naja, ob das Geld auch je wieder reinkommt und die normale Bevökerung dadruch einen höheren Lebensstandard erhält wird wohl kaum der Fall sein. Ausserdem hat Russland eine kleinere Volkswirtschaft als das viel kleinere Italien - von daher nix mit Weltmacht. Einzig die Nuklearen Waffen geben Russland eine art "Weltmacht" position. Dennoch, auf eine friedliche und fröhliche WM!
    16 34 Melden
  • Raphael Stein 14.06.2018 10:59
    Highlight Im Westen wie im Osten immer das selbe.
    43 5 Melden

Erwischt? Russlands WM-Held Tscheryschew im Doping-Sumpf

Der vierfache WM-Torschütze Russlands, Denis Tscheryschew, ist ins Visier der spanischen Anti-Doping-Jäger geraten. Wie die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) gegenüber russischer Medien bestätigte, ist der 27-Jährige in Spanien auf verbotene Substanzen getestet worden.

Das Ergebnis der Tests liegt bislang nicht vor, Tscheryschew beteuert indes, nichts Verbotenes getan zu haben. Unterstützung erhält der leihweise in Valencia spielende Angreifer vom russischen Sportminister Pawel Kolobkow. «Ich …

Artikel lesen